Brüssels Sanktions-Lachnummer: Die EU bestraft verschwundene Fabriken, verwechselt Menschen und lässt Chinas Lieferanten für Putins Krieg unangetastet

byTEAM KAIZEN BLOG

27. October 2026

Am 12. Oktober 2026 verkündete die Europäische Union ihr bislang umfangreichstes Sanktionspaket gegen Russlands Rüstungsindustrie. 1.569 Menschen und Unternehmen stehen auf der neuen Liste, darunter 826 russische Firmen und 743 Personen. Brüssel präsentierte das Dokument als entschlossene Antwort auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Bei genauerer Untersuchung zeigt sich allerdings ein erschreckendes Bild europäischer Nachlässigkeit. Unternehmen werden bestraft, obwohl sie seit Jahren nicht mehr existieren. Geschäftsführer werden mit ihren Stellvertretern verwechselt. Namen erscheinen in einer Schreibweise, die nicht einmal zuverlässig zwischen dem lateinischen und dem kyrillischen Alphabet unterscheiden kann. Gleichzeitig fehlt unter den Hunderten neu sanktionierten Unternehmen jede chinesische Firma. Ausgerechnet die Hersteller und Banken jenes Landes, das für die Versorgung der russischen Kriegsindustrie inzwischen entscheidend ist, dürfen unbehelligt weitermachen. Während ukrainische Städte unter russischen Drohnenangriffen leiden, beschäftigt sich Brüssel offenbar damit, möglichst viele Namen auf möglichst viele Seiten zu bekommen.

Schon die Begründungen verraten, mit welcher Sorgfalt gearbeitet wurde. Im Beschluss 2026/2279 verwendet die EU für sämtliche 1.569 Einträge lediglich zwei vorgefertigte Begründungen. Frühere Sanktionsentscheidungen erläuterten zumindest weitgehend für jedes neue Ziel, weshalb die Maßnahmen gerechtfertigt seien. Jetzt genügt offenbar der Hinweis, dass die betreffenden Unternehmen auf einer russischen Regierungsliste zur Rüstungsindustrie stehen und deshalb staatliche Zuschüsse erhalten könnten. Eine solche Zugehörigkeit kann durchaus einen Grund für Sanktionen liefern. Sie ersetzt allerdings keine ernsthafte Untersuchung der tatsächlichen Lieferbeziehungen. Russische Rüstungsbetriebe kaufen ihre benötigten ausländischen Bauteile häufig überhaupt nicht selbst ein. Dafür existieren andere Firmen, die Beschaffungen organisieren und Lieferketten verschleiern. Gerade diese Verbindungen entscheiden darüber, ob eine Sanktion Russland tatsächlich schadet. Einen längst verschwundenen Betrieb auf eine europäische Verbotsliste zu schreiben, dürfte Putin dagegen kaum den Schlaf rauben.

Die beiden Ausschnitte stammen aus der neuen EU-Sanktionsliste vom 12. Oktober 2026. Sie zeigen, wie nachlässig Brüssel bei der Erfassung russischer Unternehmen und ihrer Verantwortlichen gearbeitet hat. Firmennamen wurden teilweise einfach Buchstabe für Buchstabe aus dem Russischen übertragen, selbst dort, wo Unternehmen längst eigene internationale Bezeichnungen verwenden. Beim russischen Forschungs- und Produktionsunternehmen AMB wurde sogar die Internetadresse falsch übertragen. In der Liste steht „licenzia-gos.rf“. Diese Internetendung existiert überhaupt nicht. Darunter folgen Einträge zu den russischen Unternehmensleitern Boris Schejnin und Viktor Labai, deren Aufnahme mit nahezu gleichlautenden Texten begründet wird. Die Unternehmen gehörten zur russischen Rüstungsindustrie und hätten deshalb Anspruch auf staatliche Zuschüsse. Auffällig ist vor allem, was fehlt: eine nachvollziehbare Erklärung, welche konkrete Rolle die einzelnen Verantwortlichen bei der Versorgung von Putins Kriegsindustrie spielen. Brüssel hat umfangreiche Sanktionslisten veröffentlicht. Wie sorgfältig die Namen dahinter überhaupt überprüft wurden, lässt dieses Dokument erheblich bezweifeln.

