Mehr als 3.000 Festnahmen in nur zwei Monaten. 3.091 Erwachsene zwischen dem 1. Oktober und dem 28. November, durchgeführt von der Memphis Safe Task Force. Von diesen Menschen wirkten lediglich 169 weiß. Das sind rund sechs Prozent. Der Rest – 2.879 Personen – gehörte augenscheinlich nicht zur weißen Bevölkerungsgruppe. Diese Zahlen stammen aus der systematischen Auswertung von Lageberichten der Task Force, in denen nahezu jede festgenommene Person mit Foto dokumentiert wurde. Vier Tage – der 16. Oktober sowie der 12., 16. und 19. November – waren nicht verfügbar. 30 Festnahmen ohne Foto sowie 13 nicht eindeutig zuordenbare Personen wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Am Ende blieben 3.048 Fälle.

In Memphis arbeiten Polizei und ICE nach dem Prinzip des Racial Profiling; Festnahmen und Anfeindungen gegenüber nicht-weißen Menschen sind dort auffallend hoch. Aber auch in anderen Gebieten ist das gleiche Vorgehen bekannt, was recherchen aufzeigten.
Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zur Bevölkerungsstruktur der Stadt, wird das Bild scharf. Memphis zählt laut Volkszählung 610.919 Einwohner, davon 152.730 weiße und 458.189 nicht-weiße Bewohner. Die pro Kopf berechnete Festnahmerate ergibt für weiße Einwohner 1,11 Festnahmen pro 1.000 Personen, für nicht-weiße 6,28 pro 1.000. Das ergibt ein Verhältnis von 5,66 zu 1 – gerundet sechs zu eins. Nicht-weiße Menschen wurden damit in den ersten zwei Monaten fast sechsmal so häufig festgenommen wie weiße.

Unter den 169 Personen, die als weiß eingeordnet wurden, erfolgten 110 Festnahmen aufgrund offener Haftbefehle. 34 Festnahmen entstanden bei Verkehrskontrollen, darunter zwölf Fälle, in denen während der Kontrolle offene Haftbefehle festgestellt wurden. 37 weitere Festnahmen – darunter acht wegen Trunkenheit am Steuer – waren nicht ausdrücklich mit einer Verkehrskontrolle verknüpft. Wir für uns sehen die Realität eigentlich so: „Wenn ein Haftbefehl vorliegt, gibt es kein Ermessen. Es spielt keine Rolle, ob jemand schwarz, weiß oder pink ist – man nimmt ihn fest. Ermessensentscheidungen betreffen Festnahmen ohne Haftbefehl und ohne schweres Verbrechen.“ Genau hier liegt der neuralgische Punkt.

Studien zeigen seit Jahren, dass schwarze Fahrer häufiger kontrolliert und ihre Fahrzeuge häufiger durchsucht werden als weiße – obwohl sie statistisch seltener illegale Waffen oder Drogen mitführen. Johnson formuliert es klar: „Sobald ein Beamter anhält, beginnt der Ermessensspielraum.“ Und dieser Spielraum existiert nicht im luftleeren Raum. In Memphis, einer Stadt mit einer langen Geschichte rassisch ungleicher Strafverfolgung, ist Kontext keine Nebensache.

Die Task Force wird vom U.S. Marshals Service koordiniert. Eine konkrete Stellungnahme zu den Zahlen blieb aus. In einer allgemeinen Erklärung hieß es, es gebe „keinen größeren Erfolg als die Memphis Safe Task Force im Kampf gegen Kriminalität“. Der Vorwurf, man ignoriere Bevölkerungsanteile, sei eine „irreführende und verantwortungslose Vereinfachung“, die „falsche Erzählungen“ produziere. Doch das Verhältnis sechs zu eins ist kein Gefühl. Es ist eine Rechenoperation: Anzahl der Festnahmen geteilt durch Bevölkerungsanteil, multipliziert mit 1.000.

Shelby Verwaltungschef Mayor Lee Harris nennt die Zahlen „atemraubend“, wenn auch nicht überraschend für ein System, das bereits vor der Task Force deutliche Ungleichgewichte zeigte. Er kritisiert, die Einheit dränge die Stadt in „unsere schlechtesten Impulse bei der Verwaltung des Strafrechts“. Besonders irritierend sei die Rhetorik aus Washington, wo Beamte den örtlichen Behörden signalisiert hätten, sie seien „entfesselt“.

