Davos ist in diesem Jahr kein Ort der Selbstvergewisserung, sondern ein Seismograf. Als Donald Trump am Mittwoch nach einer technischen Panne an Bord der Air Force One schließlich doch Kurs auf das World Economic Forum nahm, war längst klar, dass sich die politische Gravitation verschoben hat. Ein kleiner elektrischer Defekt hatte die Präsidentenmaschine zur Umkehr gezwungen, eine Vorsichtsmaßnahme, wie es hieß. Symbolisch wirkte der Zwischenfall trotzdem, denn auch politisch ist dieser Auftritt von Unsicherheit und Reibung geprägt.

Trump reist mit einer ungewöhnlich großen Delegation an, mehrere Kabinettsmitglieder begleiten ihn. Sein Erscheinen fällt in eine Phase offener Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Die jüngsten Drohungen mit Strafzöllen, die Debatte um Grönland und eine zunehmend konfrontative Rhetorik haben das Klima bereits vor seiner Rede aufgeheizt. In Davos ist spürbar, dass es nicht mehr nur um Märkte geht, sondern um politische Verlässlichkeit.
Währenddessen reihen sich die Auftritte der globalen Machtzentren aneinander. Jensen Huang spricht über technologische Vorherrschaft und wirtschaftliche Zukunft, Jamie Dimon über Finanzstabilität in unsicheren Zeiten. Parallel dazu nutzt Mohammad Mustafa die Bühne, um die internationale Aufmerksamkeit auf den Nahen Osten zu lenken. All das bildet die Kulisse für Trumps zentrale Rede, die nicht als Routineauftritt wahrgenommen wird, sondern als möglicher Wendepunkt.
Abseits der Hauptbühnen laufen die eigentlichen Verhandlungen. Vertreter der USA und der Europäischen Union haben sich am Rande des Forums getroffen, bemüht um Schadensbegrenzung. Der EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič spricht von Dialog und gegenseitigem Respekt, doch zwischen den Zeilen schwingt die Sorge mit, dass sich die transatlantischen Beziehungen in eine Abwärtsspirale bewegen könnten. Die wirtschaftliche Verflechtung ist tief, das Vertrauen dagegen brüchig. Noch deutlicher wird der politische Bruch beim Blick nach Brüssel. EU-Ratspräsident António Costa sieht in Trumps Drohungen gegen Grönland eine direkte Herausforderung für Sicherheit und Wohlstand Europas. Ein Sondergipfel ist angesetzt, die Botschaft klar: Über die Zukunft Grönlands entscheiden allein Dänemark und die Bevölkerung der Insel. Dass diese Selbstverständlichkeit überhaupt betont werden muss, zeigt, wie sehr sich die Koordinaten verschoben haben.
Auch sicherheitspolitisch wächst die Nervosität. NATO-Generalsekretär Mark Rutte warnt davor, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Während über Grönland gestritten wird, tobt in der Ukraine weiterhin ein Krieg, der konkrete militärische Unterstützung erfordert. Luftabwehr, Ausrüstung, Verlässlichkeit. Rutte macht unmissverständlich klar, dass die Ukraine Priorität haben müsse, nicht als abstraktes Prinzip, sondern als reale Verpflichtung. Die Märkte reagieren nervös, aber nicht panisch. Nach den Ankündigungen möglicher US-Zölle kam es zunächst zu deutlichen Ausschlägen, inzwischen wirkt die Lage stabilisiert. Gold hingegen steigt auf neue Höchststände, ein stilles Misstrauensvotum gegen politische Berechenbarkeit. In Davos wird viel über Resilienz gesprochen, doch das Wort wirkt hohl, wenn die politische Linie unklar bleibt.
Selbst die Randnotizen des Treffens erzählen von einer veränderten Atmosphäre. Prominente flanieren durch den Schnee, Kameras klicken, doch der Glanz wirkt beiläufig. Im Hintergrund berichten dänische Veteranen von einem Gefühl des Verrats angesichts der amerikanischen Drohungen gegen Grönland. Menschen, die Seite an Seite mit US-Soldaten gekämpft haben, zweifeln erstmals offen an der Verlässlichkeit ihres einstigen Partners. Davos 2026 ist damit weniger ein Gipfel der Visionen als ein Ort der offenen Fragen. Trumps verspätete Ankunft passt in dieses Bild. Nichts läuft reibungslos, nichts ist selbstverständlich. Europa sucht nach Haltung, die USA nach Durchsetzungskraft, und zwischen beiden wächst ein Raum der Unsicherheit. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass dieses Treffen nicht mit warmen Worten enden wird. Dafür ist die Lage zu ernst.
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