Auf der Halbinsel Tschukotka, am äußersten Rand Russlands, entsteht eine Mine, die Milliarden wert ist. Das Baimskoje-Vorkommen gehört zu den größten unerschlossenen Kupferlagerstätten der Welt. Der geplante Komplex soll 12,5 Milliarden Dollar kosten. Moskau nennt es ein strategisches Nationalprojekt. Was es wirklich ist, zeigt sich erst, wenn man die Eigentümerstruktur sich genauer anschaut.

Abramovich verkauft, Kim kauft
Bis 2018 gehörte das Vorkommen Roman Abramovich und Alexander Abramov. Dann übernahm die kasachische KAZ Minerals — ein Konzern der Milliardäre Vladimir Kim und Oleg Novachuk. Erfahrung mit arktischen Projekten? Keine. Aber Kapital, Netzwerke und Geduld — offenbar genug. Als der Westen nach dem Einmarsch in die Ukraine Sanktionen verhängte, wurde ausländischer Besitz an russischen Schlüsselprojekten politisch heikel. Die Lösung war kein Rückzug. Es war Umbau.

Unsere Recherchen zeigen, dass das Baimsky-Projekt in Tschukotka weit mehr ist als nur eine Mine. Geplant sind ein großer Tagebau am Kupfer- und Goldvorkommen Peschanka sowie ein Bergbau- und Aufbereitungskombinat, ergänzt durch eine neue Straße und einen ganzjährig nutzbaren Hafen bei Pewek für den Export der Rohstoffe. Insgesamt sollen mehr als eine Billion Rubel investiert werden. Die Finanzierung erfolgt über staatlich unterstützte Projektstrukturen mit Beteiligung der Entwicklungsbank VEB.RF, während der Komplex Teil des strategischen Entwicklungsplans für die Region bis 2030 ist.
Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie Eigentümerstrukturen seit den westlichen Sanktionen neu organisiert wurden: Nach dem Verkauf durch Roman Abramovich und Alexander Abramov ging die Kontrolle zunächst an die kasachische KAZ Minerals von Vladimir Kim und Oleg Novachuk, später an den russischen Fonds Palmira Severa. Bauaufträge liefen über Firmen wie Vega Razvitiye, die mit internationalen Strukturen verbunden sind und über die Milliardenbeträge, teilweise auch über Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, abgewickelt wurden. Zudem bestehen Verbindungen zu Firmen im Umfeld der Familie des russischen Vizepremiers Yury Trutnev. Das Projekt verdeutlicht damit nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung der Arktis für Russland, sondern auch, wie internationale Netzwerke und staatliche Unterstützung große Rohstoffvorhaben trotz Sanktionen weiter vorantreiben.
Ein Fonds namens Palmyra
Die Vermögenswerte wanderten in einen russischen geschlossenen Investmentfonds: Palmira Severa. Verwaltet von Ruskapital — einer Gesellschaft, die früher über Rid Oil-Perm kontrolliert wurde. Mitbesitzer dort bis 2023: Dmitry Trutnev. Sohn von Yury Trutnev, Russlands stellvertretendem Ministerpräsidenten und Hauptverantwortlichem für die Arktispolitik des Kremls. So funktioniert die Architektur.
Dubai baut die Arktis

Den Bauauftrag für die Anlage erhielt Vega Razvitiye — in Russland kaum bekannt, im Hintergrund gut vernetzt. Hinter der Firma steht Nord Rim DMCC aus Dubai, verbunden mit Kim über die kasachische RBK Bank. Mehr als zehn Milliarden Rubel flossen in zwei Jahren an Vega Razvitiye. Novachuk war bis März 2025 Mitgründer. Eine weitere beteiligte Firma, Severnye Inzhenernye Resheniya, führt über Nomad Construction Limited zu Alen Baigazin — ebenfalls ein Geschäftspartner Novachuks. Offiziell ein russisches Staatsprojekt. Tatsächlich ein Netzwerk aus Kasachstan, Dubai und Moskauer Regierungskreisen.
Warum Sanktionen hier nicht ankommen
Drei Mechanismen erklären, warum Projekte wie dieses weiterlaufen — unabhängig davon, was in Brüssel oder Washington beschlossen wird. Rohstoffe haben immer Abnehmer. Kupfer, Öl, Gas sind Grundlage der Weltwirtschaft. Wenn Europa wegfällt, kaufen China, Indien, Zentralasien — oft günstiger, aber in großen Mengen. Russland verliert etwas anMarge, nicht Markt. Strukturen lassen sich schnell anpassen. Sanktionen treffen Namen und Firmen. Die Wirtschaft antwortet mit neuen Namen und neuen Firmen. Fonds, Tochtergesellschaften, Standorte in Ländern außerhalb der Sanktionsregime — das Geflecht wird komplizierter, aber es reißt nicht. Die EU hat solche Konstruktionen bislang zu selten und zu spät erkannt. Der Staat springt ein, wo Märkte zögern. Staatliche Banken, Infrastrukturmittel, angepasste Steuerregeln — Russland hält strategische Projekte am Leben
Kupfer für die Energiewende — aus der Arktis

Was das Baimskoje-Vorkommen besonders macht: Es ist nicht nur eine Mine. Es ist Teil von Russlands Plan, die Arktis wirtschaftlich zu erschließen und über die Nördliche Seeroute an Asien anzubinden. Neue Straßen, Hafenanlagen, Energieinfrastruktur — alles bereits geplant. Und der Rohstoff selbst sorgt dafür, dass die Nachfrage nicht nachlässt. Kupfer ist unverzichtbar für Stromnetze, Elektroautos und die Technologien der Energiewende. Der Weltmarkt braucht es — ungeachtet dessen, wer es unter welchen Bedingungen fördert. Russland nennt Baimskoje ein nationales Vorhaben. Doch das Geld, die Strukturen und die Menschen dahinter kommen aus Kasachstan, Dubai und den Büros einer Regierungsfamilie. Wer profitiert wirklich von den Milliarden aus der Arktis — und warum schaut kaum jemand hin?
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