Heute in unseren Kurznachrichten:
Trump verliert North Carolina, die Demokraten greifen nach der Senatsmehrheit, und selbst zugunsten der Republikaner veränderte Wahlkreise fallen an ihre Gegner. Georgia wählt mit Keisha Lance Bottoms erstmals eine schwarze Gouverneurin, Kansas erlebt eine politische Überraschung.
Trump beschimpft unterdessen Fox News. Grönland stimmt neuen US-Militärstützpunkten zu, während die Bevölkerung weitere Drohungen fürchtet.
Amerikanische Technologieriesen treiben Europas Kreditkosten nach oben. Nach 33 Toten durch einen russischen Angriff fordert Merz vor den Friedensgesprächen in Abu Dhabi endlich ernsthafte Verhandlungen von Putin. Dazu die außergewöhnlich hohe Wahlbeteiligung und technische Probleme während der amerikanischen Wahlnacht.
Grönland stimmt Sicherheitsabkommen mit den USA zu: Trump bekommt Militärstützpunkte, die Menschen bleiben mit ihrer Angst zurück

Monatelang hatte Donald Trump Grönland unter Druck gesetzt, sogar eine militärische Übernahme der Insel wollte er zeitweise nicht ausschließen. Jetzt hat das Parlament in Nuuk einem Sicherheitsabkommen mit den USA und Dänemark zugestimmt. 16 Abgeordnete stimmten dafür, 7 enthielten sich, Gegenstimmen gab es keine. Die Vereinbarung ermöglicht Washington zusätzliche Militärstützpunkte in der Arktis und eine stärkere amerikanische Präsenz im Nordatlantik. Grönland bleibt unter dänischer Hoheit, seine Selbstverwaltung wird nicht aufgehoben. Auch bei einer späteren Unabhängigkeit soll das Abkommen weitergelten. Trump hatte die amerikanische Kontrolle über die Insel zuvor zur Frage der nationalen Sicherheit erklärt. Von seinen militärischen Drohungen rückte er später ab. Unterzeichnet hatten Trump, Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen die Vereinbarung bereits im September am Rande der UN-Generalversammlung in New York.
Im amerikanischen Außenministerium feiert man die Zustimmung als weiteren großen Sieg für die nationale Sicherheit. Die Regierung erklärte, sie sichere damit amerikanische Interessen und halte gegnerische Mächte aus der Region fern. In Grönland klingt die Erleichterung erheblich weniger triumphierend. Die 28-jährige Nukaaka Lund-Mathaeussen aus Ilulissat hofft, Washington habe jetzt bekommen, was es wollte, und werde endlich mit seinen versteckten Drohungen aufhören. Der 34-jährige Koch William Tukula berichtete von älteren Grönländern, die wegen Trump und amerikanischer Soldaten Angst hätten. Regierungschef Nielsen erklärte nach der Abstimmung, die Bevölkerung habe trotz des monatelangen Drucks zusammengehalten. Zusammenarbeit mit anderen Staaten müsse die Menschen und ihre Rechte respektieren. Grönland gehöre den Grönländern und werde ihnen immer gehören. In Dänemark steht die parlamentarische Beratung noch aus. Erst nach Abschluss der erforderlichen Verfahren tritt die Vereinbarung in Kraft.
Die wirtschaftlichen Versprechen überzeugen längst nicht alle. Amerikanische Aufträge für Aufbau und Betrieb der Militärstützpunkte sollen möglichst weitgehend an grönländische Unternehmen vergeben werden. Doch Lars Erik Gabrielsen, Bürgermeister der Gemeinde Avannaata, erwartet davon wenig. Für Dänemark und die NATO sei es ein gutes Geschäft, für seine Bevölkerung gebe es weder Vorteile noch Geld. Der 43-jährige Müllverbrennungsarbeiter Nukaaraq Thomsen formulierte seine Sorge noch schärfer: Das Abkommen mache Grönland sicherer, aber nur das Land, nicht seine Menschen. Lund-Mathaeussen fragt, welchen Einfluss ein gewöhnlicher Mensch auf diese gewaltige diplomatische Maschinerie überhaupt haben könne. Washington bekommt zusätzliche militärische Möglichkeiten, Kopenhagen behält die Hoheit. In Ilulissat, rund 570 Kilometer nördlich von Nuuk, müssen die Menschen weiterhin darauf vertrauen, dass die nächste Forderung aus dem Weißen Haus nicht bereits unterwegs ist.
