Am Samstagabend schickte Haley Stevens noch die Adresse einer Kirche in Detroit an ihren alten Freund Jim Blanchard. Am Sonntag wollte die demokratische Kongressabgeordnete dort gemeinsam mit Abdul El-Sayed auftreten, dem Mann, der sie im August bei der Vorwahl für den amerikanischen Senat geschlagen hatte. James Clyburn, einer der einflussreichsten schwarzen Abgeordneten des Landes, sollte den Gottesdienst begleiten. Die Partei wollte ihren Streit beenden, zwei Tage vor der Wahl. Stunden später saß Stevens in einer anderen Kirche. Neben ihr Mike Rogers, Republikaner und Gegenkandidat El-Sayeds. Sie umarmte ihn, lächelte für die Kameras und empfahl den Wählern, ihn in den Senat zu schicken.
Der republikanische Senatskandidat Mike Rogers bei einem gemeinsamen Auftritt mit der demokratischen Kongressabgeordneten Haley Stevens in einer Kirche in Detroit, Michigan.
Noch am Freitag hatte Stevens Blanchard beim Abendessen versichert, sie wolle ihre Unterstützung für El-Sayed schriftlich bekräftigen. Am Samstag bestätigte sie die Verabredung. Sogar am frühen Sonntagmorgen erhielt der ehemalige Gouverneur eine entsprechende Nachricht. Blanchard kennt Stevens seit Jahren. Die Frau, die er am Freitag getroffen habe, erkenne er in dieser Entscheidung nicht wieder. Auch Jamie Raskin hatte am Samstagabend 25 Minuten mit ihr gesprochen. Sie habe versichert, gemeinsam mit den Demokraten den Wahlabend zu verbringen. Chuck Schumer, Gretchen Whitmer und Debbie Dingell hatten ebenfalls Zusicherungen erhalten. Auf solche Versprechen baut eine Partei ihren letzten Wahlkampftag. Stevens entschied sich für den Gottesdienst beim politischen Gegner.

Der Streit reicht in den Vorwahlkampf zurück. El-Sayed vertritt einen deutlich linken Kurs, Stevens gehört zum gemäßigten Flügel. Vor allem Israels Krieg in Gaza brachte beide gegeneinander auf. El-Sayed bezeichnet das Vorgehen Israels als Völkermord. Stevens lehnte diese Bewertung ab. Die amerikanisch-israelische Lobbyorganisation AIPAC und ihr nahestehende Gruppen gaben Dutzende Millionen Dollar für ihre Unterstützung aus. El-Sayed warf ihr daraufhin vor, im Dienst dieser Interessen zu handeln. Er gewann die Vorwahl mit knappem Vorsprung und könnte als erster Muslim in den amerikanischen Senat einziehen. Stevens unterstützte ihn zunächst öffentlich, sprach in Detroit Passanten an und pries ihn als hervorragenden Kandidaten. Bald klang jede weitere Bekundung etwas angestrengter.
Vergangene Woche trat ihr Verlobter Jason Turkish vor die Öffentlichkeit und unterstützte Rogers. El-Sayed habe seine Äußerungen zu Israel nicht gemäßigt, begründete er seinen Schritt. Bei den Demokraten liefen daraufhin die Telefone heiß. Stevens widersprach intern der Vermutung, sie werde dasselbe tun. Warum man überhaupt darauf komme, fragte sie einen Mitarbeiter schriftlich. Im Fernsehen bezeichnete sie sich und ihren Verlobten als politisch gespaltenen Haushalt; sie wolle weiterhin El-Sayeds Sieg. Am Freitag verlangte Stevens dann eine Entschuldigung für dessen Kritik an amerikanischer Militärhilfe für Israel. Außerdem sollte er eine Wahlwerbung verurteilen, die angeblich für ihn warb und die seine Mitarbeiter bereits zurückgewiesen hatten. Die Werbung lief nie im Fernsehen, wurde im Internet jedoch mehr als 7 Millionen Mal aufgerufen.
El-Sayeds Mitarbeiter baten Stevens daraufhin, während des restlichen Wahlkampfs auf gemeinsame Auftritte zu verzichten. El-Sayed antwortete mit einer Erklärung, die Stevens’ Niederlage bei der Vorwahl erneut zum Gegenstand machte. Noch nachts schrieb sie, sie wolle erst nach der Wahl reden, wenn Michigan seinen demokratischen Senator gewählt habe. Am Sonntag begründete sie ihre Unterstützung für Rogers gerade damit, dass El-Sayed sie ausgeschlossen habe. Die Entscheidung habe sie Rogers erst am Morgen mitgeteilt. Aus persönlicher Kränkung wurde eine öffentliche Empfehlung für den Kandidaten einer Partei, deren Politik Stevens zuvor selbst verurteilt hatte.
Vor der Vorwahl hatte sie Rogers als willigen Vollstrecker von Donald Trumps gefährlicher Politik bezeichnet. Jetzt erschien ihr früheres Urteil offenbar weniger wichtig als die Auseinandersetzung mit El-Sayed. Der Wechsel traf sogar Rogers‘ Wahlkampfteam unvorbereitet. Seine Sprecherin Abby Ronson erfuhr nach eigener Darstellung erst durch das veröffentlichte Video davon. Stevens‘ Büroleiter Justin German und weitere Mitarbeiter kündigten. German sprach von Schock und tiefem Schmerz. Mallory McMorrow, ebenfalls frühere Bewerberin um die Senatskandidatur, beschuldigte Stevens, Menschen bewusst belogen und ihnen den Rücken gekehrt zu haben. Schumer nannte den Schritt einen verabscheuungswürdigen Verrat.
