Die ersten Amerikaner geben bereits ihre Stimmen für die Kongresswahlen ab. In den Büros jener Organisationen, die Menschen zur Wahlteilnahme bewegen sollen, werden derweil Stellen gestrichen. Programme verschwinden, Mitarbeiter gehen, die Geldgeber halten ihre Schecks zurück. Ausgerechnet bei den großen Wählerinitiativen der politischen Linken und bei Bürgerrechtsorganisationen fehlen Millionen Dollar. Die Demokraten setzen für die Zwischenwahlen auf eine hohe Beteiligung. Viele ihrer bisherigen Helfer müssen inzwischen überlegen, welche Arbeit sie überhaupt noch bezahlen können. Der Kongress, über dessen Zusammensetzung im November entschieden wird, bestimmt die politischen Kräfteverhältnisse während der letzten 2 Jahre von Donald Trumps Amtszeit.

America Votes, die Koordinierungsstelle für mehr als 400 progressive Organisationen, verfügt nach Angaben ihrer Geschäftsführerin Daria Dawson über deutlich weniger Geld als bei den Zwischenwahlen 2022. Zum Verbund gehören die NAACP und Planned Parenthood. Auch die League of Conservation Voters arbeitet dort mit, ebenso die Gewerkschaften AFL-CIO und SEIU. Kleinere Bürgerrechtsvereinigungen gehören ebenfalls dazu. Dawson warnt, die Möglichkeit, weitere Menschen zu erreichen und für die Wahl zu gewinnen, bestehe noch, werde aber täglich kleiner. Der Zeitpunkt ist unangenehm konkret: Während über zusätzliche Mittel verhandelt wird, läuft die Stimmabgabe bereits.
Ein im Juli unter großen demokratischen Geldbeschaffern verbreitetes Schreiben bezifferte den Rückstand. Organisationen, die bei den Zwischenwahlen 2018 und 2022 Millionen Menschen registriert und zur Teilnahme bewegt hätten, hätten zum vergleichbaren Zeitpunkt fast 40 Prozent mehr Geld eingeworben als heute. Die Verfasser warnten, die Finanzierung dieser Arbeit sei besonders wichtig, da die Demokraten in allgemeinen Parteiumfragen gegenüber früheren Vergleichswerten und angesichts der Zustimmungswerte des Präsidenten schwächer abschnitten als erhofft.
Der finanzielle Rückzug hat längst Folgen. Organisationen verkleinern ihre Belegschaften und streichen Programme für Menschen, die selten wählen. Besonders betroffen sind jüngere Wahlberechtigte und Angehörige ethnischer Minderheiten. Auch in ländlichen Gebieten wird die persönliche Wähleransprache zurückgefahren. Demokratische Strategen befürchten, dass den Gruppen zudem die Mittel fehlen könnten, um möglichen Eingriffen der republikanischen Regierung in Wahlverfahren entgegenzutreten. Die gewöhnliche Arbeit der Wählerregistrierung gerät damit ebenso unter Druck wie der Schutz der Wahlrechte.

Esosa Osa, erfahrene demokratische Strategin und Gründerin der Forschungsgruppe Onyx Impact, spricht von einer Kapitulation. Ihre Organisation beschäftigt sich mit Falschinformationen in schwarzen Gemeinschaften. Der Rückzug der Geldgeber fessele die Fähigkeit, Menschen zur Wahlteilnahme zu bewegen, erklärte sie. Zugleich seien die gesetzlichen Schutzmöglichkeiten erheblich geschwächt worden. Der Oberste Gerichtshof hatte in diesem Jahr 1 der letzten wesentlichen Schutzbestimmungen des Wahlrechtsgesetzes von 1965 beseitigt. Osa sieht im Verhalten der Geldgeber eine Preisgabe bisheriger Arbeit.
Die Ursachen des Geldmangels reichen bis zur Präsidentschaftswahl 2024 zurück. Knapp zwei Dutzend Organisatoren und Geldbeschaffer schilderten unterschiedliche Gründe für den Rückzug. Manche wohlhabenden Unterstützer seien von den Demokraten und ihren Verbündeten derart enttäuscht, dass sie liberale Anliegen überhaupt nicht mehr finanzierten. Andere gäben weiterhin Geld, bevorzugten inzwischen jedoch juristische Organisationen, die gegen die Trump-Regierung vor Gericht ziehen. Für den Anwalt findet sich offenbar leichter ein Scheck als für den Helfer, der in einer abgelegenen Gemeinde an Haustüren klopft.

Hinzu kommt die Furcht vor politischen Konsequenzen. Nach Angaben mehrerer Organisatoren scheuten philanthropische Einrichtungen und andere Geldgeber inzwischen die Verbindung mit Wahlrechtsarbeit oder Initiativen gegen rassistische Benachteiligung. Sie befürchteten Vergeltungsmaßnahmen der Regierung. Das Vorgehen gegen politische Gegner und Programme für Vielfalt habe die Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung gedämpft, berichteten Personen, die mit möglichen Spendern gesprochen hatten.
Wie weit diese Angst reicht, schildert Tameka Ramsey-Brown, Gründerin und Leiterin der Michigan Coalition on Black Civic Participation. Seit der Wahl 2024 hätten mehrere Geldgeber gefragt, ob ihre Organisation das Wort „Black“ aus ihrem Namen entfernen könne. Andere hätten wissen wollen, ob sich Spenden über zwischengeschaltete Stellen abwickeln ließen, damit ihre Herkunft verborgen bleibe. Die Unterstützer fürchteten Druck und Angriffe durch die Regierung.

