Grönland als Vorwand – wie Trump eine Bedrohung behauptet und Europa lernt, Nein zu sagen

VonRainer Hofmann

Januar 24, 2026

Zwischen Washington, Brüssel und Kopenhagen klaffen die Beschreibungen derselben Lage inzwischen so weit auseinander, dass sie nicht mehr mit unterschiedlicher Perspektive zu erklären sind. Präsident Trump spricht von einer unsicheren Insel, von strategischer Notwendigkeit, von China und Russland als drohender Gefahr. Sicherheitsbehörden, Militärs und Diplomaten auf beiden Seiten des Atlantiks sagen das Gegenteil. Es gibt keine belastbaren Hinweise auf eine akute Bedrohung Grönlands. Keine geheimdienstlichen Warnungen. Keine militärischen Vorbereitungen, die eine Eskalation nahelegen würden.

Der Ursprung der Erzählung liegt weit zurück. Vor mehr als einem Jahrzehnt durchquerte ein chinesischer Forschungseisbrecher erstmals die Arktis. Die Fahrt zeigte vor allem eines: Das Eis schmilzt schneller als erwartet. Sie war wissenschaftlich relevant, politisch beobachtet, sicherheitspolitisch jedoch ohne Konsequenzen. China hat seither über Handelsrouten, Rohstoffe und langfristige Interessen gesprochen, aber nur eine begrenzte Präsenz aufgebaut. Russland ist seit dem Kalten Krieg arktischer Akteur. Beides ist bekannt, kalkulierbar und eingebettet in bestehende Strukturen. Grönland steht unter dem Schutz der NATO. Sollte sich die Lage verändern, existieren klare Vereinbarungen.

Die Vereinigten Staaten könnten ihre Militärpräsenz jederzeit ausweiten, ohne Souveränitätsfragen zu berühren. Dänemark hat das mehrfach signalisiert. Historisch wäre das nichts Neues. Während des Kalten Krieges waren dort zehntausende US-Soldaten stationiert. Heute sind es wenige hundert. Die Infrastruktur ist vorhanden, die Rechtslage eindeutig.

Dänemark zieht Truppen aus anderen Einsatzgebieten ab, um sie zur Verteidigung Grönlands zu verlegen, und bittet zugleich verbündete Staaten um zusätzliche Truppen.

Was fehlt, sind Belege. Weder in internen Gesprächen noch in öffentlichen Auftritten wurde jemals Geheimdienstmaterial präsentiert, das chinesische oder russische Angriffsabsichten nahelegt. Ehemalige Analysten, die direkt an Trump berichtet haben, sagen offen: Wenn es solche Informationen gäbe, wären sie längst bekannt. Stattdessen bleibt es bei Behauptungen, die sich jeder Überprüfung entziehen. Auch militärisch ergibt das Bild keinen Sinn. China konzentriert sich auf den indo-pazifischen Raum. Russland verfügt über arktische Kapazitäten, stellt aber keine unmittelbare Gefahr für Grönland dar. Keiner dieser Staaten benötigt die Insel, um strategische Vorteile gegenüber den Vereinigten Staaten zu erzielen. Selbst Kritiker Moskaus und Pekings sehen hier keinen Alarmfall.

Der eigentliche Effekt zeigt sich anderswo. Trumps Vorstoß belastet das Verhältnis zu Europa und zu engen Verbündeten massiv. In Brüssel wurde die Forderung als Angriff auf ein Fundament verstanden, das den Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg prägt: Grenzen dürfen nicht gegen den Willen der Betroffenen verändert werden. Dieses Prinzip ist keine juristische Formalie. Es ist die Lehre aus einem Jahrhundert der Verwüstung. In Davos reagierte Europa ungewohnt geschlossen. Europäische Union und NATO stellten sich demonstrativ hinter Dänemark und Grönland, kündigten wirtschaftliche Gegenmaßnahmen an und machten klar, dass territoriale Fragen nicht verhandelbar sind. Als Handelsgespräche eingefroren und umfangreiche Gegenzölle vorbereitet wurden, reagierten auch die Märkte. Kurz darauf wurde der Ton aus Washington vorsichtiger. Aus Drohungen wurden Gesprächsangebote. Aus Ultimaten Rahmenformeln. In dieser Phase trat auch Großbritannien deutlicher hervor. Keir Starmer hatte zunächst auf Zurückhaltung gesetzt. Nähe, so die Hoffnung, könne Eskalation verhindern. Diese Rechnung ging nicht auf. Trotz vorsichtiger Annäherung sah sich London mit neuen Zollandrohungen konfrontiert, mit öffentlicher Herabsetzung und mit dem Versuch, britische Entscheidungen in anderen Weltregionen politisch zu instrumentalisieren.

