2,3 Gigatonnen – eine Zahl, die niemand beweisen kann und Deutschland hat ein Personalproblem

VonTEAM KAIZEN BLOG

April 28, 2026

Es gibt Zahlen, die nicht gemessen werden – sie werden gewünscht. Und dann, irgendwann, hören alle auf zu fragen, woher sie kommen.


InnoEnergy präsentiert im Oktober 2025 in Lissabon 30 spanische Start-ups aus dem Energiesektor auf der Suche nach Finanzierung.

InnoEnergy wurde 2010 gegründet – nicht als klassischer Fonds, sondern als politisch konstruiertes System. Die europäische Innovationsstrategie brauchte eine Struktur, die saubere Energie aus dem Labor in den Markt bringt. Batterietechnik, Wasserstoff, grüner Stahl, Speicherlösungen. Der Hauptsitz landete in Eindhoven in den Niederlanden, einer der Standorte in Karlsruhe. Das ist keine Fußnote. Das bedeutet, dass InnoEnergy nicht abstrakt in Brüssel schwebt – es ist physisch in Deutschland verankert, arbeitet mit deutschen Unternehmen zusammen, sitzt an Tischen, wo Förderentscheidungen fallen, die Milliarden und Arbeitsplätze bewegen.

Finanziert wird dieses System zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln. Rund 760 Millionen Euro sind seit der Gründung geflossen, vergeben über das European Institute of Innovation and Technology. Damit bewegt sich InnoEnergy genau an jener Stelle, wo politischer Auftrag und wirtschaftliches Interesse aufeinandertreffen – ein Modell, das Innovation beschleunigen soll, aber belastbare Zahlen braucht, um sich zu rechtfertigen.

Link zum gesamten Bericht

Der Bericht behauptet, dass das Portfolio von InnoEnergy bis 2030 rund 2,3 Gigatonnen CO₂ einsparen wird – das entspricht etwa 70 % der jährlichen Emissionen der EU . Diese Zahl basiert laut Dokument direkt auf Angaben der Unternehmen selbst, die ihre erwarteten Einsparungen melden . Die Daten werden intern geprüft und zusammengeführt, aber ohne einheitliche, verpflichtende Berechnungsmethode . Unternehmen, die aus dem Portfolio herausfallen, werden nicht mehr berücksichtigt, während neue sofort einfließen. Das bedeutet: Die große Zahl ist kein gemessener Effekt, sondern eine gebündelte Prognose vieler einzelner Annahmen.

Genau hier beginnt das Problem. InnoEnergy spricht von 2,3 Gigatonnen eingespartem CO₂ bis 2030. Eine Größenordnung, die etwa 70 Prozent der jährlichen Emissionen der EU entspricht. Auf dem Papier wäre das ein massiver Beitrag zum Klimaschutz – ein Ergebnis, das Generationen in Erinnerung bliebe. Aber das Papier lügt nicht. Es rechnet nur so, wie man es füllt.

Unsere Recherchen ergaben ein anderes Bild als das, das InnoEnergy nach außen trägt. Die 2,3 Gigatonnen basieren nicht auf einem unabhängigen Modell, nicht auf einer wissenschaftlichen Methode, die sich von außen prüfen lässt. Sie basieren auf den Angaben der Unternehmen selbst. Rund 160 Start-ups und Scale-ups aus dem Portfolio liefern ihre eigenen Einschätzungen darüber, wie viel CO₂ sie künftig einsparen könnten. Einheitliche Vorgaben gibt es dabei nicht – keine festgelegte Methode, keine verbindlichen Annahmen, keine gemeinsame Rechengrundlage. Jedes Unternehmen rechnet anders. Am Ende entsteht keine belastbare Gesamtzahl, sondern eine Sammlung von Prognosen – eine fast schon wünsch dir etwas Liste.

