Al-Qaida rechnet mit einem dritten Weltkrieg. Und die Organisation plant nicht, am Rand zu stehen. Ein im Januar 2026 veröffentlichtes Papier mit dem Titel „Die Zukunft des Islam im Lichte der gegenwärtigen globalen Umbrüche“, verbreitet über arabischsprachige Kanäle der Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, beschreibt eine Welt auf dem Weg in einen umfassenden Konflikt. Genannt werden eine aggressivere Außenpolitik der USA, der Krieg im Iran, die Konfrontation zwischen Westen und einem Block aus China, Russland, der Türkei, ein Zerfall des Bündnisses zwischen Amerika und Europa durch Donald Trump sowie wirtschaftliche und religiöse Krisen als Nährboden für große Kriege.
Das Dokument ist voller Propaganda. Nicolás Maduro wird als Beleg für einen angeblichen Glaubensverlust des Westens herangezogen, Donald Trump als törichter Pirat bezeichnet, der auch nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit an der Macht bleiben wolle. Doch hinter der Polemik steht eine klare Absicht. Al-Qaida will nicht nur den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung abwarten, sondern ihn beschleunigen. Ziel ist ein globaler Dschihad, die Schwächung westlichen Einflusses in muslimisch geprägten Staaten und der schrittweise Austausch bestehender Regime durch eigene Strukturen.
Wer glaubt, die Organisation sei ein Relikt aus den Tagen Osama bin Ladens, unterschätzt sie. Recherchen, auch zum Iran als möglichem Rückzugsort, sowie der aktuelle UN-Bericht zu ISIS und Al-Qaida warnen ausdrücklich davor, Al-Qaida abzuschreiben. Die Führung ist schwächer sichtbar als früher. Saif al-Adel, ein ägyptischer Veteran, gilt als Emir, doch selbst diese Rolle ist nie offiziell bestätigt worden. Viele Kämpfer kennen die Spitze nicht; sie folgen lokalen Kommandeuren. Gerade diese lose Struktur ist Teil der Widerstandskraft.
Al-Shabaab in Somalia und Kenia nutzt Clan-Konflikte, präsentiert sich als Schutzmacht kleinerer Gruppen und verteilt humanitäre Hilfe. In Mali kontrolliert der Ableger größere Gebiete als die Regierung, erhebt Steuern, betreibt Gerichte, organisiert Sicherheit. Im islamischen Maghreb mischt sich Al-Qaida in politische Auseinandersetzungen ein und stellt sich als Gegner korrupter Eliten dar. In Pakistan wirbt sie mit dem Versprechen einer starken Ordnung in einem Staat, der unter wirtschaftlichen und politischen Krisen leidet. In Afghanistan bestehen enge Verbindungen zu den Taliban.
Nach der Niederlage des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak hat Al-Qaida ihre Stellung als führende dschihadistische Organisation zurückgewonnen. Während ISIS auf maximale Brutalität und einen sofortigen Kalifatstaat setzte, wählt Al-Qaida einen anderen Weg. Keine demonstrativen Massaker zur Selbstinszenierung, sondern schrittweises Eindringen in lokale Strukturen, Bündnisse mit weniger radikalen Gruppen, sogar taktische Absprachen mit schiitischen Huthi-Milizen im Jemen. „Während Al-Qaida auf Machtvakuum setzt, verfolgt auch Russland eine Strategie jenseits klassischer Bündnisse.“
Der Feind meines Feindes: Warum Russland mit Islamisten kooperiert – und warum das kein Zufall ist
Es beginnt mit einem Satz, gesprochen ohne Ironie, aber mit aller Härte: „Das ist hier nicht Norwegen.“ Margarita Simonjan, Chefpropagandistin des Kreml, rechtfertigt die Folter an einem Terrorverdächtigen. Ein russischer Sicherheitsbeamter hatte dem Mann nach dem Anschlag auf die Konzerthalle Crocus City Hall in Moskau das Ohr abgeschnitten. Die Bilder gingen um die Welt. Doch für Russland ist es keine Peinlichkeit. Es ist eine Demonstration. Eine, die zeigt, wie weit der Staat bereit ist zu gehen und mit wem.
Denn Russland ist längst nicht mehr der autoritäre Restposten des Sowjetimperiums. Es ist ein System, das sich im Schatten der Ordnung bewegt und dabei Allianzen mit jenen schließt, die einst als Todfeinde galten: islamistischen Terrorgruppen.
Die nächsten Zeilen sind keine Fiktion. Sie sind Realität.
Hisbollah und die Houthis: Der schiitische Arm des Kremls
Seit dem Kriegseintritt Russlands in Syrien 2015 sind Gruppierungen wie die libanesische Hisbollah und die jemenitischen Huthis nicht nur Mitstreiter auf dem Schlachtfeld, sondern geopolitische Partner. Gemeinsam mit dem Iran organisierte Russland Militäroperationen, griff auf Schattenflotten für den Ölexport zurück und blockierte UN-Resolutionen gegen diese Gruppen. Die Huthis greifen unter iranischer Anleitung Handelsschiffe im Roten Meer an, doch russische Schiffe bleiben verschont. Wer auf der „weißen Liste“ steht, darf passieren. So funktioniert Pragmatismus made in Moscow.
