8-10 Millionen auf der Strasse – Amerika sagt: Kein König

VonRainer Hofmann

März 29, 2026

Donald Trump verbrachte den 28. März in Florida. Währenddessen zogen in mehr als 3.300 Städten und Gemeinden seines Landes Millionen Menschen durch die Strassen. Von Alaska bis Florida, von New York bis zu einem Dorf in Idaho mit unter 2.000 Einwohnern, von San Diego bis zu einem Parkplatz in Oshkosh, Wisconsin, wo Menschen bei minus zehn Grad mit Handschuhen und Wollmützen standen und Schilder hochhielten, auf denen stand, was sie von ihrem Präsidenten halten.

Los Angeles

Es war der dritte No-Kings-Protesttag. Und nach allem was man sehen konnte – der grösste.

Organisierende sprachen von mindestens 8 Millionen Teilnehmern, wahrscheinlich aber noch viel mehr. Im Juni waren es mehrere Millionen gewesen, im Oktober sieben Millionen. Die Zahlen wachsen, der Grund dafür auch. Man muss sich vorstellen, wie dieser Tag aussah, um zu verstehen, was er bedeutet.

In Reading, Pennsylvania, standen Jennifer und Jackie Arteaga an einer belebten Kreuzung. Cousinen, mexikanischer Herkunft, beide aufgewachsen in diesem Land. Jennifer war 25, hatte ihren dreijährigen Sohn mitgebracht. „Es fühlt sich an, als wäre unser Land ein Witz“, sagte sie. „Es ist seine Zukunft, über die wir reden.“ Jackie, 20, wohnt zwanzig Minuten von dem geplanten ICE-Lager entfernt, das in Reading in einem leerstehenden Lagerhaus entstehen soll – 1.500 Betten, mitten in ihrer Stadt. „Es macht mir Angst zu wissen, dass ich sie vielleicht beim Supermarkt um die Ecke sehen werde“, sagte sie. „Was soll ich dann tun?“

In Lander, Wyoming, stellte Phyllis Roseberry eine umgekehrte amerikanische Flagge auf. Ein Mann hielt an, rief ihr etwas Unanständiges entgegen und fuhr weiter. Sie liess es an sich abtropfen. „Ich bin hier, weil ich mein Land liebe“, sagte sie. In West Bloomfield, Michigan, protestierten Menschen bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. In Topeka, Kansas, stand jemand verkleidet als Froschkönig vor dem Staatskapitol. In Oxford, Mississippi – eine Autostunde von Elvis Presleys Geburtsort entfernt – kam Mitch Campbell, 72 Jahre alt, mit einem Schild: „Kein König ausser Elvis.“ Er sagte: „Wie können die Menschen das ignorieren? Sie trampeln auf der Verfassung herum. Ob es das Benzin ist, die Zölle, die Lebenshaltungskosten – wir schauen einfach nicht hin.“

In Washington zogen Hunderte am Lincoln Memorial vorbei auf die National Mall. Schilder: „Leg die Krone ab, Clown.“ „Regimewechsel beginnt zu Hause.“ Trommeln, Glocken, Sprechchöre. Bill Jarcho aus Seattle kam mit sechs Menschen, die als Insekten verkleidet Taktikwesten trugen mit der Aufschrift „LICE“ – eine direkte Anspielung auf ICE, Trumps Einwanderungsbehörde. „Wir bieten Spott für den König“, sagte Jarcho. „Autoritarismus lächerlich zu machen – das hassen sie.“

Donna Lieberman, Geschäftsführerin der New York Civil Liberties Union, sagte bei einer Pressekonferenz in New York: „Sie wollen, dass wir Angst haben. Sie wollen, dass wir glauben, es gibt nichts, was wir tun können, um sie aufzuhalten. Aber sie liegen falsch.“

In San Diego zählte die Polizei 40.000 Menschen allein im Stadtzentrum. Strassen wurden gesperrt – der Pacific Highway, der North Harbor Drive, die Ash Street, der Broadway – alle zeitweise geschlossen, alle wieder geöffnet, während die Menge durch die Stadt zog. Organisierende hatten mehr als ein Dutzend Veranstaltungen im ganzen Bezirk geplant, von der South Bay bis nach North County.

In Los Angeles war der Tag der einzige der grossen Städte, der eskalierte. Vor dem Metropolitan Detention Center im Stadtzentrum setzten Bundesbehörden Tränengas ein, nachdem Demonstranten Betonblöcke und Flaschen warfen. Die Polizei verhaftete mehrere Personen. Es blieb der einzige Moment an einem ansonsten friedlichen Tag.

