60 Millionen – Lena Kotré erklärt, wer verschwinden soll – und man fürchtet die Antwort, weil sie so still ist

VonRainer Hofmann

Januar 24, 2026

Lena Kotré stellte sich am Donnerstag neben Martin Sellner und rechnete Deutschland klein. Rhetorisch mehr als bedenklich, unqualifiziert provokativ. 82 Millionen Menschen seien zu viel, sagte sie. 60 Millionen würden reichen. Mehr brauche dieses Land nicht. Es war ein rechts Gedankespiel, keine Ungenauigkeit. Es war eine bewusste Festlegung. Und sie wusste genau, was sie tat.mDenn im gleichen Atemzug sprach sie von rund 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die Rechnung ergibt sich von selbst. Wer von 82 auf 60 Millionen herunter will und gleichzeitig eine klar definierte Gruppe nennt, markiert ein Ziel. Gemeint sind nicht nur Zugewanderte. Gemeint sind Menschen mit deutschem Pass. Menschen, die hier geboren wurden. Menschen, die dieses Land tragen. Kotré sprach nicht über Migration. Sie sprach über Ausschluss. Und dieser Ausschluss richtet sich ausdrücklich auch gegen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

Dass sie diese Aussagen auf einem sogenannten Remigrationsevent machte, gemeinsam mit Martin Sellner, ist kein Zufall. Sellner steht seit Jahren für genau diese Ideologie. Bevölkerungen werden nicht als Gesellschaft verstanden, sondern als veränderbare Größe. Wer nicht passt, soll gehen. Dass Kotré diese Logik übernimmt und öffentlich vertritt, zeigt, wie offen sich die AfD inzwischen an rechtsextremen Konzepten orientiert. Besonders perfide ist die wirtschaftliche Begründung, die Kotré nachschiebt. Künstliche Systeme würden Arbeitsplätze überrollen, sagt sie sinngemäß. Daraus leitet sie Überflüssigkeit ab. Menschen werden zu Zahlen. Dass technischer Wandel immer neue Arbeit geschaffen hat, interessiert sie nicht. Dass Pflege, Bau, Transport, Gesundheit, Erziehung schon heute ohne Millionen Beschäftigte mit Migrationsgeschichte zusammenbrechen würden, blendet sie aus. Diese Rechnung ist nicht naiv, sie ist der bewusste rechte Gedankengang, um die eigenen Wähler zu belügen..

Kotré spricht nicht über Qualifikation, nicht über Weiterbildung, nicht über gesellschaftliche Verantwortung. Sie spricht über Reduktion. Über Weglassen. Über ein Land, das man ausdünnt, bis nur noch die vermeintlich Richtigen übrig bleiben. Wer so denkt, verabschiedet sich von der sozialen und demokratischen Realität dieses Landes. Und hier gibt es nichts mehr zu relativieren. Wer öffentlich fordert, dass Deutschland Millionen Menschen nicht mehr braucht, wer diese Forderung mit ethnischen Kategorien verknüpft, wer sich dabei neben einen bekannten rechtsextremen Ideologen stellt, der überschreitet eine Grenze. Das ist kein konservativer Diskurs. Das ist eine politische Kampfansage an den Rechtsstaat und deren Bürger.

Als Martin Sellner auf die schlichte Frage angesprochen wurde, wie hoch der tatsächliche Ausländeranteil in Brandenburg sei, blieb er die Antwort schuldig. Nicht aus Unwissen. Denn es geht ihm nicht um Zahlen, nicht um Wirklichkeit, nicht um überprüfbare Fakten. Es geht um Stimmung. Um die Erzeugung von Angst. Um die gezielte Verschiebung von Wahrnehmung. Wahrheit stört dabei nur. Hass funktioniert besser ohne sie.

In Vetschau standen sie nebeneinander, als wäre es das Normalste der Welt. Martin Sellner sprach. Lena Kotré saß daneben. Lars Günther war da. Maximilian Merkel nutzte den Raum, um für die Identitäre Bewegung zu werben. Nichts daran war hektisch, nichts zufällig. Es wirkte geordnet, fast sachlich. Genau das macht es so gefährlich. Was sich dort zeigte, war keine Radikalität im Ausbruch, sondern Radikalität im Zustand. Menschen, die glauben, sie hätten die Wirklichkeit verstanden, obwohl sie ihr längst den Rücken gekehrt haben. Es ging nicht um Zahlen, nicht um Brandenburg, nicht um Wahrheit. Es ging um ein Gefühl, das man pflegt, weil es Halt gibt: das Gefühl, betrogen worden zu sein. Wer dieses Gefühl braucht, stellt keine Fragen mehr.

Besonders schwer ist zu begreifen, dass dieser Glaube ausgerechnet dort so stark verfängt, wo Geschichte nicht abstrakt ist, sondern erlebt wurde. Wo man wusste, was es heißt, wenn Sprache kontrolliert, wenn Zugehörigkeit bewertet, wenn Abweichung markiert wird. Und doch scheint genau diese Erfahrung nicht zu warnen, sondern zu verführen. Als hätte man das Ertragene nicht als Warnung verstanden, sondern als Vorlage. Das ist kein politisches Scheitern, es ist ein moralisches. Ein leises, beinahe unscheinbares. Ein Versagen darin, Erinnerung ernst zu nehmen. Und es ist beschämend für all jene, die für Freiheit auf die Straße gegangen sind. Nicht mit großen Worten, nicht mit aufgesetzter Erregung, sondern mit bloßer Anwesenheit. Man fragt sich unweigerlich: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und man fürchtet die Antwort, weil sie so still ist.