Trump verfolgt die Wahlergebnisse im Weißen Haus und legt sich bereits mit Fox News an

Donald Trump verfolgt die Auszählung der Kongresswahlen im East Room des Weißen Hauses. Um ihn herum sitzen politische Berater und Mitglieder seiner Regierung. Innenminister Doug Burgum hatte seine Teilnahme bereits angekündigt. Die Wahllokale schließen, Amerika zählt seine Stimmen, und der Präsident beobachtet, ob ihm die Wähler seine republikanischen Mehrheiten erhalten. Die politischen Folgen dieser Nacht reichen weit über den Empfangssaal hinaus. Im Weißen Haus dürfte man das wissen.
Wenige Stunden zuvor stand Trump gemeinsam mit Burgum am Reflecting Pool vor dem Lincoln Memorial. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt vor der Wahl. Gelegenheit für eine abschließende Botschaft an Millionen Wähler. Trump sprach allerdings ausführlich über die Renovierungsarbeiten, die er und Burgum in Washington vorangetrieben hätten. Die Zukunft des Kongresses stand zur Entscheidung, der Präsident beschäftigte sich mit seinen Bauarbeiten in der Hauptstadt. Auch das muss man erst einmal schaffen.
Noch bevor die Wahlnacht richtig begonnen hatte, fand Trump bereits einen Schuldigen für schlechte Stimmung. Auf Truth Social beschwerte er sich über Fox News. Der konservative Sender widme den Demokraten „zu viel Zeit“, schrieb er. Ausgerechnet Fox News, das Trumps politischen Aufstieg über Jahre begleitet hat, bekommt Ärger, weil es auch über seine Gegner berichtet. Offenbar beginnt für Trump die unerträgliche Zumutung einer Wahl bereits dort, wo andere Politiker im Fernsehen vorkommen. Nun sitzt er mit seinem Kabinett im Weißen Haus und wartet auf Zahlen, über die er ausnahmsweise nicht selbst entscheiden kann.
Trump verliert North Carolina: Die Demokraten greifen nach der Mehrheit im Senat

In North Carolina ist der republikanische Senatssitz gefallen. Der frühere demokratische Gouverneur Roy Cooper besiegte Michael Whatley, den Kandidaten der Republikaner. Für Donald Trump ist das ein empfindlicher Schlag. In Georgia verteidigte Jon Ossoff seinen Sitz, in New Hampshire gewann Chris Pappas. Damit haben die Demokraten ihre ersten entscheidenden Erfolge dieser Wahlnacht eingefahren. Besonders bitter für die Republikaner: Whatley war ein von Trump unterstützter Kandidat. Der Präsident hatte seine Partei auf Loyalität verpflichtet. Die Wähler in North Carolina haben sich davon wenig beeindrucken lassen.
Noch sind die entscheidenden Rennen in Texas und South Carolina offen. Dort erreichen demokratische Kandidaten in traditionell republikanischen Gebieten Ergebnisse, die vor wenigen Monaten kaum jemand erwartet hätte. In Ohio zeichnet sich ebenfalls ein schwieriger Abend für die Republikaner ab. Für eine Mehrheit im Senat müssen die Demokraten insgesamt 4 bisher republikanische Sitze hinzugewinnen, ohne eigene zu verlieren. North Carolina ist der erste bestätigte Gewinn. Besonders in Texas und South Carolina entscheidet sich nun, ob daraus eine politische Abrechnung mit dem Weißen Haus wird.
Update 05:30: Annie Andrews gewinnt für die Demokraten in South Carolina
Die Demokraten haben Trump und seinen Krieg gegen Iran für die wirtschaftlichen Belastungen vieler Familien verantwortlich gemacht. Hohe Preise und die Unzufriedenheit mit der Regierung bestimmten den Wahlkampf. Die Republikaner versuchten dagegen, ihre Gegner als gesellschaftlich und wirtschaftlich radikal darzustellen. Nun zeigen ausgerechnet Gegenden, in denen Trump 2024 große Mehrheiten erreichte, eine erheblich veränderte Stimmung. In Georgia feierte Ossoff seinen Sieg mit scharfen Worten gegen den Präsidenten. Die Bevölkerung habe dessen Korruption und Unfähigkeit zurückgewiesen, erklärte er. Trump selbst beobachtet die Ergebnisse im Weißen Haus. Eine Stellungnahme zu den schweren republikanischen Verlusten blieb zunächst aus.