In Atlanta sagte der 36-jährige Veteran Marc McCaughey, der dem Veteranenverband Common Defense angehört: „Kein Land kann ohne die Zustimmung des Volkes regieren. Wir sind hier, weil wir glauben, dass die Verfassung auf vielen Ebenen bedroht ist.“ Naveed Shah von Common Defense sagte: „Seit dem letzten Mal, als wir marschiert sind, hat diese Regierung uns tiefer in den Krieg hineingezogen. Zu Hause haben wir gesehen, wie Bürger auf den Strassen von militarisierten Kräften getötet wurden. Familien wurden auseinandergerissen.“

Washington D.C.

Der Mittelpunkt des Tages lag in Minnesota – und das war kein Zufall.

In Minneapolis hatte Trump im Januar eine Welle von ICE-Einsätzen angeordnet. Zwei amerikanische Staatsbürger wurden dabei von Bundesbeamten erschossen. Renee Good, Mutter von drei Kindern. Alex Pretti, Krankenpfleger beim Veteranenamt, in den Rücken geschossen und auf der Strasse liegen gelassen, ohne dass die Regierung je eine Untersuchung einleitete. Minnesota hatte dagegen gekämpft, laut und anhaltend, bis der Grenzzar erklärte, die Razzia sei beendet.

Deshalb designierten die Organisatoren St. Paul, die Hauptstadt Minnesotas, als nationales Flaggschiff der dritten No-Kings-Proteste. Und deshalb stand Bruce Springsteen auf der Bühne vor dem Kapitol.

Er sang „Streets of Minneapolis“ – einen Song, den er in 24 Stunden geschrieben hatte, nachdem er von Renee Good und Alex Pretti gehört hatte. Es war sein dritter Auftritt mit diesem Lied, nach einem Benefizkonzert in Minneapolis im Januar und einer Veranstaltung in New York wenige Tage zuvor. Springsteens Land of Hope and Dreams Tour beginnt am Dienstag – in Minneapolis. Enden soll sie in Washington.

„Diese reaktionäre Herrschaft und diese Invasionen amerikanischer Städte werden keinen Bestand haben“, sagte er. „Eure Stärke hat dem ganzen Land Mut gemacht. Ihr habt uns Hoffnung gegeben.“

Bevor Springsteen die Bühne betrat, spielten die Organisatoren ein Video von Robert De Niro, der sagte, er wache jeden Morgen deprimiert auf wegen Trump – an diesem Samstag jedoch nicht. Er gratulierte den Menschen in Minnesota.

Bernie Sanders sprach. Joan Baez war da. Jane Fonda. Randi Weingarten, Präsidentin der American Federation of Teachers, rief in die Menge: „Donald Trump mag so tun als ob er nicht zuhört – aber er kann die Millionen auf den Strassen nicht ignorieren.“ Am Kapitol hielten Demonstranten ein riesiges Transparent hoch: „Wir hatten Pfeifen, sie hatten Waffen. Die Revolution beginnt in Minneapolis.“

Die Proteste griffen über die Grenzen der USA hinaus. In Rom marschierten Tausende, auch gegen die israelischen und amerikanischen Angriffe auf Iran. In London hielten Demonstranten Banner mit der Aufschrift „Stoppt die extreme Rechte.“ In Paris versammelten sich Hunderte an der Bastille – vor allem Amerikaner, die in Frankreich leben, gemeinsam mit französischen Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen. Ada Shen, eine der Organisatorinnen, sagte: „Ich protestiere gegen alle illegalen, unverantwortlichen und endlosen Kriege Trumps.“

Philadelphia

Trumps Zustimmungswert liegt laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom 20. bis 23. März bei 36 Prozent – der niedrigste Stand seit seiner Rückkehr ins Amt. Nur 35 Prozent der Amerikaner befürworten die Angriffe auf Iran, nach 37 Prozent in der Vorwoche. 25 Prozent sind zufrieden mit Trumps Umgang mit den Lebenshaltungskosten. Das Weisse Haus liess Sprecherin Abigail Jackson ausrichten, die Proteste seien das Produkt „linker Finanzierungsnetzwerke“ ohne echten Rückhalt in der Bevölkerung. Die einzigen Menschen, die sich für diese „Trump-Derangement-Therapiesitzungen“ interessierten, seien die Journalisten, die dafür bezahlt würden, darüber zu berichten. Der republikanische Kongressausschuss NRCC nannte die Veranstaltungen „Hass-Amerika-Kundgebungen.“

Washington D.C. – Arlington Memorial Bridge.

