Fünf europäische Staaten kommen Mitte Februar 2026 zu einem Ergebnis, das kaum Raum für Zweifel lässt. Schweden, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Niederlande erklären gemeinsam, dass in biologischen Proben von Alexej Nawalny ein Stoff nachgewiesen wurde, der zu den tödlichsten Giften überhaupt gehört. Nach ihren Angaben wurde ein Stoff nachgewiesen, der Epibatidin zugeordnet wird. Mehrere Labore, unabhängig voneinander, gleiche Feststellung. Damit verschiebt sich die Frage weg vom Ob hin zum Wie und vor allem zum Wer.

Die Spur führt in Einrichtungen, die bereits zuvor im Zusammenhang mit chemischen Waffen standen. Mitarbeiter des staatlichen Forschungsinstituts GosNIIOChT und des Wissenschaftszentrums Signal werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Dort wurde auch bereits Nowitschok hergestellt, jenes Nervengift, das 2020 gegen Nawalny eingesetzt wurde und zuvor im Fall Skripal und anderen Vergiftungen eine Rolle spielte. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen liefern Hinweise darauf, wie gearbeitet wurde. Sie zeigen Methoden, Reaktionswege, eingesetzte Stoffe. Und sie zeigen Namen.

Die beiden Übersichten lassen sich nur zusammen lesen, und genau daraus entsteht ein Bild, das nicht mehr wie gewöhnlicher Chemikalienhandel wirkt.
In der oberen Übersicht ist klar erkennbar, welche Firmen wie viele der insgesamt zwölf benötigten Reagenzien beschafft haben. Rusmedtorg liegt mit zehn von zwölf Stoffen vorne, Sains folgt mit neun. Katrosa Reaktiv kommt auf sechs, Abzur Chemi Rus und Vneshbiotorg jeweils auf fünf, Medstandart und Indastrial auf vier. Das ist auffällig, weil einzelne Unternehmen hier nicht nur einzelne Chemikalien handeln, sondern fast komplette Kombinationen abdecken. So etwas ist im normalen Markt eher selten, da Händler üblicherweise in bestimmten Bereichen bleiben.
Die untere Tabelle zeigt dann die Verteilung der einzelnen Stoffe – und genau hier wird es interessant. Aufgeführt sind alle zwölf Reagenzien:
3-Buten-2-on wurde von keiner Firma beschafft. Es handelt sich um ein organisches Zwischenprodukt, das in Synthesen eingesetzt wird, aber nicht zu den alltäglichen Standardchemikalien gehört.
6-Chlorpyridin-3-carbaldehyd taucht ebenfalls bei keiner Firma auf. Dieser Stoff ist ein spezieller Baustein in der organischen Chemie und wird typischerweise nur gezielt verwendet.
Methansulfonylchlorid wurde nur einmal beschafft. Es ist ein stark reaktives Sulfonylierungsmittel, das unter anderem zur Aktivierung von Molekülen eingesetzt wird und entsprechend vorsichtig gehandhabt werden muss.
Nitromethan wurde von zwei Firmen eingeführt. Es ist ein vielseitiges Lösungsmittel und Reagenz, aber auch bekannt für seine Explosionsfähigkeit unter bestimmten Bedingungen.
1,8-Diazabicyclo[5.4.0]undec-7-en wurde von vier Firmen beschafft. Dabei handelt es sich um eine starke organische Base, die in gezielten Syntheseschritten eingesetzt wird.
Kalium-tert-Butylat wurde von sechs Firmen eingeführt. Es ist eine sehr starke Base, die häufig in Reaktionen verwendet wird, bei denen gezielt Bindungen verändert werden sollen.
Triphenylphosphin wurde ebenfalls von sechs Firmen beschafft. Dieser Stoff spielt eine zentrale Rolle in vielen organischen Reaktionen, insbesondere bei der Umwandlung von funktionellen Gruppen.
Diisopropylethylamin wurde von sieben Firmen eingeführt. Eine weitere Base, die oft in der Feinchemie eingesetzt wird, um Reaktionen zu steuern.
Natriumborhydrid wurde von elf Firmen beschafft. Es ist ein Reduktionsmittel, das gezielt chemische Verbindungen verändert und in vielen Synthesen verwendet wird.
Tetrahydrofuran wurde von einundzwanzig Firmen eingeführt. Ein sehr verbreitetes Lösungsmittel, das in Laboren und Industrie alltäglich ist.
Pyridin wurde von zweiundzwanzig Firmen beschafft. Ebenfalls ein Standardstoff, häufig als Lösungsmittel und Reaktionspartner genutzt.
Triethylamin wurde von dreiundzwanzig Firmen eingeführt. Ein klassisches Hilfsreagenz, das in unzähligen chemischen Prozessen eingesetzt wird.
Was daran auffällt, ist nicht ein einzelner Stoff, sondern die Kombination. Die weit verbreiteten Stoffe wie Tetrahydrofuran, Pyridin oder Triethylamin sind für sich genommen unproblematisch, sie gehören zur Grundausstattung der Chemie. Gleichzeitig gibt es aber eine kleine Gruppe von deutlich spezifischeren und reaktiveren Substanzen, die nur von wenigen Firmen beschafft werden.
Und genau hier überschneiden sich die Daten.
Einige der genannten Firmen tauchen sowohl bei den seltenen, spezifischen Stoffen als auch bei den breit verfügbaren Basischemikalien auf. Besonders Rusmedtorg und Sains bewegen sich dabei sehr nahe an einer vollständigen Abdeckung aller benötigten Komponenten.
Hinzu kommt, dass zwei der eigentlich benötigten Stoffe überhaupt nicht in den Beschaffungsdaten auftauchen. Das passt nicht sauber ins Bild und wirft die Frage auf, ob diese über andere Wege bezogen wurden oder in den Daten fehlen.
Unterm Strich entsteht kein Eindruck eines breit gestreuten Handels, bei dem viele Firmen jeweils einzelne Produkte liefern. Stattdessen zeigt sich eine Struktur, in der bestimmte Unternehmen gezielt fast alle Bausteine zusammentragen, die man für eine zusammenhängende chemische Synthese braucht. Genau diese Bündelung ist der Punkt, der aus der Übersicht heraussticht.

