Alex Jeffrey Pretti war kein anonymer Name in einer Polizeimeldung. Er war Intensivpfleger im Krankenhaus der Veteranenbehörde, jemand, der Menschen in ihren verletzlichsten Momenten begleitete und blieb, wenn es schwierig wurde. Seine Familie beschreibt ihn als zutiefst zugewandt, als jemanden, der nicht wegsehen konnte, wenn Unrecht geschah. Genau das brachte ihn auf die Straße, als sich in Minneapolis der Ton veränderte und Einsätze der Einwanderungsbehörde immer brutaler wurden.
Prettis Familie veröffentlichte am Samstagabend eine Erklärung, in der sie sagte, sie seien „am Boden zerstört, aber auch sehr wütend“, und bezeichnete ihn als eine gutherzige Seele, die durch seine Arbeit als Krankenpfleger einen Unterschied in der Welt machen wollte.
„Die widerwärtigen Lügen, die von der Regierung über unseren Sohn erzählt werden, sind verwerflich und ekelhaft. Alex hält eindeutig keine Waffe, als er von Trumps mordenden und feigen ICE-Schlägern angegriffen wird. Er hat sein Telefon in seiner rechten Hand, und seine leere linke Hand ist über seinem Kopf erhoben, während er versucht, die Frau zu schützen, die ICE gerade zu Boden gestoßen hat, und das alles, während er mit Pfefferspray besprüht wird“, heißt es in der Erklärung.
„Bitte bringt die Wahrheit über unseren Sohn nach außen. Er war ein guter Mann. Danke.“
Pretti war 37 Jahre alt, US-Staatsbürger, geboren in Illinois, ohne Vorstrafen, ohne Vorgeschichte mit der Polizei, abgesehen von ein paar Strafzetteln. Er arbeitete lange Schichten, lebte ruhig, kümmerte sich um seine Nachbarn und hatte eine enge Bindung zu seinem Hund, mit dem er draußen unterwegs war, wann immer es ging. Er liebte Fahrräder, die Natur, Ordnung in kleinen Dingen. Und er war wütend über das, was er in seiner Stadt sah. Über Menschen, die von der Straße weggezogen wurden. Über Kinder, die verschwanden. Über eine Härte, die nichts mehr mit Sicherheit zu tun hatte.

Sein Vater sagt, Alex habe das als falsch erkannt. Nicht abstrakt, sondern konkret. Deshalb ging er zu Protesten, wie viele andere. Nicht um zu eskalieren, sondern um sichtbar zu sein. Die Familie hatte ihn noch kurz zuvor gebeten, vorsichtig zu sein. Protestieren ja, sich einmischen nein. Alex habe das verstanden, sagt der Vater. Er wusste, wo seine Grenzen lagen. Am Samstag wurde er von einem Beamten der Grenzpolizei erschossen. Die offizielle Darstellung behauptet, er habe sich den Beamten mit einer halbautomatischen Pistole genähert. Videos von Anwesenden zeigen etwas anderes. Sie zeigen ihn mit einem Telefon in der Hand. Sie zeigen keinen gezogenen Lauf, keine Bedrohung. Seine Familie sagt, er habe zwar eine Waffe besessen und eine gültige Trageerlaubnis gehabt, aber sie hätten ihn nie damit auf der Straße gesehen. Er trug sie nicht bei sich, sagen sie. Und auf den Aufnahmen ist sie nicht zu sehen.
Wir sind der Genauigkeit verpflichtet und üben uns normalerweise in größtmöglicher Zurückhaltung, wenn es um Bewertungen vor Abschluss aller Ermittlungen geht. Doch dieser Fall sprengt selbst diese selbst auferlegte Disziplin. Die Faktenlage ist so erdrückend, die Widersprüche so offen sichtbar, dass Schweigen keine Form von Sorgfalt mehr wäre. Dafür bleibt nur ein einziges Wort.
Was folgte, war Schweigen. Die Eltern erfuhren vom Tod ihres Sohnes nicht von den Behörden, sondern von einem Journalisten. Krankenhäuser gaben keine Auskunft, Behörden waren nicht erreichbar. Erst der Gerichtsmediziner bestätigte, dass ein Leichnam mit Namen und Beschreibung ihres Sohnes vorlag. Stunden später hörten sie führende Regierungsvertreter, die Alex als Terroristen bezeichneten. Sie sahen, wie über ihren Sohn gesprochen wurde, als sei er ein Feind. Daraufhin meldete sich die Familie selbst zu Wort. Gebrochen und wütend zugleich. Sie sprachen von Lügen. Von widerwärtigen Behauptungen. Von Videos, die zeigen, dass Alex nicht bewaffnet war, als er zu Boden gebracht wurde, sondern sein Telefon hielt und versuchte, eine Frau zu schützen, die mit Pfefferspray attackiert wurde. Sie baten darum, die Wahrheit zu sagen. Mehr nicht.
Alex Pretti wuchs in Wisconsin auf, spielte Sport, war Pfadfinder, sang im Knabenchor. Er studierte in Minnesota, arbeitete zunächst in der Forschung, entschied sich dann bewusst für die Pflege. Für einen Beruf, der Nähe verlangt, Geduld und Verantwortung. Nachbarn beschreiben ihn als warmherzig, hilfsbereit, jemand, der sofort zur Stelle war, wenn es Probleme gab. Keiner von ihnen konnte sich vorstellen, dass er bewaffnet durch die Straßen ging. Seine Mutter sagt, ihr Sohn habe dieses Land geliebt, aber gehasst, was man ihm antat. Umweltzerstörung, Gleichgültigkeit, Härte. Er habe nicht akzeptiert, dass all das als normal verkauft wurde. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sein Tod nicht nur Trauer auslöst, sondern Widerspruch.
Alex Pretti passt nicht in die Erzählung, die man schnell bauen möchte. Er war kein Täter, kein Randständiger, kein namenloser Gegner. Er war Teil dieser Stadt. Teil dieses Landes. Und genau deshalb ist sein Tod mehr als ein weiterer Vorfall. Er ist ein Bruch, den man nicht mit Schlagworten zukleistern kann.
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