Los Angeles, 17. Oktober 2026, 13:00 Uhr. Im Gloria Molina Grand Park stehen ungefähr 100 Menschen. Sie sollen zeigen, wie groß der Widerstand gegen Donald Trump geworden ist. Nach einer Stunde sind es einige Hundert, spätere Meldungen sprechen von Tausenden. Die amerikanische Protestbewegung hat schon wuchtigere Nachmittage erlebt. Jessica Denson, eine der Rednerinnen, spricht vor dem Rathaus aus, was ohnehin jeder sieht: Die Menge sei erheblich kleiner als bei früheren Veranstaltungen.

Ausgerechnet am landesweiten Protesttag gegen Trump wird die Größe der Versammlung selbst zur Nachricht. Und doch ist gerade die kleine Zahl die politische Nachricht: Ein Teil der Bewegung hat aufgehört, Kraft in Menschenmengen zu messen. Eine Geschichte, die mit „Es war einmal“ beginnt, darf sich auf ihr Ende verlassen. Die andere, die mit „Es wird wieder einmal“ beginnt, hat keins. Sie verlangt Mut und die Bereitschaft, mit den Folgen zu leben.

Am 10. Dezember 2010 meldete sich eine Stimme ohne Gesicht. „Lasst nicht zu, dass Regierungen, Unternehmen oder Medien bestimmen, was Ihr sehen, hören und denken dürft.“ So stand es in der Botschaft von Anonymous an die Welt. Verfasst hatte sie zum größten Teil jener innere Zirkel, der das Kollektiv seit 2006 zusammenhielt. Der Anlass hieß Operation Payback. Unternehmen hatten nach den Veröffentlichungen von WikiLeaks ihre Geschäftsbeziehungen zur Enthüllungsplattform gekappt, und Anonymous griff sie an. Die Verfasser, ein Kollektiv, das die Freiheit von Rede und Information weltweit sichern wolle. Schützen wollten sie das Internet vor der Tyrannei, die Regierungen und Unternehmen ihm aufzuzwingen versuchten. Stören ohne Grund lag ihnen fern, so jedenfalls die Erklärung. Unterstützung erbaten sie ausdrücklich für die Rechte jedes Einzelnen. Für sich selbst wollten sie nichts.

Die Erklärung rechtfertigte das mit einem Bild aus der Bürgerrechtsbewegung. Damals hätten Aktivisten mit Sitzstreiks den Zugang zu Geschäften blockiert, gewaltfrei, gegen die Rassentrennung. Die Leute seien verärgert gewesen, doch ohne diese Proteste hätte es den Civil Rights Act nicht gegeben. Heute lebten viele Geschäfte im Internet, also müsse auch der Protest dorthin ziehen. Die Angriffe seien „virtuelle Sitzstreiks“, sie belegten nur Bandbreite, so wie Demonstranten einst die Hocker an den Imbisstheken von Woolworth besetzten.
16 Jahre später zieht der Protest wieder um. Sein neuer Ort ist die Wahlurne. Ein zweiter ist der Gerichtssaal
Längst hat sich herumgesprochen, dass die Rituale der 80er bis frühen 2000er Jahre im Jahr 2026 wenig ausrichten. Der laute Aufschrei stärkt oft eher den Gegner als die eigene Sache. Jede Szene auf der Straße erscheint 20fach vervielfältigt auf den Plattformen, und der Gegner reibt sich daran auf, bis er gestärkt daraus hervorgeht. Die eigene Botschaft geht so gewissermaßen per Depesche an den Gegner. Die digitale Front wirkt unbezwingbar, Trump und seine Gefolgsleute haben das früh begriffen. Propaganda war immer das schärfste Werkzeug der Rechtspopulisten und der Nationalsozialisten. Die Geräte wechseln, vom Volksempfänger zum Bildschirm in der Hosentasche. Die Absicht bleibt. Ob 1935 oder 2026, auch die Gegenwehr hat sich in vielem kaum verändert. Neu ist die Waffe der Gerichte. Auf der Straße fallen seit Langem keine Urteile mehr. Widerstand gegen solche Regierungen organisiert sich, wie in den dunkelsten Zeiten, im Verborgenen. Recherchen laufen verdeckt bis zur letzten Sekunde, geschwiegen wird bis zur Einreichung bei Gericht. Demonstrationen waren romantisch. Sie sind es noch.

