Wenn zwei Seiten Gottes Namen rufen

VonRainer Hofmann

März 10, 2026

Das Department of Homeland Security warnt. Ein internes Papier, das uns vorliegt, trägt den Titel: „Iranische Religionsführer erlassen Fatwas und rufen Muslime auf, den Tod des Obersten Führers zu rächen.“ Die Fatwas bezeichnen die USA und Israel als „die schlimmsten Feinde der Menschheit“ und fordern Vergeltung weltweit. Die Islamische Revolutionsgarde legte am 2. März nach: Der Feind werde „nirgendwo auf der Welt mehr Sicherheit haben, nicht einmal im eigenen Haus.“ Das ist die eine Seite.

Pete Hegseth

Auf der anderen steht Pete Hegseth, Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, der in einem Interview mit CBS-Korrespondent Major Garrett erklärt, die Vorsehung des allmächtigen Gottes schütze die amerikanischen Truppen im Iran. Als er gefragt wird, ob er den Krieg in religiösen Begriffen verstehe, sagt er: ja, im Grunde. Er spricht von seinem christlichen Glauben, vom Gebet auf Kampfmissionen, davon, dass es in Schützengräben keine Atheisten gebe. Er erklärt, man müsse die Verbindung zum Schöpfer wiederherstellen, weil Selbsthilfe und Selbstwertgefühl nicht das seien, was Soldaten brauchen. Hegseth hat „Deus Vult“, den Schlachtruf der Kreuzzüge, auf den Arm tätowiert. Sein Buch aus dem Jahr 2020 heißt „American Crusade“. Er kündigt an, das Militärkaplankorps wieder groß und aktiv zu machen.

Senator Lindsey Graham, einer der lautstärksten Befürworter des Militäreinsatzes gegen Iran, sagte vergangene Woche: „Das ist ein religiöser Krieg, und wir werden den Verlauf des Nahen Ostens für tausend Jahre bestimmen.“ Mike Huckabee, ehemaliger Gouverneur von Arkansas, Pastor und jetzt US-Botschafter in Israel, erklärt in einem Interview mit Tucker Carlson, Israel habe ein religiöses Recht auf weite Teile des Nahen Ostens. Gefragt, wie weit dieses Recht reiche, sagt er: „Es wäre in Ordnung, wenn sie alles nehmen würden.“

Televangelist John Hagee, Vorsitzender von Christians United for Israel, predigt in seiner Cornerstone Church in San Antonio vor einem Banner mit der Aufschrift „Gott kommt… Operation Epic Fury“. Er dankt Trump dafür, die Feinde Zions zermalmt zu haben, und erklärt, der Angriff auf Iran werde biblisch prophezeite Ereignisse auslösen – die Invasion Israels durch eine russisch geführte Armee und die Niederlage des Antichristen in der Schlacht von Armageddon.

Die gemeinnützige Organisation Military Religious Freedom Foundation meldet am 3. März, sie werde mit Beschwerden überhäuft. Über 200 Anrufe aus mehr als 50 Militärstützpunkten, alle mit demselben Inhalt: Kommandeure erklären ihren Soldaten, der Irankrieg sei Teil von Gottes göttlichem Plan, um die Wiederkehr Jesu Christi einzuleiten. Einer soll gesagt haben, Trump sei von Jesus gesalbt worden, um in Iran das Signalfeuer zu entzünden und Armageddon auszulösen. Marco Rubio, Außenminister, sagt über Iran: „Das gesamte Regime wird von radikalen Geistlichen geführt, die keine geopolitischen Entscheidungen treffen. Sie treffen Entscheidungen auf der Grundlage ihrer Theologie, einer apokalyptischen, die sehr ernst genommen werden muss.“ Der Satz ist richtig. Er beschreibt auch das, was auf der anderen Seite des Ozeans gerade passiert. Rubio scheint das nicht zu bemerken. Oder er bemerkt es und sagt es trotzdem.

