Recherche zeigt, wie Hegseths Cybertruppe Amerikas Wahl bewacht und dabei die eigenen Bürger ins Visier nimmt

VonTEAM KAIZEN BLOG

17. Oktober 2026

In Washington stehen Nationalgardisten vor einem Einwurfkasten für Stimmzettel. Jemand filmt sie. Das Video verbreitet sich in Windeseile und erntet Entrüstung. Seit über 100 Jahren hält ein Verbot Bundessoldaten von Wahllokalen fern. Was niemand filmt, liegt in San Antonio, Texas. Potranco Road 7700, ein Gebäude ohne Fenster, darin ein abgedunkelter Raum. Hier sitzt die Task Force Raider, eine Militäreinheit in einer regierungsweiten „Gruppe für Wahlsicherheit“. Sie soll die Zwischenwahlen verdeckt vor „Einmischung“ schützen. Das alte Verbot kennt Wahllokale. Vom Cyberraum weiß es nichts.

Einmischung ist ein dehnbares Wort. Es klingt nach dem Kreml, der Wahllokale hackt oder Stimmen umzählt. Die Task Force sucht etwas Weicheres, den „Einfluss“: russische oder chinesische Versuche, Meinungen zu ändern. In den Köpfen aber sitzen Amerikaner, für Washington Überträger fremden Einflusses. Die Grenze, die das Militär bewacht, verläuft quer durch jedes Gespräch am Küchentisch. Ein hoher Offizier des militärischen Nachrichtendienstes, der das Vorhaben kennt, hält die Sorge um die Wahlsicherheit für vorgeschoben. Sie solle Präsident Trump bei Laune halten und die Demokraten beruhigen. Beide fürchteten Einmischung und Mauscheleien. Nur eben nicht von fremden Küsten.

Belegt hat die Trump-Regierung nicht, dass irgendein Staat oder Ausländer eingreifen wolle oder ein Ergebnis nennenswert verändern könnte. Pentagon-Chef Pete Hegseth machte die Wahlsicherheit vergangene Woche trotzdem zur obersten „operativen Priorität“ der Cyberstreitkräfte in San Antonio. Eingeweihte sprechen von einem Auftrag, der „nicht scheitern darf“. Ein Feind, den niemand nachweist, lässt sich nie besiegen. Bekämpfen lässt er sich endlos.

Hegseths Krieg ist streng geheim. Verdeckte Aktionen im Netz sollen Angriffe abwürgen und treffen auch Meinungsmacher und Bürger, die um Wähler werben. Manche nennen das Demokratie. Darüber war bislang nichts zu lesen. Dokumente, die uns vorliegen, zeigen die Spannweite: von Millionen anonymer Text- und Sprachnachrichten ins Ausland bis zum Löschen von Beiträgen. Ganze Internetseiten verschwinden. Das verstößt gegen das lange Verbot jeder militärischen Beteiligung an Wahlen, mit Zustimmung beider großer Parteien.

Pete Hegseths Anweisung vom 22. September 2026 an die amerikanischen Geheimdienste und das US Cyber Command: Unter dem Vorwand, freie Wahlen vor ausländischer Einflussnahme zu schützen, fordert er die Mobilisierung sämtlicher genehmigter nachrichtendienstlicher und militärischer Cyberfähigkeiten. Die gefährliche Tragweite liegt in der Verbindung von Geheimdienstmacht und Wahlgeschehen. Wo militärische Stellen selbst bestimmen, welche Aktivitäten als Bedrohung gelten und welche Gegenmaßnahmen erforderlich sind, geraten politische Kommunikation und demokratische Kontrolle unter erheblichen Druck. Hegseth beruft sich ausgerechnet auf die Freiheit der Wähler. Das Schreiben enthält jedoch weder konkrete Grenzen für Eingriffe in die öffentliche Kommunikation noch unabhängige Kontrollmechanismen.

Die Task Force oder ihre Vorgängerin sollte dem Heimatschutzministerium und dem FBI bei der „Verteidigung“ der USA helfen. Genommen wurde der Fähigste, ob Soldat oder Beamter. Auch Rüstungsdienstleister kamen dazu, über 350 Menschen. Rewards for Justice lobte 10 Millionen Dollar aus. Mehr als 56.000 Botschaften „psychologischer Operationen“ gingen ins Netz, über 3 Millionen Text- und Sprachnachrichten an Menschen in „Ländern von Interesse“. Alles im Geheimen.

Manches dient der Abwehr. Die „Demon Chasers“ der 91st Cyber Operations Squadron, der wichtigsten Angriffsstaffel im Cyberraum, arbeiten in einer abgeschirmten Anlage von rund 4000 Quadratmetern, laut Vertragsunterlagen zugelassen für höchste Geheimstufen. Ihr Fach: Funkstille – gegnerische Telefon- und Informationssysteme schwächen und stören. Täuschen und Ausnutzen gehöre ebenso dazu. In Afghanistan lernte sie, den Mobilfunk ganzer Gebiete abzuschalten.