Igor Jurjewitsch Babkin (links) und Sergej Jewgenjewitsch Galan (rechts) gehören zu den zentralen Figuren. Beide treten in Veröffentlichungen als Mitarbeiter eines „Laboratoriums für Hochtechnologien“ auf, angesiedelt auf dem Gelände der RTU MIREA. Dieses Labor belieferte Signal bereits mit Chemikalien. Beide verfügen über akademische Grade, doch ihre Dissertationen sind nicht öffentlich zugänglich. Die Themen ihrer Arbeiten sind eindeutig. Babkin beschäftigte sich mit fluorhaltigen Azanorbornanen, einer Stoffgruppe, zu der auch Epibatidin gehört. Seine Dissertation wurde in der Fachrichtung „Wirkung spezieller Waffenarten“ verteidigt. Auch andere Autoren aus diesem Umfeld arbeiteten in genau diesem Bereich, darunter der Oberst Michail Gutsaljuk vom GosNIIOChT.
Ein Chemiker, der mit diesen Arbeiten vertraut ist und westliche Labore bei der Analyse unterstützte, beschreibt die Verbindung klar. Epibatidin gehört genau zu den Stoffen, mit denen sich Babkin seit den neunziger Jahren beschäftigt. Bereits während seiner Ausbildung an einer militärischen Akademie lag der Fokus auf diesen Verbindungen. Als er darauf angesprochen wird, gibt Babkin vor, die Frage nicht zu verstehen.
Doch ein Gift entsteht nicht allein durch Wissen. Es braucht Rohstoffe. Und genau hier beginnt ein zweiter Strang, der mindestens ebenso brisant ist. Die Herstellung von Epibatidin erfordert eine Reihe von chemischen Substanzen. Einige sind leicht verfügbar, andere deutlich seltener. Entscheidend ist ein Stoff mit einem komplexen Namen – 1,8-Diazabicyclo[5.4.0]undec-7-en. Fachleute beschreiben ihn als den zuverlässigsten Marker unter den verwendeten Reagenzien. Wer diesen Stoff beschafft, bewegt sich bereits in einem sehr spezifischen Bereich der Synthese.
Die Auswertung oben bestätigt, was sich bereits zuvor gezeigt hat. Entscheidend sind nicht die weit verbreiteten Standardchemikalien, sondern die wenigen spezifischen Reagenzien, die nur von einzelnen Firmen beschafft wurden. Genau bei diesen tauchen nur wenige Unternehmen auf, darunter auch ABCR Chemi Rus. In Verbindung mit Hinweisen auf Kontakte zu beteiligten Wissenschaftlern bekommt diese Lieferkette ein deutlich größeres Gewicht.
Setzt man beide Auswertungen zusammen, entsteht ein deutlich schärferes Bild. Es sind nicht die häufigen Stoffe, die entscheidend sind, sondern die seltenen. Und genau bei diesen tauchen nur wenige Unternehmen auf. Darunter auch ABCR Chemi Rus, das nicht nur mehrere Komponenten liefert, sondern auch bei diesem Markerstoff erscheint. In Kombination mit den bekannten Kontakten zu beteiligten Wissenschaftlern gewinnt diese Firma eine besondere Bedeutung.

