Schüsse im Gedränge – Minneapolis am Rand der Eskalation – Das war Mord

VonRainer Hofmann

Januar 24, 2026

– Vorab – Der Artikel enthält sehr sensible Aufnahmen –

Am Samstag wurde Minneapolis weiter in einen Zustand gedrängt, der kaum noch als Ausnahme, sondern als neue Realität erscheint. Wieder ist ein Mann durch Schüsse von Bundesbeamten gestorben. Alex Pretti, 37 Jahre, Krankenpfleger auf der Intensivstation. Wieder geschah es im Umfeld eines Protestes. Wieder bleiben entscheidende Sekunden unklar. Und wieder reagieren Politik und Sicherheitsbehörden mit Worten, die die Lage eher verschärfen als beruhigen.

Ein von uns ausgewertetes Video eines Unbeteiligten zeigt die Situation kurz vor den Schüssen. Auf der Nicollet Avenue sind Trillerpfeifen zu hören, Rufe, Wut. Ein Beamter stößt eine Person mit brauner Jacke, grünem Rock und schwarzer Strumpfhose beiseite. Die Person greift nach einem Mann, beide halten sich fest, umarmen sich. Der Mann, ebenfalls in brauner Jacke und schwarzem Hut, Alex Pretty, hält offenbar sein Handy in Richtung des Beamten. Der gleiche Beamte stößt ihn mit der Hand gegen die Brust. Beide verlieren das Gleichgewicht und fallen zurück, noch immer aneinander festhaltend.

Das ist weder Notwehr, das ist weder Gefahr für die Beamten, das ist Mord

Das Video springt, kehrt zurück. Die beiden lösen sich voneinander. Drei Beamte umringen den Mann, kurz darauf sind es mindestens sieben. Einer kniet auf seinem Rücken, ein anderer hält einen Behälter in der Hand und schlägt dem Mann gegen den Oberkörper. Mehrere Beamte versuchen, seine Arme nach hinten zu ziehen. Der Mann wehrt sich sichtbar. Sein Gesicht ist für einen Moment zu erkennen. Der Beamte mit dem Behälter schlägt erneut, auch in Richtung Kopf. Dann fällt ein Schuss. Umringt von Beamten ist nicht erkennbar, aus welcher Richtung er abgegeben wurde. Weitere Schüsse sind zu hören. Die Beamten weichen zurück. Der Mann bleibt reglos auf der Straße liegen.

Kurz darauf bat das Sheriff’s Office des Hennepin County um Unterstützung durch die Nationalgarde. Die Einheiten sollen am Whipple Federal Building eingesetzt werden, um Kräfte freizumachen und andere Bereiche abzusichern. Offiziell geht es um den Schutz von Leben und Eigentum und darum, Versammlungen zu sichern. In der Realität ist es ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst die Lage inzwischen eingeschätzt wird.

Alex Pretti, 37 Jahre, Krankenpfleger auf der Intensivstation – Getötet am 24. Januar 2026 durch einen ICE-Beamten – Alex Jeffrey Pretti hielt ein Mobiltelefon in der Hand. Er wurde zweimal mit Pfefferspray besprüht, sein Telefon wurde ihm abgenommen. Seine Waffe war aus Holster, seine Hände waren leer. Ein Bundesbeamter entfernte die Waffe, und anschließend wurde auf Alex Pretti mehrfach geschossen. Alex Pretti hatte eine gültige Genehmigung für seine Waffe.

Aus Washington kamen derweil Worte, die wie Brandbeschleuniger wirken. Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller bezeichnete den getöteten Mann öffentlich als „inländischen Terroristen“ und „potenziellen Attentäter“. Belege dafür legte er nicht vor. Präsident Donald Trump selbst griff Minnesotas Gouverneur Tim Walz und den Bürgermeister von Minneapolis scharf an. Sie würden einen Aufstand anheizen, schrieb er, sprach von „gefährlicher Rhetorik“ und stellte die Frage, warum die örtliche Polizei ICE nicht geschützt habe. Gleichzeitig veröffentlichte er Bilder einer Waffe, die Bundesbeamte am Tatort sichergestellt haben wollen.

In Minneapolis ist jetzt alles möglich – Wir werden, so gut es wie es aktuell geht, live berichten

Diese Eskalation steht in auffälligem Gegensatz zu den Worten seines Vizepräsidenten JD Vance, der bei einem Besuch in Minneapolis noch davon gesprochen hatte, die Lage beruhigen zu wollen. Trump hingegen brachte erneut den Einsatz des Insurrection Act ins Spiel, auch wenn Vance erklärte, man halte das derzeit nicht für notwendig. Vor Ort wächst unterdessen die Wut. Viele verweisen darauf, dass es sich laut Polizeichef um einen rechtmäßigen amerikanischen Waffenbesitzer mit Trageerlaubnis gehandelt haben soll. Das Heimatschutzministerium spricht von „defensiven Schüssen“. Die Bilder zeigen etwas anderes: ein dichtes Gedränge, körperliche Gewalt, Schläge, dann Schüsse. Ob und wie diese beiden Darstellungen zusammenpassen, ist eine der zentralen offenen Fragen.

Hinzu kommt eine weitere Information, die die Spannungen weiter anheizt. Bundesbehörden bestätigten, dass der Beamte, der die tödlichen Schüsse abgab, ein achtjähriger Veteran der Border Patrol ist. Für viele in Minneapolis verstärkt das den Eindruck, dass hier eine hochgerüstete Bundespräsenz mit polizeilichen Lagen konfrontiert wird, für die sie weder ausgebildet noch vorgesehen ist.

In der Stadt herrscht Schock. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation noch für die Nacht. Trotz Appellen zur Ruhe gehen viele davon aus, dass sich die Proteste ausweiten werden. Nicht nur wegen des Todes eines Mannes, sondern wegen der Art, wie darüber gesprochen wird. Wenn politische Spitzenkräfte Menschen noch vor Ermittlungen als Terroristen bezeichnen und lokale Verantwortliche öffentlich delegitimieren, entsteht kein Raum für Aufklärung.

Minneapolis ist damit erneut zum Brennpunkt geworden. Zwei tödliche Schusswaffeneinsätze von Bundesbeamten innerhalb weniger Wochen, eine aufgeladene Abschiebepolitik und eine Sprache aus Washington, die Konfrontation sucht, diese, in dem Eskalation nicht nur in Kauf genommen, sondern politisch genutzt wird.

Wir werden weiter direkt live die gesamte Nacht berichten und hoffen, dass es nicht zu den schlimmsten Ausschreitungen kommen wird. Persönlich sind wir aktuell wie im Nebel, man möchte es nicht glauben, und doch ist es die Realität – eine Realität, der man hier so tief in die Augen schaut wie an keinem anderen Ort in Amerika.

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Harald Grundke
Harald Grundke
2 Stunden zuvor

Es war zu erwarten, und es werden weitere folgen. Trump braucht das. Er braucht unbedingt den Ausnahmezustand.

bahe
bahe
1 Stunde zuvor
Antwort auf  Harald Grundke

Richtig, er braucht den Aufstand um die Midterms abzusagen. Aber wie blöd sind seine Anhänger, um trotz solcher Bilder noch an die „bösen“ Linken, die die „armen“ ICE-Agents angreifen, zu glauben. Ich glaube auch mittlerweile, dass die ICE-Agents nicht nur nicht die geringste Ausbildung haben, sondern sich hauptsächlich aus Gruppen wie z.B. den „Proud Boys“ rekrutieren.

Anja
Anja
2 Stunden zuvor

Es ist einfach nur schrecklich und erinnert an dunkle Zeiten.

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