Wahlkreise nach republikanischen Wünschen gezeichnet, trotzdem gewinnen die Demokraten

Die Republikaner haben in mehreren Bundesstaaten Wahlkreisgrenzen zu ihren Gunsten verändert. In Florida sollten neu zugeschnittene Wahlkreise ihre Chancen auf zusätzliche Sitze im Repräsentantenhaus verbessern. Doch bereits in der Wahlnacht gewinnen die Demokraten drei dieser Wahlkreise. Besonders aufschlussreich sind die Siege von Kathy Castor und Jared Moskowitz. Beide setzten sich in Gebieten durch, die nach den neuen Grenzen eigentlich bessere Voraussetzungen für die Republikaner bieten sollten. Trump hatte die betreffenden Gebiete bei der Präsidentschaftswahl noch mit deutlichen Mehrheiten gewonnen.
In North Carolina verloren die Republikaner ebenfalls einen Wahlkreis, dessen Grenzen sie zuvor verändert hatten. Der demokratische Erfolg im Westen des Bundesstaates gehört zu den ersten Sitzgewinnen ihrer Partei im Repräsentantenhaus. Auch im 7. Wahlbezirk von New Jersey steht mit Rebecca Bennett eine demokratische Siegerin fest. Die Entscheidungen treffen eine Partei, die erhebliche politische Anstrengungen unternommen hatte, ihre Mehrheit durch neue Wahlkreisgrenzen abzusichern. Offenbar hatten die Verantwortlichen bei ihren Berechnungen eine Unbekannte unterschätzt: die Menschen, die dort tatsächlich wohnen und wählen.
Die Zusammensetzung des Repräsentantenhauses ist noch längst entschieden. Viele Wahlkreise werden erst im weiteren Verlauf der Nacht ausgezählt, knappe Rennen können Tage beanspruchen. Doch schon die frühen Ergebnisse zeigen, wie gefährlich die republikanische Strategie geworden ist. Neue Grenzen verändern die Zusammensetzung eines Wahlkreises. Sie können allerdings keine Zustimmung erzwingen. Millionen Amerikaner haben ihre Stimmen abgegeben, und ausgerechnet dort, wo die Republikaner ihren Vorteil besonders sorgfältig vorbereitet hatten, erhalten sie nun Antworten, mit denen sie offensichtlich nicht gerechnet hatten.
Georgia schreibt Geschichte: Keisha Lance Bottoms wird Gouverneurin und beendet 28 Jahre republikanischer Herrschaft

In Georgia hat Keisha Lance Bottoms die Gouverneurswahl gewonnen. Die frühere Bürgermeisterin von Atlanta wird damit die erste schwarze Frau an der Spitze eines amerikanischen Bundesstaates. Zugleich endet in Georgia eine politische Ära: Seit 1998 hatte dort kein Demokrat mehr eine Gouverneurswahl gewonnen. Bottoms besiegte den republikanischen Milliardär und Gesundheitsunternehmer Rick Jackson, der seine Niederlage am Wahlabend eingestand. Jackson gratulierte seiner Gegnerin und erklärte, die Wähler hätten gesprochen und er respektiere ihre Entscheidung. Nach einem Wahlkampf, in dem politische Feindseligkeit längst zum amerikanischen Alltag gehört, klingt selbst diese Selbstverständlichkeit beinahe ungewöhnlich.
Der demokratische Senator Jon Ossoff verteidigte gleichzeitig seinen Sitz mit deutlichem Vorsprung. Er hatte Bottoms bereits Monate zuvor zu seinen Wahlveranstaltungen eingeladen, auch zu einem gemeinsamen Auftritt mit Barack Obama. Die Erfolge beider Demokraten zeigen, wie deutlich sich Georgia an diesem Abend von den Republikanern abgewandt hat. Ossoff sprach vor Hunderten Anhängern in Atlanta von einer entschiedenen Zurückweisung Trumps. Während wohlhabende Kreise von politischen Vergünstigungen profitierten, würden amerikanische Familien mit wirtschaftlicher Gleichgültigkeit behandelt, erklärte er.
