Mumbai, Indien – An der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan wird wieder geschossen. Verteidigungsminister Khawaja Asif spricht von offenem Krieg. Unterdessen legt unsere Arbeit ein bislang kaum beleuchtetes Geflecht offen. Ausgewertete E-Mails, veröffentlichte Aktenbestände und interne Korrespondenzen zeigen: Jeffrey Epstein, ein verurteilter Sexualstraftäter ohne offizielles Mandat, erhielt Zugang zu hochbrisanten militärischen Lageberichten. Es ging um Taliban-Machtkämpfe, Drohnenoperationen und interne Sicherheitsüberlegungen. Das sind keine alltäglichen Kontakte. Die Recherchen dokumentieren Kommunikationswege zwischen globaler Philanthropie, Diplomatie und militärischer Realität. Die strukturelle Frage stellt sich zwingend: Wie gelangt ein privater Akteur in diesen Raum? Wie funktioniert eine Architektur, die sich für solche Personen öffnet?

In der E-Mail vom 2. März 2013 schlägt Jeffrey Epstein Boris Nikolic ein Finanzmodell für die Polio-Bekämpfung vor. Spender sollen sofort steuerliche Vorteile und reputativen Gewinn erhalten, während das Geld erst später an die Stiftung fließt. Die Stiftung würde die Mittel vorstrecken, abgesichert durch eine unwiderrufliche Garantie des Spenders. Im Ergebnis würde heutige Polio-Arbeit über künftige Erbschaftssteuern finanziert – wobei, so formuliert es Epstein, „alle außer der Regierung gewinnen“.
Die Unterlagen legen nahe, dass Epstein zwischen 2013 und 2018 tief in die Anti-Polio-Initiativen der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung in Pakistan eingebunden war. Er vermittelte nicht nur Kontakte, sondern positionierte sich als zentraler Ansprechpartner zwischen der Stiftung und dem International Peace Institute unter Leitung von Terje Rød-Larsen. Terje Rød-Larsen ist ein norwegischer Diplomat und langjähriger UN-Funktionär, der in den 1990er-Jahren eine zentrale Rolle bei den Oslo-Friedensgesprächen zwischen Israel und der PLO spielte und verfügte über weitreichende internationale Kontakte in Diplomatie und Sicherheitsfragen. Über diese Struktur erhielt er Berichte, die weit über Impfkampagnen hinausgingen. Darunter vertrauliche Einschätzungen zur Sicherheitslage, zu Taliban-Verhandlungen und sogar zu militärischen Operationen in den pakistanischen Stammesgebieten.
Epstein skizzierte gegenüber Boris Nikolic, engem Vertrauten und wissenschaftlichem Berater von Bill Gates, ein Modell, mit dem Spender steuerlich profitieren und zugleich Polio-Programme finanzieren sollten. Der Staat verliere, die Stiftung gewinne, so die Logik. Wenige Tage später bot er an, persönlich Konzepte zu erläutern und verwies auf Rød-Larsen, der in Pakistan und Nigeria helfen könne. Schon zu diesem Zeitpunkt dachte Epstein strategisch in politischen und finanziellen Kategorien – nicht nur in medizinischen.
Besonders brisant sind Passagen, in denen Epstein nachfragt, ob das amerikanische Gesetz gegen Korruption im Ausland auch für Stiftungsarbeit gelte. Er spielte Szenarien durch, in denen Zahlungen an Taliban-Akteure als Mittel zur Durchsetzung von Impfkampagnen dienen könnten. Wörtlich fragte er sinngemäß, wie man damit umgehen solle, wenn die einzige Möglichkeit zur Durchsetzung von Impfungen darin bestehe, „die Bösen zu bezahlen“. Es ging nicht um Theorie, sondern um operative Optionen.

Am 6. März 2013 schrieb Jeffrey Epstein an Boris Nikolic und bezog sich dabei ausdrücklich auf Bill Gates. Er skizzierte ein Szenario, in dem mit zunehmender Bekanntheit von Gates’ Engagement „die Bösen“ stärkeren Einfluss auf Impfprogramme gewinnen könnten und fragte, wie man damit umgehen solle, falls Impfungen nur durch Zahlungen an diese Akteure durchsetzbar wären. Zudem erwähnte er, dass Terje Rød-Larsen auf Reisen sei und er ihn in Paris treffen wolle, um Informationen zu Nigeria und Pakistan zu besprechen.darin bestünde. Er fragte Nikolic, wie er darüber denke. Zudem erwähnte er, dass Terje (Rød-Larsen) kurz zuvor aufgebrochen sei – zunächst nach Australien, dann in den Nahen Osten – und dass er ihn in Paris treffen wolle, um Informationen zu überbringen und Fragen zu Nigeria und Pakistan zu klären.