Die Analyse selbst erfolgte durch die Sichtung von über 3.000 Fotos, jeweils von mindestens zwei Personen geprüft. Wo Bilder unklar waren, wurden weitere öffentlich zugängliche Fotos herangezogen. Die Einordnung erfolgte rein visuell, ohne Berücksichtigung von Namen oder Herkunft. So arbeiten auch viele Justizsysteme faktisch bei der Zuschreibung von Rasse. 13 Personen konnten nicht eindeutig eingeordnet werden und wurden nicht in die Berechnung aufgenommen. Selbst wenn man sie der weißen Gruppe zurechnen würde, bliebe der Anteil weißer Festnahmen bei rund sechs Prozent. Das Problem ist nicht nur die Zahl, sondern das Fehlen von Daten. Die Task Force veröffentlicht keine eigenen demografischen Statistiken. Ohne systematische Erfassung bleibt nur die externe Auswertung. Johnson sagt, Transparenz wäre der einfachste Weg, Vertrauen zu schaffen. Stattdessen konzentriere man sich ausschließlich auf Durchsetzung.
In Memphis ist die Erinnerung an Tyre Nichols noch frisch. Johnson warnt davor, dass Verkehrskontrollen wieder zu Vorwänden werden könnten – kleine Verstöße als Türöffner für größere Eingriffe. Eine solche Kontrolle beginnt mit einem kaputten Rücklicht und endet mit Handschellen. Wer kontrolliert wird, entscheidet nicht allein das Gesetz, sondern oft die Wahrnehmung des Beamten.

Tyre Nichols wurde am 7. Januar 2023 in Memphis, Tennessee, bei einer Verkehrskontrolle von mehreren Polizeibeamten brutal misshandelt. Die Beamten gehörten einer Spezialeinheit der Polizei an.
Nach der Kontrolle kam es zu einer Verfolgung, anschließend zu massiver Gewalt: Nichols wurde geschlagen, getreten und mit einem Schlagstock attackiert. Auf Videoaufnahmen – unter anderem von einer sogenannten „Pole Cam“ – ist zu hören, wie er nach seiner Mutter ruft, während die Beamten weiter auf ihn einschlagen.
Er erlitt schwere Kopfverletzungen und starb drei Tage später im Krankenhaus. Die offizielle Todesursache wurde später als Folge der Misshandlungen eingestuft.
Fünf beteiligte Beamte wurden entlassen und strafrechtlich angeklagt. Der Fall löste landesweite Proteste aus und führte erneut zu einer Debatte über Polizeigewalt, sogenannte „pretextual stops“ und strukturelle Probleme im US-Justizsystem.
Ob die hohe Zahl nicht-weißer Festnahmen auf gezielte Diskriminierung oder auf strukturelle Muster zurückzuführen ist, lässt sich ohne detailliertere Daten nicht abschließend klären. Doch ein Verhältnis von sechs zu eins lässt sich nicht wegargumentieren. Es ist ein Ungleichgewicht, das zumindest erklärt werden muss. Memphis steht damit erneut vor einer alten Frage: Dient die Durchsetzung der öffentlichen Sicherheit – oder entsteht ein Netz, in dem bestimmte Teile der Bevölkerung ungleich häufiger hängen bleiben.
Wenn in Memphis 94 Prozent der Festgenommenen nicht weiß sind, dann ist das kein lockeres Detail, sondern ein Alarmsignal. Wenn in Minneapolis zwei Menschen bei Protesten gegen Abschiebungen sterben. Wenn in Dilley, Texas, Kinder hinter Zäunen sitzen und wir ihre Briefe und Gesichter kennen. Dann reden wir nicht über Verwaltung, sondern über eine Politik, die mit maximaler Härte durchgreift und genau weiß, wen sie trifft. Und wenn in Deutschland eine Partei wie die AFD „Remigration“ gottesgleich setzt, mit ICE-Wünschen auftritt und Massenabschiebungen als Zukunftsmodell verkauft, dann ist das eine große Gefahr für die Gesellschaft. Wer staatliche Autorität zum Programm erhebt, trägt auch die Verantwortung für ihre Konsequenzen. Und genau aus diesem Grund stellen wir uns dagegen, recherchieren, dokumentieren, unterstützen und helfen den Opfern – denn Europa ist nicht weit.
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