Während russische Drohnen ukrainische Städte angreifen, greift Washington in die Verteidigungsfähigkeit des angegriffenen Landes ein. Die Anweisung, das militärische Satellitensystem Starshield einzuschränken, kam nach übereinstimmenden Angaben von zwei amerikanischen Regierungsvertretern und einem unterrichteten westlichen Beamten aus dem Weißen Haus. Das Pentagon erhielt die Mitteilung, die Verbindung müsse verlangsamt werden. Ukrainische Drohnen verloren daraufhin bei hohen Geschwindigkeiten ihre Verbindung. Darunter befanden sich auch Abfangdrohnen, deren Aufgabe darin besteht, russische Shahed-Drohnen vom Himmel zu holen, bevor sie Menschen töten können. Während Moskau angreift, werden der ukrainischen Verteidigung aus Washington technische Grenzen gesetzt. Eine amerikanische Entscheidung mit möglichen tödlichen Folgen.

Die Einschränkungen betrafen ebenso ukrainische Angriffe auf russische Truppen und militärische Versorgungslinien in besetzten Gebieten. Nach Angaben aus dem ukrainischen Verteidigungsministerium funktionieren die Empfänger inzwischen wieder während der Bewegung, allerdings nur bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Oberhalb dieser Geschwindigkeit fällt die Verbindung aus. Was in Washington als technische Beschränkung erscheinen mag, entscheidet im Krieg darüber, ob eine Drohne ihren Auftrag erfüllen kann. Bei der Abwehr eines anfliegenden Sprengkörpers bleibt für diplomatische Erklärungen keine Zeit.
Wer im Weißen Haus die Anordnung erteilte, ist bislang ungeklärt. Ein hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter bestritt ausdrücklich, dass Donald Trump persönlich eine solche Weisung gegeben habe. Die Frage nach anderen Verantwortlichen innerhalb seiner Regierung ließ das Weiße Haus unbeantwortet. Elon Musk erklärte, Starshield gehöre der amerikanischen Regierung. Über Einschränkungen der Geschwindigkeit oder Nutzung entschieden das US-Militär beziehungsweise der Präsident. SpaceX äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Auch das Pentagon und die ukrainische Botschaft in Washington beantworteten entsprechende Anfragen nicht.
Besonders schwer wiegt der politische Zusammenhang. Trump verlangt von der Ukraine, ihre Angriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen. Er macht diese Angriffe für steigende Energiepreise verantwortlich, die seiner Republikanischen Partei vor den Kongresswahlen schaden. Fachleute sehen die Hauptursache der Preisexplosion dagegen im amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran und der weitgehenden Schließung der Straße von Hormus. Washington führt einen Krieg mit verheerenden Folgen für die Energiemärkte und verlangt gleichzeitig von Kiew, seine militärischen Möglichkeiten gegen Russland einzuschränken. Putin erhält damit politischen Druck auf seinen Gegner frei Haus. Wie dieser Druck ausgeübt wird, zeigte sich bereits am 9. Oktober in Miami. Dort trafen amerikanische und ukrainische Vertreter mit europäischen Delegierten und Vertretern der Weltbank zusammen. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Sondergesandter Steve Witkoff hätten Kiew scharf vorgehalten, weiterhin russische Raffinerien anzugreifen. Washington sei darüber verärgert, weil frühere Aufforderungen zur Einstellung dieser Angriffe unbeachtet geblieben seien. Gleichzeitig erläuterte die amerikanische Delegation ihr Dieselgeschäft mit Moskau.
Mehr als 2,25 Millionen Barrel russischer Diesel sollen dadurch auf amerikanische und internationale Märkte gelangen. Das Weiße Haus hoffe, Russland damit zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Amerikanische Abgeordnete kritisierten, das Geschäft verschaffe Putin zusätzliche Kriegseinnahmen, ohne ihm Zugeständnisse abzuringen. Russland darf verkaufen. Die Ukraine soll ihre Angriffe einstellen. Eine Vorstellung von Friedenspolitik, bei der ausgerechnet der Angreifer wirtschaftlich entlastet wird.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die amerikanische Dieselentscheidung als schwach. Trump verlangte daraufhin Wahlen in der Ukraine und Selenskyjs Ablösung. Nach früheren Berichten drohten amerikanische Regierungsvertreter hinter verschlossenen Türen außerdem, die Weitergabe von Informationen über russische Raketenstarts einzustellen. Diese Angaben benötigt Kiew zur Abwehr russischer Angriffe. Trump versicherte am Dienstag, die Zusammenarbeit bei der Weitergabe solcher Informationen werde fortgesetzt.
Am Dienstag und Mittwoch versuchten ukrainische Verantwortliche, bei der amerikanischen Regierung Antworten auf die Starshield-Einschränkungen zu erhalten. Nach Angaben eines hochrangigen ukrainischen Regierungsvertreters bestätigte Washington, die Entscheidung stamme aus dem Weißen Haus. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat Milliarden Dollar in Starlink und Starshield investiert. Zum System gehören eigens beschaffte Satelliten zur Raketenfrühwarnung und für die militärische Aufklärung. Jetzt zeigt sich, welche Macht in der Kontrolle über solche Verbindungen liegt. Ein Land kämpft gegen russische Angriffe. Sein wichtigster westlicher Unterstützer verhandelt mit Moskau über Diesel und schränkt zugleich eine Technik ein, die ukrainischen Soldaten bei der Verteidigung hilft. Für Menschen unter russischem Beschuss ist das keine Auseinandersetzung über Satellitentechnik.
Es betrifft ihre Überlebenschancen.
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