Es gab in diesen Wochen 104 Spiele, Tore aus 30 Metern und einen Gastgeber, der ausschied. Als Donald Trump am Freitag im Trump Tower die Höhepunkte des Turniers durchging, wählte er als den vermutlich unvergesslichsten Augenblick eine Disziplinarentscheidung. Nicht ein Tor. Eine Karte. Der Präsident des Gastgeberlandes, 80 Jahre alt, 2 Tage vor dem Endspiel zwischen Spanien und Argentinien, erinnert sich an einer Weltmeisterschaft vor allem an den Moment, in dem ein Schiedsrichter etwas entschied, das ihm nicht passte.
Der Vorgang ist schnell erzählt. Am 1. Juli trat der US-Stürmer Folarin Balogun im Spiel gegen Bosnien und Herzegowina auf das Sprunggelenk eines Verteidigers und sah dafür Rot. Die Karte zog eine automatische Sperre von einem Spiel nach sich, und dieses Spiel war das Achtelfinale gegen Belgien. Am 5. Juli setzte die Disziplinarkommission der FIFA die Strafe überraschend aus. Zwischen beiden Daten liegt ein Telefonat. Trump hat dieses Telefonat nie bestritten, er trägt es vor sich her wie eine Trophäe. Als sie diesem Herrn, begann er am Freitag, ist das eine Rote Karte? Der Mann, der eine Disziplinarentscheidung des Weltverbandes per Anruf aufheben ließ, war sich über den Namen der Karte nicht sicher. Er sei gezwungen gewesen, Gianni anzurufen und einfach eine Empfehlung auszusprechen, erzählte er weiter. Er habe gesagt: Gianni, ich möchte eine Empfehlung aussprechen, lass den Mann spielen. Dann unterbrach er sich selbst, nein, das habe er nicht gesagt, er habe gesagt, er wolle eine Beschwerde einlegen. Und dann, mit der Unschuld eines Mannes, der die Pointe seines eigenen Witzes nicht bemerkt: Er habe ja keine Ahnung gehabt, was daraufhin geschehen würde. Neben ihm stand Gianni Infantino und lächelte.
„Mehr als erbärmlich.“ FIFA-Präsident Infantino zu Trump: „Sie brauchen eigentlich niemanden, der Ihnen Komplimente macht, aber diese Weltmeisterschaft wäre ohne Sie niemals ein so unglaublicher Erfolg geworden. Sie ist das größte gesellschaftliche und kulturelle Ereignis der Menschheitsgeschichte, das die Menschheit je erlebt hat.“
An dieser Stelle lohnt ein Blick auf das Englische, denn der Präsident hat sich verraten, ohne es zu merken. Eine Beschwerde legt man dort ein oder bringt sie vor. Trump benutzte keines dieser Wörter. Er sagte, er habe eine Beschwerde führen wollen, mit jenem Verb, das man sonst für Kriege verwendet. Man führt Krieg. Man führt keine Beschwerde. Der Versprecher war ehrlicher als der Satz, den er ersetzen sollte.
Es lohnt sich, bei diesem Lächeln zu verweilen. Es ist das Lächeln eines Mannes, der eine Institution vertritt, deren Regelwerk gerade vor Publikum in eine Anekdote verwandelt wird, und der dazu nickt. Er hätte den Kiefer anspannen können. Er hat gelächelt.
„Unvergessliche Momente. Wahrscheinlich der unvergesslichste war, als sie die Rote Karte gezeigt haben. Ich war gezwungen, Gianni anzurufen und ihm einfach eine Empfehlung zu geben.“
Dann kam jener Satz, an dem die Veranstaltung zerbricht. Es habe sich am Ende viel besser gefügt, sagte Trump, weil es nun keine Kontroverse mehr gebe. Man habe das Spiel gewonnen, und die Mannschaft habe alle ihre Spieler gehabt. Nur hat diese Mannschaft das Spiel nicht gewonnen. Sie hat mit 1:4 verloren. Belgien warf den Gastgeber aus dem eigenen Turnier, und zwar mit Balogun auf dem Platz. Der Präsident steht also im eigenen Hochhaus, erklärt ein Ausscheiden zum Sieg und nennt das die Auflösung aller Kontroversen.
Die dazugehörige Logik lieferte er gleich mit. Man stelle sich vor, sagte er, Gianni hätte den Spieler nicht zugelassen und man hätte verloren, dann hieße es jetzt, man hätte mit dem besten Spieler gewonnen. Gianni habe also wieder einmal eine seiner vielen guten Entscheidungen getroffen, und er werde dafür nie die Anerkennung erhalten, die ihm zustehe. Eine bemerkenswerte Beweisführung: Sie beginnt bei einer Niederlage, führt über eine erfundene Niederlage und endet beim Lob für den Funktionär, der die Regeln gebeugt hat, damit die echte Niederlage zustande kommen konnte.
Bereits am 6. Juli, bei einem Termin zu seinem Kinderkonten-Programm, hatte Trump keinen Zweifel an der Urheberschaft gelassen. Er sei derjenige gewesen, der sie dazu gebracht habe, sagte er, nicht Biden. Hätte man einen Spitzenspieler nicht zugelassen, wäre ein großer Fleck zurückgeblieben, und er habe dieses Gefühl eben weitergegeben. Ein Foul, fügte er hinzu, sei es ohnehin nicht gewesen.