In der E-Mail vom 18. März 2013 teilt Jeffrey Epstein Boris Nikolic mit, er halte das Vorgehen für richtig und habe Terje Rød-Larsen angewiesen, ein möglichst starkes Team für den Start in Pakistan und Afghanistan zusammenzustellen. Nigeria sei nicht dessen Schwerpunkt und werde von einer anderen Gruppe betreut. Rød-Larsen werde ihm die Details bis zum Ende der Woche vorlegen.
Nasra Hassan, Terrorismusexpertin und langjährige UN-Mitarbeiterin, reiste im April 2013 nach Pakistan. Ihre Berichte an das International Peace Institute wurden an Epstein weitergeleitet. Darin schilderte sie Gespräche mit Taliban-Vertretern, Einschätzungen zur politischen Lage in Khyber Pakhtunkhwa und den Stammesgebieten sowie direkte Auswirkungen von CIA-Drohnenangriffen auf Verhandlungen. In einem Bericht verwies sie auf die Tötung des pakistanischen Taliban-Führers Wali ur Rahman und die Folgen für Gespräche mit der neuen Regierung. Impfkampagnen und militärische Operationen liefen parallel – und Epstein erhielt Einblick in beide Ebenen.

Am 7. April 2015 schrieb Nasra Hassan eine als „streng vertraulich“ gekennzeichnete E-Mail an Terje Rød-Larsen und Andrea Pfanzelter beim International Peace Institute. Darin berichtete sie über interne Beratungen der pakistanischen Regierung zu einer verdeckten Vereinbarung mit Saudi-Arabien im Zusammenhang mit dem Jemen-Konflikt.
Sie schilderte, dass Saudi-Arabien Pakistan um Bodentruppen, Militärgerät und Luftunterstützung gebeten habe, während die pakistanische Armee offiziell eine direkte Intervention ablehne. Gleichzeitig werde jedoch an einer verdeckten Lösung gearbeitet, die logistische Unterstützung, Spezialkräfte und militärische Kooperation ermöglichen könnte, wobei wirtschaftliche Interessen – insbesondere Energie und saudische Finanzhilfen – eine zentrale Rolle spielten.
Dass solche internen militärischen und diplomatischen Lageeinschätzungen über mehrere Stationen bei Jeffrey Epstein landeten, wirft ein massives Kontrollproblem auf. Wenn ein privat agierender Akteur mit krimineller Vorgeschichte Zugang zu sensiblen sicherheitspolitischen Überlegungen erhält, stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wen kontrolliert hat – und wie durchlässig die Grenze zwischen Philanthropie, Diplomatie und strategischer Machtpolitik tatsächlich war.
Auch sensible Details fanden ihren Weg in diese Kommunikation. Hassan erwähnte, dass der Flughafen Zhob zwischen 2009 und 2011 von der NATO genutzt worden sei – ein Umstand, der offiziell nie von der pakistanischen Regierung bestätigt wurde. In anderen Mails ging es um interne Überlegungen des pakistanischen Militärs, Luftschläge in Südwaziristan mit Impfmaßnahmen in Flüchtlingsbewegungen zu verbinden. Solche Informationen überschreiten deutlich den Rahmen klassischer Entwicklungszusammenarbeit.


Am 10. August 2015 verfasste Nasra Hassan einen internen Lagebericht zur Situation nach dem Tod von Mullah Omar und übermittelte ihn an Terje Rød-Larsen und Andrea Pfanzelter beim International Peace Institute. Der Bericht analysiert detailliert die Machtverhältnisse innerhalb der Taliban, insbesondere den Aufstieg von Mullah Mansur, die Rolle einflussreicher religiöser Akteure wie Maulana Sami ul-Haq sowie die Bedeutung von Sirajuddin Haqqani.
