Ein kleines Gehäuse, elektronische Bauteile, ein Weg durch den ukrainischen Luftraum. Während russische Drohnen ukrainische Städte angreifen, führt die Spur ihrer Funktechnik nach Shenzhen. Der chinesische Hersteller Xingkai Technology bietet nach verdeckten Recherchen genau jene Geräte zum Verkauf an, die in russischen Gerbera-Drohnen gefunden wurden. Selbst als ein vermeintlicher Kunde ausdrücklich erklärte, für die militärische Produktion in Alabuga einzukaufen, brach das Unternehmen den Kontakt nicht ab. Stattdessen stellte es Rechnungen aus. Der Krieg hat viele Lieferketten. Manche enden auf gewöhnlichem Geschäftspapier.
Seit Februar 2026 können russische Streitkräfte Starlink-Terminals nach den Erkenntnissen der Recherche nicht mehr für Angriffe auf die Ukraine verwenden. Chinesische Mesh-Modems sollen diese Lücke schließen. Sie verbinden Drohnen untereinander zu einem Funknetz, dessen einzelne Geräte Nachrichten weiterreichen. Maschinen nahe der Grenze empfangen Verbindungen über russische oder belarussische Funkstationen. Weiter im ukrainischen Gebiet fliegende Drohnen erreichen dieses Netz über andere Fluggeräte. Dadurch können Angriffsdrohnen noch während des Fluges neue Befehle erhalten und ihre Flugbahn verändern, um ukrainische Abwehrstellungen zu umgehen.

Ungekennzeichnetes Mesh-Modem des Herstellers Xingkai Technology – Es handelt sich hierbei um das Modell XK F-359

Die billigeren Gerbera-Drohnen spielen dabei eine besondere Rolle. Ihr Radarecho ähnelt dem einer gewöhnlichen, nicht strahlgetriebenen Geran. Ukrainische Verteidiger müssen unterscheiden, welche Ziele gefährliche Waffen tragen und welche als Täuschkörper unterwegs sind. Gleichzeitig können Gerberas als fliegende Funkvermittler dienen. Ihre geringe Herstellungskosten sagen wenig über den militärischen Schaden aus, den sie ermöglichen. Bereits 2024 meldete der ukrainische Militärgeheimdienst, in Gerberas Modems von Xingkai Tech gefunden zu haben. Später wurde deren Verwendung auch auf einer großen prorussischen Internetseite erörtert. Offen blieb, ob der Hersteller wissentlich und unmittelbar nach Alabuga verkaufen würde. Eine frühere Untersuchung hatte bereits eine Rechnung für 30 Geräte dokumentiert, bestimmt für Wladiwostok.

Obwohl Russland die Drohne „Gerbera“ aus einfachsten Materialien herstellen, enthält dieses unbemannte Fluggerät ausländische Bauteile. Es kann als Kamikazedrohne einen Sprengkopf tragen und elektronische Aufklärung betreiben, insbesondere um Stellungen der ukrainischen Luftverteidigung aufzuspüren und Einschläge anderer Angriffsdrohnen zu dokumentieren.
2026 untersuchten Journalisten in der Ukraine ein privat beschafftes Modem aus einer modernisierten Gerbera mit senkrechtem Stabilisator. Diese Bauform war im Sommer aufgetaucht. Das Gerät trug keine erkennbare Herstellerkennzeichnung. Der Ermittler Nordsint gab sich daraufhin als russischer Militärlieferant aus Alabuga aus und fragte über den offiziellen WeChat-Zugang von Xingkai Technology nach genau diesem Modell. Ein Mitarbeiter namens Jack Jiang bestätigte die Herstellung und übersandte die Anleitung zum XK F-359. Frühere Identifizierungen als XK F-358 waren demnach falsch. Auf Bitte der vermeintlichen Käufer fertigte Jiang sogar Fotos und ein Video des Geräts am Lagerort an. Das in der Ukraine untersuchte Fundstück stimmte mit der angebotenen Ware überein.
Dann kam die Rechnung.
Für 500 vollständig entsprechende Funkmodems verlangte Xingkai Tech 19,5 Millionen Yuan, ungefähr 2,87 Millionen Dollar. Lieferziel: Alabuga, wo Russland einen erheblichen Teil seiner weitreichenden Angriffsdrohnen produziert. Bezahlt werden könne laut Angebot in Dollar auf ein Firmenkonto bei der DBS Bank in Hongkong oder in Yuan auf Jiangs persönliches Konto bei der Ping An Bank. Nach einer Bitte um Änderung der Anschrift folgte eine weitere Rechnung. Darauf stand Alabuga ausdrücklich in lateinischen Buchstaben. Als Bankverbindung erschien nun die China Merchants Bank, Filiale Shenzhen Hongling. Kontoinhaberin war Huang Qiuping, möglicherweise identisch mit der im Handbuch erwähnten Fenny Huang. Unternehmensdaten zufolge verließ Huang 2025 eine Führungsposition bei Xingkai Tech.