Jean-Jacques Rousseau hat 1762 den Satz geschrieben, der diesen Vorgang erklärt. Der Stärkste sei niemals stark genug, um immer Herr zu sein, wenn er seine Stärke nicht in Recht verwandle und den Gehorsam in Pflicht. Genau diese Verwandlung geschieht hier, und sie hat sogar ein Wort: Empfehlung. Eine Empfehlung kann man annehmen oder ablehnen. Der Präsident empfiehlt, ein Verband gehorcht, und weil das Wort Empfehlung im Raum steht, hat niemand befohlen und niemand gehorcht. Es ist der eleganteste Trick der Macht: nicht die Ausübung von Zwang, sondern seine Umbenennung.
Der Verband hat diese Umbenennung schriftlich mitgemacht. Am 6. Juli erklärte Infantino, er wolle einen Grundsatz der FIFA-Regierungsführung in Erinnerung rufen: Die Rechtsprechungsorgane seien unabhängig, sie arbeiteten autonom und entschieden allein nach dem Disziplinarkodex und dem jeweiligen Sachverhalt. Man lese das neben dem Satz des Präsidenten, er sei derjenige gewesen, der sie dazu gebracht habe. Einer von beiden sagt die Unwahrheit, und der andere lächelt dazu im Trump Tower.

„Wenn Gianni Balogun nicht hätte spielen lassen, hätten wir gesagt: ‚Wir hätten das Spiel gewonnen, wenn wir unseren besten Spieler gehabt hätten.‘ Gianni hat eine gute Entscheidung getroffen.“ 🤣 🤣 🤣 USA – Belgien: 1- 4
Man sollte dieses Telefonat nicht für den Beginn einer Bekanntschaft halten. Die Verbindung zwischen dem Präsidenten und dem Verbandschef reicht weiter zurück, und sie verlief bislang in eine Richtung. Infantino hat den Wünschen dieses Mannes über Jahre hinweg entsprochen, lange bevor eine Rote Karte einen Anruf nötig machte. Deshalb musste der Anruf auch keine Drohung enthalten. Zwischen 2 Menschen, die einander kennen, genügt ein Wunsch.
Der Rest Europas nahm die Sache weniger diplomatisch auf. Der europäische Verband nannte die Aufhebung beispiellos, unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen. Der belgische Trainer Rudi Garcia hielt sie zunächst für einen Scherz, der belgische Verband kündigte an, sämtliche Möglichkeiten zu prüfen. Ein Fachmann für geopolitische Fragen brachte die Lage der amerikanischen Mannschaft im Kurznachrichtendienst auf den Punkt: Sie könne nur verlieren. Schlage man Belgien, sei der Sieg befleckt, weil der eigene Präsident dafür habe betrügen müssen. Verliere man, habe nicht einmal der Betrug geholfen. Eingetreten ist die zweite Variante.
Am ehrlichsten war ausgerechnet der Spieler. Seine erste Regung sei Freude gewesen, sagte Balogun einem amerikanischen Fernsehsender, er sei froh gewesen, wieder dabei zu sein. Doch beim Nachdenken sei ihm klar geworden, dass daraus eine große Kontroverse werde, und er habe bei seinen Mitspielern beinahe eine gewisse Nervosität sehen können, weil so etwas eben einmalig sei. Ein Stürmer begreift binnen weniger Tage, was ein Verbandspräsident nach 10 Jahren im Amt nicht begreifen will: dass ein geschenkter Startplatz eine Mannschaft beschädigt.
Folgen hat die Sache trotzdem, nur nicht für den, der angerufen hat. Gegen Infantino liegt inzwischen eine förmliche Beschwerde beim Internationalen Olympischen Komitee vor, die einen Verstoß gegen die Regeln zur politischen Neutralität geltend macht. Die alte Ordnung der Verantwortung: Der Präsident empfiehlt, der Funktionär haftet.
Was Trump sonst noch sagte, rundet das Bild ab. Diese Weltmeisterschaft habe alle Erwartungen übertroffen, befand er. Man habe die Welt in Amerika vereint, alle genössen das Spiel, mit Glück und mit Freude. Auch der Frieden kam in dem Satz vor, gesprochen in einem Sommer, in dem maskierte Beamte seiner Regierung Menschen aus Wohnungen holen. Danach ließ er die versammelte Fußballwelt wissen, man könne eine künftige Weltmeisterschaft auch ohne Mexiko und Kanada ausrichten, also ohne jene beiden Länder, mit denen die Vereinigten Staaten das laufende Turnier gerade gemeinsam ausrichten. Und dann kam er, wie stets, auf den angeblichen Wahlbetrug zu sprechen, für den es bis heute keinen Beleg gibt. Ein Empfang zu Ehren des Weltfußballs, und der Gastgeber landet bei 2020.
Am Sonntag wird derselbe Mann im MetLife Stadium in New Jersey sitzen und dem Sieger des Endspiels persönlich den Pokal überreichen. Man wird ihn fotografieren, das Bild wird um die Welt gehen, und niemand wird darauf sehen können, was in diesem Turnier geschehen ist. Ein Schiedsrichter entschied, ein Präsident telefonierte, und die Entscheidung verschwand.
Den Schlusspunkt setzte am Freitag ohnehin nicht der Präsident. Diese Weltmeisterschaft, sagte Infantino an ihn gewandt, wäre ohne ihn kein derartiger Erfolg geworden. Sie sei das größte menschliche, soziale und kulturelle Ereignis, das die Menschheit je erlebt habe. Gesagt hat er das zu dem Mann, der wenige Minuten zuvor vor demselben Publikum erzählt hatte, wie er das Regelwerk dieses Verbandes per Telefon aus dem Weg räumte. Rousseau hätte für diesen Abend kein weiteres Wort gebraucht. Die Verwandlung war da schon abgeschlossen, die Stärke war Recht geworden, und der Gehorsam trug nicht einmal mehr den Namen Gehorsam.
Er hieß Dankbarkeit. Bei uns heißt das: Die Recherchen gehen jetzt erst richtig los.
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