Eine andere Einheit untersucht in einem Labor für Schadsoftware Programme und Daten gegnerischer Angriffe als „bösartige Artefakte“ und schreibt Gegenprogramme. Viel Arbeit gilt erfundenen Menschen. Kämpfer an der Tastatur tarnen sich mit falschen Identitäten und Internetadressen, damit keine Spur zur Regierung führt. Sie durchstreifen das Netz und sprechen Nutzer an, um selbst zu beeinflussen. Der Wächter gegen fremde Stimmen spricht mit fremder Stimme. Alle Quellen sind sich einig: Das Militär wehre nicht bloß Ausländer ab, die Zwietracht säen. Es regle, was in sozialen Netzwerken erscheine, und damit die legitime Debatte.

Über allem steht das Joint Force Headquarters-Cyber des Cyber Command, mit seinem Lagezentrum in der Anlage NSA-Texas. Auf dem früheren Luftwaffenstützpunkt Kelly liegt ein „Sicherheitshügel“ von rund 93.000 Quadratmetern. Dort baute eine weitere Einheit ein „hochmodernes Waffensystem“, das fremde Geheimdienste beim Sammeln nachahmt. Nach den Wahlen 2020 entstand eine „Enklave“ für „die sensibelsten Aktivitäten“. Das Pentagon meint Vorgänge, deren Bekanntwerden der US-Außenpolitik oder militärischen Einsätzen dauerhaft schaden könnte. Oder solche, die Regierung und Verbündeten erheblich peinlich wären, dem Militär ebenso. Die Demokratie steht nicht auf der Liste.

Seit Trump 2016 die Politik betrat, schützt das Militär die Bundeswahlen still vor Cyberangriffen. Damals ging es um WikiLeaks und den Kreml, der Einfluss nahm und Hillary Clintons E-Mails hackte. Ob das die Wahl streifte, ist offen. Barack Obamas Weißes Haus war dennoch aufgeschreckt und erlaubte der CIA verdeckte Aktionen, um Seiten und Konten abzuschalten, die weiteres Material hätten streuen können. Darunter „DCleaks“, geschaffen vom russischen Militär. Ob Obama oder Trump: Der Staat beschneidet die freie Rede.

Ein Foto von Nationalgardisten aus Washington vor einem Einwurfkasten für Stimmzettel erregte sofort Unmut – Seit über 100 Jahren hält ein Verbot Bundessoldaten von Wahllokalen fern.

Ein pensionierter hoher Offizier, seit 2016 mit Wahlsicherheit befasst, nimmt die Gegner ernst. Hier stolperten keine Stummfilmpolizisten hinter pickligen Amateuren und Anarchisten her. Was Cyber Command oder CIA könnten, beherrschten auch Moskau und Peking. Für die NSA gelte dasselbe. „Wir stehen buchstäblich in einer täglichen Schlacht im Cyberraum.“ Und doch zweifelt er: „Die Beeinflusser beeinflussen? Bei diesem Präzedenzfall ist mir nicht wohl.“ Am Fuß der schiefen Ebene warteten Soldaten an Wahllokalen und ein Staat, der Rede und Versammlung kontrollieren könne. Dem parteilosen Verfassungstreuen gilt das alte Verbot noch heute als gut begründet. Zwar unterstünden die Uniformierten einer zivilen Arbeitsgruppe mehrerer Behörden. Nur Soldaten auf der Straße zu fürchten, sei aber überholt, das Gesetz müsse den Cyberraum erfassen. Auch eine aus dem Ausland gespeiste Debatte verlange kein Eingreifen des Bundes.

Anfang Oktober schrieben die kalifornischen Senatoren Adam Schiff und Alex Padilla an YouTube und Google. Ebenso an Facebook und Instagram. Dazu an TikTok und X, das frühere Twitter. Sie täten zu wenig gegen „Fehl- und Desinformation“ bei den Zwischenwahlen 2026. Parteiisch, Trump hier, Trump da. Doch darin steht: Der Kongress müsse „Untersuchungen und Gesetze erwägen“.

Der Offizier antwortet mit dem Anfang des Ersten Zusatzartikels: „Der Kongress soll kein Gesetz erlassen.“ „Punkt.“ Inzwischen sind Gesetz und Kontrolle die Regel. Hegseth will das Pentagon dabeihaben, warum auch immer. Sein Schild ist ein Adjektiv: Man wehre nur „ausländische“ Akteure ab. Wogegen? Unterstützung für Palästinenser im Netz und Kritik an Israels Vorgehen im Gazakrieg. Wut auf Donald Trump oder ICE. Ebenso auf CIA und FBI. „Desinformation“ im Allgemeinen. Nichts davon bedroht die Demokratie ernsthaft. Regierung und Pentagon verkaufen die Kontrolle der Rede dennoch als Schutz.

Was tut das Militär im Cyberraum? Wen nimmt es ins Visier? Und was plant es bis zum Wahltag für seine eigene Einflusskampagne? Vor dem Wahllokal hält das alte Gesetz die Soldaten fern. In den Gesprächen davor sind sie längst angekommen.

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