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Das älteste Spiel läuft wieder: Ein Atomkreuzer erwacht, und der Staat greift nach dem Eigentum seiner Bürger

VonTEAM KAIZEN BLOG

31. August 2026

Ein Staat, der nach außen aufrüstet und zugleich nach innen greift, bewegt sich in eine einzige Richtung, auch wenn die Nachrichten aus verschiedenen Ecken kommen. Nach außen wachsen die Waffen, nach innen der Zugriff, getragen wird beides vom selben Bürger. Russland holt einen schweren atomgetriebenen Raketenkreuzer aus fast 3 Jahrzehnten Werftruhe zurück, und um dieses Schiff herum fügt sich ein Bild von Aufrüstung und einem langen Krieg, der zur Gewohnheit wird. Die „Admiral Nachimow“ soll nach Angaben der russischen Marine noch vor Ende 2026 wieder in den Flottenbestand kommen. Ein Koloss von gestern kehrt in eine Gegenwart zurück, die sich das Kämpfen längst neu beigebracht hat.

Admiral Nachimov

Der Kreuzer gehört zu den 4 schweren Atomraketenkreuzern des Projekts 1144 „Orlan“ aus sowjetischer Fertigung. 1988 lief er als „Kalinin“ vom Stapel, doch seine Dienstzeit blieb kurz. Der letzte Einsatz auf See fand im Juli 1997 statt, nach nur 9 Jahren, und der auffälligste Moment seiner Laufbahn war eine sechsmonatige Fahrt ins Mittelmeer im Jahr 1991. Schon 1997 verschwand er faktisch zur Reparatur, offiziell dockte er 1999 bei der Werft Sewmasch an, die umfangreiche Modernisierung begann jedoch erst 2013. Im Juni 2026 lief er erstmals seit 28 Jahren wieder zu Erprobungen aus, deren staatliche Abnahme nun bevorsteht. Ein Schiff, das 9 Jahre fuhr und 3 Jahrzehnte lag, soll die Meere wieder ernst nehmen.

Neu bewaffnet wurde er nach Darstellung russischer Staatsmedien fast vollständig. An die Stelle der 20 Schiffsabwehrraketen vom Typ „Granit“ traten 80 universelle Startzellen, aus denen Marschflugkörper vom Typ „Kalibr“, Schiffsabwehrraketen vom Typ „Oniks“ und Hyperschallraketen vom Typ „Zirkon“ verschossen werden können. Hinzu kämen, so die Behauptung, 96 Zellen für die Flugabwehr. Damit zählte die „Admiral Nachimow“ zu den am schwersten bewaffneten Überwasserschiffen der Flotte. Was die Arbeiten kosteten, wurde offiziell nie genannt; für 2023 stand eine Summe von mehr als 200 Milliarden Rubel im Raum. Fachleute zweifeln am Sinn, weil knappe Werftkapazitäten und Fachkräfte in einen einzigen Rumpf flossen, während der russische Militärschiffbau insgesamt unter schweren Einschränkungen leidet. Ein Prunkstück entsteht, während die Flotte im Ganzen darbt. Was in diesen einen Rumpf floss, fehlte dem Schiffbau anderswo. Ein Sieg der Symbolik über die Rechnung.

Ein zweiter Zweifel wiegt schwerer. Ein so großes und teures Schiff ist in der heutigen Kriegsführung verwundbar, in der vergleichsweise günstige Schiffsabwehrraketen und Seedrohnen immer mehr entscheiden, und sein Verlust bedeutete, ein ganzes Waffenlager auf einer Plattform preiszugeben. Ein Ziel, das so viel Feuerkraft bündelt, lädt den Gegner geradezu ein, es mit ein paar günstigen Geschossen zu suchen. Die teuerste Plattform ist zuletzt nur das größte Ziel. Der Kreuzer steht nicht allein. Die Nachrichten dieser Tage zeigen ein Bündnis, das den Drohnenkrieg verstärkt übt, und ein Deutschland, das die Militärausgaben massiv hochfährt. Russland steigert seine Sprengstoffproduktion, und über eine mögliche Öffnung von Starlink für ukrainische Schläge tief in russisches Gebiet wird bereits gesprochen. Jede dieser Meldungen für sich ließe sich übersehen, zusammen ergeben sie die Grammatik einer Kriegswirtschaft, die sich einrichtet. Was einzeln nach Vorsorge aussieht, formt in Summe eine Landschaft, die sich auf Dauerkonflikt einstellt. Der Schrecken nutzt sich ab, und mit ihm die Wachsamkeit.

