Über Tel Aviv heulen Sirenen, Abfangraketen durchschneiden den Himmel. Die Bilder zeigen, wie Geschosse nach dem US-israelischen Angriff auf Iran abgefangen werden. Währenddessen verdichten sich die Meldungen aus Teheran, Isfahan, Shiraz, Tabriz und aus den westlichen Provinzen. Rauch steigt über der Hauptstadt auf. Auch in Hafenstädten am Persischen Golf, darunter Asaluyeh, werden Explosionen gemeldet – ein Nervenzentrum des iranischen Ölhandels.
Nach Angaben iranischer Staatsmedien traf ein US-israelischer Angriff in Minab in der Provinz Hormozgan eine Mädchenschule. Zunächst war von fünf getöteten Schülerinnen die Rede, später meldete die staatliche Nachrichtenagentur IRNA mindestens vierzig Tote und fünfundvierzig Verletzte. In der Stadt befindet sich eine Basis der Revolutionsgarden. Weder Washington noch Jerusalem legten bislang Details zur Operation vor. Eine mit den Planungen vertraute Person erklärte, der Einsatz sei über Monate vorbereitet und eng koordiniert worden und werde voraussichtlich mehrere Tage andauern. Irans Revolutionsgarden sprechen von der ersten Phase der Vergeltung unter dem Namen „Wahrhaftiges Versprechen 4“. Getroffen worden seien das Kommando der US-Fünften Flotte in Bahrain, US-Stützpunkte in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie militärische Ziele in Israel. Schäden wurden bislang kaum bestätigt, aus den Emiraten wird ein Todesfall gemeldet. Raketen- und Drohnenangriffe dauerten an, weitere Informationen würden folgen, heißt es.
Katar erklärte, eine zweite und später eine dritte Welle iranischer Raketen abgefangen zu haben. Auch Kuwait meldete, einen „abscheulichen iranischen Angriff“ abgewehrt zu haben, und betonte sein Recht auf Selbstverteidigung. Kuwait Airways setzte Flüge vorübergehend aus. Die Fluggesellschaft Emirates teilte mit, mehrere Verbindungen seien wegen Luftraumsperrungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten betroffen. Das Unternehmen mit Sitz am Flughafen Dubai – dem größten internationalen Drehkreuz – transportierte im vergangenen Geschäftsjahr 53,7 Millionen Passagiere und arbeitet nach eigenen Angaben mit den Behörden an Anpassungen. Passagiere sollen ihren Flugstatus online prüfen.
In Nord-Teheran drängen Menschen in Supermärkte, kaufen Brot und Wasser. Eier, Milch und abgefülltes Wasser sind mancherorts ausverkauft. Vor Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Auf der Soleimani-Autobahn steht der Verkehr stadtauswärts dicht an dicht. Saudi-Arabien verurteilte iranische Angriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar, Kuwait und Jordanien scharf und warnte vor schweren Folgen anhaltender Verletzungen staatlicher Souveränität. Pakistan meldete ein Telefonat zwischen Außenminister Ishaq Dar und seinem iranischen Kollegen Abbas Araghchi; Dar sprach von „ungerechtfertigten Angriffen“ und forderte eine sofortige Rückkehr zur Diplomatie. Russland nannte die Schläge einen „vorab geplanten und unprovozierten Akt bewaffneter Aggression gegen einen souveränen und unabhängigen UN-Mitgliedstaat“, verlangte ein Ende der Militärkampagne und warf Washington und Tel Aviv vor, unter dem Vorwand des Atomprogramms einen Regimewechsel zu betreiben. Moskau warnte vor einer humanitären, wirtschaftlichen und möglicherweise radiologischen Katastrophe und erklärte die Bombardierung von Anlagen unter Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde für unzulässig.
Auch aus Europa kommen mahnende Töne. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa fordern maximale Zurückhaltung, den Schutz von Zivilisten und die uneingeschränkte Achtung des Völkerrechts. Zugleich verweisen sie auf umfangreiche Sanktionen gegen das iranische Regime und die Revolutionsgarden. Brüssel arbeite mit den Mitgliedstaaten daran, europäische Staatsbürger im Nahen Osten zu unterstützen.
Mirjana Spoljaric, Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, spricht von einer gefährlichen Kettenreaktion mit verheerenden Folgen für Zivilisten. Schulen, Wohnhäuser und Krankenhäuser müssten verschont bleiben, medizinisches Personal sicher arbeiten können. Die Regeln des humanitären Völkerrechts und die Genfer Konventionen gälten uneingeschränkt. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, Friedensnobelpreisträgerin von 2017, verurteilte die Angriffe ebenfalls. Geschäftsführerin Melissa Parke nannte sie verantwortungslos und warnte vor weiterer Eskalation sowie wachsender Gefahr nuklearer Verbreitung.
Israels Präsident Isaac Herzog begrüßte die gemeinsame Operation mit den USA und äußerte die Hoffnung auf einen historischen Wandel und eine bessere Zukunft für den Nahen Osten. Irans oberster Führer Ali Khamenei trat in den Tagen vor dem Angriff nicht öffentlich auf und war auch danach nicht zu sehen; während des zwölftägigen Krieges soll er an einen sicheren Ort außerhalb seines Teheraner Komplexes gebracht worden sein.
Der Sicherheitsexperte Phillips O’Brien von der Universität St. Andrews warnt derweil, massive Luftschläge allein würden das iranische System nicht stürzen. Gebäude ließen sich zerstören, Führungspersonen schwächen, doch ein dauerhafter Regierungswechsel setze Unterstützung innerhalb Irans voraus – von Teilen der Bevölkerung und von Akteuren im Staatsapparat. Ohne Bodentruppen, so O’Brien, bleibe unklar, ob und wie ein Machtwechsel tatsächlich erfolgen könne. Hinweise auf eine bröckelnde Unterstützung der Führung wären etwa Meutereien militärischer Einheiten oder offene Kritik aus dem Inneren des Regimes.
Die Region steht damit am Rand einer weiteren Ausweitung. Zwischen abgefangenen Raketen über Tel Aviv, überfüllten Straßen in Teheran und gesperrten Lufträumen am Golf entscheidet sich in diesen Stunden, ob Diplomatie noch Raum findet – oder ob sich die Spirale weiterdreht.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Russland: „..vorab geplanten und unprovozierten Akt bewaffneter Aggression gegen einen souveränen und unabhängigen UN-Mitgliedstaat..“
Das ist ja wohl der lächerlichste Spruch in der ganzen Tragödie.
Was macht Russland denn seit 4 Jahren?
Wieviel tausende Zivilisten haben sie abgeschlachtet?
Trump hat die Zündschnur im Nahen Osten angezündet….und wie es bei Zündschnüren ist, sind die Folgen nicht absehbar.
Iran hat geantwortet und arabische Anrainer (die US Basen dort) bombardiert.
Israel steht unter Beschuss.
Und in Washington sitzen ein debiler Präsident und sein „Kriegsminister“, tausende Kilometer entfernt, und beweihräuchern sich gegenseitig für diesen erfolgreichen Militärschlag 🤬
Man soll sich sowas nicht wünschen, aber manchmal wünscht man sich eine Rakete dorthin, wo Trump gerade ist.