Willkommen in der Todesökonomie – Wie BlackRock gegen das Leben klagt – Wenn Profit töten darf – und das System sich bedankt

VonRainer Hofmann

Mai 26, 2025

Es beginnt mit einer Klage, so absurd, dass sie fast schon wie Satire klingt. Doch sie ist echt. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, verklagt UnitedHealth – nicht weil das Unternehmen zu wenig leistet, sondern weil es plötzlich zu viel tut. Genauer: weil es zu viel medizinische Hilfe gewährt. Zu viele Behandlungen. Zu viele Operationen. Zu viele genehmigte Leben.

Die Geschichte beginnt mit dem Mord an Brian Thompson im Dezember 2024, dem CEO des US-Versicherungskonzerns UnitedHealth, erschossen in einer Straße von Manhattan – angeblich von einem Mann, dem seine Krebsbehandlung verweigert wurde. Es war nicht nur ein Attentat – es war ein Verstärker. Eine grelle Leuchtrakete über einem System, das längst durchorganisiert ist auf das Gegenteil von Versorgung: auf Ablehnung, auf Sparlogik, auf Tod.

UnitedHealth, öffentlich beschädigt, plötzlich im Scheinwerferlicht, reagierte – zaghaft vielleicht, aber spürbar. Mehr Anträge wurden durchgewunken. Nach Thompsons Tod sah sich UnitedHealth mit erheblichem Druck konfrontiert, was zu einer erhöhten Genehmigung von medizinischen Leistungen führte. Diese Veränderung in der Unternehmenspolitik führte zu einem Rückgang der Gewinne, was wiederum die Aktionäre beunruhigte. Mehr Operationen genehmigt. Mehr Rechnungen bezahlt, die sonst in juristischem Kleingedruckten zerbröselt wären. Und das ist, was BlackRock nun zur Weißglut bringt.

Denn dort rechnet man anders. Jede bewilligte Chemotherapie ist ein Dividendendefizit. Jeder genehmigte Eingriff ein Verlust an Shareholder Value. Jeder Mensch, der lebt, weil er behandelt wird, ist eine Buchung auf der falschen Seite. Und so lautet der Vorwurf in der Klage: UnitedHealth habe seine Investoren „nicht ausreichend darüber informiert“, dass es künftig möglicherweise wie ein echtes Versicherungsunternehmen handeln könnte. Also nicht mehr nur mit Algorithmen abwinken, sondern mit Ärzt:innen sprechen. Nicht mehr Tod durch Formblatt, sondern ein Hauch von Menschlichkeit. Ein Verstoß gegen die Logik des Systems.

Diese Klage ist keine Anomalie. Sie ist das System, das sich zu erkennen gibt. Das offenlegt, was es ist: nicht krank, sondern gesund in seiner Grausamkeit. BlackRock war nie nur Investor. Es war Mitarchitekt. Es hat Programme mitgestaltet, die CEO-Boni an Ablehnungsraten koppeln. Es hat Geschäftsmodelle gefeiert, die auf der Krankheit anderer gebaut sind. Und jetzt, wo das Kartenhaus kurz ins Schwanken gerät, greift es zu seinem Lieblingsinstrument: der Klage.

Nicht gegen Gewalt. Nicht gegen Armut. Sondern gegen Empathie.

Was hier verteidigt wird, ist kein Unternehmen. Es ist ein Prinzip: dass in den Vereinigten Staaten von Amerika das Leben selbst eine Geschäftsbedrohung ist. Dass Gesundheit zu teuer ist. Dass Menschlichkeit bilanziell gefährlich wird. Die Klage sagt nicht nur: Ihr habt zu viel geholfen. Sie sagt: Ihr habt nicht gewarnt, dass ihr helfen würdet.

Und wenn sie Erfolg hat – was wahrscheinlich ist – wird sie zur Blaupause. Für ein Gesundheitssystem, das längst kein System mehr ist, sondern eine Industrie. Für eine Finanzlogik, die Mord als Betriebsrisiko, aber Hilfe als Vertragsbruch begreift. Für eine Ökonomie, die jede gelungene Operation als Scheitern der Gewinnmaximierung auslegt.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen: ob wir wirklich in einer Welt leben wollen, in der der Tod betriebswirtschaftlich korrekt und das Leben haftbar ist. Ob wir hinnehmen, dass jemand wie BlackRock am Ende nicht verklagt wird – sondern kassiert.

Denn das eigentlich Absurde an dieser Geschichte ist nicht die Klage. Es ist, dass sie vollkommen rational ist.

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