Ramsey-Brown beschreibt die Folgen mit bitterer Deutlichkeit. Allein das Schwarzsein werde in diesem Land wieder wie ein anstößiges Wort behandelt. Die Geldbeschaffung sei dadurch erheblich schwieriger geworden. Eine Bürgerrechtsorganisation, deren Name ausdrücklich die politische Beteiligung schwarzer Menschen bezeichnet, soll ausgerechnet diese Bezeichnung ablegen, damit sich ihre Geldgeber sicherer fühlen können. Das Geld ist willkommen, solange auf der Überweisung möglichst wenig von denen zu erkennen ist, denen es helfen soll.
Auch das Democratic National Committee kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten. Die Parteiführung hat ihre Programme zur Wähleransprache in diesem Jahr zusammengelegt, teilweise als Reaktion auf frühere Schwächen der verbundenen Organisationen. Sprecher Angelo Fernández Hernández erklärte, die Partei investiere in historischem Umfang in ihre Organisationsarbeit. Sie baue den Schutz der Wahlrechte aus und wolle Trump sowie die Republikaner gerichtlich zur Verantwortung ziehen. Landesweit würden Menschen registriert und zur Wahlteilnahme bewegt. Auf die finanziellen Schwierigkeiten der verbündeten Initiativen ging seine Stellungnahme allerdings nicht ein.
Besonders deutlich zeigt sich die Lage bei Vamos a Votar. Der Zusammenschluss großer Bürgerrechts- und Interessenorganisationen für lateinamerikanischstämmige Gemeinschaften hat seine Vorhaben wegen fehlender Mittel bereits verkleinert. Juan Proaño, Geschäftsführer der League of United Latin American Citizens, beklagte, Investitionen erreichten ausgerechnet jene schwarzen und lateinamerikanischstämmigen Gemeinschaften nicht ausreichend, deren Stimmen nach seiner Einschätzung bei dieser Wahl entscheidend seien. In einem im September verbreiteten Aufruf an Geldgeber bezifferte Vamos a Votar das geplante Gesamtvolumen für Wähleransprache und Überzeugungsarbeit auf 27,5 Millionen Dollar. Noch fehlten 5,4 Millionen Dollar, um Maßnahmen zur Steigerung der Wahlbeteiligung in 10 Bundesstaaten und 17 Wahlkreisen zum Repräsentantenhaus zu finanzieren. Bereits dieses Vorhaben war gegenüber früheren Finanzierungsanträgen vom Jahresbeginn verkleinert worden.

Héctor Sánchez Barba, Geschäftsführer der angeschlossenen Organisation Mi Familia Vota, zeigte sich schwer enttäuscht darüber, dass progressive Geldgeber der Situation nicht gerecht würden. Seine Organisation werde weiterarbeiten. Man stehe für die eigenen Gemeinschaften und die Demokratie an vorderster Stelle. Die Zusicherung ändert allerdings nichts an den fehlenden Millionen.
Mit weniger Personal versuchen die Organisationen inzwischen, ihre Arbeitsweise umzustellen. Einige setzen verstärkt künstliche Intelligenz ein, um Anleitungen zur Wählerregistrierung zu erstellen und Informationen in mehreren Sprachen zugänglich zu machen. Auch mögliche Probleme bei der Wahl sollen damit erfasst werden. Andere arbeiten mit Fahrdienstunternehmen zusammen, die kostenlose Fahrten zu Wahllokalen ermöglichen. Frühere Busangebote werden teilweise ersetzt. Wo persönliche Wahlhelfer fehlen, gewinnen soziale Netzwerke an Bedeutung. Die Organisationen arbeiten zudem verstärkt mit politisch linksgerichteten Verfassern von Onlineinhalten zusammen, um ihre Botschaften zu verbreiten.
Melanie Campbell, Präsidentin der überparteilichen Bürgerrechtsorganisation National Coalition on Black Civic Participation, arbeitet seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich. Noch nie sei es derart schwierig gewesen, Geld für Anliegen schwarzer Menschen zu beschaffen, erklärte sie. Die Landesverbände täten weiterhin alles, was ihnen möglich sei. Wer die Demokratie für wichtig halte, müsse nach ihrer Auffassung auch die entsprechende Arbeit finanzieren. Während die ersten Stimmen bereits abgegeben werden, müssen Bürgerrechtsorganisationen ihre Vorhaben weiter verkleinern. Die Demokratische Partei kündigt historische Investitionen an, ihre bisherigen Partner streichen Personal. Wohlhabende Geldgeber finanzieren Gerichtsverfahren, während andernorts das Geld für die gewöhnliche Wähleransprache fehlt. Und in Michigan steht eine Bürgerrechtsorganisation vor der Frage, ob sie ihren Namen ändern soll, damit ihre Unterstützer keine politischen Konsequenzen fürchten müssen.
Die Wahllokale haben geöffnet. Die Menschen, die anderen den Weg dorthin ermöglichen sollen, warten noch auf das Geld für ihre Arbeit.
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