Hassan beschreibt darüber hinaus die fortgesetzten US-Drohnenoperationen in FATA und Afghanistan, die aktive Steuerung des Prozesses durch den pakistanischen Militärgeheimdienst ISI, sicherheitspolitische Einschätzungen zu Taliban-Fraktionen sowie strategische Überlegungen zur Stabilisierung von Präsident Ashraf Ghani. Sie bewertet außerdem Auswirkungen der Gewaltlage auf das Polio-Eradication-Programm (PEP), macht jedoch deutlich, dass die sicherheitspolitische Dynamik und regionale Machtverschiebungen den Hauptpunkt der Analyse bilden.
Wenn ein Bericht, der interne Taliban-Machtkämpfe, ISI-Rollen, US-Drohnenoperationen und strategische Einschätzungen zur Stabilisierung Afghanistans analysiert, über mehrere Stationen schließlich im Umfeld von Jeffrey Epstein landet, ist das mehr als erklärungsbedürftig.
In weiteren, an Epstein weitergeleiteten Mails diskutierte die IPI-Führung „scheinbar negative Entwicklungen“ – etwa stockende Gespräche zwischen Pakistan und den Taliban oder Versuche der Regierung, eine abtrünnige Taliban-Fraktion zu stützen und sie in Südwaziristan in Stellung zu bringen – als Faktoren, die am Ende „positive Auswirkungen auf Polio“ haben könnten. Besonders aufschlussreich ist ein Gedankenspiel, das intern mit der pakistanischen Armee erörtert wurde: Polio-Tropfen- und Impfarrangements genau dann zu organisieren, wenn Stammesangehörige vor Luftangriffen aus den umkämpften Gebieten in „ruhigere“ Regionen fliehen. Und am 7. April 2015 legte Nasra Hassan einen detaillierten Bericht über interne pakistanische Überlegungen zur Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien vor – ein Papier, das nahelegt, wie tief ihr Zugang in Regierungs- und Militärkreise reichte. Nach Recherchen ist über diese internen Abwägungen in pakistanischen Medien nie berichtet worden.
Im Juni 2013 geriet das Netzwerk unter Druck, als Bill Gates selbst direkt an Imran Khan schrieb, um Unterstützung im Kontakt mit Taliban-Gebieten zu erbitten. Interne Stimmen warnten, dies könne diskrete Kanäle gefährden. Epstein wurde über die Irritationen informiert und leitete die Einschätzungen weiter. Er fungierte nicht als Randfigur, sondern als Drehscheibe.

Am 10. Dezember 2013 schrieb Andrea Pfanzelter vom International Peace Institute eine E-Mail an Jeffrey Epstein. Darin informierte sie ihn vorab – noch bevor es öffentlich berichtet wurde – darüber, dass eine von den Taliban anerkannte religiöse Institution kurz davorstehe, eine Fatwa zu veröffentlichen, die Polio- und andere Impfungen unterstützt.
Sie teilte mit, dass diese Annäherung an Taliban-nahe Geistliche ein zentrales Ziel der jüngsten Reise gewesen sei und dass sie bereits eine Vorabkopie der Erklärung erhalten habe. Die Veröffentlichung in den Medien stehe kurz bevor, auch wenn weiterhin politische und sicherheitspolitische Probleme bestünden.
Parallel dazu verhandelte das International Peace Institute millionenschwere Förderungen mit der Gates-Stiftung. 2013 flossen 2,5 Millionen Dollar, 2014 weitere 5,5 Millionen. Ein Antrag über 25 Millionen stand im Raum. Dass Epstein hier nicht nur Beobachter war, sondern Einfluss auf Struktur und Ausrichtung nahm, ergibt sich aus der Korrespondenz.
Die Verbindung zwischen Bill Gates und Epstein belastet den Microsoft-Mitgründer weiter. In einer internen Versammlung räumte Gates ein, zwei einvernehmliche Affären gehabt zu haben, von denen Epstein wusste. Er sprach von einem 18-monatigen Reiseverbot, das ihm bekannt gewesen sei, bevor er sich mit Epstein einließ, und bekannte, dessen Hintergrund nicht ausreichend geprüft zu haben. Jede Beteiligung an illegalen Aktivitäten wies er zurück.
Hinzu kommen weitere Informationen: In Nachrichten aus dem Jahr 2017 diskutierten Epstein und Steve Bannon Strategien, wie man Gates’ Engagement in Pakistan politisch gegenüber Donald Trump darstellen könne. Der Fokus müsse auf amerikanischen Interessen liegen, hieß es sinngemäß. Globale Initiativen müssten als Vorteil für die USA verkauft werden. Epstein schrieb anschließend an Gates, er habe Informationen direkt „vom Pferd“ und werde nach einem unkontroversen Kanal suchen.