Dana R. Fisher, Professorin an der American University, die Bürgerengagement erforscht, sagt, kollektive Erschütterung und das Erreichen einer bestimmten Teilnehmerzahl reichten allein nicht aus. In ihren Umfragen fand sie heraus, dass die Teilnehmenden der No-Kings-Proteste überwiegend weiblich, akademisch gebildet, mittleren Alters und zu fast 90 Prozent weiss sind. Mehr als zwei Drittel gaben an, im vergangenen Jahr an einem politischen Boykott teilgenommen zu haben. „Was wir wirklich brauchen, ist die Arbeit der Demokratieverteidigung in unseren Gemeinden“, sagte Fisher. „Es geht nicht um aufblasbare Kostüme.“

Chicago

Donna Bailey aus Reading, Pennsylvania, war zum dritten Mal bei einem No-Kings-Protest dabei. Sie sagte, sie komme wegen ihrer Enkelkinder. „Und aus Angst, die Demokratie zu verlieren, rückwärts zu gehen. Aus Angst, dass meine Enkelkinder sich das Leben nicht mehr leisten können. Es wird einfach schlimmer. Irgendwann muss es aufhören oder einen Wendepunkt erreichen. Aber jedes Mal, wenn man denkt, wir haben den Tiefpunkt erreicht, stimmt das nicht.“

Atlanta

In Chicago, Minneapolis, Boston und Philadelphia waren die Strassen an diesem Samstag überflutet. Allein diese vier Städte brachten es zusammen auf 400.000 bis 500.000 Menschen. Die Proteste werden grösser – langsam, aber stetig, Runde für Runde.

Boston

In den USA gibt es viele Formen des Widerstandes. Dieser hier ist eine davon – laut, sichtbar, und in ihrer Beharrlichkeit vielleicht die ehrlichste. Der Weg ist noch weit, und man weiss nicht, ob er reicht. Aber man weiss, dass er entscheidend ist. Denn was hier kippt oder hält, kippt oder hält nicht nur für Amerika. Ein rechtspopulistisches Regime, das in Washington ungebremst bleibt, überträgt sich – das ist keine Theorie mehr, das ist Geschichte, die sich gerade schreibt. Europa spürt davon erst einen Bruchteil. Was kommt, wenn dieser Widerstand hier versagt, wird Europa mit einer Wucht treffen, auf die es sich nicht vorbereitet hat.

Boulder, Colorado

Im November sind Zwischenwahlen. Die Republikaner riskieren, beide Kammern des Kongresses zu verlieren. Ob mehr als 8 Millionen Menschen an einem Samstag im März dazu etwas beitragen – das weiss niemand mit Sicherheit.

Aber dass mehr als 8 Millionen Menschen aufgestanden sind, das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Auch nicht aus Florida.

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Anja
Anja
13 Tage vor

Wir hoffen mit den Amerikanern, dass sich etwas ändert. Allein, ich glaube nicht wirklich daran. Wahrscheinlich wird die Regierung jetzt ein paar Gänge zurückschalten, um die Massen zu beruhigen und die Midterms doch noch zu gewinnen (oder zu manipulieren). Die Agenda werden sie nicht aufgeben.

Patricia
Patricia
12 Tage vor

Wirklich beeindruckend, aber ich hatte auf viel mehr gehofft. Die USA haben etwa 350.000.000 Einwohner…. Solange kein erfolgreiches Impeachment-Verfahren stattfindet gibt es keine Hoffnung auf Veränderung. Es sei denn, auf weitere Verschlimmerung, noch mehr Korruption, Wahlbetrug…. Der Fehler liegt im System eines aus dem Ruder laufenden Spätkapitalismus. Insofern ist der Feudalismus schon längst installiert. Supermilliardäre, Milliardäre, Millionäre statt König, Fürsten, Herzoge und Barone. Es sind nur des Kaisers neue Kleider.

Das amerikannische Zweiparteien-System mit quasi genetisch fixierter ideologischer blauer oder roter „Familienzugehörigkeit“, das nur sehr reichen Kandidaten und/oder potenziell käuflichen Bewerbern eine Präsidentschaftskandidatur ermöglicht, das zudem nur über Wahlmänner regionale Ergebnisse weitergibt, lässt keine große Veränderung erwarten.