Grönland – und jedes Mittel war recht

Der unbestätigte Brief beschreibt den Wunsch der grönländischen Regierung nach einer deutlich engeren politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Anbindung an die Vereinigten Staaten. Er stellt eine mögliche Loslösung von Dänemark in Aussicht und kündigt an, ein Referendum darüber so schnell wie möglich anzustreben. Die stärkere Integration in die US-amerikanische Einflusssphäre wird als strategisch entscheidend für Grönlands Zukunft dargestellt. Zugleich macht das Schreiben deutlich, dass konkrete Projekte bereits von finanziellen Problemen begleitet sind und zusätzliche US-Mittel benötigt werden. Insgesamt zeigt der Brief, dass innerhalb der grönländischen Regierung schon seit Jahren offen über Abhängigkeiten von Washington und einen grundlegenden politischen Kurswechsel nachgedacht wird.

Nach dem heutigen Stand der Recherchen lässt sich der mutmaßliche Brief nicht einer staatlichen Stelle Grönlands zuordnen, vielmehr weist er die typischen Merkmale einer gezielten Einflussoperation auf. Eine namentliche Urheberschaft ist nicht belegt, doch Form, Tonfall und Platzierung folgen bekannten Mustern: Verwendung echter Namen und offizieller Briefköpfe, Zuspitzung politisch hochempfindlicher Themen und bewusste Umgehung formeller diplomatischer Kanäle. Analysen ordnen vergleichbare Dokumente Kampagnen zu, die darauf abzielen, Vertrauen zwischen Partnern zu untergraben und bestehende Spannungen zu verschärfen. Der Zeitpunkt im Jahr 2019 – erste US-Vorstöße zu Grönland, angespannte transatlantische Beziehungen, offene Souveränitätsfragen – bot dafür einen idealen Resonanzraum. Die Wahl von Tom Cotton als Adressat erhöhte die Glaubwürdigkeit, ohne zwingend offizielle Reaktionen auszulösen. Spätere sicherheitspolitische Bewertungen führen das Schreiben ausdrücklich als Fälschung. Ziel war demnach nicht Diplomatie, sondern Verunsicherung – ein Dokument, konstruiert, um geglaubt zu werden, politische Reaktionen zu provozieren und Misstrauen zu säen, ohne dass je eine reale Entscheidung oder formelle Politik dahinterstand.

Spätestens in der Grönland-Frage zog Starmer eine klare Linie. London machte deutlich, dass es eine erzwungene Grenzverschiebung nicht unterstützen wird. Das war außenpolitisch riskant und innenpolitisch umstritten, aber konsequent. Denn längst war klar geworden, dass es nicht um einzelne Sachfragen ging, sondern um ein Machtverständnis, das Bündnisse nur noch als Druckmittel begreift. Der Ton aus Washington wirkte auch nach innen. In Großbritannien verschob sich die politische Sprache. Rechte Parteien und Teile der Konservativen übernahmen Trumps Vereinfachungen, seine Zuspitzungen, seine Bereitschaft zur Provokation. Starmer geriet unter Druck, nicht nur wegen Grönland, sondern weil außenpolitische Prinzipien plötzlich als verhandelbar dargestellt wurden.

