Ein Kind sieht zu, wie seine Mutter von Beamten abgeführt wird. Andere Kinder erleben, wie ihre Väter festgenommen werden. In Corona, Kalifornien, hat die amerikanische Einwanderungspolizei ICE mit ihren Einsätzen rund um Schulen eine Angst ausgelöst, die inzwischen bis in die Kinderzimmer reicht. Im Umfeld der Home Gardens Academy wurden rund 40 Menschen festgenommen. Minderjährige wurden Zeugen der Festnahmen ihrer Eltern. Manche Einsätze begannen bereits gegen 2 Uhr morgens, während die meisten Menschen noch schliefen. Die Organisation TODEC berichtet ebenfalls über weitere Einsätze in Home Gardens und den umliegenden Städten Perris und Moreno Valley. Was die Kinder gesehen haben, lässt sich nicht ungeschehen machen. ICE-Beamte führen wahllose Razzien durch, nehmen Menschen fest und verschleppen sie in Abschiebehaft. Zurück bleiben Angehörige, die nicht wissen, wann sie ihre Familienmitglieder wiedersehen. Für dessen Kinder beginnt in diesem Augenblick etwas, das weit über die nächsten Stunden hinausreicht. Sie müssen begreifen, dass ein Erwachsener, der morgens noch zu ihrem Leben gehörte, plötzlich verschwinden kann. Und dass selbst der gewöhnliche Weg zur Schule kein Ort mehr ist, an dem sie sich sicher fühlen.
Seit dem 23. Oktober führt die US-Einwanderungspolizei ICE in Corona, Kalifornien, anhaltende, wahllose Großeinsätze durch, auch vor Schulen.
Die Schule soll Kindern einen verlässlichen Alltag ermöglichen. In Corona beschäftigen sich Eltern inzwischen mit der Frage, ob sie ihre Kinder überhaupt noch selbst abholen können, ohne eine Festnahme befürchten zu müssen. Das betrifft Familien, deren Tagesablauf bisher aus gewöhnlichen Dingen bestand: morgens aufstehen, die Kinder fertig machen, zur Schule bringen und nachmittags wieder nach Hause holen. Diese Selbstverständlichkeit ist zerstört. Luz Gallegos, Direktorin der Hilfsorganisation TODEC, berichtete über mehrere Einsätze in der gesamten Region Inland Empire. Im Oktober wurden bereits fünf Einsätze der US-Einwanderungspolizei ICE in der Nähe von Schulen, Kindertagesstätten und Hochschulen bekannt. .
Eine Mutter aus der Region hat ihrer Tochter bereits erklärt, wo die wichtigen Dokumente liegen. Sollte etwas passieren, müsse das Mädchen seine Tante anrufen. In diesem Satz steckt die ganze Härte der gegenwärtigen Situation. Ein Kind erhält vorsorglich Anweisungen, wie es ohne seine Mutter zurechtkommen soll. Es muss wissen, wen es erreichen kann und wo Papiere aufbewahrt werden, die Erwachsene normalerweise selbst verwalten. Solche Gespräche werden geführt, während andere Familien ihre Nachmittage planen oder überlegen, was die Kinder am nächsten Tag mit in die Schule nehmen. In Corona gehört nun die Möglichkeit einer Festnahme zu diesen Vorbereitungen. Dabei geht es längst nicht mehr allein um Menschen, gegen die ICE tatsächlich vorgeht. Die Einsätze verändern auch das Leben derjenigen, die weiterhin zu Hause sind. Eltern müssen ihren Kindern eine Gefahr erklären, vor der sie sie selbst nicht zuverlässig schützen können. Ein Vater kann versprechen, vorsichtig zu sein. Ob ihn Bundesbeamte dennoch festnehmen, liegt außerhalb seiner Entscheidung. Wie erklärt man einem kleinen Menschen, dass selbst die Anwesenheit seiner Eltern keine Selbstverständlichkeit mehr ist? Die Behörden verfügen über Vorschriften und Einsatzpläne. Ein Kind verfügt über die Erinnerung an seine Mutter, die ihm gesagt hat, es solle im Notfall die Tante anrufen.

Tränengas wurde gegen jeden eingesetzt, ob gegen Zeugen oder Journalisten
Inzwischen bemühen wir uns alle darum, mit dem zuständigen Schulbezirk verbindliche Verfahren für solche Situationen zu klären. Eltern brauchen Antworten auf sehr konkrete Fragen. Was geschieht, wenn Bundesbeamte vor einer Schule erscheinen? Wie reagieren die Mitarbeiter, falls diese Zugang zum Gebäude verlangen? Wer wird verständigt, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr abholen können? Nach Angaben von Aktivisten existieren bereits Vorgaben für den Umgang mit solchen Situationen. Welche Einzelheiten sie enthalten, wurde in den veröffentlichten Berichten allerdings nicht erläutert. Für Familien, die ihre Kinder jeden Morgen einer Schule anvertrauen, ist das eine erhebliche Unsicherheit. Schulen sollen Unterricht ermöglichen. Nun müssen sie sich zugleich darauf vorbereiten, dass Kinder plötzlich ohne erreichbare Eltern dastehen. Eine Lehrerin kann einem Mädchen die Mathematik erklären. Die Frage, weshalb dessen Vater abgeführt wurde und wann er zurückkommt, lässt sich damit nicht beantworten. Selbst ein gut vorbereitetes Schulsekretariat kann die Abwesenheit eines Elternteils nur verwalten. Das Kind muss mit ihr leben.
