Die Straße von Hormus, sechs Wochen Krieg, eine Waffenruhe – und die Welt ist Zeuge, den niemand fragt

VonRainer Hofmann

April 16, 2026

150 Seeleute sitzen auf sechs Schiffen von Hapag-Lloyd fest. Fünfeinhalb Wochen in einem Gebiet, in dem Krieg geführt wird. Hapag-Lloyd-Sprecher Nils Haupt sagt, das Unternehmen sei täglich in Kontakt mit den Kapitänen. Man frage, wie es den Crews gehe, was man tun könne. Moderne Satellitentechnologie ermöglicht wenigstens den Kontakt mit den Familien. Haupt sagt, die Monotonie sei das größte Problem. „Fünfeinhalb Wochen in einer Kriegszone – das ist etwas relativ Neues.“

Während diese 150 Menschen auf ihre Rückkehr warten, zählt der Rest der Welt nach, was noch übrig ist. Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur, sagt am Donnerstag in einem Interview, Europa habe noch etwa sechs Wochen Kerosin. Er nennt die Lage die größte Energiekrise, die er je erlebt hat. Flugausfälle seien bald möglich, wenn die Öllieferungen durch die Straße von Hormus gesperrt bleiben. Die Lufthansa-Tochter CityLine stellt am Samstag den Betrieb ein – hohe Treibstoffkosten und Tarifkonflikte machen den Weiterbetrieb unmöglich. 27 ältere Flugzeuge werden aus dem Verkehr gezogen, früher als geplant.

Siehe unseren Artikel: Sechs Wochen Kerosin – und dann wird Europa leiser

Am Donnerstag stehen mehr als 10.000 amerikanische Soldaten, Marinesoldaten und Piloten im Einsatz, um die Blockade iranischer Häfen durchzusetzen. General Dan Caine, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, sagt auf einer Pressekonferenz im Pentagon, 13 Schiffe hätten die kluge Entscheidung getroffen, umzukehren. Noch kein Schiff musste geentert werden. Warnschüsse stehen als nächste Eskalationsstufe bereit.

Das Schauspiel:

Verteidigungsminister, oder Kriegsminister, wie er sich gerne bezeichnet, Pete Hegseth erklärt, wenn es stimmt, die USA setzen weniger als zehn Prozent ihrer Marinekapazität ein. „Die Mathematik ist klar. Wir nutzen zehn Prozent der mächtigsten Marine der Welt, und ihr habt null Prozent eurer Marine“, sagt er direkt an Teheran gerichtet. Hegseth fügt in eigener filmischer Dramaturgie hinzu: „Ihr könnt Dinge verschieben, aber ihr könnt nichts wiederaufbauen.“ An die iranische Führung gerichtet sagt er: „Ich bete, dass ihr euch für einen Deal entscheidet.“

Die USA haben eine Liste veröffentlicht, was sie als Schmuggel betrachten. Absolute Schmuggelware: Waffen, Munition, Militärausrüstung. Bedingte Schmuggelware: Öl, Stahl, Aluminium, Elektronik, schwere Maschinen – alles, was nach Einschätzung der USA militärisch genutzt werden könnte. Das Militär erklärt, diese Waren seien überall außerhalb neutralen Territoriums beschlagnahmbar – unabhängig davon, unter welcher Flagge das Schiff fährt.

China geht die gute Laune aus …

China lehnt das ab. Der chinesische UN-Botschafter Fu Cong erklärt vor der UN-Generalversammlung, die amerikanische Blockade sei ein gefährlicher und unverantwortlicher Schritt. Die Straße von Hormus müsse für die internationale Schifffahrt offengehalten werden. Er fordert Iran auf, proaktive Maßnahmen zu ergreifen, um den Wasserweg zu öffnen, durch den etwa 20 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden. China und Russland haben im Sicherheitsrat eine von den USA und den Golfstaaten unterstützte Resolution blockiert, die auf die Öffnung der Straße abzielte. Fu Cong sagt, diese Resolution hätte aggressive Handlungen weiter ermöglicht statt de-eskaliert. Der Mann hat recht.

Während im Persischen Golf gezählt wird, wer noch wie viel hat, laufen in der Region gleichzeitig mehrere Gespräche, die alle miteinander zusammenhängen und keines davon wirklich abgeschlossen ist.

Was sollen sie auch anderes machen …

Siehe auch unseren Artikel: Recherchen zeigen auf: Pakistan, Saudi-Arabien und der Pakt, der keiner Kontrolle unterliegt

Pakistan versucht weiterhin zu vermitteln. Premierminister Shehbaz Sharif reist am Donnerstag nach Katar, trifft Emir Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani. Von dort geht es weiter in die Türkei. Armeechef Asim Munir ist bereits in Iran und trifft den Parlamentspräsidenten Mohammad Bagher Qalibaf. Außenamtssprecher Tahir Andrabi sagt auf einer Pressekonferenz, ein Datum für eine zweite Gesprächsrunde zwischen den USA und Iran stehe noch nicht fest. Zur ersten Runde sagt er, es habe keinen großen Durchbruch gegeben, aber auch keinen Zusammenbruch.

