Milliarden für die Zukunft, Milliarden für ihre Zerstörung: Wie reiche Staaten die Energiewende mit Geld für Öl und Gas sabotieren

VonTEAM KAIZEN BLOG

15. Oktober 2026

52,7 Milliarden Dollar für saubere Energie. 36,3 Milliarden für Kohle, Öl und Gas. Erstmals fließt über die großen internationalen öffentlichen Finanzierungsstellen mehr Geld in erneuerbare Energie als in fossile Brennstoffe. Eine Nachricht, auf die die Welt lange warten musste. Nur sollte man den Jubel noch etwas zurückhalten. Ausgerechnet einige der reichsten Staaten finanzieren weiterhin jene Industrie, deren Geschäftsgrundlage die Erderwärmung vorantreibt. Sie erklären auf internationalen Konferenzen, weshalb der Umbau der Energieversorgung unverzichtbar sei, und bewilligen anschließend Milliarden für neue Gasprojekte. Der Fortschritt lässt sich inzwischen messen. Die politische Widersprüchlichkeit ebenso.

Die Umweltorganisationen Oil Change International und Friends of the Earth US haben die öffentlichen Finanzierungen der G20-Staaten und internationaler Entwicklungsbanken für die Jahre 2023 bis 2025 untersucht. Die durchschnittlich 52,7 Milliarden Dollar jährlich für saubere Energie stehen 36,3 Milliarden für fossile Projekte gegenüber. Verantwortlich für den erstmals erreichten Vorsprung seien vor allem die internationalen Entwicklungsbanken. Bei den staatlichen Export- und Entwicklungsfinanzierungen der G20 falle die Bilanz deutlich schlechter aus. Dort erhielten fossile Vorhaben weiterhin bevorzugt Unterstützung. Die Regierungen haben sich also keineswegs geschlossen von Öl und Gas verabschiedet. Vielmehr tragen internationale Finanzinstitute einen Fortschritt, den zahlreiche Mitgliedstaaten mit ihren eigenen Entscheidungen wieder bremsen.

Besonders deutlich wird diese Doppelmoral beim Blick auf 4 Länder. Kanada stellte zwischen 2023 und 2025 durchschnittlich 12,5 Milliarden Dollar jährlich für fossile Energie bereit, überwiegend für Vorhaben im eigenen Land. Japan kam auf 4,5 Milliarden Dollar. Dabei hatte sich das Land innerhalb der G7 verpflichtet, die öffentliche Finanzierung neuer internationaler Projekte mit fossilen Brennstoffen bereits bis Ende 2022 einzustellen. Italien hatte eine entsprechende Zusage abgegeben und finanzierte dennoch jährlich durchschnittlich 3,8 Milliarden Dollar. Die USA steuerten etwa 3,6 Milliarden bei. Zusammen entfielen auf diese 4 Staaten rund 75 Prozent der fossilen Finanzierung durch die G20. Das sind keine unbedeutenden Restbeträge einer auslaufenden Industrie. Hier werden mit staatlicher Unterstützung weiterhin wirtschaftliche Entscheidungen für kommende Jahrzehnte getroffen.

Amerikas Zahlen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Zwischen 2023 und 2025 standen den durchschnittlich 3,6 Milliarden Dollar für fossile Energie jährlich lediglich 1,5 Milliarden für saubere Projekte gegenüber. Einen erheblichen Teil der fossilen Finanzierung wickelte die staatliche Export-Import-Bank ab. Im Jahr 2025, dem 1. Jahr von Donald Trumps 2. Amtszeit, wurde das Missverhältnis geradezu grotesk. Fast 8 Milliarden Dollar flossen in fossile Vorhaben. Für saubere Energie waren es gerade einmal 2,5 Millionen Dollar. Die fossile Finanzierung überstieg die Förderung sauberer Energie damit um ungefähr das 3.200-Fache. Bei solchen Zahlen erübrigt sich die Suche nach verborgenen politischen Absichten. Die Prioritäten stehen in Dollar auf dem Papier.