Haley Stevens besuchte gemeinsam mit dem republikanischen Senatskandidaten Mike Rogers eine Kirche der schwarzen Gemeinde in Michigan.
Der Vorsitzende der Demokraten in Michigan, Curtis Hertel, erklärte, Stevens gehöre der Partei gegenwärtig nicht an und werde auch künftig nicht dazugehören. In Washington dürfte das nachhallen. Stevens unterstützt damit ausgerechnet den republikanischen Kandidaten in einem Rennen, das über die Mehrheit im Senat mitentscheiden kann. Die demokratische Abgeordnete Debbie Dingell verfolgte am Sonntagabend ein Fernsehgespräch, in dem Stevens ihre Entscheidung kaum erklären konnte. Stevens sprach wiederholt über Wut und unterstellte El-Sayed antisemitisches Verhalten. Auf die Frage nach ihrem plötzlichen Kurswechsel verwies sie vor allem auf Vorfälle aus dem längst abgeschlossenen Vorwahlkampf. Dingell bezeichnete das Gespräch als eines der schmerzhaftesten, die sie je gesehen habe. Sie sei bereits seit Tagen um Stevens besorgt gewesen.
Dingell sprach auch über die Folgen des erbitterten Streits für die jüdischen und arabischen Gemeinden Michigans. Stevens‘ Verlobter Turkish, selbst Jude, habe ihr nach Darstellung einer Freundin vorgehalten, sie verrate jüdische Wähler, die sie im Vorwahlkampf unterstützt hätten. Ob das ihre Entscheidung bestimmte, bleibt offen. Trump begrüßte ihre Unterstützung für seinen Kandidaten sofort, bezeichnete Stevens als mutig und würde sie nach eigenen Worten gern bei den Republikanern sehen. Mike Johnson schickte ihr eine Nachricht. Republikanische Wahlkampfhelfer verbreiteten das Kirchenfoto, auf dem Stevens neben Rogers lächelt. Mehr mussten sie an diesem Sonntag kaum tun.
Unsere weiteren Recherchen ergaben, dass Haley Stevens‘ früherer Wahlkampfvorsitzender David Kramer den politischen Seitenwechsel bereits vor ihr vollzogen hatte. Kramer, der auch für Senatorin Elissa Slotkin Spenden gesammelt hatte und im jüdischen Parteiverband Michigans tätig war, entschied sich für den Republikaner Mike Rogers. Seine Begründung: Abdul El-Sayeds Haltung gegenüber Israel. Auch Stevens‘ Verlobter Jason Turkish hatte Rogers bereits öffentlich seine Unterstützung zugesagt. Eine mit Stevens befreundete Person berichtete, Turkish habe anschließend massiv auf sie eingeredet. Er habe ihr vorgeworfen, die jüdischen Wähler verraten zu haben, die sie während der Vorwahl unterstützt hätten. Während Stevens führenden Demokraten weiterhin versicherte, sie werde Rogers keinesfalls unterstützen, übte ihr eigener Verlobter nach dieser Darstellung erheblichen persönlichen Druck auf sie aus.
Besonders aufschlussreich ist jedoch Stevens‘ Umgang mit den Antisemitismusvorwürfen, die sie selbst gegen ihren früheren Rivalen erhebt. Ray Wert, der jüdische Ehemann der Demokratin Mallory McMorrow, berichtete, Stevens habe sich geweigert, eine Erklärung gegen Rogers zu unterschreiben. Darin wurden dessen Verbindungen zu einem christlich-nationalistischen Großspender und einem früheren Wahlkampfhelfer kritisiert, der Juden nach Nordkorea schicken wollte. Stevens verweigerte ihre Unterschrift. Ihre Sorge um Antisemitismus scheint an der Parteigrenze eine unterschiedliche Strenge zu entwickeln. Hinzu kommt Donald Trump, der El-Sayed am 25. Oktober als „Dschihadisten“ und Mitglied der Muslimbruderschaft bezeichnete und behauptete, der muslimische Demokrat müsse im Senat durch einen Metalldetektor gehen. Für seine Anschuldigungen legte Trump keine Beweise vor. Stevens unterstützt nun ausgerechnet Rogers, den Kandidaten dieses Präsidenten. Noch vor wenigen Monaten hatte sie ihn einen willigen Vollstrecker von Trumps gefährlicher Politik genannt. In Detroit saß sie am Sonntag neben ihm in der Kirchenbank. Die frühere Überzeugung war offenbar daheim geblieben. Rogers bekam ihre öffentliche Unterstützung, El-Sayed ihre Vorwürfe. Das Gewissen durfte sich inzwischen an einem anderen Platz niederlassen.
Vor der anderen Kirche in Detroit bemühte sich Eli Savit, demokratischer Bewerber für das Amt des Generalstaatsanwalts, wieder über die Lebenshaltungskosten der Menschen in Michigan zu sprechen. Der Streit um Stevens überlagerte inzwischen die Aussagen der eigenen Kandidaten. Savit hoffte, dass der abrupte Bruch wenigstens das endlose Hin und Her beende. Die Wahl ist am 3. November. Ein Gottesdienst, der Einigkeit zeigen sollte, findet in den Erinnerungen der Beteiligten nun neben jenem anderen statt, bei dem eine demokratische Abgeordnete ihren republikanischen Gegner umarmte. Als die Wähler noch über ihre Zukunft entscheiden mussten, hatte Stevens ihre Entscheidung über ihre Partei bereits getroffen.
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