Hamas: Der alte Partner lebt
Schon zu Sowjetzeiten unterstützte Moskau Israels Gegner in der arabischen Welt. Auch heute noch hofiert der Kreml Hamas-Führer, liefert Waffen, laut ukrainischem Geheimdienst auch solche, die auf ukrainischen Schlachtfeldern erbeutet wurden – und blockiert Resolutionen gegen die Terrororganisation im UN-Sicherheitsrat. Die Gräueltaten des 7. Oktober – die Ermordung israelischer Familien, die Verschleppung von Kindern – verurteilt der Kreml nicht. Warum auch? Hamas ist nützlich im Kampf gegen den Westen. Und das ist, was zählt.
Die Taliban: Vom Gegner zum Rohstofflieferanten
Nach dem Abzug der USA aus Afghanistan 2021 schlug die Stunde der Opportunisten. Russland, das die Taliban offiziell noch als Terrororganisation führte, begann Gespräche, erst im Verborgenen, dann offiziell. Die Duma debattiert mittlerweile über deren Streichung von der Terrorliste. Der Grund ist so simpel wie zynisch: Afghanistan verfügt über Rohstoffe im Wert von Milliarden US-Dollar. Die Taliban können sie nicht alleine abbauen. Russland steht bereit. Der ehemalige Feind wird zum Rohstoffpartner. Die Geschichte kennt keine Moral.
ISIS: Der eine wahre Feind
Nur eine Gruppierung bleibt außerhalb dieses Kreises: der Islamische Staat. ISIS und besonders seine afghanische Filiale bekämpfen Russland offen. Der Anschlag auf die Crocus City Hall mit über 140 Toten ist nur das jüngste Beispiel. ISIS braucht keine Deals. Keine Diplomatie. Sie glauben nur an ihr Kalifat. Und Russland steht dort auf der Feindesliste. Ganz oben.
Der Befehl hinter roten Mauern
Und während Russland seine Allianzen schmiedet, ist ein geleaktes Dokument aufgetaucht, das viel über die Architektur dieser Gewalt aussagt. Ein Klassifizierungsleitfaden des US-Geheimdienstes ODNI, genauer gesagt der Abschnitt 3.4.3 „Military Planning“, zeigt, wie hochsensibel das Thema Angriff geworden ist. Eine einzelne Zeile reicht aus, um das gesamte System zu entlarven:

(U) Information providing indication or advance warning that the US or its allies are preparing an attack.
Diese Information ist „Top Secret“. Mit dem Vermerk „NOFORN“ – nicht weiterzugeben an Ausländer, nicht einmal an Verbündete. Eine Vorwarnung ist der größte Schatz der modernen Kriegsarchitektur. Denn Krieg beginnt nicht mit Bomben, sondern mit Tabellen. Wer vorbereitet ist, gewinnt.
Und Russland? Kennt diese Logik nur zu gut. Es spricht nicht öffentlich darüber. Es lebt sie. Indem es Kriege führt, während es andere füttert. Indem es Terroristen zu Partnern macht und Werte zu Waffen. Und indem es die Unterscheidung zwischen Staat und Nicht-Staat längst aufgegeben hat.
Was bleibt
Russland wählt seine Partner nicht nach Prinzipien, sondern nach Nutzen. Das ist kein Zufall. Es ist Strategie. Und sie kostet Menschenleben in der Ukraine, in Israel, in Afghanistan, in Russland selbst.
Man kann diese Welt ignorieren. Man kann sie zynisch betrachten. Oder man kann sie benennen. Im Namen derer, die keine Stimme mehr haben.
Heute zählt die Organisation nach eigenen Angaben bis zu 25.000 Kämpfer. Im Jahr 2001 verfügte sie über rund 500 Mitglieder. Als ISIS 2015 und 2016 weite Teile Syriens und des Irak kontrollierte, reichten 15.000 bis 20.000 Kämpfer aus, um ein Gebiet von mehr als 100.000 Quadratkilometern zu beherrschen. Zahlen allein sind kein Maßstab für Sicherheit.
Rekrutiert wird überall dort, wo Staaten versagen. Predigten in Moscheen, verschlüsselte Messenger, das Darknet, eigens entwickelte Computerspiele, Videos auf Speichermedien in Regionen mit schwacher Internetanbindung. Adam Gadahn, ein amerikanischer Konvertit, geriet über eine als Wohltätigkeitsorganisation getarnte Anlaufstelle in das Netzwerk. Ibrahim Khalil, eine Figur der europäischen Struktur, bewegte sich im kriminellen Milieu, suchte nach Uran auf dem Schwarzmarkt und warb gleichzeitig neue Anhänger an.

In Mali kontrolliert Al-Qaida mehr Territorium als die Regierung des Landes.
In Mali, Somalia und im Jemen ersetzt Al-Qaida faktisch staatliche Funktionen. In Syrien löste sich der Ableger nach dem Sturz von Baschar al-Assad offiziell auf, doch Teile der Kämpfer blieben aktiv. Mit dem Rückzug der USA und der politischen Neuorientierung unter Ahmed al-Sharaa könnte die Organisation erneut Einfluss gewinnen. Die Rechnung der Führung ist klar. Ein weltweiter Konflikt würde Machtvakuum schaffen. Al-Qaida hat gelernt, solche Lücken zu füllen. Sie setzt nicht auf den einen großen Schlag gegen Washington oder Brüssel, sondern auf dauerhafte Verankerung in Regionen, die von Korruption, Gewalt und politischem Versagen geprägt sind.
Ein dritter Weltkrieg ist keine Gewissheit und trotz aller Problematik weit entfernt. Doch die Bereitschaft einer gut vernetzten Organisation, aus globaler Instabilität Nutzen zu ziehen, ist real. Al-Qaida wartet nicht passiv auf das Chaos. Sie arbeitet daran, daraus Stärke zu gewinnen.
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