Romantik hat einen Vorzug: Sie sieht gut aus. Ihren Preis bemerkt man später. Zwischen dem Ruf auf der Straße und dem Spruch eines Richters liegen Monate stiller Arbeit an Akten und Belegen. Von dieser Arbeit existieren keine Bilder, sie taugt für kein Plakat. Sie entscheidet trotzdem mehr als jeder Marsch. Die Losung hieß wieder „No Kings“, keine Könige. Diesmal aber sollten die Menschen an die Urnen, möglichst schon vor dem 3. November. Millionen können demonstrieren, ohne dass sich danach irgendein Machtverhältnis rührt. Eine Wahl kennt keinen Jubel. Sie zählt Stimmen. Der Protest versucht, seine Wut in etwas zu übersetzen, das in Washington Folgen hat.

Kalifornien liefert den Anlass gleich mit. Zwei Tage vor der Kundgebung verklagte die Trump-Regierung die Wahlbehörden des Bundesstaates. Ein Gericht soll verhindern, dass die Briefwahlstimmen von rund 20.000 Menschen gezählt werden, bevor deren Staatsangehörigkeit geklärt ist. Die Bundesregierung hält die Betroffenen für mutmaßlich nicht amerikanische Staatsbürger. Ein Verdacht steht im Raum, und der Staat greift nach Stimmen, die abgegeben sind oder es bald sein werden. Ihr Gewicht soll von einer zusätzlichen Prüfung abhängen. Für einen Präsidenten, der unablässig von Wahlbetrug redet, kommt das zu einem auffälligen Zeitpunkt, weniger als 3 Wochen vor den Zwischenwahlen.

Anonymous ging es 2010 um Informationsfreiheit. Mächtige Institutionen versuchten, WikiLeaks die Glaubwürdigkeit zu nehmen und es ganz aus dem Netz zu tilgen. Das geschehe im Namen nationaler Interessen, schütze in Wahrheit aber jene, die ihre eigenen Verfehlungen vor der Öffentlichkeit verbergen wollten. Kein Beleg zeige, dass durch die Veröffentlichungen irgendein Mensch zu Schaden gekommen sei. WikiLeaks arbeite mit mehreren Presseorganen zusammen und habe vergeblich versucht, mit dem Außenministerium zu sprechen. Aktivisten warnten damals, die Unterdrückung einer einzigen Plattform schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall: Regierungen könnten künftig glauben, jede missliebige Seite abschalten zu dürfen.
Der Streit um 20.000 Briefwahlstimmen ist ein anderer Vorgang. Verwandt ist nur die Geste. Ein Staat erklärt etwas zur Gefahr und behält sich vor, darüber zu entscheiden, was gezählt wird. Damals war es eine Veröffentlichung. Heute ist es eine Stimme. Ein Verdacht braucht keinen Beweis, um zu wirken. Er braucht nur einen Termin. In Los Angeles griff die demokratische Staatssenatorin Sasha Renee Perez frontal an. Trump versuche, Kalifornier mit den Einsätzen der Einwanderungsbehörden vom Wählen abzuschrecken. Wären ihre Stimmen machtlos, würde seine Regierung keine Millionen für die sogenannte Operation Safe California ausgeben, um Gemeinschaften einzuschüchtern. Sie nannte das Weiße Haus ein faschistisches Regime. Die Stadt kennt die Razzien gegen Einwanderer, und seit Juni 2025 gehören Nationalgardisten und Marineinfanteristen zu ihrem Gedächtnis.

Gegen 14 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, rund 2,4 Kilometer vom Rathaus über die Spring Street und die First Street. Zurück ging es durch die Grand Avenue und die Temple Street. Amerikanische und mexikanische Fahnen zogen mit. Schilder forderten Trumps Amtsenthebung oder die Abschaffung von ICE, auf anderen stand schlicht „Keine Könige“. Die Parolen galten der Abschiebebehörde. Zwischen den Hochhäusern hallte ein Ruf: „So sieht Demokratie aus.“ Marlene McRae wartete mit einem Plakat auf ihre Tochter und ihren Enkel. Sie erkenne das Land, das sie liebe, kaum wieder, sagte sie. Freiheiten würden genommen, während andere versicherten, alles sei in Ordnung. Auf amerikanischen Straßen würden Menschen getötet, die nur gekommen seien, um sich ein Leben aufzubauen. Gegen den Satz, Wählen bringe ohnehin nichts, war sie gekommen. Washington sitzt für sie längst mit am Küchentisch.
„Anonymous ist jeder Einzelne“, hieß es 2010, gleich welcher Herkunft oder welchen Glaubens. Wie die amerikanische Verfassung ein lebendiges Dokument sei, weil sie sich ändern lasse, sei Anonymous eine lebendige Kultur aus Menschen und Ideen. Gefolgt werde dem eigenen Gewissen, keinem Anführer. 2026 hat so etwas Namen und Gesicht. Hinter dem Aufruf in Los Angeles stand 50501 SoCal mit mehr als 30 Organisationen, von der südkalifornischen ACLU und Oxfam America bis zu Black Lives Matter Grassroots LA und Public Citizen. Die Demokratischen Sozialisten von Los Angeles gingen neben der Working Families Party, örtliche Einwandererorganisationen schlossen sich an. Bündnissprecher Aztlan Tenochtitlan fasste es so: Dieselbe Regierung, die in ihre Stadt eingedrungen sei, bedrohe nun das Wahlrecht.

