Es war heller Tag. Eine belebte Straße im Zentrum von Bagdad, Verkehr, Menschen, der gewöhnliche Lärm einer Stadt, die längst gelernt hat, mit dem Ungewöhnlichen zu leben. Dann greifen bewaffnete Männer zu. Sie zerren die amerikanische Journalistin Shelly Kittleson von der Straße in ein Fahrzeug und verschwinden. Kein versteckter Zugriff, kein abgelegener Ort, keine Nacht als Verbündete. Wer so vorgeht, braucht keine Deckung. Er hat gelernt, dass die Öffentlichkeit kein Hindernis ist. Dass sie, im schlimmsten Fall, einfach wegschaut.
Das irakische Innenministerium hat die Entführung bestätigt. Sicherheitskräfte reagierten sofort, nahmen die Verfolgung auf und konnten ein Fahrzeug ausmachen, das mit der Tat in Verbindung steht. Bei dem Versuch zu fliehen kam es zu einem Unfall, das Fahrzeug überschlug sich. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, eines der eingesetzten Fahrzeuge sichergestellt. Die Suche nach den weiteren Tätern läuft. Was das bedeutet, in einem Land, in dem Suchen nicht immer Finden bedeutet, weiß jeder, der hier schon länger arbeitet.
Shelly Kittleson arbeitet seit Jahren in Konfliktregionen, unter anderem für BBC, Politico und Foreign Policy. Sie kennt die Abläufe, kennt die Risiken, kennt das Gefühl, in einem Raum zu stehen, der jederzeit kippen kann. Und dennoch. Dass sie am helllichten Tag von einer belebten Straße gezerrt wird, ist kein Zeichen von Nachlässigkeit ihrerseits. Es ist ein Zeichen dafür, wie wenig Kontrolle selbst in zentralen Bereichen dieser Stadt noch vorhanden ist. Manchmal schützt kein Wissen, keine Erfahrung, keine Vorsicht. Manchmal kommt es einfach.

Bis jetzt gibt es kein Bekennerschreiben, keine Forderung, keine öffentliche Zuordnung zu einer Gruppe. In einem Umfeld, in dem Milizen, bewaffnete Netzwerke und politische Interessen parallel agieren und sich gegenseitig durchdringen, bedeutet dieses Schweigen nicht Strukturlosigkeit. Es bedeutet, dass die Struktur im Moment nicht offen sichtbar sein will. Dass sie wartet. Worauf, ist noch nicht klar.
Die Behörden betonen, dass die Ermittlungen laufen und alle Beteiligten verfolgt werden sollen. Ziel ist es, Kittleson zu finden und die Verantwortlichen festzunehmen. Das sind die offiziellen Worte, und man nimmt sie zur Kenntnis. Gleichzeitig bleibt die Lage unübersichtlich, und jede Stunde ohne klare Informationen verschärft das, was ohnehin schon schwer zu greifen ist. Nicht als Floskel. Als Tatsache, die sich mit jeder verstrichenen Stunde schwerer wiegt.
Auch für uns vor Ort ist das kein einfacher Vorgang. Kontakte werden aktiviert, Verbindungen genutzt, Informationen abgeglichen. Genau über diese Wege, die selten laut sind und fast nie öffentlich, entsteht oft das Bild, das man in offiziellen Meldungen nicht bekommt. Jeder Hinweis kann entscheidend sein. Man lernt hier, auch dem Schweigen zuzuhören.
Die Entführung von Shelly Kittleson trifft nicht nur eine einzelne Person. Sie richtet sich gegen alle, die vor Ort arbeiten, berichten, dokumentieren, die glauben, dass Anwesenheit zählt und dass das Festhalten der Wahrheit einen Unterschied macht. Und sie zeigt, wie schnell selbst ein gewöhnlicher Moment auf einer Straße in Bagdad aufhört, gewöhnlich zu sein. Wie dünn diese Linie ist. Wie still es danach werden kann.
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Es ist sehr schmerzlich all diese Brutalität. Ich hoffe sehr, dass Sie bald und gesund gefunden wird
…das hoffen wir auch sehr, leider ist die situation hier überall sehr angespannt
Danke, dass Ihr über Shelly Kittleson berichtet.
Im Irak ist es wie in Syrien.
Offizielle Worte weichen vom Tatsächlichen ab.
Die Frage ist, warum wurde sie entführt?
Waren es Pro-Iraner, die den USA zeigen wollen „ihr seid nirgends sicher“?
War es eine Miliz, die Geld erpressen will?
Oder IS-Terroristen, die sehr Schlimmes vorhaben?
Ich hoffe so sehr, dass sie wieder heil aus der Situation raus kommt und heim kommt.
Bitte passt noch mehr auf Euch auf.
…das ist selbstverständlich, weiteres muss man klären, auch über kontakte …und das machen wir …danke euch