In Florida entschieden sich die Wähler dagegen für den Republikaner Byron Donalds als neuen Gouverneur. Donalds bedankte sich nach seinem Sieg bei seinem demokratischen Gegner David Jolly für den Wahlkampf und berichtete von einem Telefonat mit Trump. Florida bleibe republikanisch, versicherte er dem Präsidenten unter dem Jubel seiner Anhänger. Die beiden Bundesstaaten liefern damit unterschiedliche Ergebnisse. In Georgia zieht erstmals eine schwarze Frau in das Gouverneursamt ein, während Florida bei den Republikanern bleibt. Die Entscheidung in Atlanta besitzt allerdings eine historische Bedeutung, die weit über die Grenzen Georgias hinausreicht.
Update: Kansas überrascht Amerika: Ein demokratischer Pastor gewinnt in Trumps bisherigen Hochburgen

Im ländlichen Seward County in Kansas hatte Donald Trump 2024 noch mit 40 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Jetzt liegt der demokratische Senatskandidat Adam Hamilton dort mit einem zweistelligen Vorsprung vorn. Ausgerechnet in einem Bezirk mit dem höchsten Anteil hispanischer Wähler des Bundesstaates erlebt die Republikanische Partei eine Niederlage, die vor zwei Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Hamilton, ein Pastor einer großen methodistischen Gemeinde, fordert den republikanischen Senator Roger Marshall heraus. Und er erreicht selbst in ländlichen Gebieten Ergebnisse, die deutlich über den bisherigen demokratischen Stimmenanteilen liegen.
Nach Auszählung von 62 Prozent der erwarteten Stimmen lag Hamilton mit 406.688 Stimmen und 58,1 Prozent vorn. Marshall erreichte zu diesem Zeitpunkt 276.394 Stimmen und 39,5 Prozent. In den Bezirken Ellis und Reno verloren die Republikaner gegenüber der Präsidentschaftswahl 2024 erheblich an Unterstützung. Auch aus Labette wurden deutliche Veränderungen gemeldet. Besonders wichtig ist Johnson County, der bevölkerungsreichste Bezirk von Kansas. Dort führte Hamilton bei den frühen Stimmen mit 36 Prozentpunkten Vorsprung. Allerdings standen noch zahlreiche Stimmen aus, weshalb aus diesem Zwischenstand kein endgültiger Wahlsieg abgeleitet werden konnte.
Update 05:30: Adam Hamilton gewinnt für die Demokraten in Kansas
Die Entwicklung reicht über Kansas hinaus. In Texas könnte die Beteiligung die Marke von 10 Millionen Stimmen überschreiten und damit beide vorherigen Kongresswahlen übertreffen. Dort lag die demokratische Gouverneurskandidatin Gina Hinojosa bei rund 54 Prozent ausgezählter Stimmen vor Amtsinhaber Greg Abbott. Bei dessen Wahlveranstaltung in Austin hatte zuvor eine Musikgruppe für Stimmung gesorgt. Als die Musiker pausierten, beschäftigten sich die Anhänger zunehmend mit ihren Telefonen und den eintreffenden Ergebnissen. Die Republikaner hatten auf sichere Mehrheiten vertraut. Nun sitzen selbst in ihren bisherigen Hochburgen Menschen vor den Zahlen, die sie lieber nicht sehen würden.
Rekordbeteiligung, technische Pannen und Trumps Beschwerden: Amerika zählt seine Stimmen

Millionen Amerikaner haben sich am Dienstag an den Kongresswahlen beteiligt. In mehreren umkämpften Bundesstaaten übertraf die frühe Wahlbeteiligung bereits die Werte der vorherigen Kongresswahl. Georgia meldete eine Beteiligung am Wahltag, die nach Angaben des zuständigen Staatssekretärs sogar die Präsidentschaftswahl 2024 übertreffen könnte. Auch Texas verzeichnete außergewöhnlich viele Wähler. Die wirtschaftliche Unzufriedenheit und der Krieg gegen Iran hatten den Wahlkampf geprägt. Für Trump ist diese Abstimmung die erste landesweite Entscheidung über seine zweite Amtszeit. Der Präsident hatte die Amerikaner selbst aufgefordert, so zu wählen, als stünde sein Name auf dem Stimmzettel.
