Daten statt Menschen – Wie Palantir, Militär und Investoren die Zukunft Gazas neu vermessen

VonRainer Hofmann

Februar 28, 2026

Im südlichen Israel, in Kiryat Gat, sitzt Palantir mit einem festen Schreibtisch im Civil Military Coordination Center, jenem von US-Central Command eingerichteten Koordinierungszentrum, das nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Oktober die Umsetzung überwachen und Hilfslieferungen nach Gaza steuern soll. Während Drohnenbilder über große Monitore laufen, werden Konvois, Verteilpunkte und Routen in Software eingespeist, die ursprünglich dafür entwickelt wurde, Gefechtsfelder in Echtzeit auszuwerten. Palantir liefert nach Angaben mehrerer diplomatischer Quellen die technische Architektur für dieses System. Ein Firmenvertreter sitzt im Operationsraum und integriert Daten zu Lieferungen direkt in die Plattformen des Unternehmens. Öffentlich ist nicht bestätigt, welche Produkte konkret genutzt werden, doch Bildmaterial zeigt den Einsatz der Anwendung Gaia, beworben als Werkzeug, um „das Schlachtfeld sichtbar zu machen“.

Palantir, 2003 von Peter Thiel mit Unterstützung des CIA-Investmentarms In-Q-Tel gegründet, arbeitet seit Jahren eng mit US-Behörden, dem Militär und ICE zusammen. Anfang 2024 schloss das Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit dem israelischen Militär für kriegsbezogene Missionen. Vorstandssitzungen fanden in Tel Aviv „aus Solidarität“ statt. Ein Jahr zuvor hatte Palantir seine Artificial Intelligence Platform vorgestellt, die Militärs helfen soll, Ziele schneller zu identifizieren. Ein Manager beschrieb die Technologie als Möglichkeit, die „Tötungskette zu optimieren“. In einer UN-Berichtsvorlage vom Juni 2025 stellte man fest, es gebe begründete Hinweise darauf, dass Palantir automatische Prognosepolizei, militärische Kerninfrastruktur und KI-gestützte Entscheidungsplattformen bereitgestellt habe.

Siehe auch unsere Recherche:

Die Schattenakten – Palantir, der unsichtbare Staat im Staat

(Unser Artikel vom 28. August 2025)

Unter dem Titel „Die Architektur der Kontrolle: Wie Peter Thiels Datenmacht und das politische Netzwerk Rockbridge die Demokratie untergraben“ – https://kaizen-blog.org/die-architektur-der-kontrolle-wie-peter-thiels-datenmacht-und-das-politische-netzwerk-rockbridge-die-demokratie-untergraben/

Es begann mit einem Klicken. Ein digitales Schloss, das sich öffnete – gegen den Willen einer Richterin, gegen jede Regel der Sicherheit. Am 20. März 2025 hatte die Bundesrichterin Ellen Lipton Hollander vom U.S. District Court in Maryland eine unmissverständliche Verfügung erlassen: Die dubiose Sondereinheit DOGE dürfe keinerlei Zugriff auf die Systeme der Sozialbehörde SSA erhalten. Es war ein juristischer Riegel, der die sensibelsten Daten von mehr als 300 Millionen Amerikanern schützen sollte – Namen, Geburtsdaten, Sozialversicherungsnummern, Lebensgeschichten. Doch keine 24 Stunden später wurde dieser Riegel gebrochen. Heimlich, in der Nacht, erhielten Administratoren die Anweisung, die Sperren zu lösen. Ein Akt, der nicht nur die Autorität einer Bundesrichterin verhöhnte, sondern den Auftakt markierte zu einem der größten Datenskandale in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