Hinzu kommen Fehler, die auf den Einsatz großer KI-Sprachmodelle bei der Erstellung des Dokuments hindeuten. Die Namen russischer Unternehmen wurden erstmals durchgehend in lateinische Buchstaben übertragen, häufig ohne Großschreibung und mit wechselnden Regeln. In zahlreichen Fällen entspricht die Schreibweise der Ausgabe einer bestimmten Python-Programmbibliothek, aus der anschließend Apostrophe entfernt wurden. Personennamen folgen dagegen teilweise anderen internationalen Schreibregeln. Selbst innerhalb einzelner Wörter vermischen sich die Alphabete. Aus einer russischen Aktiengesellschaft wird beispielsweise eine groteske Buchstabenfolge aus kyrillischen und lateinischen Zeichen. Bei der Firma Neva-Ferrit verwandelt sich Krasnoje Selo plötzlich in ein englisches „Krasnoe village“, während die Straße ihren russischen Namen behält. Sogar die Postleitzahl verliert eine Ziffer. Bei Techkrim entsteht die unsinnige Anschrift „Udmurtskaya Republic of“. Und die Internetadresse einer weiteren Organisation endet auf „.rf“, obwohl eine solche internationale Internetendung überhaupt nicht existiert. Auch die angegebene russische Internetseite ist nicht erreichbar. Die Fehler beweisen für sich genommen keinen KI-Einsatz. Ihre Häufung und die auffälligen Schreibweisen begründen jedoch einen erheblichen Verdacht, dass automatisiert erzeugte Texte ohne ausreichende menschliche Kontrolle übernommen wurden.

Besonders peinlich wird die Angelegenheit beim Nowosibirsker Versuchswerk für Messgeräte. Die EU setzte das Unternehmen und seinen früheren Direktor Alexej Morosow auf die Sanktionsliste. Der Betrieb wurde allerdings bereits 2021 durch Eingliederung in eine andere staatliche Organisation aufgelöst. Diese Nachfolgeorganisation steht ebenfalls auf der Liste. Ihr tatsächlicher Generaldirektor Stanislaw Jusow fehlt dagegen. Brüssel bestraft damit einen ehemaligen Betrieb und übersieht eine Person, die heute Verantwortung trägt. Wer russische Rüstungsproduktion ernsthaft einschränken möchte, sollte wenigstens wissen, welche Unternehmen noch existieren.

Bei einer weiteren Recherche wurden mindestens 25 Unstimmigkeiten bei Unternehmensbezeichnungen und Rechtsformen sowie bei den Funktionen einzelner Personen festgestellt. Nikolai Gretschuschkin wird beispielsweise als Generaldirektor einer Textilhandelsgesellschaft geführt. Tatsächlich ist er dort stellvertretender Generaldirektor. Die Position bekleidet Anatoli Trubin, dessen russische Steuernummer ausgerechnet beim falschen Namen erscheint. Beim Unternehmen Chimreaktiv wird Jewgenija Kowalenko als Direktorin bezeichnet, während Wladimir Ljamkin die Geschäftsführung innehat. Die Firma Radiodetal wiederum steht mit einer veralteten Rechtsform und einem überholten Namen im Verzeichnis. Ein wissenschaftliches Institut wird ebenfalls unter seiner früheren organisatorischen Zugehörigkeit aufgeführt, obwohl es bereits am 7. Februar 2023 dem Kurtschatow-Institut unterstellt wurde. Die Europäische Union hat hier offensichtlich mit Unternehmensdaten gearbeitet, deren Aktualität niemand ausreichend kontrollierte.

Noch gefährlicher sind die Fehler bei den betroffenen Menschen. Für sämtliche 743 neu aufgeführten Personen fehlen Geburtsdaten und Passnummern. Stattdessen verzeichnet Brüssel russische Steuernummern. Das schafft erhebliche Probleme bei der Identifizierung. Konsulate prüfen bei Visumanträgen gewöhnlich Geburtsdaten und Reisepässe. Banken verwenden bei ihren Kontrollen ebenfalls persönliche Angaben, auf die sie tatsächlich zugreifen können. Russische Steuernummern lassen sich dagegen nicht immer öffentlich einer bestimmten Person zuordnen. So können Menschen mit identischem Namen unter Verdacht geraten, obwohl sie mit dem sanktionierten Unternehmen nichts zu tun haben. Eine europäische Maßnahme gegen Russlands Kriegsindustrie trifft damit jemanden, dessen persönliches Verschulden überhaupt nicht festgestellt wurde.