Der britische Premierminister Keir Starmer forderte Donald Trump auf, sich für seine Aussage zu entschuldigen, NATO-Truppen hätten in Afghanistan nicht an vorderster Front gekämpft:

„Ich halte die Äußerungen von Präsident Trump für beleidigend und, offen gesagt, für empörend.“

Gerade deshalb gewann die Auseinandersetzung eine Bedeutung, die über die Insel hinausreicht. Es ging nicht um Eis, Rohstoffe oder Militärbasen, sondern um die Frage, ob ein mittelgroßer Staat widersprechen kann, ohne bestraft zu werden. Starmer tat es dennoch. Und er tat es öffentlich. Als Trump europäische Soldaten für ihren Einsatz in Afghanistan herabsetzte, widersprach er offen und scharf. Es war ein bewusster Bruch mit der bisherigen Zurückhaltung. Parallel dazu wurde deutlicher, was viele ehemalige Regierungsmitglieder offen aussprechen. Grönland erscheint weniger als strategische Notwendigkeit denn als persönliches Projekt. Als etwas Großes, Sichtbares, Besitzbares. Aussagen aus Interviews und internen Gesprächen deuten darauf hin, dass es um Bedeutung geht, um Größe, um das Setzen eines Zeichens. Die angebliche Bedrohung durch China und Russland wirkt dabei wie ein Vorwand, nicht wie der Antrieb.

Dieses Muster ist bekannt. Auch in anderen Konflikten wurden Sicherheitsargumente vorgeschoben, ohne dass sie sich belegen ließen. Am Ende ging es um Kontrolle, um Einfluss, um Fixierungen. Grönland reiht sich in diese Logik ein. Für Europa war die Episode ein Lehrstück. Nicht, weil eine neue Gefahr erkannt worden wäre, sondern weil eine alte Gewissheit zerbrochen ist. Regeln gelten nur, wenn sie verteidigt werden. Souveränität ist kein leichtfertiger Begriff, sondern eine tägliche Entscheidung. In Grönland, in der Ukraine, überall dort, wo große Mächte testen, wie weit sie gehen können.

Am Ende bleibt ein nüchterner Befund. China und Russland bedrohen Grönland nicht. Das sagen jene, die Zugang zu den relevanten Informationen haben. Die eigentliche Spannung entsteht anderswo: aus einem politischen Projekt, das mit Sicherheitsbehauptungen arbeitet, ohne sie zu belegen. Und aus einem Europa, in dem selbst enge Verbündete gelernt haben, dass Zustimmung kein Schutz ist — und dass ein klares Nein manchmal der einzige Weg bleibt.

*Hinweis zum Artikel:
Unter dem Brief wurde beim Hochladen irrtümlich die reine zusammengefasste Übersetzung in den Artikel übernommen und nicht die journalistische Einordnung. Dieser technische Fehler wurde inzwischen korrigiert. Wir bitten die Leserinnen und Leser um Entschuldigung.
(24. Januar 2026, 15:45 CET)

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Ela Gatto
Ela Gatto
41 Minuten zuvor

Trump behauptet immer, ohne Belege, etwas, was ihm für seine Aktionen von Nutzen sein kann.
Das Muster zieht sich seit seiner ersten Amtszeit durch.

Kanada und UK waren/sind für mich die Highlights in der Grönland Problemstik. Neben den Dänen und Grönländern.

Zurückhaltung hat bei Trump noch nie funktioniert.
Im Gegenteil.
Trump eskaliert, wenn es ihm nutzt.
Weil er zu wenig echten Gegenwind bekommt.
Siehe Venezuela.

Merz und andere Staatspräsidenten eiern lieber rum. Vermeiden konkrete Aussagen.

Dennoch ist das Einfrieren der Zollvereinbarung ein bemerkenswerter Schritt.
Man kann nur hoffen, dass sie nächste Woche nicht gleich wieder einknicken, weil Trump „zurück gerudert“ ist.
Auch das ist Taktik der Trump Regierung.
Worst Case androgen, Reaktionen abwarten, ggf etwas zurück rudern. Dann freut sich die „Gegenseite“, dass es doch „nicht schlimm geworden“ ist.
Eine sehr naive und gefährliche Reaktion.

Carolina
Carolina
38 Minuten zuvor

Was ist denn eigentlich mit den E-Mails die Macron und Rutte an Trump schickte und über die Trump sich lustig gemacht hat?

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