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Im Koordinierungszentrum verschmelzen nun humanitäre Daten mit militärischer Logik. Palantirs Systeme Gotham und Foundry sind laut Unternehmensangaben so konzipiert, dass sie Daten, Logik und KI-Module miteinander synchronisieren. Eine Funktion namens Type Mapping erlaubt es, Informationen aus zivilen Lieferketten-Systemen sofort für militärische Analysen nutzbar zu machen. Theoretisch bedeutet das: Angaben zu Hilfsgütern, Verteilorten und Fahrtrouten könnten in derselben Infrastruktur verarbeitet werden, die für Zielauswahl und Luftschläge gedacht ist. Ein Diplomat, der an Sitzungen teilnimmt, formulierte es drastisch: Die Grenze zwischen Drohnentod und Hilfslieferung verschwinde am selben Tisch.

Parallel dazu verändert sich die Struktur der Hilfe selbst. Ab März 2026 verbietet Israel zahlreichen Organisationen die Arbeit in Gaza, dem Westjordanland und Ost-Jerusalem, darunter Ärzte ohne Grenzen, der Norwegian Refugee Council, Oxfam und Medical Aid for Palestinians. Neue Registrierungsregeln verlangen detaillierte Personaldaten und Offenlegung interner Abläufe. Die Organisationen warnen vor Sicherheitsrisiken für lokale Mitarbeiter. Andere Gruppen, etwa Samaritan’s Purse oder GAiN, bleiben zugelassen und treten gemeinsam mit privaten Firmen im CMCC auf. Beobachter berichten von Gebetskreisen im Operationsbereich, während gleichzeitig Militärunternehmer wie Safe Reach Solutions ihre Präsenz ausweiten. Die Firma stellte bereits Sicherheitskräfte für die Gaza Humanitarian Foundation, unter deren Betrieb mehr als 2.600 Menschen bei Hilfsverteilungen getötet und über 19.000 verletzt wurden. Das frühere GHF-Hauptquartier ist heute Sitz des CMCC.

Auch Arkel International, das Fahrer aus Serbien und Georgien rekrutierte, taucht wieder auf. Terra Firma Capital Partners, gegründet von Guy Hands, hat inzwischen ebenfalls einen festen Platz im Zentrum. Auf dem Board-of-Peace-Treffen in Washington wurde der Wiederaufbau Gazas als wirtschaftliche Chance präsentiert. Yakir Gabay sprach von einer Mittelmeer-Riviera mit 200 Hotels und künstlichen Inseln. Marc Rowan von Apollo Global Management nannte es die Bündelung produktiver Vermögenswerte in einer einheitlichen Struktur. Währenddessen beschreibt Yanis Varoufakis, griechischer Ökonom und Politiker, der 2015 als Finanzminister während der Schuldenkrise international bekannt wurde, ein Gespräch mit einem Palantir-Vertreter, der sinngemäß sagte, je intensiver das Bombardement, desto wertvoller die Trainingsdaten für KI-Modelle. Für Varoufakis markiert das eine neue Stufe: Nicht nur Waffen, sondern das Leiden selbst werde zur Kapitalquelle.

Man kann nur davor warnen, dass ein profitgetriebenes Parallelsystem, das eng mit militärischen Strukturen verknüpft ist, das humanitäre Völkerrecht unterläuft. Hilfe wird zerlegt und zu einem Instrument, das Kontrolle, Datensammlung und wirtschaftliche Interessen verbindet. Während die Regionen weiter um Frieden ringen, sitzen Investoren, Militärs und Technologiekonzerne an einem Tisch und planen Infrastruktur, die weit über die reine Versorgung hinausgeht. Gaza wird so zu einer Werkstatt, in der sich digitale Überwachung, private Sicherheitsarchitektur und geopolitische Macht neu sortieren. Die Entscheidung, wer künftig Hilfe verteilt und wer ausgeschlossen wird, fällt nicht in einer offenen Auseinandersetzung, sondern in Operationsräumen mit Bildschirmen und Datenströmen.

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Esther Portmann
Esther Portmann
1 Stunde zuvor

Es ist erschreckend, grausam und unmenschlich!

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