Der Rest war Jahrmarkt mit Anliegen. Bunte Farben, reichlich Einfallsreichtum und Trump in allen nur denkbaren Ausführungen, mal grotesk überzeichnet, mal gnadenlos verspottet. Der Fantasie seiner Gegner waren kaum Grenzen gesetzt. Dazwischen Musik und Zeremonien indigener Gemeinschaften, geplant bis gegen 17 Uhr. Die Rednerliste war lang. Auch Pasadena hatte zur Kundgebung gerufen. Beide Veranstalter betonten die Gewaltfreiheit, und beide hatten eine Frist im Nacken: Kaliforniens Wählerregistrierung endet am 19. Oktober.
Einen historisch wichtigen Moment für die freie Rede in der entstehenden Informationsgesellschaft nannte Anonymous jene Wochen im Dezember 2010. Die Angriffe auf die Meinungsfreiheit würden weitreichende Folgen haben. Damals klang das nach jungen Leuten, die ihre Sache groß machen. Heute klingt es weniger groß.

Minneapolis zeigte, wie weit die Massen von einst entfernt sind. Einige Hundert Menschen kamen bei Sonnenschein in den Commons Park, zu Essenswagen und Spielen für Kinder. Die Veranstalter nannten es eine überparteiliche Aktion zur Wahlbeteiligung. Gesprochen hat dann der demokratische Generalstaatsanwalt Keith Ellison, weitere Politiker seiner Partei standen dabei. Im März waren nach einer groß angelegten ICE-Operation Zehntausende vor das Kapitol von Minnesota gezogen, die Organisatoren sprachen von 200.000. Am ersten landesweiten Protesttag, dem 14. Juni 2025, waren wenige Stunden zuvor die frühere Parlamentspräsidentin Minnesotas Melissa Hortman und ihr Mann Mark ermordet worden. Die Veranstalter zählten damals ungefähr 5 Millionen Teilnehmer, am 18. Oktober 2025 rund 7 Millionen. Im März 2026 gab es mehr als 3.000 Demonstrationen, auch gegen den Beginn der amerikanischen Kriegshandlungen gegen Iran. Wie viele diesmal kamen, lässt sich noch nicht sagen. Dokumentiert sind die kleinen Versammlungen von Minneapolis und Los Angeles.

Auf der Wiese stand der Musiker Emmett Doyle, einer von 15 Angeklagten in einem Verfahren gegen Gegner der ICE-Einsätze. Bundesbeamte hätten ihn vor Monaten aus seinem Wagen gezogen. Auf seine Frage, ob es um seine Lieder gehe, sei die Antwort gewesen, es gehe um seinen Widerstand gegen ICE. Dann müssten sie wohl ganz Minneapolis festnehmen, habe er erwidert. Brian Apland, ebenfalls einer der sogenannten Minnesota 15, war auch da. Doyle sang „L’Estaca“ von Lluís Llach, ein Lied aus dem Widerstand gegen die Franco-Diktatur. Der Pfahl, an dem alle gemeinsam ziehen, bis er fällt, stand plötzlich in einem amerikanischen Park. Gerichte sind eine Waffe, die sich auch gegen den Widerstand richten lässt. Die Minnesota 15 erfahren es gerade.

