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Tiefpunkt – Die Sprache der Vernichtung aus dem Mund eines Arztes

VonTEAM KAIZEN BLOG

27. August 2026

Ein alltägliches Gesicht, die Brille auf der Nase, der ruhige Blick eines Mannes, dem man sein Leben anvertraut. Hinter diesem Gesicht lagen Sätze, die man einem Menschen nicht zutraut, dessen Beruf das Heilen ist. In Rostock hat sich gezeigt, wie weit die Hand, die schreibt, sich von der Hand entfernen kann, die kranke Körper untersucht, bis nur noch der weiße Kittel beide verbindet. Ein Oberarzt der Universitätsmedizin Rostock ist mit sofortiger Wirkung freigestellt, nachdem seine Wortmeldungen im Netz bekannt wurden. Dr. Ronald Siems, mit den Äußerungen konfrontiert, hat ihre Urheberschaft eingeräumt. Kein Verhältnis unter Menschen verlangt so viel Vertrauen wie das zwischen Kranken und Arzt. Der Patient legt die Kleidung ab und mit ihr jeden Schutz, liefert sich einer fremden Hand aus in der stillen Gewissheit, dass diese Hand nur Gutes will. Dieses Vertrauen ist das Fundament der Medizin. Ein Arzt, der Menschen im Netz zu „Heizmasse“ erklärt, zieht es unter jedem heraus, der sich ihm je überlassen hat.

Was er geschrieben hat, lässt sich kaum aussprechen, ohne dass die Sprache selbst sich sträubt. Menschen seien für ihn „Heizmasse“, die „unser Energieproblem lösen“ könne, zu entsorgen durch „Remigrieren oder Lager“. „Remigrieren oder kremieren“, hieß es an anderer Stelle, und, kälter noch, „Wirtschaftlich wäre kremieren“. Diese Wörter tragen im Deutschen ihr eigenes Gewicht, und jeder weiß, aus welcher Zeit es stammt.

Ein Wort wie „Heizmasse“ tut seine Arbeit, lange bevor eine Tat folgt. Es nimmt dem Menschen das Gesicht und macht aus ihm Brennstoff, eine Menge, die man verheizt. Diese Art zu reden ist die erste Handlung jeder Vernichtung, die stille Vorbereitung, in der aus einem Du eine Sache wird. Der entscheidende Schritt ist damit getan, lange bevor eine Waffe ins Spiel kommt. An die Sprache der Lager trat die Sprache der Waffe. Von einem „finalen Rettungsschuss“ schrieb er, davon, jemandem „6×6 in die Stirn“ zu setzen. Den eigenen strafbaren Waffenbesitz rechnete er gegen den Schaden auf, den er andernfalls zu erleiden fürchtete. Über gut ein halbes Jahr verteilt standen diese Zeilen offen im Netz, gezeichnet mit seinem Namen neben seinem Bild.

Der Zusatz „Wirtschaftlich wäre kremieren“ ist die kälteste Zeile von allen. In ihr rechnet ein Mensch den Wert eines anderen in Kosten um, und diese Rechnung hat Deutschland schon einmal aufgemacht, in Aktenordnern, geführt von Bürokraten, die sich für nüchtern hielten. Dass sie nun von einem Arzt stammt, von einem Mann, der den Eid kennt, sein Wissen in den Dienst des Lebens zu stellen, raubt dem Entsetzen den letzten festen Boden.

Gerade aus deutschem Mund haben solche Rechnungen eine Vorgeschichte, die keiner Fußnote bedarf. Ärzte gaben einst die Sprache der Heilkunde und der Wirtschaftlichkeit her, um das Töten der Kranken zu ordnen, die man zu „unwertem Leben“ erklärt hatte. Sie sortierten und unterschrieben. Das Verbrennen überließen sie anderen. Dass ein Halbsatz über das „wirtschaftliche“ Verbrennen von Menschen im Jahr 2026 wieder beinahe beiläufig fällt, misst die Strecke, die eine Gesellschaft in wenigen Generationen zurücklegen und ebenso rasch wieder verlieren kann.

Nichts an diesen Zeilen wirkt wie ein Ausbruch. Sie stehen da im gleichmütigen Ton einer Bemerkung über das Wetter, hingetippt, ohne dass die Hand dabei gezittert hätte. Das Ungeheuerliche liegt weniger in den Worten als in ihrer Beiläufigkeit, in der Selbstverständlichkeit, mit der das Undenkbare notiert und abgeschickt wird.

Die Universitätsmedizin Rostock hat reagiert, wie eine Einrichtung reagieren muss, die noch weiß, was auf dem Spiel steht. Sie stellte den Arzt frei und leitete arbeitsrechtliche Schritte ein. Zugleich erstattete sie Strafanzeige. Unterrichtet wurden auch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern und die Ärztekammer des Landes. Die Universität Rostock erhielt Nachricht, ebenso die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Dass am Ende dieser Reihe die Deutsche Stiftung Organtransplantation steht, lässt innehalten. In einem Betrieb, der über das Weitergeben von Leben mitentscheidet, wiegt ein Gerede vom Auslöschen doppelt. Die beiden äußersten Möglichkeiten des Heilberufs, einem Fremden Leben zu schenken oder ihm den Tod zu wünschen, rücken hier auf eine Weise zusammen, die schwer erträglich ist.