In Westchester County im Bundesstaat New York verursachten technische Schwierigkeiten mit Wahlmaschinen Probleme. Wahlhelfer mussten Stimmzettel deshalb von Hand entgegennehmen. Betroffen war auch ein umkämpfter Wahlkreis für das Repräsentantenhaus. In Florida zwangen Überschwemmungen die Behörden, mehr als 20 Wahllokale in 8 Bezirken zu verlegen. North Carolina meldete technische Verzögerungen in mehreren Wahllokalen. Die Wahlbehörde verschob deshalb die Veröffentlichung erster Ergebnisse von 19:30 Uhr auf frühestens 20:15 Uhr Ortszeit. Die Störungen wurden bislang als etwas höher beschrieben. Das mussten wir auch leider erfahren, hatten jedoch zur Absicherung noch eine Linkvariante auf unserer Seite.
Die Auszählung dauert an. In Alaska schließen die letzten Wahllokale erst am Mittwoch um 10:00 Uhr deutscher Zeit. Bei knappen Ergebnissen können endgültige Entscheidungen noch Tage auf sich warten lassen. Gleichzeitig beschäftigen sich Gerichte mit Versuchen der Trump-Regierung, Einfluss auf die Wahlverfahren der Bundesstaaten zu nehmen. Der Oberste Gerichtshof hatte bereits erkennen lassen, dass er entsprechende Eingriffe nicht unterstützen wolle.
Amerikas KI-Milliarden treiben Europas Kreditzinsen nach oben: Die Rechnung bezahlen Unternehmen und Steuerzahler

Amerikanische Technologieriesen brauchen gewaltige Summen für den Ausbau künstlicher Intelligenz. Das Geld holen sie sich inzwischen verstärkt in Europa. Alphabet, der Mutterkonzern von Google, begann am Montag bereits seine 2. Anleiheausgabe in Euro innerhalb eines Jahres. Im Mai hatte das Unternehmen 9 Milliarden Euro aufgenommen. Nun drängen weitere amerikanische Unternehmen auf den europäischen Kapitalmarkt. Meta und Amazon bereiten nach Erwartungen von Investoren ebenfalls größere Kreditaufnahmen außerhalb der USA vor. Microsoft gehört zu den möglichen weiteren Schuldnern. Die Dimensionen sind beträchtlich. Marion Le Moradec, verantwortlich für Anleihen bei Fidelity International, rechnet mit bevorstehenden Finanzierungen zwischen 40 und 60 Milliarden Euro. Für die amerikanischen Unternehmen sind das Investitionen in ihre Zukunft. Für europäische Firmen könnte dieselbe Entwicklung bedeuten, dass sie für ihre eigene Zukunft erheblich mehr bezahlen müssen.
Bereits seit Jahresbeginn haben Technologieunternehmen in den USA Anleihen im Wert von mehr als 250 Milliarden Dollar ausgegeben. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg um 81 Prozent. In Europa erreichten solche Anleiheausgaben bislang 39,3 Milliarden Dollar, etwa 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch die großen Finanzierungsrunden stehen möglicherweise erst bevor. BNP Paribas erwartet für 2027 einen Anstieg des Nettoangebots hochwertiger Unternehmensanleihen in Euro um 83 Prozent auf 192 Milliarden Euro. Allein 80 bis 90 Milliarden Euro könnten von amerikanischen Unternehmen stammen. Sollten mehrere Anleiheausgaben zwischen 10 und 20 Milliarden Euro auf den Markt kommen, könnte die Nachfrage der Anleger nicht ausreichen. Die Unternehmen müssten höhere Zinsen anbieten, um Käufer zu finden. Das verteuert Kredite auch für andere Schuldner. Europäische Unternehmen konkurrieren dann mit amerikanischen Milliardenunternehmen um dasselbe Kapital, während Staaten ebenfalls Geld für ihre Haushalte aufnehmen müssen.
