Was sich in Minneapolis seit Wochen abspielt, lässt sich nicht länger als Eskalation einzelner Einsätze beschreiben, nicht als Serie bedauerlicher Fehler, nicht als aus dem Ruder gelaufene Sicherheitsoperation. Es ist etwas anderes. Etwas Grundsätzlicheres. Die Bundesregierung verfolgt nicht mehr nur das Ziel, dieses Land zu regieren. Sie erzeugt einen Zustand permanenter Angst. Eine Angst vor Gewalt, die manche zeitweise verschont, aber niemanden wirklich sicher lässt. Das ist kein rhetorischer Befund. Es ist die neue Realität. Staatsterror ist angekommen.

Seit Anfang Januar, seitdem die Einwanderungsbehörde ihre Operationen in Minneapolis und St. Paul massiv ausgeweitet hat, reiht sich ein Vorfall an den nächsten. Renee Good, eine weiße Mutter aus der Mittelschicht, wurde erschossen. Eine schwangere Anwältin wurde auf dem Parkplatz ihrer Kanzlei bedroht. Mehrere US-Staatsbürger wurden festgenommen, darunter ein Mann, der im Schlafanzug aus seinem Haus gezerrt wurde. Autoscheiben wurden eingeschlagen, Insassen abgeführt, darunter eine Frau auf dem Weg zu einer medizinischen Behandlung nach einer schweren Hirnverletzung. Blendgranaten und Tränengas wurden neben einem Fahrzeug gezündet, in dem sechs Kinder saßen, darunter ein sechs Monate altes Baby. Ein Flughafen wurde durchsucht, Papiere verlangt, mehr als ein Dutzend dort arbeitender Menschen verhaftet. Ein fünfjähriges Kind wurde festgesetzt. Und nun ist ein weiterer US-Bürger tot. Alex Jeffrey Pretti, Intensivpfleger, ohne Vorstrafen. Die Beamten hatten ihn bereits am Boden, unter Kontrolle, als sie offenbar aus nächster Nähe mindestens zehn Schüsse abgaben.

Angesichts dieser Abfolge sucht der menschliche Verstand nach Erklärungen. Nach Details, die Ordnung herstellen sollen. Nach Unterschieden, die beruhigen. Renee Good war mit einer Frau verheiratet, ihre Partnerin sprach einen Beamten scharf an. ChongLy Thao, der Mann im Schlafanzug, ist aus Laos eingewandert, nicht weiß, spricht mit Akzent. Die Frau auf dem Weg zur Klinik fuhr durch ein Gebiet mit Protesten. Die Familie des fünfjährigen Kindes hatte keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Über Pretti war zunächst wenig bekannt, außer dass er an Protesten teilgenommen haben könnte und möglicherweise legal bewaffnet war. Diese Details werden nicht gesammelt, um die Gewalt zu rechtfertigen. Sie werden gesammelt, um sich selbst zu beruhigen. Um zu glauben, dass es Regeln gibt. Dass man sicher ist, wenn man schweigt, Umwege fährt, Proteste meidet, zufällig weiß, heterosexuell, hier geboren ist. Oder, falls nicht, wenn man unsichtbar bleibt. Wer glaubt, die Folgen vorhersagen zu können, glaubt, noch Handlungsmacht zu besitzen.

Genau so funktioniert Staatsterror nicht.
Menschen, die den stalinistischen Terror erlebt haben, erzählten später oft erstaunlich präzise Geschichten darüber, warum ihre Angehörigen verhaftet oder erschossen wurden. Neidische Nachbarn, Denunziationen, erzwungene Aussagen. Diese Erzählungen wurden weitergegeben, verfestigt, geglaubt. Doch sie waren Konstruktionen. Versuche, Sinn zu erzeugen, wo keiner existierte.

Denn das wurde später deutlich, als Archive kurzzeitig geöffnet wurden: Die Geheimpolizei arbeitete nach Quoten. Eine bestimmte Zahl von Menschen musste verhaftet werden. Wen genau es traf, war oft Zufall. Freunde, Kollegen, Familienmitglieder wurden aus Bequemlichkeit mitgenommen. Der Terror war nicht gezielt. Er war willkürlich. Und genau das machte ihn wirksam.

Repressive Systeme haben Grenzen. Man weiß, was verboten ist. Offene Proteste führen zur Festnahme, Gespräche am Küchentisch nicht. Texte zu schreiben ist gefährlich, sie still weiterzugeben meist nicht. Ein System des Terrors dagegen lebt davon, dass niemand sicher weiß, wo die Linie verläuft. Jeder kann getroffen werden. Jeder jederzeit. Rückblickend neigen wir dazu, vergangene Terrorregime als logisch organisiert zu begreifen, als hätten ihre Anführer Listen abgearbeitet. So wird oft auch das bekannte Gedicht von Martin Niemöller gelesen. Doch die Menschen, die damals lebten, wussten nicht, wer als Nächster zum Feind erklärt würde. Die Angst lag gerade in dieser Ungewissheit.

In den dreißiger Jahren waren es Geheimpolizei und paramilitärische Schlägertrupps, die diese Angst verbreiteten. Selbst deren eigene Führung war nicht sicher. Auch Stalin ließ regelmäßig aus den eigenen Reihen töten. Terror war nicht das Ziel, aber ohne ihn wäre nichts von dem Folgenden möglich gewesen. Das Instrumentarium ist überschaubar. Festnahmequoten. Bewaffnete Einheiten, die sich in ihrer Gewalt berauschen. Öffentliche, scheinbar zufällige Gewalt auf Straßen. Nachträgliche Diffamierung der Opfer. All das ist inzwischen sichtbar. Dass viele versuchen, darin Logik zu finden, ist menschlich. Doch die Logik existiert bereits. Sie trägt einen Namen. Staatsterror.
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