Er habe für sein Land gekämpft, sagte der 77-jährige Kriegsveteran Mick Foley, und wolle dessen Verfall durch Korruption nicht schweigend hinnehmen. Wegen des Iran-Kriegs säßen amerikanische Seeleute seit Monaten unnötig auf einem Flugzeugträger fest. Jeff Dichter, 68, Arzt und Professor, befürchte nach verschärften Arbeitsauflagen bei Medicaid steigende Gesundheitskosten und einen erheblichen Verlust an Versicherungsschutz. Er hatte schon per Brief gewählt. Die Studenten Aiden Ferris, 18, und Caden Laird, 20, rechneten nüchterner. Manche Rennen seien mit 10 oder 50 Stimmen entschieden worden, sagte Ferris, und verwies auf das Duell zwischen Peggy Flanagan und Michele Tafoya sowie die Gouverneurswahl. Laird wirbt für die Wiederwahl der demokratischen Abgeordneten Kristin Bahner. Sein Schild riet, Menschen zu wählen, denen man seine Kinder anvertrauen würde. Die Älteren sprachen über verlorene Gewissheiten. Die Jüngeren über Arithmetik.

Washington schaut genau hin. Im August schickte das Justizministerium Wahlbeobachter in zwei Bezirke Minnesotas. Trump behauptete ohne Belege, im Bundesstaat werde Wahlbetrug begangen. Bundesstaatsanwälte klagten kürzlich 10 Menschen wegen unrechtmäßiger Stimmabgabe oder Registrierung an. Der demokratische Kandidat Zack Filipovich sieht darin einen Grund für die wachsende Sorge um das Wahlrecht, vertraue aber auf Papierstimmzettel und überprüfbare Verfahren. Seit Freitag läuft die vorzeitige Stimmabgabe, bis Freitagmorgen gingen laut Landesbehörde mehr als 200.000 Stimmen ein.

Eine zweite, ausführlichere Erklärung von Anonymous vom 17. Dezember 2010 nahm sich staatliche Überwachung und Eingriffe in die Privatsphäre vor. Auch die Unterdrückung unabhängiger Veröffentlichungen war ihr Thema. Trumps Politik und die Lage von 2026 hat das Kollektiv nicht vorhergesagt. Es sah etwas Allgemeineres: Kommen politische Macht und wirtschaftliche Kontrolle über die Informationswege zusammen, gerät die Freiheit der Öffentlichkeit in Gefahr. Gegner wollte es lieber belehren als verletzen, und jeder, der sich von der Zensur abwende, werde zum Verbündeten.
In Washington zogen Demonstranten vorbei an Trumps goldenen Statuen auf der Memorial Bridge in Richtung Weißes Haus, unter dem Transparent „Deine Stimme ist deine Stimme“. Andere verlangten, die Finger vom Wahlrecht zu lassen, weitere sammelten sich am Lincoln Memorial. In Dallas rief Teresa Cox vom Texas Organizing Project zur frühen Stimmabgabe auf, die in Texas am Montag beginnt. In Atlanta erklärte Stadtrat Michael Julian Bond, jeder Tag der vorzeitigen Wahl sei schon Wahltag, Georgia stimmt vom 13. bis 30. Oktober ab. Auch New York war dabei.

„Das Internet ist die letzte Festung der Freiheit in dieser zunehmend autoritären Welt“, schrieben die Unbekannten. Sind wir verbunden, seien wir stark. Sind wir stark, müssten wir keine Tyrannei fürchten. Die Festung von damals ist die Front von heute, und auf ihren Zinnen stehen die anderen. Sie existierten am Rand der Gesellschaft, im Netz wie außerhalb. Doch suche man sie, finde man sie. Den Satz „Wir sind Legion“ hätte an diesem Samstag im Grand Park kaum jemand laut sagen mögen. „Schließt euch an“ stand darunter. An der Wahlurne gilt diese Einladung bis zum 3. November.

Noch 16 Tage. Trump redet weiter von Wahlbetrug, seine Gegner sammeln jeden verfügbaren Stimmzettel. Los Angeles hat gezeigt, wie schwer der Weg von der Entrüstung zur dauerhaften Beteiligung geworden ist. Tausende auf einer Straße beeindrucken. Millionen Stimmen entscheiden über den Kongress. Ob die Bewegung ihre Massen vermisst oder gelernt hat, ihre Kräfte anders einzusetzen, zeigen erst die Ergebnisse.
„Es war einmal“ erzählt von Menschenmengen. „Es wird wieder einmal“ erzählt von denen, die bleiben, wenn die Kamera weiterzieht. Und während ich diesen Artikel schreibe, verliert Trump weiter an Zustimmung, die nächsten Gerichtsprozesse warten. Und das ist es, was doch die meisten wollen: „Verjagt den König.“
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