Google hat amerikanischen Schulen eine Entscheidung vorgelegt, deren Unverschämtheit erst auf den zweiten Blick vollständig sichtbar wird. Schulen, die ihren Schülern den Zugang zu künstlicher Intelligenz untersagen, sollen ab Anfang 2027 auch die Google-Suche nicht mehr nutzen können. Betroffen sind die von Schulen verwalteten Schülerkonten. Der weltweit führende Suchmaschinenanbieter verbindet damit eine grundlegende Möglichkeit zur Informationsbeschaffung mit der Verpflichtung, seine eigene künstliche Intelligenz zu akzeptieren. Ausgerechnet Schulen, deren Aufgabe darin besteht, Kindern selbstständiges Denken beizubringen, werden vor die Wahl gestellt, sich den Vorstellungen eines milliardenschweren Unternehmens zu unterwerfen oder auf dessen Suchmaschine zu verzichten.
Chris Phillips, bei Google für das Bildungswesen verantwortlich, begründet die Entscheidung damit, dass Suche und künstliche Intelligenz inzwischen eng miteinander verbunden seien. Schüler an Schulen, die sämtliche entsprechenden Funktionen sperrten, hätten deshalb keinen Zugang mehr zur Google-Suche. Stattdessen werde ihnen eine Mitteilung ihrer Schule angezeigt. Google stellt die Änderungen als größere Entscheidungsfreiheit für Bildungseinrichtungen dar. Tatsächlich bleibt eine Möglichkeit ausgeschlossen: die gewöhnliche Internetsuche ohne die künstliche Intelligenz des Unternehmens.
Diese Abhängigkeit hat Google über Jahre selbst geschaffen. Amerikanische Schulen nutzen die digitale Unterrichtsplattform Google Classroom, viele Schüler arbeiten mit preisgünstigen Chromebook-Laptops. Was ursprünglich als praktische Ausstattung für den Unterricht erschien, verschafft dem Unternehmen inzwischen beträchtlichen Einfluss auf alltägliche Bildungsentscheidungen. Lehrer können Aufgaben verteilen, Schüler recherchieren und bearbeiten ihre Schulaufgaben innerhalb derselben technischen Umgebung. Wer diese Umgebung verlassen möchte, muss unter Umständen erhebliche organisatorische Schwierigkeiten in Kauf nehmen. Die Rechnung für vermeintlich billige Technik kommt manchmal erst Jahre später.
Hinter den Verboten künstlicher Intelligenz stehen konkrete pädagogische Bedenken. Schulen befürchten, dass Schüler schriftliche Arbeiten zunehmend von Programmen erledigen lassen und dabei die Fähigkeit verlieren, eigene Gedanken zu entwickeln. Auch Täuschungen bei Prüfungen und Hausaufgaben beschäftigen die Verantwortlichen. In New York City hat die Stadtregierung unter Bürgermeister Zohran Mamdani deshalb den Einsatz entsprechender Programme für jüngere Schüler vorübergehend untersagt. Betroffen sind Kinder bis einschließlich der 8. Klassenstufe. Google beantwortet solche Bedenken nun mit einer technischen Entscheidung, die den Schulen den Zugang zu seiner Suchmaschine erschweren würde.
Der Bildungswissenschaftler Morgan Polikoff von der University of Southern California sieht darin einen besonders deutlichen Versuch der Technologiebranche, künstliche Intelligenz auch gegen den erklärten Willen der Nutzer durchzusetzen. Die frühere Vorsitzende der amerikanischen Wettbewerbsbehörde FTC, Lina Khan, wirft Google vor, seine beherrschende Stellung bei Internetsuchen auszunutzen, um Schulen zur Übernahme der neuen Technik zu drängen. Mehrere Gerichte hätten Google bereits wegen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht verantwortlich gemacht. Das Unternehmen zeige trotzdem keinerlei Bereitschaft, seine Geschäftspraktiken grundsätzlich zu überdenken.
Auch Mamdani reagierte scharf. Kein Unternehmen dürfe bestimmen, wie Kinder unterrichtet würden. Öffentliche Schulen dienten ihren Schülern und hätten nicht die Aufgabe, die Gewinne der Technologieunternehmen zu steigern. Senator Bernie Sanders erinnerte an Trumps Behauptung, die führenden Unternehmer der künstlichen Intelligenz könnten sich selbst kontrollieren, weil sie ihr Land liebten. Googles Vorgehen bezeichnete Sanders als Erpressung. Der Kognitionswissenschaftler Gary Marcus fand dafür eine noch kürzere Beurteilung: böse.
Die Schriftstellerin Kashana Cauley erinnerte daran, dass Google einst den Grundsatz vertreten hatte, nichts Böses zu tun. Inzwischen wirke es, als halte das Unternehmen Kinder und ihre Schulen als Geiseln seiner Geschäftspolitik. Sie forderte, die Abhängigkeit von Chromebook-Verträgen zu beenden und Google aus den Schulen zu entfernen. Die bisher günstige technische Ausstattung könne kaum rechtfertigen, dass ein privates Unternehmen den Unterricht faktisch mitbestimme.
Donald Trump hält staatliche Beschränkungen für künstliche Intelligenz weitgehend für überflüssig. Google liefert gerade eine eindrucksvolle Vorstellung davon, wie gut sich eine solche Freiheit wirtschaftlich verwerten lässt. Schulen, die ihre Kinder vor einer Technologie schützen wollen, deren Folgen für das Lernen noch längst nicht ausreichend untersucht sind, müssen künftig möglicherweise auf die meistgenutzte Suchmaschine der Welt verzichten. Jahrelang hat Google amerikanische Klassenzimmer mit günstigen Geräten ausgestattet. Jetzt erfahren die Schulen, wie viel eine solche Großzügigkeit kosten kann.
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