Die Folgen zeigen sich bereits bei den Laufzeiten. Christian Hantel, Anleiheverwalter bei Vontobel, berichtete, dass früher übliche Anleihen über 10 Jahre inzwischen häufig nur noch für 5 bis 7 Jahre ausgegeben würden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte vergangene Woche darauf hingewiesen, dass die Schuldenaufnahme der Technologieriesen zum Anstieg der Renditen europäischer Staatsanleihen beigetragen habe. Bereits zuvor waren seit Jahresbeginn Anleihen großer KI-Unternehmen im Umfang von rund 220 Milliarden Dollar bekannt geworden, fast 18-mal so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Anleger verlangten erstmals höhere Zinsen für neue Ausgaben. Die amerikanischen Technologieriesen finanzieren damit Rechenzentren und ihre nächsten Geschäftsfelder. Europas Unternehmen müssen sich unterdessen auf einen Kapitalmarkt einstellen, auf dem selbst gewöhnliche Investitionen teurer werden können. Die Gewinne aus dem Geschäft mit künstlicher Intelligenz sind noch längst nicht gesichert. Die Finanzierungskosten werden bereits verteilt.
33 Tote nach russischem Angriff, neue Friedensgespräche in Abu Dhabi: Merz verlangt von Putin endlich ernsthafte Verhandlungen
Am Dienstag empfing Bundeskanzler Friedrich Merz den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin. Am 10. und 11. November sollen in Abu Dhabi erstmals seit Februar wieder direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland stattfinden, unter Beteiligung der USA. Merz begrüßte den neuen Anlauf, machte allerdings deutlich, wie wenig Vertrauen er in Moskaus Friedenswillen hat. Russland müsse endlich ernsthaft über einen Waffenstillstand und einen anschließenden Friedensvertrag verhandeln. Bislang habe er dafür keinerlei Anzeichen gesehen. Die Forderung fiel an einem Tag, an dem die Ukraine erneut Tote eines russischen Angriffs beklagte. Nach ukrainischen Angaben starben 33 Menschen beim Beschuss einer Schule im Gebiet Saporischschja, die als Ausgabestelle für Hilfsgüter genutzt wurde. Während Diplomaten über den nächsten Verhandlungstermin sprechen, werden in der Ukraine Menschen getötet, die Hilfe benötigen.
Selenskyj kündigte an, in Abu Dhabi über Sicherheitsgarantien und eine Einstellung der Angriffe auf die Energieversorgung zu verhandeln. Auch eine Waffenruhe im Schwarzen Meer soll besprochen werden, damit Lebensmittel weiterhin exportiert werden können. Die ukrainischen Streitkräfte befänden sich trotz erheblicher Schwierigkeiten bei der Luftverteidigung in einer tragfähigen militärischen Lage, erklärte er. Die Ukraine sei zu diplomatischen Schritten bereit. Ohne verlässliche Sicherheitsgarantien werde ein Friedensschluss allerdings kaum Bestand haben. Von einem möglichen Telefonat mit Wladimir Putin erwartet Selenskyj wenig. Er kenne dieses Spiel bereits. Statt konkreter Schritte zur Beendigung des Krieges werde er vermutlich wieder einen historischen Vortrag des russischen Präsidenten anhören müssen. Eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie viel Zeit man mit Putin verbringen kann, ohne einem Frieden näherzukommen.
Merz richtete seine Kritik zugleich an die bisherige amerikanische Verhandlungsführung. Donald Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner hatten europäische Staaten weitgehend von ihren Bemühungen ausgeschlossen. Ein dauerhafter Frieden könne jedoch ohne Europa und die Ukraine nicht vereinbart werden. Falls Trump Putin zum Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer im Dezember nach Miami einlade, müsse auch Selenskyj teilnehmen. Dass andere Staaten über die Zukunft der Ukraine berieten, ohne die Ukraine einzubeziehen, sei vollkommen inakzeptabel. Deutschland werde seine militärische Unterstützung fortsetzen, versicherte Merz. Das geschehe auch im eigenen Interesse und zur Sicherung einer stabilen europäischen Ordnung. In Abu Dhabi wird sich zeigen, ob Moskau überhaupt bereit ist, über die Beendigung eines Krieges zu sprechen, den es selbst begonnen hat.