Die russische Tochtergesellschaft existiert weiterhin, wird aber nach außen deutlich weniger sichtbar dargestellt. Warum diese Änderungen vorgenommen wurden, bleibt offen. Nach unseren Recherchen verdichten sich jedoch Hinweise darauf, dass die öffentliche Darstellung der Strukturen zeitlich mit zunehmender Aufmerksamkeit auf Lieferketten und Kontakte zusammenfällt.
Tatjana Danilowa (links)
Geschäftsführerin der ABCR Chemi RusLilia Sabirova (mitte)
Kaufmännische Direktorin der ABCR Chemi RusAlexej Kiseljow (rechts)
zuständig für Verkauf und Zollabwicklung der ABCR Chemi Rus
Telefonverbindungen deuten auf wiederholte Kontakte hin zwischen Igor Babkin und Lilia Sabirova, der stellvertretenden Geschäftsführerin und kaufmännischen Leiterin von ABCR Chemi Rus. Auch Alexej Kiseljow taucht in diesen Verbindungen auf. Darüber hinaus gibt es Kontakte zu weiteren Einrichtungen, die bereits mit der Entwicklung von Nowitschok in Verbindung gebracht wurden. Die Gespräche fanden über längere Zeiträume hinweg statt.
Eine weitere zentrale Figur ist Igor Sawarsin. Er leitet ein Labor für steroidale Verbindungen am Institut für organische Chemie und gilt als etablierter Wissenschaftler. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf eine offizielle Verbindung zum Zentrum Signal. Sawarsin selbst bestreitet sowohl eine Zusammenarbeit als auch persönliche Kontakte zu Babkin. Er erklärt, lediglich am Rande mit entsprechenden Personen zu tun gehabt zu haben. Gleichzeitig existieren gemeinsame Veröffentlichungen aus dem Jahr 2017. Auch seine Telefonkontakte widersprechen seinen Aussagen. Er kommunizierte mehrfach mit Tatjana Danilowa, der Geschäftsführerin von ABCR Chemi Rus, sowie mit Georgij Nasarow, einem leitenden Wissenschaftler bei Signal.

Auf Nachfragen reagiert Sawarsin gereizt. Er wirft den Journalisten vor, eine Geschichte zu konstruieren, spricht von Verleumdung und davon, dass es nichts gebe. Wie er gleichzeitig sicher sein kann, dass Personen, mit denen er angeblich nichts zu tun hat, unbeteiligt sind, bleibt offen.
Die Rolle von ABCR Chemi Rus wird noch komplexer, wenn man die Eigentumsverhältnisse betrachtet. Die russische Gesellschaft gehört zu neunzig Prozent der deutschen abcr GmbH. Die restlichen Anteile liegen bei Tatjana Danilowa und Lilia Sabirova. Geschäftsführer der deutschen Muttergesellschaft ist Jan Hans Alfred Schuricht. Bis Mitte März waren die russischen Mitarbeiter noch sichtbar Teil des Teams auf der Unternehmenswebseite. Dann verschwanden diese Hinweise innerhalb weniger Tage.