Das US-Heimatschutzministerium hat am 2. März 2026 eine interne „Critical Incident Note“ veröffentlicht, in der es vor möglichen sicherheitsrelevanten Folgen jüngster Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg warnt. Das als „unclassified / for official use only“ gekennzeichnete Dokument fasst vorläufige Erkenntnisse zusammen und betont, es handele sich nicht um eine abschließende Bewertung.

Im Mittelpunkt stehen zwei am 1. März veröffentlichte Fatwas hochrangiger iranischer Geistlicher. Darin werden Muslime weltweit aufgerufen, den Tod des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei zu rächen. Eine der religiösen Erklärungen bezeichnet die Rache als religiöse Pflicht aller Muslime, eine weitere nennt die USA und Israel die „bösartigsten Feinde der Menschheit“. Zuvor hatten iranische Geistliche bereits während des 12-Tage-Krieges 2025 Fatwas gegen den US-Präsidenten und den israelischen Premierminister ausgesprochen.

Das DHS verweist zudem auf einen Schusswaffenangriff am 1. März in Austin, Texas, bei dem ein eingebürgerter US-Staatsbürger zwei Menschen tötete und 14 weitere verletzte, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Hinweise auf Kleidung und Fahrzeug des Täters deuteten nach Angaben der Behörde auf einen möglichen extremistischen Hintergrund hin, eine eindeutige Motivation sei jedoch noch nicht bestätigt.

In einer analytischen Einschätzung warnt das Ministerium, dass die Fatwas, die Rhetorik der iranischen Regierung und Online-Botschaften regimetreuer Akteure das Risiko gewalttätiger Taten von Unterstützern des iranischen Regimes erhöhen könnten. Als Beispiel wird auf eine Erklärung der Revolutionsgarden verwiesen, wonach „der Feind“ künftig „nirgendwo auf der Welt mehr sicher“ sei. Zwar hätten Fatwas in der Vergangenheit nur selten unmittelbar zu Anschlägen in den USA geführt, doch verweist das Dokument auf den Messerangriff auf Salman Rushdie im Jahr 2022, der auf eine frühere Fatwa zurückgeführt wurde.

Im Februar 1989 erließ Ayatollah Khomeini eine Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wegen seines Buches „Die Satanischen Verse“. Iran brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab. Im August 1996 erließ Osama Bin Laden seine erste Fatwa, über 11.500 Wörter lang, und erklärte den heiligen Krieg gegen amerikanische Streitkräfte auf der arabischen Halbinsel. Kurz darauf wurde er interviewt und gefragt, warum es nach der Erklärung noch keine Anschläge gegeben habe. Seine Antwort: „Wenn wir kleine Operationen durchführen wollten, wäre das einfach gewesen. Aber die Natur des Kampfes erfordert qualitative Operationen, die den Gegner treffen – und das erfordert offensichtlich gute Vorbereitung.“ Zwei Jahre später, im Februar 1998, folgte die zweite Fatwa. Diesmal der Aufruf, Amerikaner überall auf der Welt zu töten. Sie inspirierte eine neue Generation. Drei Jahre später war der 11. September.

Zwei Seiten rufen jetzt Gottes Namen. Beide sind überzeugt, auf der richtigen zu stehen. Beide beschreiben den anderen als apokalyptische Bedrohung. Beide bereiten sich vor. Was Bin Laden damals über Vorbereitung sagte, war keine Drohung ins Leere. Es war eine Ankündigung. Die jetzigen Fatwas klingen ähnlich. Und die Antwort darauf, in Teilen der amerikanischen Führung, klingt nicht nach Geopolitik. Sie klingt nach demselben Buch, nur einer anderen Ausgabe.

Das ist keine Analyse. Das ist eine Beobachtung. Und sie ist schwer genug.

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Irmgard Drewer
Irmgard Drewer
1 Stunde zuvor

Da muß man sich schämen Christ zu sein. Ich sage nur noch das ich an Jesus glaube. Wo bleibt der Aufschrei der restlichen Welt. Und wo der Aufschrei der katholischen und evangelischen Kirche.
Unfassbar.

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