Ruslan Lavryk war 51 Jahre alt, als russische Truppen im Frühjahr 2022 das größte Atomkraftwerk Europas übernahmen. Ein Ort, der eigentlich für Stabilität stehen sollte, wurde innerhalb weniger Tage zu einem militärischen Stützpunkt. Die ukrainische Verteidigung war gebrochen, russische Soldaten bewegten sich zwischen Reaktorblöcken, legten Minen und durchsuchten Gebäude. Viele Mitarbeiter flohen aus Enerhodar. Lavryk blieb. Nicht aus Loyalität zu den Besatzern, sondern weil jemand die sechs Reaktoren sicher weiter betreiben musste.

Kurz darauf kamen Männer von Rosatom. Beamte, Ingenieure, Funktionäre aus Russland. Sie übernahmen die Kontrolle, ersetzten die ukrainische Leitung und begannen, Druck aufzubauen. Verträge sollten unterschrieben werden. Wer sich weigerte, wurde eingeschüchtert. Zeugenaussagen berichten von Misshandlungen, von gezielter Gewalt. Oleg Romanenko, leitender Ingenieur aus Balakowo, führte die neue Struktur. Ukrainische Beschäftigte wurden beobachtet, kontrolliert und unter Druck gesetzt.
Die Zahlen sind festgehalten. Mindestens 78 Fälle von körperlicher oder psychischer Folter unter den Mitarbeitern. Andriy Honcharuk starb nach Misshandlungen in einer Polizeistation. Andriy Tuz wurde bei einem Fluchtversuch festgehalten, seine Finger mit einem Feuerzeug verbrannt, bis er eine Videoerklärung abgab, in der er frühere Aussagen widerrief. Wer widersprach, wurde gebrochen.

Lavryk unterschrieb nicht. Stattdessen sabotierte er die Arbeit der neuen Leitung, störte technische Systeme, die für Propagandabilder genutzt wurden. Ende 2022 tauchten zwölf FSB-Beamte auf und drohten ihm offen. Er zog sich zurück, verließ Enerhodar und lebte fortan in einem kleinen Haus im Dorf Blahowischtschenka, sechzehn Kilometer entfernt. Ganz entziehen konnte er sich der Besatzung nicht. Straßen waren kontrolliert, Wohnungen wurden beschlagnahmt, Autos zerstört.
Im Januar 2024 blieb ihm keine Wahl mehr. Ohne russischen Pass durfte er nicht einmal mehr in die eigene Stadt zurück. Er nahm die Staatsbürgerschaft an, eine Entscheidung unter Zwang. Monate später entdeckte er russische Fallschirmjäger in seinem Dorf, versteckt an einem Getreidesilo. Er markierte ihre Position auf seinem Handy und schickte die Information an seinen Sohn Wladyslaw, damit sie an ukrainische Einheiten weitergegeben wird. Gelegentlich spendete er kleine Beträge für Ausrüstung der ukrainischen Armee.
Am 7. Juni 2024 kamen sie. Acht Männer, maskiert, bewaffnet. Sie brachen die Tür auf, zerrten seine Frau Inna auf die Straße, schlugen Lavryk, durchsuchten das Haus und nahmen alles mit. Computer, Telefone, Dokumente. Er verschwand in einem Keller des FSB in Enerhodar. Dort konfrontierten sie ihn mit den Daten auf seinem Handy. Spenden, Standortweitergabe. Sie drohten mit sofortiger Erschießung. Aus Angst sagte er, er habe nicht gewusst, wohin die Informationen gehen würden. Nach wenigen Tagen ließen sie ihn frei. Zwei Tage später kamen sie zurück.
Was folgte, war ein System ohne Ende. Sechs Monate Haft ohne Anklage, immer neue administrative Vorwürfe, immer neue Festnahmen. Dieses Verfahren hat einen Namen: administrative Karussell. Freilassung auf der Straße, sofortige erneute Festnahme wegen angeblicher Verstöße gegen Ausgangssperren. Verlegung von Enerhodar nach Melitopol, von Zelle zu Zelle.
Aus seinen Briefen, heimlich aus dem Gefängnis geschmuggelt, ergibt sich ein klares Bild. Blut auf den Böden, Schreie aus Nebenräumen. Elektroschocks, Schläge, ständige Drohungen. Ein 84 Jahre alte Frau wird gefoltert. Ein 74 Jahre alter Mann aufgehängt und misshandelt. Lavryk selbst wird geschlagen, mehrfach mit Strom traktiert. Er beschreibt Kopfschmerzen, so stark, dass er glaubt, man führe Experimente an ihm durch.
Er schreibt, dass Menschen sich das Leben nehmen. Dass junge Frauen sich erhängen. Dass Wärter und FSB-Leute täglich mit Papieren kommen, die unterschrieben werden sollen. Wer sich weigert, wird geschlagen, bis er unterschreibt. „Unterschreib, sonst geht es weiter“, berichten Mitgefangene. Kontakt zur Außenwelt existiert nicht. Kein Anwalt, keine Besuche, keine offiziellen Briefe. Trotzdem gelingt es Lavryk, Nachrichten herauszuschmuggeln. Über Mitgefangene, über bestochene Wärter. Schließlich versteckt er Zettel in schmutziger Wäsche, näht sie in die Nähte seiner Kleidung. Auf diese Weise gelangen Namen nach draußen. Vierzig Gefangene kann er identifizieren. Für dreizehn von ihnen finden sich Angehörige.

Anfang 2025 versucht seine Familie, einen Anwalt zu schicken. Der wird abgewiesen. Kurz darauf wird aus der endlosen Haft ein offizielles Verfahren. Anklage wegen Hochverrats. Grundlage sind zwei Punkte: die Weitergabe der Position russischer Soldaten und Geldspenden für die ukrainische Armee. Lavryk schreibt an seine Frau, dass sie gedroht haben, auch sie zu verfolgen, wenn er nicht gesteht. Er beschreibt Schläge mit dem stumpfen Ende einer Axt, Elektroschocks, Schläge auf Kopf und Arme, einen Eimer über dem Kopf während der Misshandlungen.
Weitere Beweise gibt es nicht. Nur sein Telefon und die unter Zwang erpressten Aussagen. Im September 2025 wird der Fall vor ein Gericht in Melitopol gebracht. Das Urteil folgt. 16 Jahre Straflager wegen Hochverrats. Ein Mann, der blieb, damit ein Atomkraftwerk sicher läuft. Ein Ingenieur, der nicht unterschreiben wollte. Am Ende ein Gefangener in einem System, das aus einem Arbeitsplatz einen Ort der Gewalt gemacht hat.
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