Erstickt in der Isolation – Der Tod von Geraldo Lunas Campos und das Schweigen des Systems

VonRainer Hofmann

Januar 22, 2026

Der Tod von Geraldo Lunas Campos in einem Abschiebegefängnis in El Paso ist kein Unglück, kein medizinischer Zwischenfall und kein missglückter Rettungsversuch. Die Obduktion spricht eine klare Sprache: Der 55-jährige Kubaner starb durch Erstickung infolge massiver Kompression von Hals und Oberkörper. Die Gerichtsmedizin stuft seinen Tod als Tötungsdelikt ein. Lunas Campos befand sich in Einzelhaft im ICE-Lager Camp East Montana, einer weitläufigen Zeltanlage auf dem Gelände von Fort Bliss. Nach einem Konflikt mit Wachpersonal wurde er fixiert. Zeugen berichten, dass er gefesselt war, während mindestens fünf Beamte ihn zu Boden drückten. Einer soll seinen Arm um den Hals gelegt und den Druck erhöht haben, bis Lunas Campos das Bewusstsein verlor. Wenig später atmete er nicht mehr.

Die Autopsie des Gerichtsmedizinischen Instituts von El Paso dokumentiert Abschürfungen an Brust und Knien, Blutungen am Hals sowie Petechien an Augenlidern und Halshaut – typische Zeichen schwerer Sauerstoffunterversorgung. Die Todesursache lautet: Asphyxie durch äußere Gewalteinwirkung. Hinweise auf einen Suizidversuch finden sich im Bericht nicht. Trotzdem versuchte U.S. Immigration and Customs Enforcement zunächst, den Tod anders darzustellen. In der ersten Mitteilung fehlte jede Erwähnung eines körperlichen Eingreifens. Später hieß es, Lunas Campos habe versucht, sich selbst zu töten, das Personal habe eingreifen müssen. Erst nachdem die Familie über die vorläufige Einschätzung der Gerichtsmedizin informiert worden war, änderte die Regierung ihre Darstellung erneut. Nun war von Gegenwehr die Rede, von einem Kampf, in dessen Verlauf der Mann das Bewusstsein verlor.

ICE-Lager Camp East Montana

Nach Veröffentlichung des endgültigen Berichts verschob sich der Ton abermals. Eine Sprecherin des Department of Homeland Security betonte, Lunas Campos sei ein verurteilter Sexualstraftäter gewesen. Seine Vorstrafen aus den Jahren 2003 und 2009 wurden ausführlich aufgelistet. Zur Frage, wie ein Mensch in staatlichem Gewahrsam zu Tode kommt, sagte das nichts. Lunas Campos lebte seit den neunziger Jahren in den USA, war legal eingereist, hatte drei Kinder und wohnte mehr als zwanzig Jahre in Rochester, New York. Im Sommer wurde er im Rahmen einer gezielten Abschiebeaktion festgenommen und später nach Texas verlegt. Er gehörte zu den ersten Insassen des neu errichteten Lagers Camp East Montana.

Dieses undatierte Foto, das Jeanette Pagan-Lopez zur Verfügung gestellt hat, zeigt Geraldo Lunas Campos gemeinsam mit seinen drei Kindern. Lunas Campos starb am 3. Januar 2026 in einer ICE-Haftanstalt in El Paso, Lager Camp East Montana im US-Bundesstaat Texas.

Dieses Lager steht seit Monaten in der Kritik. Der milliardenschwere Auftrag zum Bau und Betrieb ging an eine Firma ohne Erfahrung im Strafvollzug, angesiedelt in einem Einfamilienhaus in Virginia. Wer genau die Wachen stellte, die an dem tödlichen Einsatz beteiligt waren, ist bis heute ungeklärt. Ob staatliche Beamte oder Personal eines Subunternehmens, bleibt offen. Der Tod von Lunas Campos ist nicht der einzige. Innerhalb von etwas mehr als einem Monat starben mindestens drei Menschen in derselben Einrichtung. Ein Mann aus Guatemala verstarb nach einem Krankenhausaufenthalt, mutmaßlich an Organversagen. Ein 36-jähriger Nicaraguaner starb wenige Tage später, offiziell durch Suizid. Anders als in den vorherigen Fällen wurde sein Leichnam nicht an die zivile Gerichtsmedizin übergeben. Die Untersuchung erfolgt intern auf dem Militärstützpunkt.

Dass Camp East Montana auf einem Armeegelände liegt, erschwert unabhängige Ermittlungen zusätzlich. Zuständigkeiten verschwimmen, externe Kontrolle bleibt begrenzt. Ob neben ICE eine andere Strafverfolgungsbehörde ermittelt, ist unklar. Die demokratische Abgeordnete Veronica Escobar fordert Konsequenzen. Sie verlangt eine umfassende Unterrichtung des Kongresses durch Heimatschutzministerin Kristi Noem und den kommissarischen ICE-Direktor Todd M. Lyons. Beweise müssten gesichert, Zeugen dürften nicht abgeschoben werden. Ihr Ziel ist klar: die sofortige Schließung des Lagers und die Kündigung des Betreibervertrags. Der Tod von Geraldo Lunas Campos zeigt, was geschieht, wenn Isolation, Gewalt und fehlende Kontrolle zusammentreffen. Ein Mensch stirbt, festgehalten von denen, die ihn bewachen sollten. Danach beginnt das Umschreiben der Geschichte. Die Gerichtsmedizin hat dieses Mal widersprochen. Die Frage ist, ob es Folgen haben wird.

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Lea
Lea
1 Stunde zuvor

Grauenhaft!

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