Ein Sprecher von InnoEnergy verteidigt diesen Ansatz, warum auch immer. Die Technologien seien zu unterschiedlich, die Märkte zu komplex für ein starres Modell. Man habe lediglich einen gemeinsamen Zeitraum bis 2030 definiert, Unterstützung sei möglich gewesen – die Verantwortung für die Zahlen liege bei den Firmen selbst. Förderung auf „ich wünsche mir Zahlen“ – Das klingt nach intellektueller Bescheidenheit. In Wirklichkeit ist es die eleganteste Form der Haftungsfreistellung: Man baut das System, kassiert die Förderung – und wenn die Zahlen nicht stimmen, waren es die anderen. Nicht schlecht, oder?

Das ist zu wenig. Es läuft auf eine Bewertung hinaus, die keine wissenschaftliche Grundlage hat. Ohne klare Standards lässt sich nicht beurteilen, ob die Zahlen überhaupt vergleichbar sind. Wenn Unternehmen ihre Wirkung selbst berechnen und diese anschließend nur intern geprüft wird, entsteht zwangsläufig ein Interessenkonflikt, der die gesamte Kalkulation unterhöhlt. Wer die Verantwortung für die Grundlage einer Milliarden-Entscheidung an genau jene Firmen delegiert, die von dieser Entscheidung profitieren, hat keinen Qualitätsstandard gewählt. Er hat einen Interessenkonflikt als Standard installiert – und ihn Eigenverantwortung getauft.

InnoEnergy verweist darauf, wir sind wortwörtlich fast lachend vom Stuhl gefallen, dass extreme Werte aus der Berechnung entfernt wurden. Wo sollte das also noch hinführen, muss man sich fragen. Wie diese Ausreißer genau definiert werden, bleibt offen. Es gibt keine feste Grenze, keine transparente Regel – nur Einzelfallentscheidungen. Am Ende wurde ein einziges Unternehmen aus mehr als hundert Datensätzen ausgeschlossen. Eines von mehr als hundert. Das ist keine Qualität. Das ist ein stiller Beleg dafür, wie wenig wirklich geprüft wurde.

Die Unsicherheit zieht sich durch alle offiziellen Zahlen. Die Europäische Kommission nannte einmal 1,1 Gigatonnen, später 2,1. Mal schauen, was nächste Woche kommt. InnoEnergy selbst spricht heute von 2,3. Wie die Zahl in wenigen Jahren fast auf das Doppelte gewachsen ist, welche Annahmen sich verändert haben, welche neuen Unternehmen hinzukamen – das bleibt ohne öffentliche Erklärung. Viele Einzeldaten bleiben unter Verschluss.

Selbst innerhalb des Netzwerks wächst der Zweifel. Aquabattery gehört seit 2024 zum Portfolio. Mitgründer Emil Goosen hält solche Prognosen für kaum belastbar – zu viele Variablen, zu viele Annahmen. Am Ende entstehe eine Zahl mit enormer Spannbreite, die für Investoren interessant sein möge, für die Realität aber nicht tauge. Das sagt kein Kritiker von außen. Das sagt jemand, dessen eigene Prognose in diesen 2,3 Gigatonnen steckt. SeaQurrent aus den Niederlanden entwickelt Anlagen, die Meeresströmungen zur Stromerzeugung nutzen. Für SeaQurrent wurden konkrete CO₂-Einsparungen berechnet. Mitgründer Maurits Alberda erwartet selbst, dass die tatsächlichen Werte am Ende niedriger ausfallen werden. Die eigene Prognose gilt beim Erstellen bereits als überhöht – und fließt trotzdem unverändert in die Gesamtzahl ein. Das hat Stil, nur in die falsche Richtung. Eine Zahl, die ihre eigenen Urheber nicht überzeugt, und doch fließt das Geld.

