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Ein Anruf aus dem Weißen Haus, und die rote Karte verschwindet

VonTEAM KAIZEN BLOG

6. Juli 2026

Es gibt Nachrichten, die man zweimal liest, weil man beim ersten Mal an einen Irrtum glaubt. Diese hier ist so eine. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat bei der FIFA angerufen, und daraufhin wurde die Sperre eines amerikanischen Stürmers aufgehoben. Man muss diesen Satz einen Moment auf sich wirken lassen, denn in ihm steckt mehr über den Zustand der Welt als in mancher außenpolitischen Analyse. Ein Staatsoberhaupt greift zum Telefon, nicht wegen eines Krieges, nicht wegen einer Hungersnot, sondern wegen einer roten Karte im Fußball, und die mächtigste Sportorganisation des Planeten fügt sich.

Der Reihe nach. Folarin Balogun, mit drei Toren der erfolgreichste Amerikaner dieses Turniers, hatte im Achtelfinale, genauer im Spiel der letzten zweiunddreißig gegen Bosnien und Herzegowina, den rechten Knöchel von Tarik Muharemović unglücklich getroffen. Der brasilianische Schiedsrichter Raphael Claus zeigte zunächst keine Karte, entschied dann nach Ansicht der Videobilder auf Rot. Es folgte, wie es die Regeln vorsehen, die automatische Sperre für ein Spiel. So weit ist das der gewöhnliche Lauf der Dinge, wie er sich seit Jahrzehnten bei jedem Turnier abspielt. Ungewöhnlich wurde erst, was danach geschah.

Denn nach dem Spiel rief Donald Trump beim FIFA-Präsidenten Gianni Infantino an und bat um eine Überprüfung der roten Karte. Das berichtet eine mit dem Gespräch vertraute Person, die anonym bleiben wollte, weil sie nicht befugt war, öffentlich darüber zu sprechen. Am Sonntag verkündete die FIFA, die Sperre werde ausgesetzt, Balogun dürfe am Montag gegen Belgien spielen. Es ist, so weit sich das zurückverfolgen lässt, das erste Mal seit 1962, dass eine rote Karte bei einer Weltmeisterschaft nicht zu einer Sperre führte. Trump bedankte sich umgehend in den sozialen Medien bei der FIFA, die getan habe, was richtig sei, und eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht habe. Man beachte die Wortwahl. Ungerechtigkeit. Als sei hier ein Unschuldiger vor dem Galgen gerettet worden und nicht ein Stürmer für ein Spiel gesperrt.

Die Belgier reagierten, wie man es von Menschen erwartet, die noch an Regeln glauben. Der belgische Verband erklärte sich für erstaunt und kündigte an, alle Möglichkeiten zu prüfen. Trainer Rudi Garcia fand die treffendsten Worte des ganzen Vorgangs. Er habe nicht gewusst, sagte er durch einen Übersetzer, dass in den Büros der FIFA der fünfte Juli der erste April sei. Ein Aprilscherz also, mitten im Sommer. Der belgische Verband, fügte Garcia hinzu, verteidige nicht sich selbst, er verteidige den Fußball im Allgemeinen, seine Integrität, seine Ethik. Es sei, soweit er wisse, das erste Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaft, dass eine solche Entscheidung falle. Auf die Frage, ob Trump die FIFA beeinflusst habe, schwieg er. Manchmal sagt ein Schweigen mehr als jede Anklage.

Die FIFA berief sich auf Artikel siebenundzwanzig ihrer Disziplinarordnung, wonach ein Rechtsorgan die Vollstreckung einer Strafe ganz oder teilweise aussetzen kann. Balogun steht nun unter einer einjährigen Bewährung. Begeht er in dieser Zeit ein ähnliches Vergehen, wird die Sperre nachträglich vollstreckt. Es ist die Sprache der Paragrafen, und sie klingt sauber, beinahe überzeugend, bis man sich erinnert, wodurch dieser Paragraf in Bewegung geriet. Nicht durch einen Einspruch des Verbandes, nicht durch neue Beweise, sondern durch einen Anruf aus dem Weißen Haus. Der amerikanische Fußballverband erfuhr von der Entscheidung um zehn Uhr einunddreißig östlicher Zeit über ein Nachrichtenportal der FIFA. Die amerikanischen Spieler selbst lasen davon auf ihren Telefonen, während sie im Bus vom Hotel zum Training fuhren, zehn Minuten, an deren Ende sie ein Alaskan Malamute namens Dubs begrüßte. Das Bild hat etwas Passendes. Eine Sperre löst sich auf während einer Busfahrt, zwischen zwei Ampeln gewissermaßen.

