Am Berliner Hauptbahnhof warnte am 30. Juli eine Anzeige vor der Hitze. Menschen gingen daran vorbei, als ließe sich eine Gefahr mit einer Durchsage auf Abstand halten. Hinter den Temperaturen dieses Sommers steht inzwischen eine Zahl, die Europa weit weniger beiläufig betrachten sollte: mehr als 50.000 hitzebedingte Todesfälle in städtischen Gebieten. Über 32.000 davon sind nach Berechnungen von Wissenschaftlern auf die menschengemachte Erwärmung zurückzuführen, die vor allem durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe vorangetrieben wird. Die Forscher sprechen von Schätzungen. Hinter jeder einzelnen steht ein Leben, das in der Statistik keinen Namen mehr trägt.

Von Ende Mai bis August trafen wiederholte Rekordhitzewellen den Kontinent. Besonders hohe geschätzte Todeszahlen verzeichneten die städtischen Gebiete Italiens und Frankreichs. Auch Spanien und Deutschland waren schwer betroffen, ebenso das Vereinigte Königreich. Forscher des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine untersuchten 854 städtische Gebiete in 30 europäischen Ländern. Erfasst wurden rund 40 Prozent der Bevölkerung dieser Länder. Zu ihnen gehören die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie Norwegen und die Schweiz. Das Vereinigte Königreich wurde ebenfalls einbezogen.

Die Grafik zeigt, wie dramatisch die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in europäischen Städten gestiegen ist und welchen Anteil die menschengemachte Erderwärmung daran hat. Jeder Balken steht für einen Sommer zwischen 2000 und 2026. Die Gesamthöhe zeigt die geschätzte Zahl der Hitzetoten. Gelb kennzeichnet jene Todesfälle, die dem Klimawandel zugerechnet werden, Rot den übrigen Anteil. Besonders erschütternd ist die Entwicklung über die Jahrzehnte: Im Hitzesommer 2003 starben schätzungsweise 28.462 Menschen, damals waren 42 Prozent der Todesfälle auf die menschengemachte Erwärmung zurückzuführen. 2022 lag dieser Anteil bei 59 Prozent und 2026 bereits bei 65 Prozent. Für den Sommer 2026 ergeben die Berechnungen 50.391 Hitzetote, davon mehr als 32.000 infolge der zusätzlichen Erwärmung durch menschliche Aktivitäten. Die Zahlen beruhen auf wissenschaftlichen Modellen für städtische Gebiete in 30 europäischen Ländern und erfassen damit keineswegs sämtliche Hitzetoten Europas. Die Grafik zeigt eine Entwicklung, deren Konsequenzen längst in Krankenhäusern und Familien angekommen sind: Mit steigenden Temperaturen wächst auch der Anteil jener Todesfälle, die ohne die menschengemachte Erwärmung nach den Berechnungen vermeidbar gewesen wären.
Die Wissenschaftler verglichen die gemessenen Sommertemperaturen mit einem berechneten Verlauf ohne menschengemachte Erwärmung. Anschließend verknüpften sie diese Ergebnisse mit historischen Daten über Hitze und Sterblichkeit, um die monatlichen Todesfälle abzuschätzen. Die Hitzewelle Ende Juni war die tödlichste und machte ungefähr ein Drittel der gesamten Sommersterblichkeit durch Hitze aus. Zwischen dem 17. Juni und dem 1. Juli lagen die durchschnittlichen Tagestemperaturen in der untersuchten Region mehr als 5 Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Die Entwicklung lässt sich über Jahrzehnte verfolgen. Im Sommer 2003 waren schätzungsweise 42 Prozent der hitzebedingten Todesfälle der menschengemachten Erwärmung zuzurechnen. 2022 lag dieser Anteil bei 59 Prozent. Im Sommer 2026 erreichte er 65 Prozent. Die zugehörige Auswertung der Sommer von 2000 bis 2025 erschien in Nature Health. Eine zweite wissenschaftliche Arbeit über 2026, die nach demselben Verfahren erstellt wurde, ist zur Veröffentlichung angenommen. Die Prozentwerte beschreiben den Anteil innerhalb der geschätzten Hitzetoten, keine Gewissheit über die Todesursache jedes einzelnen Menschen.
Pierre Masselot von der London School of Hygiene & Tropical Medicine bezeichnete diesen Sommer als erneute dramatische Erinnerung daran, dass der Klimawandel jeden betreffe. Die Gefahr reiche inzwischen über jene Bevölkerungsgruppen hinaus, die seit Langem als besonders verletzlich gelten. Regierungen müssten ihre Schutzmaßnahmen ausbauen und die medizinische Versorgung gefährdeter Menschen verbessern.
Mehr als die Hälfte der geschätzten Hitzetoten war älter als 85 Jahre. Gleichzeitig starben den Berechnungen zufolge in den 30 Ländern rund 6.000 Menschen unter 65 während der Hitzewellen. Das Alter entscheidet also keineswegs allein darüber, wer der Hitze ausgeliefert ist. Garyfallos Konstantinoudis vom Grantham Institute des Imperial College London verweist auf eine Anfang Oktober veröffentlichte Untersuchung im Fachblatt The Lancet Regional Health – Europe. Sie fand höhere hitzebedingte Sterbezahlen in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Auch eingeschränkter Zugang zu Bildung und weitere soziale Nachteile erhöhten nach seinen Angaben die Verletzlichkeit.
Clair Barnes vom Grantham Institute, Hauptautorin beider Arbeiten, erinnerte daran, dass hinter den Zahlen Menschen stünden, um die Familien trauerten. Gezielter Schutz der besonders Gefährdeten sei dringend erforderlich. Ebenso müsse der Abschied von fossilen Brennstoffen rasch vorankommen, damit die Erwärmung langsamer fortschreite. Während Regierungen noch über Anpassung beraten, heizen die Verbrennungsanlagen einer alten Wirtschaftsordnung weiter den Planeten auf.
Selbst im traditionell kühleren Vereinigten Königreich beziffern die Forscher die hitzebedingten Todesfälle auf rund 4.500. Andrew Hartle, Professor für Anästhesie am Imperial College London und Intensivmediziner beim Imperial College Healthcare NHS Trust, warnte, Regionen mit bislang gemäßigtem Klima müssten sich jetzt auf extreme Hitze vorbereiten. Normalerweise sei der Sommer im britischen Gesundheitswesen die ruhigste Jahreszeit. Diesmal habe der Andrang Krankenhäuser teilweise so stark belastet wie eine schwere Grippewelle im Winter. Patienten seien während der Behandlung anderer Erkrankungen überhitzt; außerdem habe die Hitze das Risiko technischer Ausfälle medizinischer Geräte erhöht. Große Teile der Krankenhausgebäude seien für solche Temperaturen ungeeignet.

Der Sommer brachte auch Proteste hervor, wie Europa sie seit der Hochphase der Fridays-for-Future-Bewegung 2019 kaum gesehen hatte. Mitte September demonstrierten in Amsterdam etwa 40.000 Menschen. Später folgten Zehntausende in Deutschland sowie Belgien und Österreich. Sie verlangten von ihren Regierungen weniger Treibhausgase und besseren Schutz vor extremer Hitze. Die Krankenhäuser können Menschen kühlen, soweit ihre Gebäude es zulassen. Eine Regierung kann Warnungen ausgeben und Schutzräume schaffen. Aber solange die Verbrennung fossiler Brennstoffe die Temperaturen weiter steigen lässt, verschärft sich die Gefahr. Im Berliner Bahnhof leuchtete die Warnung auf einer Anzeigetafel. Die Zahl der Toten stand dort nicht.
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