Schuricht erklärte, man halte sich an alle gesetzlichen Vorgaben. Lieferungen an das Zentrum Signal habe es nach 2018 nicht gegeben. Die russische Tochter liefere Chemikalien an Universitäten. Eine vollständige Kontrolle aller Kunden sei nicht möglich. Es gebe lediglich stichprobenartige Prüfungen im Rahmen der Compliance. Militärische Aktivitäten nicht sanktionierter russischer Einrichtungen könne man nicht überprüfen. Gleichzeitig kündigt er an, die Schließung der russischen Tochter zu prüfen.
Bei konkreten Lieferungen verweist Schuricht auf angebliche Bestellungen durch die Uraler Föderale Universität. Die im Rahmen der Recherche ausgewerteten Unterlagen werfen jedoch Fragen auf. Es fehlen Vertragsnummern, Unterschriften und Referenzen zu staatlichen Ausschreibungen. In einem Fall wurde eine Rechnung ausgestellt, bevor die Ware überhaupt Deutschland verlassen hatte. Auch Telefonverbindungen zwischen der Firma und der Universität lassen sich nicht nachweisen. Stattdessen bleibt die Verbindung zu Signal bestehen.
Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch. Tatjana Danilowa hatte zuvor erklärt, bestimmte Stoffe würden gar nicht importiert, da sie unter Sanktionen stünden. Ein Abgleich mit der EU-Verordnung 2021/821 zeigt jedoch, dass chemische Stoffe nicht pauschal sanktioniert sind, sondern nur dann Beschränkungen unterliegen, wenn sie ausdrücklich im Anhang I als Dual-Use-Güter gelistet sind. Gerade darin liegt die besondere Brisanz: Ein Großteil der verwendeten Substanzen fällt nicht unter klassische Exportkontrollen, sondern bewegt sich im Bereich frei handelbarer Standardchemikalien, die erst in ihrer Kombination eine sicherheitsrelevante Dimension erhalten. Für mehrere der genannten Substanzen trifft dies nicht zu. Alexej Kiseljow erklärte, sich an konkrete Lieferungen nicht erinnern zu können, bestätigte jedoch Kontakte zu Signal, seiner Darstellung nach nur viele Jahre zuvor. Hinweise aus der Auswertung deuten jedoch auf Verbindungen bis in die Jahre 2020 bis 2024 hin.
EU Regulation 2021/821 (Dual-Use Regulation)
Mehrere deutsche Juristen sehen darin die Möglichkeit einer strafrechtlichen Bewertung. Wenn öffentlich bekannt ist, dass eine Einrichtung mit der Entwicklung entsprechender Substanzen in Verbindung gebracht wird und ein Unternehmen weiterhin Materialien liefert, die dafür verwendet werden können, kann dies als Beihilfe gewertet werden. Entscheidend ist nicht nur die direkte Lieferung, sondern das Wissen um den möglichen Einsatz.
Der entscheidende Punkt liegt nicht in einer einzelnen Lieferung, sondern in der Struktur der Beschaffung. Jeder Stoff für sich genommen ist unauffällig. Erst die gezielte Zusammenführung über mehrere Lieferanten hinweg schafft die Voraussetzungen für eine geschlossene Synthese.
Alle diese Stränge laufen zusammen. Wissenschaftliche Arbeiten, die exakt die benötigten Stoffe beschreiben. Personen, die seit Jahrzehnten an genau diesen Verbindungen forschen. Lieferketten, die die notwendigen Reagenzien bereitstellen. Und nun auch eine Auswertung, die zeigt, wie selten und gezielt genau diese Stoffe beschafft wurden.
Auffällig ist dabei nicht nur, welche Stoffe beschafft wurden, sondern auch, in welchen Zeiträumen dies geschah. Die Auswertung zeigt, dass mehrere der relevanten Substanzen nicht unabhängig voneinander über längere Zeiträume verteilt eingeführt wurden, sondern in vergleichbaren Phasen. Einzelne Beschaffungen liegen zeitlich eng beieinander, während parallel Kontakte zwischen beteiligten Personen und Einrichtungen nachweisbar sind. Nach unseren Recherchen lassen sich diese Abläufe zudem mit weiteren, bislang nicht öffentlich ausgewerteten Verbindungen und Zeitpunkten in Beziehung setzen. In der Zusammenschau ergibt sich kein Bild gewöhnlicher, voneinander unabhängiger Bestellungen, sondern eine Abfolge von Schritten, die aufeinander aufbauen und sich gegenseitig ergänzen. Telefonkontakte zwischen den Beteiligten und Aussagen, die nicht zu den dokumentierten Abläufen passen, verstärken dieses Gesamtbild zusätzlich.

Am Ende steht kein einzelner Beweis, der alles erklärt. Es ist die Summe der Details. Die Verbindungen zwischen Menschen, Institutionen und Unternehmen. Die Übereinstimmungen zwischen Theorie und Praxis. Die Widersprüche in den Erklärungen.
Und ein Gift, das nicht zufällig entstanden ist.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English