All das fällt in eine ohnehin fragile Situation. Seit die CIA 2011 eine fingierte Impfkampagne nutzte, um DNA-Proben im Umfeld von Osama bin Laden zu sammeln, steht die Polio-Impfung in Pakistan unter Misstrauen. Ärzte warnen nun, dass die Enthüllungen über Epsteins Rolle dieses Misstrauen weiter befeuern könnten. Ein leitender Mediziner in Sindh sprach davon, dass schon der Gedanke an eine Verbindung zwischen Epstein und Impfprogrammen Eltern verunsichere.
Epstein selbst verteidigte sein Engagement in einem Video-Interview mit der Bemerkung, Ethik sei immer kompliziert. Man solle Mütter fragen, deren Kinder nun nicht an Polio erkrankten. Der Zynismus dieser Aussage wirkt heute schwer erträglich.
Die Dokumente zeichnen kein Bild eines Wohltäters, sondern eines Mannes, der Zugang, Einfluss und Information suchte – in einem Umfeld, in dem Gesundheit, Militär und Diplomatie untrennbar miteinander verbunden waren. Dass ein verurteilter Sexualstraftäter in diesem Geflecht vertrauliche militärische Einschätzungen erhielt, wirft Fragen auf, die weit über persönliche Verfehlungen hinausgehen. Es geht um Kontrolle, um Transparenz und um die Frage, wie viel Nähe zwischen globaler Philanthropie und geopolitischer Machtpolitik akzeptabel ist.
Parallel zu seinen Aktivitäten im Umfeld der Polio-Initiativen taucht ein weiterer, technisch ambitionierter Aspekt auf. Bereits 2012 schrieb Jeffrey Epstein in einer E-Mail, die bei amerikanischen Behörden eingesetzte Signalaufklärung könne genutzt werden, um den genetischen Code zu „brechen“. Er verwies auf „Codeknacker“ aus dem Umfeld von Nachrichtendiensten und fragte, welche „Behördenknöpfe“ man drücken müsse, um entsprechendes Personal zu gewinnen. In derselben Korrespondenz war von der Idee die Rede, Methoden aus der Kryptanalyse auf DNA- und Protein-Signalprobleme zu übertragen. Das ist keine lose Gedankenspielerei am Rand, sondern dokumentierte Kommunikation.
Hinzu kommt sein Engagement im Bereich digitaler Währungen und Hochtechnologie. Epstein finanzierte frühe Initiativen rund um Kryptowährungen am Massachusetts Institute of Technology und bewegte sich im Umfeld von MIT-Projekten, Venture-Kapital und internationalen Technologiekooperationen, darunter Kontakte im Zusammenhang mit dem Skolkowo-Innovationszentrum in Russland. In einem Interview mit Steve Bannon sprach er davon, sein Anwesen in New Mexico als Forschungsstandort nutzen zu wollen, um Wissenschaftler aus dem Umfeld von Los Alamos anzuziehen, nachdem staatliche Mittel für Hochenergiephysik gekürzt worden waren. Er formulierte das als Versuch, Werkzeuge zu entwickeln, mit denen klügere Köpfe als er selbst „Unerklärliches“ untersuchen könnten.
Wer sind die Akteure heute – und gab es Konsequenzen?
Jeffrey Epstein ist seit 2019 tot, eine Befragung ist nicht mehr möglich. Sein Fall wirkt politisch und institutionell bis heute nach, weil die veröffentlichten Dokumente zeigen, wie weit seine Kontakte in diplomatische und wissenschaftliche Strukturen reichten.
Bill Gates arbeitet weiterhin als Philanthrop und Technologieunternehmer. Eine formale Befragung im Zusammenhang mit den hier zitierten Dokumenten ist öffentlich nicht bestätigt. Die Nähe zu Epstein führte jedoch zu erheblichem Reputationsschaden, wiederholten öffentlichen Erklärungen und anhaltender Kritik.
Boris Nikolic ist weiterhin im Biotechnologie- und Investorenumfeld aktiv. Auch hier gibt es keine öffentlich bestätigte Angabe zu einer formellen Befragung im Kontext der veröffentlichten Korrespondenzen. Seine Rolle als Verbindungspunkt zwischen Gates und Epstein ist nun ausführlich dokumentiert.