Der Titel dieser Zeilen ist schnell gewählt und doch schwer zu tragen. Ein Tiefpunkt setzt ein Oben voraus, von dem aus gefallen wird, und die Frage drängt sich auf, wie hoch dieses Oben je stand. Vielleicht war die Höhe stets nur eine Decke aus Anstand, dünn und leicht zu durchstoßen, sobald genügend Stimmen das Unsägliche wieder für sagbar erklären. Was einen Oberarzt dazu bringt, unter seinem Klarnamen von „Heizmasse“ zu schreiben, lässt sich von außen nicht ergründen. Sichtbar ist nur das Klima, in dem er es tat, eine Zeit, in der solche Worte durch die Kommentarspalten wandern, bis sie manchem als Meinung unter Meinungen erscheinen. Die Linie, die eine Gesellschaft zwischen dem Denkbaren und dem Unsäglichen zieht, ist keine Mauer. Sie ist eine Übereinkunft, und Übereinkünfte lassen sich aufkündigen.

Das Wort „Remigrieren“ gibt sich als Verwaltungsvokabel, als sei nur von Rückreise die Rede. Neben „kremieren“ gestellt, verliert es jede Tarnung. Der Kommentar buchstabiert aus, was der freundlichere Ausdruck verschweigt, und zeigt, wohin die scheinbar sachliche Rede von der Rückführung ganzer Gruppen führen kann, wenn ihr niemand in den Arm fällt. Über Monate blieben diese Sätze stehen, von unbekannt vielen gelesen und beklatscht, von niemandem gelöscht. Das Schweigen um sie herum gehört zum Bild. Ein Hass, der so lange offen liegen darf, rechnet mit Zustimmung und findet sie in den stillen Gefolgschaften, in denen das Furchtbare unter seinesgleichen keinen Widerspruch mehr fürchtet.

Von einer Stirn, „die man nicht verfehlen“ könne, schrieb er an anderer Stelle, halb Spott, halb Drohung. Der Satz fällt auf sein eigenes Bild zurück, auf das gewöhnliche Gesicht mit der Brille, das von alldem nichts verrät. Gerade diese Gewöhnlichkeit ist das Verstörende. Das Böse braucht kein fratzenhaftes Antlitz, ihm genügt der ruhige Blick eines Kollegen im weißen Kittel.

Dr. Ronald Siems hat aufgehört, Arzt zu sein, in dem Augenblick, als er diese Zeilen für vertretbar hielt. Die Freistellung vollzieht nur nach, was er selbst längst getan hatte. Offen bleibt die Frage, wie viele solcher Sätze ungelesen in den Spalten stehen, getippt von ruhigen Händen, die am nächsten Morgen wieder nach dem Stethoskop greifen.

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4 Comments
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Michael Krumnow
Michael Krumnow
1 Stunde vor

Liebes Kaizen Team,
danke für diesen Beitrag.

Es ist perfide und unglaublich! Es wird mir immer unbegreiflich bleiben, wie Menschen, noch dazu dieser “ gebildete“ Doktor so menschenverachtende Dinge von sich geben können!
Hoffentlich wird auch nachgeprüft, inwieweit er seine ärztlichen Pflichten gegenüber Patienten*innen verletzt hat. Es ist ja nicht auszuschließen, dass er seine rassistischen Gedanken nicht schon in die Tat umgesetzt hatte? Ich hoffe, dass da jetzt ganz genau hingeschaut wird. 😥 

Rainer Hofmann
Administrator
1 Stunde vor
Antwort auf  Michael Krumnow

…. man ist schlicht sprachlos und fragt sich: was ist paqssiert?

Heinz Mahn
Heinz Mahn
40 Minuten vor

ich hoffe nur das die Staatsanwaltschaft gründlich arbeitet. Die Tätigkeiten und Entscheidungen dieses Mannes in seinem Beruf müssen durchleuchtet werden. Wer sich wie ein neuer Mengele sieht gehört entsprechend bestraft. Verwunderlich ist nur wie lange diese Sätze niemandem aufgefallen sind. War seinen Freunden und Kollegen das noch nicht aufgefallen oder haben alle weggeschaut? Viel schlimmer, sind diese seiner Meinung? Es bleibt viel arbeit für die Justiz.

Rainer Hofmann
Administrator
34 Minuten vor
Antwort auf  Heinz Mahn

… das ist ein Muss und der gesamte Fall aufgearbeitet werden. Leider sind in diesen Zeiten viele schlechte Gedanken zur Gewohnheit – darum wehren wir uns so gegen Rechtspopulismus und erleben es mit Herrn Trump täglich

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