Sirenen über dem Golf — und wir zählen die Toten wie Wetter

VonRainer Hofmann

März 15, 2026

Der Krieg ist nicht das Gegenteil des Friedens. Er ist sein Zustand. Frieden ist nur Krieg, der sich ausruht — der seinen Atem anhält, seine Schüsse zählt, seinen nächsten Vorwand sucht. Wir nennen es Stabilität. Wir nennen es Normalität. Wir nennen es alles, außer dem, was es ist: eine Pause im Töten.

Beirut, 15. März 2026

Fadi steht vor den Resten seines Zelts am Strand von Beirut. Es ist das zweite Mal in zwei Tagen, dass der Sturm es zerstört hat. Neben ihm liegen neue Matratzen, die er nach dem letzten Sturm gekauft hatte. Sie sind bereits wieder durchnässt. Er sagt, er hoffe nur noch, nach Hause zurückkehren zu können. Nur dort könne man wirklich zur Ruhe kommen.

Beirut, 15. März 2026

Mehr als 830.000 Menschen sind im Libanon auf der Flucht. Jeder siebte Bewohner des Landes. In Haret Hreik, einem Vorort im Süden Beiruts, liegen eingestürzte Betonplatten, verbogene Stahlträger und zerrissene Plastikplanen auf den Straßen. Rauch steigt aus Trümmern. Kleine Brände brennen weiter. Seit dem 2. März wurden 826 Menschen getötet, darunter 106 Kinder. Diese Zahlenangaben lassen aktuell nicht überprüfen. Der Tod kennt keine Datenbank

Beirut, 15. März 2026
Menschen auf der Flucht

Viele rechte Parteien stehen beim Iran-Krieg vor einem Widerspruch, den sie nicht benennen wollen. Nach außen: harte Rhetorik gegen islamistische Regime, demonstrative Nähe zu Israel und den USA, der Attitüde der Stärke. Nach innen: dieselbe Politik, die Fluchtbewegungen erzeugt, gegen die man innenpolitisch mobilisiert. Wer gleichzeitig die Grenze schließen will, der hat nicht zwei Positionen. Der hat eine: Macht, ohne Konsequenz. Eskalation, ohne Verantwortung. Man zündet das Haus an und beschwert sich über den Rauch.

Der Mensch, der zum Beispiel aus Beirut flieht, fragt nicht nach der Parteilinie dessen, der die Bombe gebaut hat. Er flieht. Und die Frage, die niemand stellt: Wer hat das Holz gestapelt — und wer verdient daran, dass es brennt?

Tel Aviv

Gleichzeitig schlagen iranische Raketen in Tel Aviv ein. 23 Einschlagsstellen an einem einzigen Sonntag. In Bnei Brak wurde ein Wohnhaus getroffen, Fenster herausgerissen, ein Bewohner durch Glassplitter verletzt. In Ramat Gan behandelten Sanitäter einen Mann mit Druckverletzungen. Städtische Arbeiter räumten kurz darauf eine Einschlagstelle, an der Streumunition detoniert war — kleine Sprengkörper, die noch Tage später töten können.

Tel Aviv

Ich habe in mir selbst immer schon gewusst, dass der Mensch kämpft, weil er nicht schlafen kann. Der Krieg ist die lauteste Form der Schlaflosigkeit der Zivilisation.

Bahrain meldet 125 abgefangene Raketen und 211 Drohnen seit Kriegsbeginn. Iranische Angriffe trafen Häfen, ein Hotel, eine Raffinerie, eine Entsalzungsanlage. Die Vereinigten Arabischen Emirate berichten von vier ballistischen Raketen und sechs Drohnen an einem einzigen Tag. Die Straße von Hormus — durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öls fließt — ist nach Aussage von Irans Außenminister Abbas Araghchi offen, aber nicht für die USA und ihre Verbündeten. Solange Angriffe auf Iran weitergingen, gelte diese Einschränkung.

Bahrain

Die Sprache des Krieges lügt nicht, weil sie grob ist. Sie lügt, weil sie präzise ist. „Keine Option vom Tisch nehmen“ — so formuliert Mike Waltz, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, die Möglichkeit weiterer Angriffe auf iranische Energieanlagen. Das klingt nach Strategie. Es bedeutet: Menschen werden sterben, und wir haben darüber nachgedacht.

Das bleibt; die Trauer, gleich welcher Religion man angehört

Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits sichtbar. Aluminium Bahrain, die größte Aluminiumhütte der Welt außerhalb Chinas, legt fast ein Fünftel seiner Produktion still, weil Exporte blockiert bleiben. Ein solches Werk arbeitet mit extrem hohen Temperaturen — Abschalten und Wiederhochfahren dauert lange, kann Maschinen beschädigen. Selbst wenn die Schifffahrt morgen wieder möglich wäre, bliebe der Nachschub noch lange knapp. Bauindustrie und Autohersteller spüren bereits steigende Preise.

