Donald Trump spricht, als läge Venezuelas Öl bereits vollständig in amerikanischer Hand. Doch hinter dieser demonstrativen Gewissheit verbirgt sich ein Problem, das sich nicht per Dekret lösen lässt. Ein erheblicher Teil der venezolanischen Ölreserven ist seit Jahren an China gebunden – durch Kredite, Lieferverträge und strategische Abkommen, die unter früheren Regierungen geschlossen wurden. Genau diese Verflechtungen zwingen Washington nun zu einem heiklen Balanceakt. China hat Venezuela über zwei Jahrzehnte hinweg mit massiven Krediten versorgt. Zwischen 2000 und 2023 flossen nach Berechnungen von AidData rund 106 Milliarden Dollar aus chinesischen Staatsquellen nach Caracas. Die Rückzahlung erfolgte nicht klassisch in Geld, sondern in Öl. Wie viel davon noch offen ist, weiß heute niemand genau. Schätzungen gehen von mindestens zehn Milliarden Dollar aus, andere halten die tatsächliche Summe für deutlich höher. Seit Jahren veröffentlicht Venezuela keine verlässlichen Schuldendaten mehr, Sanktionen und Lieferausfälle haben die Abwicklung zusätzlich vernebelt.
Zwei chinesische Staatskonzerne, die China National Petroleum Corporation und Sinopec, haben Anspruch auf rund 4,4 Milliarden Barrel venezolanischer Ölreserven. Kein anderes ausländisches Land hält größere formale Zugriffsrechte. Parallel dazu fordern auch US-Unternehmen Entschädigungen in zweistelliger Milliardenhöhe für die Verstaatlichung der venezolanischen Ölindustrie. Wer am Ende zuerst bedient wird und wer leer ausgeht, ist völlig offen. Die Trump-Regierung hat ihre Linie dennoch klargezogen. In dieser Woche beschlagnahmten die USA zwei sanktionierte Öltanker und erklärten offen, künftig die Kontrolle über venezolanische Ölexporte zu übernehmen. Energieminister Chris Wright sagte, die Vereinigten Staaten würden den Verkauf des Öls auf unbestimmte Zeit organisieren. Die Erlöse sollen auf von den USA kontrollierten Konten landen und später „dem venezolanischen Volk zugutekommen“. Der Auftakt soll mit 30 bis 50 Millionen Barrel aus bestehenden Lagerbeständen erfolgen.
Intern heißt es, Washington wolle feindlichen Einfluss in der westlichen Hemisphäre zurückdrängen. Gemeint ist vor allem China. Dass die USA ausgerechnet bei Öl ansetzen, ist kein Zufall. Peking hat im Handelskonflikt der vergangenen Jahre gezeigt, wie wirkungsvoll wirtschaftliche Hebel sein können – etwa durch Einschränkungen bei seltenen Erden oder gezielte Eingriffe in Agrarimporte. Trump weiß, wie empfindlich solche Instrumente sind. Gleichzeitig bemüht sich das Weiße Haus, den Konflikt mit Peking nicht ausufern zu lassen. Trump will im April nach China reisen. Die fragile Waffenruhe im Handelsstreit mit Präsident Xi Jinping soll halten. Beobachter gehen davon aus, dass Washington eine offene Eskalation in Venezuela vermeiden will, um diese Gespräche nicht zu gefährden. Hinter den Kulissen wird eher kalkuliert als gepoltert.
In Peking selbst hat die Festnahme von Nicolás Maduro alte Erinnerungen geweckt. Nach dem Sturz von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 verloren chinesische Unternehmen dort Milliardeninvestitionen. Auch in Venezuela reicht Chinas Engagement weit über Öl hinaus. Chinesische Firmen sind in Telekommunikation, Eisenbahnbau und Hafenprojekten aktiv. All das steht nun auf dem Spiel. Sollte eine Übergangsregierung in Caracas die unter Maduro geschlossenen Verträge für rechtswidrig erklären, könnten auch die chinesischen Forderungen ins Leere laufen. Offiziell reagierte Peking scharf. Die chinesische Regierung erklärte sich „zutiefst schockiert“ über den Einsatz von Gewalt gegen einen souveränen Staat und forderte die sofortige Freilassung Maduros und seiner Frau. Das Handelsministerium betonte, niemand habe das Recht, sich in die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen China und Venezuela einzumischen. Unabhängig von politischen Veränderungen wolle China die Kooperation fortsetzen.
Doch hinter der Rhetorik ist die Lage nüchterner. Venezolanisches Öl macht nur einen kleinen Teil von Chinas Importen aus. Peking hat seine Energieversorgung diversifiziert und investiert massiv in Elektrifizierung. Der materielle Schaden wäre begrenzt. Politisch jedoch ist der Verlust Venezuelas schmerzhaft. Es war das einzige Land in Lateinamerika mit einer strategischen Partnerschaft auf höchster Ebene, vergleichbar mit engen Verbündeten wie Pakistan. Genau diese Stellung dürfte nun enden. Stunden vor seiner Festnahme hatte Maduro noch einen hochrangigen chinesischen Diplomaten empfangen und die gemeinsame Geschichte seit Hugo Chávez beschworen. Diese Bilder wirken im Rückblick wie ein Abgesang. Mit dem Sturz Maduros schrumpft Chinas Einfluss im amerikanischen Hinterhof – ein erklärtes Ziel der Trump-Regierung.
Am Ende bleibt ein widersprüchliches Bild. Trump setzt auf maximale Kontrolle über Venezuelas Öl und nutzt wirtschaftliche Macht als geopolitisches Werkzeug. Gleichzeitig muss er Rücksicht auf ein Verhältnis zu China nehmen, das bereits belastet ist. Peking kann protestieren, warnen und verurteilen. Doch wenn Washington den Druck erhöht, sind Chinas Möglichkeiten begrenzt. Venezuelas Öl wird damit zum Testfall dafür, wie weit die USA bereit sind zu gehen – und wie viel China tatsächlich entgegensetzen kann.
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