Allein ein Flüssiggasprojekt in Mosambik erhielt die Aussicht auf amerikanische Kredite von bis zu 4,7 Milliarden Dollar. Gegen Soldaten, die das Vorhaben bewachten, wurden schwere Vorwürfe erhoben. Ihnen werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Großbritannien und die Niederlande haben ihre Unterstützung für das Projekt inzwischen zurückgezogen. Washington hingegen bewilligte den gewaltigen Kreditrahmen trotz dieser Anschuldigungen. Ein Kreditrahmen ist noch keine vollständig ausgezahlte Summe. Dennoch entsteht mit seiner Genehmigung eine finanzielle Grundlage, ohne die ein solches Vorhaben erheblich schwerer zu verwirklichen wäre. Besonders bitter wirkt das angesichts der Tatsache, dass für saubere Energie in den USA im gesamten Jahr 2025 nur 2,5 Millionen Dollar öffentlicher Finanzierung erfasst wurden. Ein einziges fossiles Großprojekt erhält damit eine Unterstützungsperspektive, gegen die die Förderung sauberer Energie beinahe verschwindet.

Die Untersuchung legt allerdings noch einen anderen Widerspruch offen. Von der erfassten Finanzierung für saubere Energie erreichten weniger als 2 Prozent Länder mit niedrigem Einkommen. Fast die Hälfte floss dagegen in Staaten mit besonders hohen Einkommen. Unter den 5 größten Empfängern finden sich Frankreich und Polen. Auch Spanien gehört dazu. Brasilien und Indien vervollständigen die Gruppe. Sämtliche 5 Länder zählen nach der Einteilung der Weltbank zu den Staaten mit hohem oder mittlerem Einkommen. Gerade dort, wo eine zuverlässige Energieversorgung noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, kommt also besonders wenig Unterstützung an. Die wirtschaftlich stärkeren Länder verfügen über bessere Voraussetzungen, um große Vorhaben vorzubereiten und Finanzierungen einzuwerben. Die ärmeren müssen vielerorts schon darum kämpfen, überhaupt eine ausreichende Stromversorgung aufzubauen.

Das wirft eine unangenehme Frage auf. Wie sollen Gesellschaften ihre Energieversorgung auf saubere Technologien umstellen, wenn die öffentliche Finanzierung überwiegend dort ankommt, wo bereits beträchtliche wirtschaftliche Möglichkeiten bestehen? Wohlhabende Industriestaaten haben über Generationen ihren Wohlstand mit Kohle und Öl erwirtschaftet. Heute verfügen sie über die Mittel, neue Technologien schneller einzusetzen. Ärmere Länder sollen denselben Weg unter erheblich schwierigeren Bedingungen gehen. Die Folgen des Klimawandels treffen dabei gerade Menschen, deren Beitrag zu den weltweiten Emissionen vergleichsweise gering ist. Eine gerechte Finanzierung müsste diesen Unterschied berücksichtigen. Die veröffentlichten Zahlen zeigen, wie weit die tatsächliche Verteilung davon entfernt ist.

Claire O’Manique von Oil Change International bezeichnet den erstmaligen Vorsprung sauberer Energie als wichtigen historischen Schritt. Zugleich warnt sie davor, ihn bereits als Erfolg der gesamten Energiewende zu betrachten. Das bereitgestellte Geld reiche bei Weitem nicht aus, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Wohlhabende Regierungen müssten fossile Energieträger im eigenen Land schneller zurückdrängen und ihre Verpflichtungen zur internationalen Klimafinanzierung erfüllen. Kate DeAngelis von Friends of the Earth US kritisiert besonders die USA und Japan. Diese Staaten stützten weiterhin die fossile Industrie, obwohl sie andere Länder beim Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung unterstützen sollten. Ohne ein entschlossenes Umsteuern der öffentlichen Finanzierung werde der notwendige Umbau nicht im erforderlichen Umfang gelingen.

Wie hoch der Preis des Zögerns ausfallen kann, zeigen Katastrophen wie die tödlichen Gletscherfluten in Nepal. Die menschlichen Verluste lassen sich mit keiner späteren Investition rückgängig machen. Trotzdem werden noch immer Milliarden eingesetzt, um neue fossile Anlagen wirtschaftlich möglich zu machen. Jede dieser Entscheidungen bindet Geld und schafft Interessen, die häufig über viele Jahre bestehen bleiben. Gleichzeitig warten Millionen Menschen auf eine verlässliche Energieversorgung, während die ärmsten Staaten lediglich einen verschwindend kleinen Anteil der verfügbaren Unterstützung erhalten.

Der historische Vorsprung sauberer Energie bleibt deshalb wichtig. Er beweist, dass sich die internationale Finanzierung verändern kann. Doch solange Regierungen öffentliche Milliarden in weitere fossile Projekte lenken, bleibt der Widerspruch bestehen. Das Geld für die Zukunft ist vorhanden. Über seine Verwendung entscheiden allerdings Regierungen, die sich offenbar noch immer schwer damit tun, die Vergangenheit aus ihren Haushalten zu streichen.

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