Die Vorgeschichte macht diese Nachlässigkeit noch schwerer verständlich. Bereits bei früheren Sanktionen führte Brüssel den russischen Komiker Michail Galustjan unter seinem Künstlernamen auf. Tatsächlich heißt er Nschan. Zusätzlich wurde sein Geburtsjahr falsch angegeben: 1970 statt 1979. Die Fehler blieben selbst 1,5 Jahre später bestehen. Im Mai 2025 hob ein europäisches Gericht Sanktionen gegen Andrej Charkowski auf, weil die behauptete Verbindung zu einem Kosakenverband nicht ausreichend nachgewiesen worden war. Auch eindeutige Angaben zur Identifizierung der Person fehlten. Solche Entscheidungen kosten die EU Glaubwürdigkeit vor Gericht. Die betroffenen Menschen müssen mit den Folgen leben, während Behörden ihre Fehler oftmals erst nach langwierigen Verfahren korrigieren. Eine falsche Zeile in einer Sanktionsliste kann genügen, um über das Geld eines Menschen zu entscheiden.

Die schwerwiegendste Schwäche des neuen Pakets liegt allerdings außerhalb Russlands. Keine einzige chinesische Firma wurde in die neue Liste aufgenommen, obwohl Untersuchungen seit Langem die Bedeutung chinesischer Hersteller für Putins Kriegsindustrie dokumentieren. Besonders bei russischen Langstreckendrohnen der Typen Geran und Gerbera führen wesentliche Lieferverbindungen nach China. Auch die massenhafte Herstellung kleiner, ferngesteuerter Angriffsdrohnen hängt von chinesischen Bauteilen ab. Nach den vorliegenden Untersuchungen gehen rund 70 Prozent der militärischen Verluste auf solche kleinen Drohnen zurück. Geran-Drohnen treffen dagegen besonders häufig ukrainische Zivilisten und deren Infrastruktur. Entscheidend sind neben den Herstellern auch chinesische Banken, über die Zahlungen und Beschaffungen abgewickelt werden. Die zwischengeschalteten Handelsfirmen lassen sich austauschen. Die industrielle Produktion der benötigten Technik ist wesentlich schwerer zu ersetzen.

Gerade deshalb wiegt das vollständige Fehlen chinesischer Unternehmen in diesem Sanktionspaket so schwer. Brüssel verfügt über umfangreiche Untersuchungen zu den Beschaffungswegen der russischen Rüstungsindustrie. Dennoch richtet sich die neue Liste fast ausschließlich gegen russische Betriebe und ihre Führungskräfte. Die EU verweist auf das enorme wirtschaftliche Gewicht der betroffenen Unternehmen, die zusammen mindestens 20 Milliarden Euro jährlich umsetzen und mehr als 250.000 Menschen beschäftigen. Solche Zahlen beeindrucken auf Pressekonferenzen. Über die tatsächliche Wirkung der Maßnahmen entscheiden sie wenig. Solange die entscheidenden Zulieferer weiterhin produzieren und ihre Waren nach Russland gelangen, kann Moskau die Folgen europäischer Sanktionen teilweise umgehen. Die Fehler im Dokument verschärfen diesen Widerspruch. In Brüssel werden Firmen sanktioniert, die längst verschwunden sind, während chinesische Hersteller weiter Technik liefern können, mit der Russland seinen Krieg führt.

Europa verlangt von der Ukraine seit Jahren Durchhaltevermögen gegen einen Angreifer, dessen Waffen täglich Menschen töten. Die sorgfältige Ausarbeitung wirksamer Sanktionen wäre ein vergleichsweise bescheidener Beitrag zu diesem Kampf. Stattdessen enthält das neue Dokument falsche Namen und längst überholte Unternehmensangaben. Die Hinweise auf automatisierte Texterstellung werfen zusätzlich die Frage auf, wer die Ergebnisse überhaupt gelesen hat. Russland braucht für seinen Krieg verlässliche Lieferanten. Die Ukraine braucht eine europäische Sanktionspolitik, die diese Lieferanten tatsächlich erreicht. An diesem Unterschied wird sich die Entscheidung vom 12. Oktober messen lassen. Die Zahl von 1.569 Einträgen allein rettet keinen Menschen vor einer russischen Drohne.

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