Qalibaf telefoniert mit dem libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri. Er sagt: „Ein Waffenstillstand im Libanon ist für uns genauso wichtig wie ein Waffenstillstand in Iran.“

Im Libanon sterben Menschen. Das libanesische Gesundheitsministerium meldet 2.196 Tote seit Beginn des Krieges zwischen Israel und Hisbollah am 2. März – darunter 260 Frauen und 172 Kinder, 7.185 Verletzte. Israelische Truppen konzentrieren sich auf Bint Jbeil im Süden, wo seit mehr als einer Woche schwere Kämpfe stattfinden. Premierminister Benjamin Netanyahu sagt, Israel sei kurz davor, die Stadt zu eliminieren. Das Militär meldet, Kommandoeinheiten hätten in einer einzigen Minute etwa 70 Hisbollah-Infrastrukturanlagen zerstört.

Die Verkündigung …

Dann, am Nachmittag: Donald Trump verkündet auf Truth Social, Israel und Libanon hätten sich auf einen zehntägigen Waffenstillstand geeinigt, gültig ab 17 Uhr Ortszeit. Er habe mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun und Netanyahu telefoniert. Er nennt es die ersten bedeutsamen Gespräche zwischen Israel und Libanon seit 1983. Beide Seiten wollten Frieden. „Lasst uns das hinbekommen“, schreibt er. Aoun hatte kurz zuvor noch abgelehnt, direkt mit Netanyahu zu sprechen. Ein libanesischer Regierungsbeamter sagt, direkte Gespräche mit Netanyahu seien angesichts der laufenden Angriffe und der Zerstörung im Libanon unangemessen. Washington, so heißt es, habe Verständnis für diese Haltung gezeigt. Trump lädt beide Seiten ins Weiße Haus ein, um die Gespräche fortzusetzen.

Zwei Kommunalchefs aus Nordisrael sagen öffentlich, der Waffenstillstand mache sie angreifbar. Moshe Davidovich, Vorsitzender des Regionalrats Mateh Asher, sagt, Vereinbarungen würden in Washington getroffen, aber der Preis werde in Blut, zerstörten Häusern und zerbrochenen Gemeinschaften bezahlt. Eitan Davidi, Vorsitzender des Moshav Margaliot, nennt es eine Niederlage.

Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz sagt, Iran stehe vor der Wahl zwischen einer Brücke in die Zukunft und einem Abgrund aus Isolation und Zerstörung. Wähle Iran den Abgrund, werde es Ziele treffen, die schmerzhafter seien als alles bisher Getroffene.

US-Finanzminister Scott Bessent hatte am Mittwoch das finanzielle Äquivalent eines Bombenangriffs auf Iran angedroht. Der iranische Außenamtssprecher Esmail Baghaei nennt das am Donnerstag wirtschaftlichen Terrorismus und staatlich geförderte Erpressung. Houthi-Chef Abdul Malik al-Houthi sagt in einer Videoansprache, die USA stellten in den Verhandlungen Forderungen, die kein unabhängiges Land akzeptieren könne. Der Waffenstillstand sei das Ergebnis amerikanischer und israelischer Misserfolge.

„Irans UN-Botschafter Amir Saeid Iravani erklärte am 16. April vor der UN-Vollversammlung, sein Land habe die Freiheit der Schifffahrt stets gewahrt. Die Teil-Verminung der Straße von Hormus bleibt unerwähnt – wie auch die Menschenrechtsverstöße gegen das eigene Volk.“

In Paris bereiten sich Staats- und Regierungschefs auf eine Konferenz vor, die am Freitag stattfindet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer haben sie einberufen. Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz wird reisen. Norwegens Premierminister Jonas Gahr Støre schaltet sich virtuell zu. Das Thema: die Straße von Hormus, wie sie wieder geöffnet werden kann, was das kostet und wer dafür sorgt.

Brothers in Arms …

Fatih Birol sagt, je länger die Blockade dauert, desto schlimmer werden die Folgen für Wirtschaftswachstum und Inflation weltweit. Er nennt die Straße von Hormus einen „Dire Dtrait“ – eine verzweifelte Enge. Früher gab es eine Rockband mit diesem Namen. Heute ist es eine Beschreibung der Lage.

Und ganz aktuell …

Trump sagt vor seinem Abflug nach Las Vegas, vier Dollar pro Gallone Benzin seien nicht besonders hoch – gemessen an dem, was nötig sei, um Iran an einer Atombombe zu hindern. Der Preis an der Zapfsäule liegt landesweit im Schnitt bei 4,09 Dollar, 29 Prozent mehr als vor einem Jahr. Netanyahu veröffentlicht kurz darauf ein Video und erklärt, er habe dem zehntägigen Waffenstillstand im Libanon zugestimmt, um die Friedensbemühungen voranzubringen. „Wir haben die Chance auf ein historisches Friedensabkommen mit dem Libanon“, sagt er. Hisbollah, die seit sechs Wochen gegen Israel kämpft, lehnt die laufenden Gespräche in Washington ab.

Sechs Wochen Krieg. Sechs Wochen Kerosin. Und 150 Seeleute, die täglich auf ihre Familien schauen – durch Satellitensignale, weil das Schiff nicht fahren darf.

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