Schattenflotte und Schattenstaat – Wie Russland Militär, Kultur und Tarnung verbindet

VonRainer Hofmann

Januar 13, 2026

Der Angriff ukrainischer Drohnen auf den Tanker Qendil im Mittelmeer war kein isoliertes Ereignis, sondern ein Blick in ein Geflecht aus Tarnung, Personalverschiebung und informellen Strukturen. An Bord des Schiffes, das im Dezember ins Visier geriet, hatten zuvor zwei russische Staatsangehörige als Sicherheitspersonal gedient, deren Lebensläufe weit über das hinausgehen, was zivile Seefahrt erklärt. Beide waren militärisch geprägt, beide kamen aus Strukturen, die Moskau offiziell gern voneinander trennt, in der Praxis aber eng miteinander verzahnt.

Einer der Männer hatte zuvor in einer Spezialeinheit des GRU gedient. Er kehrte Anfang 2024 aus Syrien zurück, einem Einsatzgebiet, das seit Jahren als Knotenpunkt russischer Söldneraktivitäten gilt. In seinen Steuerdaten fanden sich keine regulären staatlichen Zahlungen, ein Detail, das auf private Strukturen hindeutet. Der zweite Mann war direkt mit der Wagner-Gruppe verbunden. Er hatte in Syrien gedient, war zeitweise aus disziplinarischen Gründen entlassen worden und später zurückgekehrt. Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine tauchte er wiederholt in besetzten Gebieten auf.Beide gingen im September 2025 an Bord der Qendil, kurz bevor das Schiff den Hafen von Ust-Luga verließ. Auffällig ist, dass sie das Schiff vor dem Drohnenangriff wieder verließen. Ebenso auffällig ist, dass sie als einzige Crewmitglieder keine maritimen Abschlüsse oder seemännischen Qualifikationen besaßen. Frühere Fahrten derselben Route durch den Suezkanal und den Golf von Aden kamen ohne bewaffnete Begleitung aus. Der Hinweis auf Piraterieschutz wirkt vor diesem Hintergrund konstruiert.

Doch das ist kein Einzelphänomen, wie Recherchen zeigen. Zivile Tanker aus der sogenannten Schattenflotte dienen nicht nur dem Transport von Öl jenseits von Sanktionen, sondern auch der Aufklärung. Routen durch gefährliche Gewässer liefern eine bequeme Erklärung für zusätzliche Kräfte an Bord. Westliche und ukrainische Dienste berichten seit Längerem, dass solche Schiffe militärische Infrastruktur beobachten oder als Plattform für technische Mittel dienen können. Der Angriff vom 19. Dezember 2025, mehr als zweitausend Kilometer von ukrainischem Gebiet entfernt, markierte eine neue Reichweite dieser Auseinandersetzung.Parallel zu diesen maritimen Aktivitäten wird ein zweiter Strang sichtbar, der zeigt, wie militärische Netzwerke in zivile und kulturelle Strukturen übergehen. Yevgeny Primakov Jr., Leiter der staatlichen Agentur Rossotrudnichestvo, bestätigte offen, dass sogenannte Russische Häuser in mehreren afrikanischen Ländern von einer bekannten privaten Militärfirma eröffnet wurden. Gemeint ist eine Organisation, deren Name nicht genannt wurde, deren Identität aber kaum Zweifel lässt. Vierzehn dieser Einrichtungen befinden sich in Afrika, weitere Abkommen sind geschlossen.

Yevgeny Primakov Jr.

Primakov erklärte, mehrere ehemalige Angehörige dieser Firma arbeiteten inzwischen direkt für seine Behörde. Er lobte ihre Fähigkeiten, ihre Ortskenntnis und ihre Effizienz unter knappen Bedingungen. Um diese Zusammenarbeit auszubauen, müsse man gesetzliche Wege anpassen oder über Stiftungen und befreundete Organisationen zusätzliche Unterstützung finden. Die Aussage ist bemerkenswert offen. Sie beschreibt, wie militärische Erfahrung nahtlos in staatlich finanzierte Kultur- und Einflussarbeit überführt wird.

Offiziell gelten diese Häuser als Zentren für Austausch und humanitäre Kooperation. In der Praxis sind sie Teil einer Strategie, die militärische Präsenz, politische Einflussnahme und zivile Fassade verbindet. In der Zentralafrikanischen Republik etwa leitete eine zentrale Figur dieser Einrichtungen zugleich Strukturen der Wagner-Gruppe. Wegen dieser Verbindungen wurde er von den USA, der EU und Kanada sanktioniert. Er selbst bezeichnete sich als kulturellen Botschafter, räumte jedoch ein, auf Bitte der dortigen Regierung auch bewaffnete Gruppen entwaffnet zu haben.

Über Jahre arbeiteten Wagner-Söldner in Ländern wie Mali und der Zentralafrikanischen Republik eng mit den jeweiligen Regierungen zusammen, offiziell zur Bekämpfung extremistischer Gruppen. Nach dem Tod von Wagner-Gründer Prigoschin ersetzte Moskau die Marke Wagner durch das sogenannte Africa Corps des Verteidigungsministeriums. Viele der Kämpfer blieben jedoch dieselben. Die Strukturen änderten ihren Namen, nicht ihr Personal. So entsteht ein Bild, das über einzelne Vorfälle hinausgeht. Auf See sichern getarnte Tanker wirtschaftliche und militärische Interessen. An Land schaffen Kulturzentren Anlaufstellen für Einfluss und Logistik. Dazwischen wechseln dieselben Akteure ihre Rollen, mal als Wachmann, mal als Kulturvermittler, mal als Kämpfer. Der Angriff auf die Qendil hat dieses Geflecht sichtbar gemacht. Er zeigt, dass zivile Oberfläche und militärischer Zweck längst ineinander übergegangen sind. Und dass die Trennung zwischen staatlich, privat und kulturell in Russlands Außenpolitik zunehmend nur noch auf dem Papier existiert.

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