Am Montag erklärte Donald Trump vor Journalisten, Amerika führe seit Monaten keine Kämpfe mehr gegen Iran. Zur selben Zeit griff das amerikanische Militär die iranische Insel Qeschm an. Wir hatten bereits davor unsere Zweifel dazu geäußert, auch weil wir aus anderen Quellen widersprüchliche Informationen hatten. Washington spricht von begrenzten Einsätzen zur Verteidigung, während der Präsident den Eindruck eines längst beendeten Krieges vermittelt. Die Entfernung zwischen seinen Worten und der Wirklichkeit beträgt einige Tausend Kilometer. In der Straße von Hormus lässt sie sich an den Explosionen messen.
Amerikanische Regierungsvertreter bestätigten Angriffe auf Qeschm am 2. November 2026. Seit Wochen führen die Vereinigten Staaten demnach kleinere militärische Operationen gegen iranische Ziele durch, ohne diese öffentlich bekannt zu geben. Auch am Montag wurden in sozialen Netzwerken Explosionen rund um die Insel gemeldet. Die Angriffe bleiben bewusst außerhalb der öffentlichen militärischen Verlautbarungen. Ein Regierungsvertreter begründete die Zurückhaltung damit, Washington wolle keinen Eindruck erwecken, unmittelbar vor einer Wiederaufnahme größerer Kampfhandlungen zu stehen.
Iran meldete am 2. November den Abschuss von drei amerikanischen Drohnen, darunter einer MQ-9. Eine Bestätigung des amerikanischen Militärs liegt nicht vor.
Trump wählte dazu eine eigene Beschreibung der vergangenen Monate. „Wir hatten einen Krieg mit Iran. Wir haben gewonnen“, erklärte er am Montag. Ob man überhaupt von einem Krieg sprechen könne, wisse er nicht, schließlich habe man seit Monaten keine Kämpfe mehr geführt. Eine bemerkenswerte Aussage angesichts der gleichzeitig gemeldeten Angriffe. Der Präsident spricht über den Krieg in der Vergangenheitsform, während amerikanische Kampfflugzeuge weiterhin über iranischem Gebiet operieren.
Nach Darstellung amerikanischer Regierungsvertreter kam es am Montag zu zwei gesonderten militärischen Zwischenfällen. Bei einem feuerte die iranische Revolutionsgarde eine Boden-Luft-Rakete auf einen amerikanischen Kampfjet ab. Das Flugzeug erwiderte den Angriff nach amerikanischen Angaben zur Selbstverteidigung. Bei einem weiteren Vorfall fingen amerikanische Streitkräfte eine von Qeschm gestartete Rakete der Revolutionsgarde ab, deren Ziel ein Handelsschiff gewesen sei. Washington bezeichnet diese Operationen als Verteidigungsmaßnahmen, mit denen Iran daran gehindert werden solle, den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus anzugreifen.

Qeschm besitzt dafür eine erhebliche strategische Bedeutung. Die Insel liegt unmittelbar an der Einfahrt zur Straße von Hormus, einer der wichtigsten Schifffahrtsverbindungen für den internationalen Ölhandel. Auf ihr befinden sich eine große unterirdische Raketenanlage und ein Marinestützpunkt. Auch eine bedeutende Meerwasserentsalzungsanlage steht dort. Bereits in früheren Kampfphasen griffen amerikanische Streitkräfte die Insel an. Innerhalb der amerikanischen Regierung wurde sogar über ihre Besetzung gesprochen. Ein Stück Land kann auf militärischen Karten klein erscheinen und dennoch über die Sicherheit einer ganzen Meerenge entscheiden.
Das amerikanische Verteidigungsministerium verwies Fragen zu den jüngsten Angriffen an das für die Region zuständige Zentralkommando, Centcom. Eine unmittelbare Antwort blieb aus. Ein amerikanischer Regierungsvertreter versicherte lediglich, die Regierung gehe fortlaufend gegen Bedrohungen amerikanischer Streitkräfte in der Region vor. Wie umfangreich die seit Wochen laufenden Operationen tatsächlich sind, lässt sich aus diesen Angaben nicht bestimmen.
In Teheran erklärte Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei am Montag, bei einer möglichen Vereinbarung zur Beendigung des Krieges liege der nächste Schritt bei den Vereinigten Staaten. Irans Forderungen seien klar formuliert, vernünftig und nachvollziehbar. Andere iranische Regierungsvertreter, darunter der oberste Führer Mojtaba Khamenei, warnten bereits vor Vergeltung innerhalb und außerhalb des Nahen Ostens, falls Washington den Krieg erneut ausweite. Auch die Zurückhaltung hat ihre Grenzen, wenn auf beiden Seiten weiterhin Raketen abgefeuert werden.
Im Weißen Haus liegen unterdessen mehrere Möglichkeiten für eine Verschärfung des Konflikts auf dem Tisch. Hochrangige Regierungsmitglieder diskutierten weitere Luftangriffe sowie strengere Wirtschaftssanktionen und eine Verschärfung der Blockade des iranischen Handels. Admiral Brad Cooper, der Kommandeur von Centcom, unterrichtete Trump vergangene Woche persönlich über die militärische Lage. Amerikanische Streitkräfte verlegten zusätzliche Raketenabwehrsysteme und Munition in die Region. Die Voraussetzungen für umfangreichere Angriffe werden damit geschaffen, während öffentlich über Diplomatie gesprochen wird.
Mehrere Golfstaaten wurden von Washington bereits aufgefordert, sich auf eine kurze, intensive Militäroperation unmittelbar nach den Kongresswahlen vorzubereiten. Trump hatte selbst über Wochen eine mögliche Wiederaufnahme umfassender Kampfhandlungen nach dem 3. November angesprochen. Nun erklärte er auf Nachfrage, er erwäge keine Angriffe nach der Wahl. Regierungsvertreter halten dagegen fest, der Präsident prüfe weiterhin sämtliche Möglichkeiten. Auch Vizepräsident JD Vance betont inzwischen die Aussichten auf Verhandlungen über einen Abbau des iranischen Atomprogramms. Trump schrieb in sozialen Netzwerken, die Ölpreise fielen, weil die Menschen davon ausgingen, dass der Krieg nicht erneut ausbreche. Auf den Märkten wird Hoffnung gehandelt. Vor Qeschm werden Raketen abgefangen.
Die amerikanischen Wähler entscheiden am 3. November über ihren Kongress. Welche militärischen Befehle der Präsident danach erteilt, bleibt offen. Fest steht bislang, dass die Vereinigten Staaten Iran bereits angreifen, während Trump öffentlich erklärt, seit Monaten werde nicht mehr gekämpft. Über den Umfang dieser Einsätze erfährt die Bevölkerung nur wenig. Die politische Sprache hat dafür eine bequeme Eigenschaft: Sie kann einen Krieg für beendet erklären, ohne dass dafür auch nur ein Flugzeug landen muss.
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