Sechs Wochen Kerosin – und dann wird Europa leiser

VonRainer Hofmann

April 16, 2026

Die Zahl steht im Raum und sie ist konkret genug, um nicht mehr ignoriert zu werden. Vielleicht noch sechs Wochen Kerosin. Mehr nicht. Fatih Birol sagt das ohne Zuspitzung, ohne Dramatisierung. Birol ist ein türkischer Ökonom und seit 2015 Chef der International Energy Agency mit Sitz in Paris. Die IEA ist eine der wichtigsten Institutionen weltweit, wenn es um Energieversorgung, Märkte und Krisenanalysen geht. Es ist eine Feststellung. Und sie trägt das Gewicht einer Realität, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt.

Was gerade passiert, ist keine gewöhnliche Versorgungskrise. Birol spricht von der größten Energiekrise, die wir je erlebt haben. Ausgelöst nicht durch einen einzelnen Ausfall, sondern durch das gleichzeitige Abklemmen zentraler Ströme – Öl, Gas, Transportwege. Im Zentrum steht die Straße von Hormus. Eine Passage, durch die früher rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls floss. Jetzt ist sie blockiert, eingeschränkt, politisiert.

Die Folgen sind längst nicht mehr theoretisch. Wenn sich daran nichts ändert, werden bald Flüge gestrichen. Nicht irgendwann, sondern bald. Verbindungen zwischen europäischen Städten, die heute noch selbstverständlich wirken, könnten ausfallen, weil schlicht kein Treibstoff mehr da ist. Der Luftverkehr ist einer der ersten Bereiche, der die Knappheit direkt spürt. Und er ist nur der Anfang.

Die Preise steigen bereits. Benzin, Gas, Strom. Alles zieht an. Birol beschreibt das nüchtern, aber die Dynamik ist klar: Je länger die Blockade dauert, desto stärker trifft es Wachstum und Inflation weltweit. Es ist kein regionales Problem. Es ist ein globaler Druck, der sich in jede Volkswirtschaft frisst.

Besonders hart trifft es jene, die kaum gehört werden. Länder in Asien, Afrika, Lateinamerika. Staaten, die weder Reserven noch politischen Einfluss haben, um gegenzusteuern. Aber auch Europa kann sich nicht herausziehen. Reichtum schützt nicht vor physischer Knappheit. Energie lässt sich nicht politisch herbeireden, wenn die Lieferwege blockiert sind.

Dabei steht ein Teil der Lösung sichtbar bereit. Über 110 Öltanker und mehr als 15 LNG-Schiffe liegen im Persischen Golf fest. Sie könnten die Lage entspannen, wenn sie durchkämen. Doch selbst das würde nur Zeit kaufen. Denn gleichzeitig ist die Infrastruktur beschädigt. Mehr als 80 zentrale Anlagen in der Region wurden getroffen, ein Drittel davon schwer. Selbst wenn morgen ein Abkommen käme, würde die Rückkehr zum alten Niveau Monate dauern – vielleicht bis zu zwei Jahre.

Ein weiterer Punkt, der leise, aber entscheidend ist: das sogenannte Mautsystem. Schiffe zahlen, um passieren zu dürfen. Was wie eine pragmatische Zwischenlösung wirkt, könnte zum Präzedenzfall werden. Heute die Straße von Hormus, morgen andere Engstellen wie die Straße von Malakka. Wenn sich dieses Prinzip durchsetzt, verändert sich der globale Handel dauerhaft. Nicht als kurzfristige Maßnahme, sondern als neue Regel.

Die Lage ist klarer, als viele es wahrhaben wollen. Es geht nicht nur um Preise, nicht nur um Märkte. Es geht um Verfügbarkeit. Um die Frage, ob Energie überhaupt noch ankommt. Und wenn sie es nicht tut, wird es stiller. Weniger Flüge, weniger Bewegung, weniger Spielraum.

Sechs Wochen sind kein Szenario. Sechs Wochen sind eine Frist.

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Anja
Anja
12 Stunden vor

Und Reiche macht uns abhängig von fossiler Energie 🤦🏻‍♀️. Wir müssen autark werden, so gut es geht. Unser kleines Balkonkraftwerk hat 500 Euro gekostet und in 12 Monaten 270 Euro an Stromkosten gut gemacht. Wenn zumindest mehr Autofahrer auf Stromer umsteigen, dann bleibt mehr Öl für Z.B. Flieger und Schiffe. Aber die Abhängigkeit bleibt.

Ela Gatto
11 Stunden vor

Leider sind wir weit entfernt von einer Unabhängikeit von Gas und Öl.

Es gibt noch viele Bereiche, die nicht darauf verzichten können.
Flugzeuge, Schiffe und diverse andere wichtige Infrastrukturen.

So trifft dieser Konflikt eigentlich jeden Menschen.
Die Einen mehr, die anderen weniger.

Genau da liegen die Gefahren.

Wie weit geht „man“ (Staaten) um die Weltwirtschaft, die eigene Wirtschaft zu stabilisieren?

Maut?
Menschenrechte?

Die Gewinner sind Putin und Trump.
Putin bekommt durch den hohen Ölpreis Milliarden in seine Kriegskasse und bleibt bei fossilen Energiequellen autark.

Trump gewinnt mit Insiderhandel und Vergabe von „Drll baby drill“ Lizenzen in den USA, sowie der Ölforderung in Venezuela.

China hat seltene Erden und könnte sich damit fossile Energiequellen besser organisieren, als Staaten die nichts im Tausch haben und/oder nicht extrem reich sind.

Die furchtbare Situation macht Länder erpressbar.

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