Lena Kotré weiß, was sie sagt. Und wer so spricht, muss damit leben, als rechtsextrem bezeichnet zu werden, weil es die einzig zutreffende Beschreibung ist. Was Lena Kotré und Martin Sellner auf der Bühne vorgerechnet haben, bekommt jetzt eine konkrete politische Form. Die AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag will aus Worten Praxis machen. Nach ihrer Klausurtagung in Oberbayern fordert sie offen eine Abschiebe-Sonderpolizei nach dem Vorbild der amerikanischen ICE. Eine eigene Einheit, deren einziger Zweck das Aufgreifen, Festhalten und Abschieben von Menschen ist, ein erklärtes Ziel.

Vorgetragen wurde das von Katrin Ebner-Steiner, der Vorsitzenden der AfD-Landtagsfraktion. Der Name der geplanten Einheit klingt technokratisch, fast harmlos: Asyl-, Fahndungs- und Abschiebegruppe. Die Logik dahinter ist es nicht. Wer schneller abschieben will, braucht mehr Zwang, mehr Zugriff, mehr permanente Kontrolle. Genau das ist gemeint. Orientierungspunkt ist die US-Behörde ICE, aufgebaut unter republikanischen Regierungen, brutal ausgeweitet unter Donald Trump. ICE steht nicht für Verwaltung. ICE steht für nächtliche Razzien, für Festnahmen vor Schulen, für das Aufgreifen von Menschen bei Gerichtsterminen, für Tote, Verletzte, traumatisierte Familien. Für Angst als Mittel der Politik. Dass die AfD dieses Modell explizit importieren will, sagt alles über ihr Staatsverständnis. Abschiebung ist für sie kein Verwaltungsakt, sondern ein Machtdemonstrationsprojekt.

Begleitet wird das von einem radikalen Umbau des Staates. Drei Ministerien sollen abgeschafft werden: Umwelt, Wissenschaft, Digitalisierung. Klimaschutzbehörden sollen ersatzlos gestrichen werden. Tausende Stellen weg. Beratung weg. Kontrolle weg. Gleichzeitig soll eine neue Polizei aufgebaut werden, mit Flugzeugen, Sonderbefugnissen und Ausgangssperren für Asylbewerber. Brot, Bett, Seife. Mehr nicht. Wer das als Sicherheit verkauft, meint Unterwerfung. Besonders deutlich wird der Bruch mit dem Rechtsstaat bei der Staatsbürgerschaft. Ein deutscher Pass soll laut AfD nur noch etwas für wirtschaftlich Verwertbare sein. Niedriglohn reicht nicht. Pflege, Reinigung, Logistik zählen nicht. Nützlichkeit ersetzt Gleichheit. Nach AfD-Rechnung würden von zehntausenden Einbürgerungen nur noch ein paar hundert übrig bleiben. Staatsangehörigkeit wird zum Privileg, nicht mehr zum Recht nach klaren Regeln.

Auch Kinder geraten ins Visier. Pflicht-Sprachtests für alle. Wer nicht besteht, wird aussortiert. Förderklassen ohne zeitliche Grenze. Kein Religionsunterricht mehr. Kontrolle von Anfang an. Integration wird nicht gefördert, sondern verzögert und bestraft, bis sie scheitert. Genau dieses Scheitern dient dann als Beweis für die eigene Ideologie.

Wir wissen, wovon wir sprechen. Wir haben ICE gesehen. Wir haben dokumentiert, was passiert, wenn Abschiebung von 75% unschuldigen Menschen zur zentralen Staatsaufgabe wird. Wenn Behörden nicht mehr abwägen, sondern jagen. Wenn Menschen verschwinden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Wenn selbst Staatsbürger nicht mehr sicher sind, weil Papiere, Hautfarbe oder Akzent genügen. Was in Deutschland noch als Theorie diskutiert wird, ist in den USA längst Realität. Und sie ist brutal.

Deutschland ist kein großes Land. Deutschland ist klein, dicht, vollständig erfassbar. Ein System wie ICE hätte hier andere, schnellere, tiefere Folgen. Mehr Kontrolle. Mehr Angst. Mehr Willkür. Wer glaubt, das betreffe nur wenige, irrt. Solche Systeme wachsen. Sie brauchen Ziele. Und sie finden sie. Was sich hier formiert, ist kein einzelner Vorschlag, sondern ein Gesamtbild. Bevölkerung reduzieren. Staatsapparate abbauen, außer dort, wo Zwang ausgeübt wird. Staatsbürgerschaft selektieren. Abschiebung militarisieren. Wer das zusammendenkt, erkennt die Richtung.

Es braucht jetzt Mut. Und es braucht Unterstützung. Für Journalismus, der hinschaut. Für Dokumentation, die sich nicht einschüchtern lässt. Für Menschen, die verstehen, dass das hier kein Randthema ist. Wir sprechen nicht aus Vermutung. Wir sprechen aus Erfahrung. Wir haben dem bereits in die Augen gesehen.

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Wilfried Ehrmann
2 Stunden zuvor

Es ist unglaublich, wie eine hasserfüllte Figur wie Martin Sellner, der so weit rechts steht, dass ihn vor einiger Zeit niemand mehr ernst nehmen konnte, jetzt auf der großen Bühne einer Bundestagspartei steht und seine paranoiden Thesen vertreten darf.

Thomas Mertens
Thomas Mertens
26 Minuten zuvor

Man könnte jetzt ganz böse und plakativ folgendes feststellen: die alte BRD hatte rund 60 Mio Einwohner, 1989/90 kamen rund 17 Mio dazu, seitdem nochmal 5 Mio. Der xenophobe, rechtsradikale Bodensatz hat sich seit 1988 mehr als verdoppelt. Wenn man das in Relation setzt, muss man Frau Kotré fast Recht geben und feststellen, dass die rund 15 Mio AfD-Wähler überflüssig sind😉

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