Der Schulbezirk von Los Angeles veranstaltete eine spanischsprachige Informationsveranstaltung zur Betreuung von Kindern bei längerer Abwesenheit ihrer Eltern. Die Rechtsanwältin Michelle Sausedo von der Organisation Public Counsel empfahl, rechtzeitig eine vertrauenswürdige und tatsächlich verfügbare Betreuungsperson auszuwählen. Diese müsse auch in der Lage sein, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Familien sollten Geburtsurkunden und Reisepässe bereithalten, ebenso Sozialversicherungskarten und medizinische Unterlagen. Hinzu kommen Schulunterlagen, die benötigt werden, wenn ein Kind plötzlich von einem anderen Erwachsenen versorgt werden muss. Die Empfehlungen sind praktisch. Gerade deshalb sind sie so bedrückend. Eltern ordnen ihre Unterlagen für den Fall, dass sie ihre Kinder eines Tages nicht mehr selbst betreuen können. Die Tochter muss wissen, wo alles liegt. Die Tante muss erreichbar sein. Niemand kann ihr vorher sagen, ob sie tatsächlich gebraucht wird. Dass Familien solche Vorkehrungen treffen, zeigt, wie tief die Angst vor den Einsätzen inzwischen in ihren Alltag eingedrungen ist. Sie beginnt nicht erst mit einer Festnahme. Sie sitzt bereits am Küchentisch, wenn Eltern ihren Kindern erklären, was im Notfall zu tun ist.
Kalifornien erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen eine schriftliche Betreuungserklärung für Erwachsene, bei denen ein minderjähriges Kind lebt. Damit können Betreuungspersonen etwa die Anmeldung an einer Schule übernehmen. Auch bestimmte medizinische Entscheidungen sind möglich. Der Umfang dieser Befugnisse hängt davon ab, ob die betreuende Person mit dem Kind verwandt ist und welche gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt werden. Eine notarielle Beglaubigung oder gerichtliche Vorlage ist grundsätzlich nicht erforderlich. Die betreuende Person unterschreibt das Dokument selbst. Allerdings erhält sie dadurch kein gesetzliches Sorgerecht. Die Erklärung erleichtert den Alltag eines Kindes, dessen Eltern ausfallen, ohne deren rechtliche Stellung vollständig zu ersetzen. Eine gute Vorsorge kann verhindern, dass zusätzlich zur Trennung von den Eltern auch der Schulbesuch gefährdet wird. Sie nimmt einem Mädchen jedoch nicht die Angst, am nächsten Morgen ohne seine Mutter aufzuwachen. Dafür gibt es keinen amtlichen Vordruck. Die kalifornischen Hilfsorganisationen versuchen, Familien wenigstens die Entscheidungen abzunehmen, die sich vor einer möglichen Festnahme noch treffen lassen. Mehr können auch sie nicht versprechen.
Private Lebensmittellager werden organisiert
Über die Menschen, die im Raum Corona festgenommen wurden, fehlen weiterhin wesentliche Informationen. ICE hat weder eine vollständige Aufstellung veröffentlicht noch die jeweiligen Umstände der Festnahmen dargelegt. Aktuell recherchieren wir auf Hochtouren, wo sich die festgenommenen Menschen überhaupt befinden. Die Bevölkerung, deren Alltag inzwischen von der Furcht bestimmt wird, hat große Angst Angehörige durch einen Polizeieinsatz zu verlieren. Besonders schwer trifft das Kinder, die ihre Eltern bereits vor eigenen Augen abgeführt sahen. Die Folgen einer solchen Erfahrung enden nicht mit dem Verlassen des Einsatzortes. Sie reichen bis zum nächsten Schultag und in die Gespräche innerhalb der Familien. In Corona wird weiter unterrichtet, während Eltern vorsorglich Betreuungspersonen bestimmen. Telefonnummern werden aufgeschrieben, wichtige Papiere zusammengesucht. Ebenfalls werden private Lebensmittellager organisiert, damit auch die Versorgung für Kinder gewährleistet ist, die ihre Eltern durch eine Festnahme verloren haben. Die amerikanische Regierung lässt ICE-Beamte Menschen aus ihren Familien reißen und abführen. Zurück bleiben Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Eltern festgenommen wurden, und nun nicht wissen, wann sie sie wiedersehen. Ein Mädchen weiß inzwischen, wo es im Notfall die Dokumente findet. Ihre Mutter hat ihr außerdem gesagt, dass es dann ihre Tante anrufen soll. Dass eine Mutter ihre Tochter darauf vorbereiten muss, eines Tages von ICE-Beamten abgeführt zu werden, ist eine erschütternde Realität amerikanischer Einwanderungspolitik unter Donald Trump.
Fortsetzung folgt …
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