Gianni Infantino

Natürlich fehlte es nicht an denen, die den Vorgang begrüßten. US-Trainer Mauricio Pochettino, der 2002 selbst für Argentinien bei einer Weltmeisterschaft spielte, applaudierte und sagte, man sei gegen Bosnien und Herzegowina genug bestraft worden, dreißig Minuten in Unterzahl, eine völlig unfaire Entscheidung. Dass Trump zum Hörer griff, überraschte ihn nicht. Er komme aus einer Kultur, aus Argentinien und Europa, in der Fußball eine Religion sei, mehr noch als die Religion. Der Sport sei magisch, mächtig, er eine Menschen und Länder. Christian Pulisic, der Star der Amerikaner, verteidigte seinen Mitspieler mit dem Hinweis, in der Aktion habe null Absicht gelegen, es habe in diesem Turnier weit schlimmere gegeben. All das mag stimmen. Es ändert nichts am eigentlichen Punkt. Ob die rote Karte berechtigt war oder nicht, ist eine Frage für den Schiedsrichter und die zuständigen Gremien. Es ist keine Frage für den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Denn hier liegt der Leitgedanke, und er reicht weit über den Rasen hinaus. Der Sport lebt von einer einzigen Voraussetzung, ohne die er zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Alle unterwerfen sich denselben Regeln, und diese Regeln gelten für den Ärmsten wie für den Mächtigsten. In dem Augenblick, in dem ein Anruf genügt, um eine Entscheidung zu kippen, ist diese Voraussetzung dahin. Dann gewinnt nicht mehr, wer besser spielt, sondern wer den einflussreicheren Fürsprecher hat. Der Fußball, der so gern behauptet, er kenne keine Grenzen und keine Klassen, zeigt an diesem Sonntag, dass auch er käuflich ist für die Währung der Macht. Es braucht kein Geld. Es braucht nur eine Nummer, unter der Infantino abhebt.

Die FIFA wird einwenden, es habe Präzedenzfälle gegeben, und formal stimmt das sogar. Im November wurde Cristiano Ronaldo ein Teil seiner Sperre erlassen. Nicolás Otamendi und Moisés Caicedo profitierten im April von aufgeschobenen Sperren aus Qualifikationsspielen. Und ganz weit hinten, im Jahr 1962, durfte der Brasilianer Garrincha nach einem Platzverweis im Halbfinale gegen Chile im Endspiel auflaufen, nachdem sich eine Lobbykampagne für ihn eingesetzt hatte, an der auch der chilenische Präsident Jorge Alessandri beteiligt war. Brasilien gewann das Finale. Man sieht, die Einmischung der Mächtigen in den Sport ist so alt wie der Sport selbst. Nur macht das die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Es zeigt, dass die FIFA aus vierundsechzig Jahren nichts gelernt hat außer der Kunst, den Rechtsbruch in einen Paragrafen zu kleiden.

Balogun selbst, fünfundzwanzig Jahre alt, in Brooklyn als Sohn nigerianischer Eltern geboren, die damals in London lebten, hatte 2023 seine Nationalmannschaft gewechselt, von England zu den Vereinigten Staaten. Mit seinen drei Toren hat er Landon Donovan von 2010 eingeholt, nur Bert Patenaude mit vier Treffern beim ersten Turnier 1930 liegt noch vor ihm. Am Freitag hatte er selbst gesagt, eine gelbe Karte statt der roten wäre fair gewesen. Nach der Entscheidung teilte er ein Bild von sich vor amerikanischen Fans, unterlegt mit einem Lied von Michael Jackson, mit dem Titel Bad. Man kann darin einen Scherz sehen, einen jugendlichen Übermut. Man kann darin aber auch die ganze Leichtigkeit erkennen, mit der eine Regelverletzung heute zur Pointe wird, sobald die Macht sie aus der Welt geräumt hat.

Der Gastgeber USA will zum ersten Mal seit 2002 ins Viertelfinale, und vielleicht wird Balogun am Montag gegen Belgien das entscheidende Tor schießen. Vielleicht wird man dann von einem großen amerikanischen Fußballmärchen sprechen. Doch über jedem Tor, das er schießt, wird der Schatten dieses Anrufs liegen. Denn ein Sieg, der auf einer gebeugten Regel steht, ist kein ganzer Sieg. Er ist ein Sieg mit Sternchen, mit einer Fußnote, die man nicht mehr entfernen kann. Und die eigentliche Verliererin dieses Sonntags ist nicht die belgische Mannschaft. Es ist die Idee, dass es im Sport, anders als im Leben, wenigstens noch eine Instanz gibt, vor der alle gleich sind. Diese Idee ist an einem Sonntag im Juli in einem Telefonat zerbrochen, und niemand bei der FIFA scheint zu bemerken, wie viel damit verloren ging. Man ist, um es schlicht zu sagen, nur noch sprachlos.

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