Während in Minneapolis noch die Schüsse nachhallen und Videos den schrecklichen Tod vom Alex Pretti durch einen Bundesbeamten dokumentieren, öffnete das Weiße Haus am Samstagabend seine Türen für eine exklusive Vorführung. Gezeigt wurde eine kommende Dokumentation über Melania Trump, produziert von Amazon MGM. Draußen eskalierte die politische Lage, drinnen lief ein Film. Der Kontrast hätte schärfer kaum sein können. Die Vorführung fand statt, obwohl das Land zugleich von mehreren Krisen erfasst war. In Minneapolis war wenige Stunden zuvor Alex Pretti, 37 Jahre alt, bei einem Einsatz von Einwanderungsbehörden erschossen worden. Das Heimatschutzministerium behauptete zunächst, Pretti habe eine Bedrohung dargestellt. Doch sämtliche Videos, Zeugen und Recherchen widerlegten nicht nur diese falsche Behauptung, sie untermauerten diese Darstellung als Lüge. Analysen zeigten, dass ein Beamter eine Waffe aus Prettis Gürtel entfernte, bevor geschossen wurde. Die öffentliche Wut stieg, ebenso die Proteste.

Zeitgleich versammelte sich im Ostsaal des Weißen Hauses eine handverlesene Gästeliste. Anwesend waren Führungskräfte aus der Tech- und Medienwelt, darunter der Vorstandsvorsitzende von Amazon, der Chef von Amazon MGM, prominente Unternehmer, Prominente aus Unterhaltung und Sport sowie internationale Gäste. Auch der Sohn des Präsidenten war dabei. Gastgeber waren Melania Trump und Donald Trump selbst. Der Dresscode war formell, der Rahmen privat, der Abend sorgfältig inszeniert. Amazon äußerte sich auf Nachfrage nicht zu der Veranstaltung. Wahrscheinlich war es besser so für Amazon. Fest steht jedoch, dass der Konzern für die Rechte an der Dokumentation eine Summe gezahlt haben soll, die für dieses Genre außergewöhnlich hoch ist. Der Film soll einen persönlichen Einblick in die Wochen vor der Amtseinführung des Präsidenten geben und wird Ende Januar erstmals öffentlich gezeigt. Die Vorführung im Weißen Haus war Teil des offiziellen Terminkalenders des Präsidenten.
Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Eine Abgeordnete aus New York sprach von einer verstörenden Prioritätensetzung. Während ein Krankenpfleger auf offener Straße getötet worden sei, Behörden in andere Affären verwickelt seien und Millionen Menschen sich auf einen schweren Wintersturm vorbereiteten, habe der Präsident einen Filmabend veranstaltet. Während große Teile der USA vor einer historischen Kältewelle stehen, sieht Donald Trump sich erneut bestätigt: Global Warming sei offensichtlich eine Erfindung. Schließlich friere es gerade. Auf seiner Plattform Truth Social erklärte er die bevorstehenden Minusgrade in bis zu 40 Bundesstaaten zum endgültigen Beweis gegen den Klimawandel und fragte höhnisch, was eigentlich aus der „globalen Erwärmung“ geworden sei. Verantwortlich machte er einmal mehr ominöse „Umwelt-Aufständische“, ohne näher zu erklären, wer damit gemeint sein soll. Die Frage, was das über den Zustand der politischen Führung aussage, stellte sie offen. Auch die Symbolik der Veranstaltung blieb nicht unbeachtet. Das Weiße Haus verfügt derzeit über kein eigenes Kino, da Teile des Gebäudes für einen geplanten Neubau abgerissen wurden. Die Leinwand wurde deshalb eigens im Ostsaal installiert, die Stuhlreihen sorgfältig ausgerichtet. Alles war vorbereitet für einen Abend der Selbstvergewisserung, während draußen die Realität ein anderes Bild zeichnete.

Melania Trump beschrieb die Veranstaltung später als bewegend. Sie sprach von Freunden, Familie und Menschen, die mit ihren Lebenswegen Eindruck hinterlassen hätten. Ein enger Berater der First Lady lobte die Wärme und Nähe des Abends, den er als intim und unvergesslich bezeichnete. Worte, die in starkem Gegensatz zu den Bildern standen, die zeitgleich aus Minneapolis um die Welt gingen. Die Vorführung mag als private Veranstaltung geplant gewesen sein. Doch sie fand im Zentrum der politischen Macht statt, finanziert von einem Konzern, dessen Gründer eng mit der Regierung verbunden ist, und in einem Moment, in dem das Vertrauen in staatliches Handeln weiter erodierte. Während Videos Zweifel an der offiziellen Darstellung eines tödlichen Einsatzes säten, setzte das Weiße Haus auf Abschottung, Glanz und Normalität. So bleibt von diesem Abend vor allem ein Eindruck: ein Präsidentenhaus, das sich demonstrativ abkoppelt. Ein Film über die First Lady, gezeigt hinter verschlossenen Türen, während draußen Fragen nach Verantwortung, Gewalt und Wahrheit unbeantwortet bleiben.
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