Vance rechnet mit Trumps Iran-Krieg ab: Die Republikaner verlieren beide Kammern des Kongresses, und der Vizepräsident nennt den Schuldigen

VonTEAM KAIZEN BLOG

4. November 2026

JD Vance hat nach der Wahlniederlage der Republikaner eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Ein Krieg kann Wahlen kosten. Ausgerechnet der Krieg gegen Iran, den die Regierung seines Präsidenten begonnen hat, soll nun erklären, weshalb Millionen Amerikaner den Republikanern den Rücken gekehrt haben. Der Vizepräsident schreibt es öffentlich, ausführlich und mit einer Offenheit, die in Washington gewöhnlich erst einsetzt, wenn die politischen Trümmer bereits auf dem Tisch liegen. Die Regierung hat den Krieg geführt. Den Preis dafür sollen jetzt andere erklären.

Vor der Wahl hatte Vances Mannschaft noch Grund zur Hoffnung gesehen. Ihre Datenanalysten untersuchten, ob die Zusammensetzung der Wählerschaft jener von 2024 ähnelte. Damals hatten Trump und Vance gewonnen. Auch diesmal gingen republikanische Anhänger in großer Zahl wählen. In manchen Bundesstaaten sei die Beteiligung ordentlich gewesen, in anderen außergewöhnlich hoch. Eine Katastrophe habe sich nirgendwo abgezeichnet. Während die Umfragen längst auf einen demokratischen Erdrutschsieg hindeuteten, rechnete man im Umfeld des Vizepräsidenten weiterhin mit einer Überraschung. Die Zahlen sahen freundlich aus. Die Menschen dahinter waren es offenbar weniger.

Ein Datenanalyst habe Vance noch vor der Abstimmung gewarnt. Die republikanischen Wähler kämen zwar zur Wahl, viele seien jedoch wütend und wollten ihre Stimmen den Demokraten geben. Die Republikaner hätten also ihre eigenen Anhänger mobilisiert, um anschließend deren Ablehnung zu zählen. In Florida habe die Wählerschaft sogar einen um 9 Prozentpunkte höheren republikanischen als demokratischen Anteil gehabt. Nur wenige Punkte schlechter als 2024. Trotzdem half diese Zusammensetzung nicht. Vance räumt ein, dass frühere Trump-Wähler diesmal demokratisch gewählt hätten.

Noch deutlicher fällt seine Schilderung einer weiteren Befragung aus. Ein von ihm hochgeschätzter Meinungsforscher habe für die landesweite Parteipräferenz einen republikanischen Rückstand von 13 Prozentpunkten vorausgesagt. Vance sei selbst überrascht gewesen. Der Forscher habe ehemalige Trump-Wähler gefragt, unter welchen Bedingungen sie zu den Republikanern zurückkehren würden. Die Antworten fielen unangenehm konkret aus.

Zuerst verlangten sie ein Ende des Krieges. Danach nannten sie die Lebenshaltungskosten und die Inflation. Sie forderten außerdem, Amerika wieder an die erste Stelle zu setzen. Schließlich wollten sie das Verhältnis zu Israel verändert sehen. Diese vier Antworten hätten nahezu sämtliche Rückmeldungen ausgemacht. Eine überprüfbare Veröffentlichung der Befragung legt Vance nicht vor. Doch seine Darstellung beschreibt eine Wählerschaft, die sich von den eigenen politischen Versprechen betrogen sieht. Der Präsident hatte Amerika Vorrang versprochen. Seine Anhänger verlangen nun, dass er sich daran erinnere.

Besonders aufschlussreich ist Vances Verteidigung von Rachel Campos-Duffy. Sie hatte sich für eine diplomatische Lösung des Iran-Konflikts ausgesprochen und war dafür noch am Montag von Parteifreunden angegriffen worden. Jetzt erklärt der Vizepräsident, ihr politischer Rat sei richtig gewesen. Die Gegner einer diplomatischen Lösung haben inzwischen eine Wahl verloren. Über Frieden nachzudenken fällt manchen Politikern offenbar leichter, wenn die Mehrheit im Senat bereits verschwunden ist.

Vance möchte zugleich verhindern, dass der parteiinterne Streit in eine andere Richtung läuft. In den kommenden Monaten würden Politiker des republikanischen Parteiapparats versuchen, die Niederlage für Forderungen nach einer Amnestie für Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus zu nutzen. Solche Behauptungen seien Lügen. Über eine andere Durchsetzung der Einwanderungsgesetze könne man reden, beispielsweise über stärkere Kontrollen von Unternehmen, die Menschen ohne Arbeitserlaubnis beschäftigten. An der grundsätzlichen Härte seiner Einwanderungspolitik will er festhalten. Der Krieg darf als Fehler gelten. Andere politische Überzeugungen bleiben unangetastet.

Die entscheidende Passage seines Beitrags betrifft den Preis. Der Verlust der Senatsmehrheit für die kommenden 6 Jahre könne als gerechtfertigte Folge des Krieges verteidigt werden, schreibt Vance. Dann sollten dessen Befürworter aber offen dazu stehen. Auch Trump selbst habe am Wahlabend den Krieg für die Niederlage verantwortlich gemacht. Damit rückt der Vizepräsident eine Entscheidung des Weißen Hauses ins Zentrum der republikanischen Katastrophe und vermeidet zugleich die Frage, weshalb diese Entscheidung innerhalb der Regierung überhaupt durchgesetzt werden konnte.

Zum Schluss fordert Vance seine enttäuschten Anhänger auf, Republikaner zu wählen, die ihre Überzeugungen teilten. Sie sollten Freunde mitbringen und der radikalen Linken eine deutliche Antwort geben. Er spricht sogar von der Aufgabe, das Land zu retten. Der Aufruf klingt wie eine Wahlkampfrede, die versehentlich nach der Auszählung veröffentlicht wurde. Der Vizepräsident möchte den Zorn der Wähler wieder für jene Partei nutzbar machen, gegen deren Regierung er sich gerade gerichtet hat.

Der Wahltermin ist bereits vorbei. Die politische Verantwortung lässt sich nicht nachträglich zur Abstimmung stellen. Vance hat den Krieg als Ursache der Niederlage benannt. Über seinen eigenen Anteil an der Politik, die er nun für so verhängnisvoll hält, verliert er natürlich kein vergleichbar deutliches Wort. Die politische Ironie: Vance ist Teil genau jener Regierung, deren Entscheidungen die Republikaner nun die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses gekostet haben. Er macht Trump indirekt verantwortlich, während er über seine eigene Mitverantwortung lieber schweigt. Charakter muss man eben erst einmal haben, bevor man ihn zeigen kann.

Support Kaizen
Investigativer Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x