Das Dokument zeigt eine vom chinesischen Unternehmen Shenzhen Xingkai Technology ausgestellte Vorabrechnung vom 11. September 2026 über 500 Mesh-Funkmodems des Typs XK-F359 im Gesamtwert von 19,25 Millionen Yuan. Als Empfänger ist ausdrücklich die russische Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan angegeben, wo Angriffsdrohnen für den Krieg gegen die Ukraine hergestellt werden. Die Rechnung nennt konkrete Zahlungswege über die DBS Bank in Hongkong und die chinesische Ping An Bank, belegt allerdings noch keine tatsächlich erfolgte Lieferung oder Zahlung.
Der Schriftwechsel lässt wenig Raum für die Vorstellung eines ahnungslosen Verkäufers. Die verdeckten Käufer bezeichneten den Endabnehmer ausdrücklich als militärische Produktionsstätte. Der Direktor erhob nach Darstellung der Recherche keinen Einwand. Später wollte er wissen, ob der russische Interessent das „Projekt“ gewonnen habe, offenbar eine Ausschreibung. Jiang bestätigte außerdem, dass dieselben Modems über Shenzhen Sinosun Technology angeboten würden, ihre Herstellung jedoch allein bei Xingkai liege. Fotos identischer Geräte finden sich auf der Internetseite dieses Zwischenhändlers. In russischen Drohnentrümmern tauchten solche Geräte teilweise mit dem Aufkleber HX-50 auf. Die betreffende Ausführung des F-359 fehlt allerdings im öffentlichen Katalog. Ihre Anleitung erhielten die Ermittler erst nach direkter Kontaktaufnahme.

Nach Einschätzung dieser Recherche deckt Xingkai Tech ungefähr die Hälfte des Marktes leistungsfähiger Mesh-Modems für Gerbera- und Geran-Drohnen ab. Eine Schätzung, deren Tragweite angesichts der russischen Angriffswellen beträchtlich wäre. Die Geräte sollen unter Sichtverbindung Funkstrecken von 100 bis 300 Kilometern ermöglichen. Theoretisch könnten bereits wenige als Relais eingesetzte Drohnen die Verbindung bei Angriffen bis in die Gegend von Kiew verlängern. Über das Netz lassen sich außerdem Videobilder von Kameradrohnen zu ihren Bedienern übertragen. Der ukrainische Fachmann Serhij „Flash“ Beskrestnow hatte zuletzt über solche ferngesteuerten Varianten berichtet.


Schwer vorstellbar, dass die CIA die chinesischen Lieferketten für russische Angriffsdrohnen überhaupt nicht im Blick hatte. Gerade die Zusammenarbeit zwischen chinesischen Elektronikherstellern und der russischen Rüstungsindustrie dürfte für amerikanische Nachrichtendienste von erheblichem Interesse sein. Unsere Recherchen zu diesem Punkt laufen derzeit noch.
Entscheidend ist die Fähigkeit des Funknetzes, sich während der Bewegung selbst neu zu ordnen. Ändern Fluggeräte ihre Position, kann das System andere Übertragungswege finden. Die Bediener müssen sich darum nicht fortlaufend kümmern. Im Handbuch beschreibt Xingkai Tech eine bewegliche Netzstruktur für Sprachübertragung und hochauflösende Videos. Militärische Anwendungen stehen bei den aufgeführten Einsatzgebieten ausdrücklich an vorderster Stelle.
Die technische Steuerung übernimmt unter anderem ein programmierbarer Baustein, ein sogenannter FPGA. Jiang bezeichnete dafür das Modell XC7Z020-2CLG4001 des amerikanischen Herstellers AMD. Dessen Herkunft führt zur nächsten unangenehmen Frage. AMD widersprach auf Anfrage jeder unmittelbaren Geschäftsverbindung. Xingkai Technology sei weder Kunde noch autorisierter Partner. Das amerikanische Unternehmen habe dem chinesischen Hersteller keine Produkte verkauft und halte sämtliche geltenden Ausfuhrkontrollen ein. Unzulässige Lieferungen nach Russland seien ausdrücklich untersagt.

Jiang verweigerte dagegen die Vorlage einer AMD-Lizenzvereinbarung. Xingkai beziehe die Bauteile über einen Zwischenhändler, habe er erklärt. Ein unmittelbarer Rechtsverstoß von AMD lässt sich daraus nicht ableiten. Sichtbar wird allerdings, wie weit ein elektronisches Bauteil von seinem ursprünglichen Hersteller entfernt sein kann, bevor es seinen Platz in einer russischen Angriffsdrohne findet. Auch bei den Banken muss zwischen dokumentiertem Angebot und tatsächlicher Zahlung unterschieden werden. Die Rechnungen nennen DBS Bank, Ping An Bank und China Merchants Bank als Zahlungswege. Dass Geld tatsächlich überwiesen wurde, belegen die Unterlagen nicht.
Dokumentiert ist jedoch ein Angebot für 500 militärisch bestimmte Funkmodems, einschließlich Zahlungsanweisungen und ausdrücklich benanntem Lieferziel Alabuga. Der vermeintliche Kunde hatte seine militärische Bestimmung offengelegt. Xingkai Technology rechnete weiter. Über den Himmel der Ukraine entscheiden längst auch Bauteile, die auf einer gewöhnlichen Handelsrechnung stehen. Der Verkäufer muss dafür keine Drohne starten. Es genügt, wenn er weiß, wohin das Paket gehen soll.
Fortsetzung folgt …
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