Straße von Hormus

Vielleicht ist das Schlimmste am Krieg nicht die Lüge. Vielleicht ist es die Gewöhnung. Dass man irgendwann aufhört zu fragen, warum die Zahlen steigen. Dass die Statistik sich wie Wetter anfühlt — etwas, das kommt und geht, das man nicht verursacht hat, für das man sich nicht verantwortlich fühlt.

Fast 32.000 Menschen sind aus Iran nach Afghanistan geflohen, rund 4.000 nach Pakistan — obwohl viele Grenzübergänge geschlossen sind. Das iranische Kulturministerium meldet 56 beschädigte historische Stätten in zwei Wochen: der Golestan-Palast in Teheran, die Shah-Abbas-Moschee, der Chehel-Sotoun-Palast in Isfahan. Geschichte, die nicht wiederkommt. Gesellschaften sind wie wir selbst: geteilt. Ein Teil trauert. Ein Teil jubelt. Ein Teil schaut weg. Ein Teil kauft Fahnen. Alle vier wohnen in derselben Stadt, lesen dieselbe Zeitung, atmen dieselbe Luft — und keiner von ihnen lügt, wenn er sagt: Ich habe das nicht gewollt.

Angriffe auf der Jomhouri-Straße im Zentrum von Teheran

Papst Leo XIV. fordert eine Waffenruhe. Gewalt könne niemals Gerechtigkeit oder Frieden bringen. Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre warnt: Kriege folgten selten einem Plan — und genau darin liege ihre Gefahr. Während sie reden, schlagen weitere Raketen ein. Sirenen heulen im Golf. In Beirut versuchen Menschen, ihre Zelte gegen Wind und Regen festzuhalten. Wer den Krieg wirklich verhindern will, muss aufhören, an den Frieden zu glauben — und anfangen, an die Struktur zu glauben, die beides produziert. Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sissi telefoniert. Mit dem Emir von Katar, dem König von Jordanien, dem Präsidenten der Emirate. Sein Außenminister reist durch den Golf. Man nennt es Diplomatie. Es ist das, was Staaten tun, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen — aber tun müssen, dass es so aussieht, als ob.

Irans Außenminister Abbas Araghchi sagt, er sehe keinen Grund, mit amerikanischen Unterhändlern zu sprechen. Die Gespräche liefen noch, als die Bomben fielen. Man verhandelt nicht mit jemandem, der mitten im Satz schießt. Hier vergisst Araghchi gerne, dass auch der Iran schießt. Die Straße von Hormus: offen, sagt er — aber nicht für jeden. Wer durchfahren will, soll fragen. Mehrere Länder haben das bereits getan. Welche, sagt er nicht. Und das Nuklearmaterial? Liegt unter Trümmern. Iran plant nicht, es zu bergen, sagt er.

Das Leben in Teheran für die Zivilbevölkerung muss irgendwie weiter gehen

Das ist der unbequeme Gedanke. Nicht: Krieg ist böse. Das weiß jeder. Sondern: Krieg ist nützlich — für wen, für was, unter welchen Bedingungen. Wer davon profitiert, wenn die Aufmerksamkeit woandershin geht. Wer davon profitiert, wenn die Grenze gezogen wird, und wer sie zieht. Die Internationale Energieagentur in Paris öffnet die Reserven. 412 Millionen Barrel — mehr als doppelt so viel wie 2022, als Russland die Ukraine angriff. Asien und Ozeanien sofort, Europa und Amerika ab Ende März.

Man nennt es den größten Notfalleinsatz der Geschichte. Das stimmt wahrscheinlich. Was man nicht sagt: dass ein Rekord dieser Art kein Grund zum Stolz ist. Er ist ein Maß dafür, wie tief die Lage bereits ist. Öl fließt, damit die Welt weiterläuft. Währenddessen brennt der Ort, aus dem es kommt.

Wir werden weiter dokumentieren, weiter nicht wegschauen, weiter senden — weil ein Licht, das niemand sieht, trotzdem leuchtet.

(Stand des Artikel: 15. März 16:45 Uhr, MEZ)

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Ela Gatto
3 Stunden zuvor

Es ist einfach nur furchtbar!

Die Menschen haben den Krieg bicht gewählt.
Nicht das Sterben, Hungern, Vertrieben werden.

Es sind alte Männer, die beschlossrn haben „Krieg zu spielen“.
Für die eigene Macht, für den eigenen Profit.

Menschenleben?
Zählen nicht.

Könnten die Golfstaaten gemeinsam etwas erreichen.
Ohne sich an die USA anzubiedern und Russland zu schmeicheln.
Denn die 2 Länder sind wahrscheinlich die Einzigen und größten Profiteure.

Der Blick ist auch auf diese Staaten gerichtet.

Lassen sie die USA gewähren? In der Hoffnung das unbequeme Mullah Regime zu eliminieren?
Werden sie aufgrund der Angriffe auf ihre Länder selber aktiv?

Bitte passt auf Euch auf!

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