Zehn Millionen – ein Zeichen und wirklich großartig. Es zeigt der Welt, dass nicht alle Amerikaner hinter dieser Regierung stehen. Nach innen wird das kaum etwas verändern. Ein DT wird die Schultern zucken, alle Protestanten lapidar als linke Terroristen beschimpfen, es ansonsten weitgehend ignorieren, ein albernes öffentliches Tänzchen aufführen und sich suhlen in der Aufmerksamkeit, die er weltweit bekommt. Dann geht er golfen und danach denkt er sich aus, wann er Bomben auf Cuba oder Grönland oder wenauchimmer wirft. Und niemand gebietet ihm ernsthaft Einhalt. Dabei hat er so viele Verbrechen begangen, das reicht für 50 Leben.

Gegen einen (Größen)Wahnsinnigen helfen keine Proteste. Es gibt genügend Profiteure. Kraft der Medienmultis an seiner Seite kann er seine Jünger endlos mit Fake News beliefern. Gefördert vom löchrigen Bildungssystem. Aus seiner Perspektive ist er auf jeden Fall mega erfolgreich, weil sein Narzissmus überall bedient wird. Nach dem Motto: Any promotion is good promotion. Es ist, als würde man Lunte legen an eine Ladung Dynamit. Hat er nicht gesagt: „Ich kann machen, was ich will“?. Offenbar ist es so. Es mangelt einfach an echter Gegenwehr.

Der einzige, der mit ihm richtig umgeht, scheint mir Kanadas Mark Carney zu sein und diejenigen, die es ihm gleichtun. Er zetert nicht, er beschwichtigt nicht, er trommelt nicht, er droht nicht, er handelt ohne Getöse. Bravo. Die Demokraten sollten sich Psychologen und Psychiater als Ratgeber suchen, die wissen, wie man mit bösartigen Psychopathen fertig wird. Mit demokratischen Mitteln ist ihnen leider nur schwer beizukommen, fürchte ich.Allerdings: Kapitulation ist keine Option. Vielleicht gibt es ja doch eine amerikanische Revolution.

Ein weiteres großes DANKE für Eure engagierte Arbeit. Einer der Lichtblicke in dunklen Zeiten

Zuletzt bearbeitet am 12 Tage vor von Patricia
Patricia
Patricia
12 Tage vor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Ich hoffe sehr, dass ich zu pessimistisch bin und nichts würde mich mehr freuen, als dass ich mich zutiefst irre. 🙏

Ela Gatto
12 Tage vor

Sehr beeindruckend, dass selbst in roten Staaten die Menschen auf die Strasse gegangen sind!

Denn gerade in Kleinstädten, in roten Staaten, setzt man sich großen Repressalien aus, wenn man gegen Trump demonstriert.
Aber sie machen es trotzdem! Das sind die ganz Mutigen in diesem Kampf.

Traurig, was die eine Professorin sagt. Dass es nicht um aufblasbare Kostüme geht.
Nein, aber es geht um eine gewisse Leichtigkeit, ein bisschen mehr Lächeln.
Das braucht es um friedlich standhaft zu bleiben.

Die Slogan auf den Schildern waren oft richtig phantasievoll und satirisch-witzig.
Aber eben nicht so, dass es lächerlich wirkte.

Menschenketten kreirten aus sich Slogans, die within von oben sichtbar waren.
Wie in San Francisco am Strand.

Ein dices Lob an Bruce Springsteen!
Im Gefensatz zu so ziemlich allen Musikern bezieht er laut Stellung.
Wo sind Taylor Swift? Lady Gaga etc?
Haben die Alle Angst, dass Ihnen etwas von ihren Einnahmen weg bricht?
Anders kann ich mir das Schweigen nicht erklären.

Das gleiche gilt für die meisten Schauspieler.
Robert de Niro, George Clooney, Tom Hanks, Jane Fonda sind die wenigen Ausnahmen.

Aber mir fehlen auch die demokratischen Abgeordneten.
Von Stadtparlament bis Sitz in Washington.
Die Bürger stehen auf, aber sie geben eventuell ein kurzes Videostatement ab.
Sehr feige.

Da lob ich mir Bernie Sanders. Er ist unermüdlich.

Es war ein großartiger Tag.
Wenn es auch nur rund 1% der US-Amerikaner waren, die auf die Strasse gegangen sind.
Warum sich so wenig People of Color, Indigenous den Protesten anschließen, erschließt sich mur nicht.

Trump betreibt massives White-washing der Geschichte.
Schutzrechte werden zurück gefahren.
Indigenous stehen erneut vor der weißen Mauer und werden wieder um Land und Rechte kämpfen müssen.
Es ist ein Irrtum, dass sie in den Reservaten „sicher“ sind.

Zuletzt bearbeitet am 12 Tage vor von Ela Gatto
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