Terje Rød-Larsen trat 2020 als Leiter des International Peace Institute zurück, nachdem Verbindungen zu Epstein bekannt geworden waren. Norwegische Behörden befassten sich mit möglichen finanziellen Unregelmäßigkeiten. Der Fall markierte einen deutlichen Einschnitt in seiner diplomatischen Laufbahn.
Andrea Pfanzelter und Nasra Hassan sind weiterhin im Bereich internationaler Dialog- und Sicherheitsarbeit tätig. Öffentliche Angaben zu formellen Befragungen im Zusammenhang mit den veröffentlichten Mails liegen nicht vor. Die Brisanz ergibt aus ihrer Tätigkeit und aus dem dokumentierten Weiterleitungsweg sensibler Lageeinschätzungen.
Die Frage nach Strafverfolgung ist irrelevant. Sie lenkt ab. Die eigentliche Frage: Hat sich etwas geändert? Strukturell, institutionell, nachvollziehbar? Die Antwort lautet bislang nein. Ein privater Akteur – ohne Mandat, ohne erkennbaren Auftrag – hatte Zugriff auf das, was nicht zugänglich sein sollte: Lagebewertungen, interne Analysen, diplomatische Einschätzungen. Das zeigt ein System, das nicht funktionierte. Und dieses System existiert still, während wir hier sitzen. Die Personen, die diesen Informationsfluss managten, sitzen teilweise noch immer in Positionen, in denen es darauf ankommt. Fondsdirektoren. Netzwerkknoten. Berater. Vermittler. Niemand hat transparent gemacht, wie das ablief, warum es ablief, oder warum es nicht mehr abläuft. Das ist das Problem. Nicht die Namen. Die Struktur.
Dazu kommt etwas Einfaches: Stille. Keine Antworten auf unsere Anfragen. Keine Auskunft über interne Prüfverfahren. Keine Erklärung der damaligen Kommunikationswege. Nichts. Diese Stille sagt mehr als jede Antwort es könnte. Das Muster ist klar: Philanthropie trifft Diplomatie trifft Militär trifft private Netzwerke. Dazwischen keine erkennbaren Schutzbarrieren. Keine Kontrollinstanzen. Keine Verantwortungsketten, die funktionieren. Solange das nicht offengelegt wird – solange nicht nachvollziehbar gemacht wird, wie künftig verhindert wird, dass sensible sicherheitspolitische Bewertungen wieder außerhalb staatlicher Verantwortung zirkulieren – bleibt das Risiko. Es bleibt nicht nur als wirklichkeitsfernes Risiko. Es bleibt als gegenwärtige Gefährdung der Sicherheitsarchitektur selbst. Das ist keine historische Anmerkung. Das ist ein gegenwärtiges Problem.
Die Recherchen zeigen damit zwei Linien, die nebeneinander verlaufen: Auf der einen Seite ein Zugang zu sicherheitsrelevanten Lageberichten im Kontext globaler Gesundheitsprogramme, auf der anderen Seite der Versuch, Kryptographie, Geheimdienstmethoden und Genomforschung miteinander zu verbinden. Belegt ist die Korrespondenz, belegt sind die Formulierungen, belegt ist sein Bemühen um Kontakte in wissenschaftliche und staatliche Strukturen. Was daraus tatsächlich entstand, bleibt eine offene Frage.
Unsere Recherchen werden unvermindert weitergehen. Das ist schlichte Notwendigkeit. Ja, es gibt Schweigen, es gibt Gegenwehr, es gibt Aufwand in Hinsichten, die man kaum beziffern kann. Doch wir sind nicht die ersten, die diesen Weg gehen, und wir werden nicht die letzten sein. In jedem dieser kleinen Schritte, die sich zu Schritten summieren, ereignet sich etwas: eine Spur wird offengelegt, eine Frage gestellt, die vorher ungestellt blieb. Mittäter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, Sicherheitskonzepte überdacht werden. Kaum ein Fall in den letzten Jahrzehnten hat mehr Aufklärung verdient als dieser – nicht für die allgemeine Archive, sondern für die vielen Opfer, in der stillen Hoffnung, dass Wahrheit, wenn sie ans Licht kommt, ein wenig Frieden zurückbringen könnte. Vielleicht nicht den ganzen. Aber ein wenig. Und damit fangen wir an.
Fortsetzung folgt …
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English