Admiral Nachimov

Wie nah die Gefahr rückt, zeigt das Atomkraftwerk Saporischschja auf besetztem ukrainischem Gebiet. Seit dem 20. August ist die äußere Stromversorgung unterbrochen, weil die Leitung „Ferrosplawnaja-1″ an einer Stelle beschädigt wurde, die die Ukraine kontrolliert. Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation, Rafael Grossi, erklärte am 29. August, die Anlage hänge seit über einer Woche an Notstrom-Dieselgeneratoren. Er mahnte, das Werk brauche genug Vorrat, um die für die Sicherheit nötige Energie zu halten. Der russische Staatsbetrieb Rosatom, der das Werk führt, bat die Organisation um Begleitschutz für einen Treibstoffkonvoi. Dessen Chef Alexej Lichatschow erklärte, man hoffe auf Mitarbeiter der Atomaufsicht als Geleit; den Diesel nannte er eine kritische Größe für die nukleare Sicherheit und die Fahrt wegen des Beschusses der Zufahrten äußerst gefährlich, die Lieferung aber versprach er unter allen Umständen. Dass eine Aufsichtsbehörde Treibstoff durch die Kampfzone eskortieren soll, damit ein Reaktor nicht dunkel wird, sagt über diesen Krieg mehr als jeder Lagebericht. Zugleich arbeite man mit dem Verteidigungsministerium und der russischen Nationalgarde an einer vorübergehenden Feuerpause, die für die Reparatur der Leitung nötig sei; auch das Außenministerium sei eingebunden. Selbst eine Stromleitung lässt sich hier erst flicken, wenn die Waffen kurz schweigen. Die ukrainischen Streitkräfte beschießen regelmäßig Straßen in den besetzten Gebieten und treffen dabei Tanklaster, um den Nachschub der russischen Armee zu stören; sie werfen Moskau vor, militärische Fracht als zivilen Transport zu tarnen. Zwischen den Fronten steht eine Anlage, deren Störfall keine Grenze kennt, und beide Seiten rechnen das Risiko in ihren Vorteil ein. Die nukleare Sicherheit einer ganzen Anlage hängt inzwischen an einem Tanklaster, der die Front überleben muss. Eine kurze Waffenruhe allein für den Diesel ist der ganze Fortschritt, den dieser Krieg am Reaktor noch zulässt.

Der Griff nach außen hat ein Gegenstück im Inneren. In Moskau zieht der Staat massenhaft Immobilien für Bauprojekte und Straßen ein, und die Gerichte zeigen, wie knapp er die Bürger dabei hält. Enteignet wird im großen Stil, entschädigt im kleinen, und der Rechtsweg ist lang. Die Gerichte korrigieren viel, doch nur für die, die warten können. Nach der Auswertung von 100 Verfahren aus den Jahren 2023 bis 2026 stiegen die Entschädigungen vor Gericht im Schnitt um 73 Prozent, während die ursprünglichen Angebote der Stadt im Mittel 42 Prozent zu niedrig lagen. Etwa die Hälfte der Eigentümer ficht die Summe gar nicht erst an, weil ein solches Verfahren im Schnitt 1,5 Jahre dauert, wie Sergej Ramasanow von der Kanzlei „Strategija“ erklärte. Manch einer nimmt, was die Stadt bietet, weil er das Geld rasch braucht oder sich den langen Streit erspart. So wird aus dem Recht auf faire Entschädigung eine Frage der Geduld, die sich nicht jeder leisten kann.

Hinter den Enteignungen steht das Programm zur umfassenden Entwicklung von Gebieten, kurz KRT, mit 470 Vorhaben auf mehr als 4.700 Hektar, auf denen rund 73,7 Millionen Quadratmeter neu entstehen sollen. Lehnt ein Eigentümer ab, nach den Vorgaben der Stadt selbst zu bauen, kann sein Grund gegen eine Entschädigung eingezogen werden, die eine „unabhängige“ Bewertung festlegt. Der Anwalt Daniil Sinizyn von der Kanzlei „Poverenny“ erklärte, vor Gericht ließen sich die Zahlungen normalerweise um 15 bis 20 Prozent heben, während die städtische Bewertung bis zu 30 Prozent unter dem Marktwert liegen könne. Eine Erhöhung um 73 Prozent gelte ihm eher als Ausnahme, etwa wenn die Behörden Nutzung oder Zweck eines Objekts zunächst falsch ansetzten. Seit Anfang 2026 dürfen die Gerichte allerdings nur noch staatliche Gutachten in Auftrag geben, was höhere Entschädigungen erschwert. Der Staat sitzt damit auf beiden Seiten des Tisches, als Käufer und als Gutachter. Das Ausmaß wächst rasch: Zwischen Januar und Juli 2026 zog die Stadt 1.040 Hektar ein, 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Fläche der beschlagnahmten Gebäude stieg um 85 Prozent auf 938.000 Quadratmeter, die Zahl der Objekte verdoppelte sich auf 8.100. Ihr Katasterwert lag bei 163,7 Milliarden Rubel, betroffen waren 1.630 Eigentümer. Der Staat baut seine Zukunft auf Boden, den er selbst zu niedrig bewertet, und ändert die Regeln so, dass der Widerspruch teurer wird. Fläche um Fläche verschwindet in einem Programm, das Wachstum verspricht und Eigentum kassiert.

Zwei Richtungen, ein Wille. Nach außen stehen dafür der Kreuzer aus dem Dock und das Werk am Dieseltropf, nach innen der Zugriff auf die Wohnungen im eigenen Land. Ein Staat, der nach Schätzungen mehr als 200 Milliarden Rubel in ein Schiff von gestern gießt und zugleich das Eigentum seiner Bürger unter Wert einzieht, dehnt sich in beide Richtungen im selben Atemzug. Die nukleare Sicherheit reist auf einem Dieselkonvoi, der lange Krieg wird zum Alltag, und das Zuhause eines Menschen schrumpft zur Zeile in einem Bauplan. Der Rubel, der in den Kreuzer fließt, und der Rubel, den mancher Enteignete erst vor Gericht zusätzlich erstreiten kann, erzählen dabei dieselbe Geschichte über die Prioritäten des Staates. Gefährlich sind diese Zeiten weniger durch den einzelnen Schlag als durch die Ruhe, mit der man sich an ihn gewöhnt.

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