Hinzu kommt ein Risiko, das in der großen Summe nahezu unsichtbar bleibt. Nicht alle Unternehmen, die heute zur Berechnung beitragen, werden 2030 noch existieren. Stegra stand zuletzt finanziell so stark unter Druck, dass eine Stabilisierung nur knapp gelang – das schwedische Unternehmen baut in Boden eine Anlage für grünen Stahl, bei der Eisen mithilfe von Wasserstoff statt Kohle produziert werden soll, um Emissionen deutlich zu senken. Hardt hat Anfang März Insolvenz angemeldet – das niederländische Unternehmen mit Sitz in Delft arbeitete an einem Hyperloop-System, also Hochgeschwindigkeitskapseln in nahezu luftleeren Röhren, gedacht als neue Form des emissionsarmen Fernverkehrs. In den Berechnungen spielt das kaum eine Rolle – die Prognosen insolventer Unternehmen verschwinden nicht automatisch. Die Gigatonnen schrumpfen nicht mit den Firmen, die Zahlen bleiben, die Firmen nicht.

Parallel geraten auch andere Angaben von InnoEnergy unter Druck. Das Unternehmen hatte erklärt, mehr als 100.000 Menschen für die Batterieindustrie ausgebildet zu haben. Recherchen können die gemeldeten Daten nicht stützen. Das Schärfste an diesem Modell ist nicht nur die Verschleierung – es ist die Konstruktion, die keine braucht. Eine Person kann beliebig viele Zertifikate sammeln und zählt dabei jedes Mal neu als Mensch. Nennen wir diese zum Beispiel Heinz Schmitt: zehn Online-Zertifikate, manche davon so kurz wie ein Nachmittag – und das System zählt ihn nicht als Heinz Schmitt, sondern zehnmal. Es zählt ihn als zehn verschiedene Menschen, die die Batterieindustrie retten.

Wenn ein Zertifikat nicht an eine Person gebunden ist, sondern an einen Klick, dann ist die Zahl, die am Ende steht, keine Aussage über Menschen. Sie ist eine Aussage über das System, das sie hervorbringt. Wer Leistung so misst, baut sich einen Mechanismus, der Zahlen wachsen lässt – ohne dass dahinter mehr Wirkung steckt. Der Anreiz ist nicht Ausbildung. Der Anreiz ist die Zahl selbst. Und die Zahl war offenbar gut genug, um nie ernsthaft hinterfragt zu werden.

Das ist kein Systemfehler am Wegesrand. Es ist das zweite große Versprechen der Organisation – und es trägt genauso wenig wie das erste.

Das European Institute of Innovation and Technology sagt, die CO₂-Prognosen hätten keinen Einfluss auf Förderentscheidungen gehabt. Ein Vertreter der Kommission bezeichnet die Zahlen als grobe Orientierung. Das ist eine bemerkenswerte Aussage über ein System, in das seit der Gründung 760 Millionen Euro öffentlicher Gelder geflossen sind. Wenn die Kernzahl nur grobe Orientierung war – was genau hat dann die Entscheidungen getragen, die längst gefallen sind?

Für Deutschland ist das keine ferne europäische Debatte. InnoEnergy ist in Karlsruhe verankert, eingebaut in Netzwerke, die Investitionen lenken und bestimmen, welche Technologien eine Zukunft bekommen. Wenn die Zahlen, auf denen diese Entscheidungen beruhen, selbst erstellt, intern geprüft und ohne verbindliche Methode produziert wurden – dann bedeutet das: Industriepolitik, die Deutschland in die nächste Dekade tragen soll, baut auf einem Fundament, das niemand wirklich kennt.

2,3 Gigatonnen. Eine Zahl, die sich still verändert, die ihre eigenen Urheber nicht verteidigen können, die trotzdem durch die Korridore der Macht reist – getragen von dem einzigen Versprechen, das Institutionen wirklich zusammenhält: dass niemand zu genau hinschaut.

Das ist nicht Wissenschaft. Das ist organisierte Hoffnung auf Kosten der Öffentlichkeit. Und Europa zahlt dafür, dass jemand weiterrechnet.

Aber es geht noch weiter …

Katherina Reiche

Wer das Netzwerk zu Ende denkt, landet bei einer Konstellation, die sich selbst erklärt. Im Gesellschafterkreis von InnoEnergy sitzen neben Technologie- und Finanzpartnern TotalEnergies, OMV und Repsol – Konzerne, deren Kerngeschäft seit Jahrzehnten auf fossilem Öl und Gas gebaut ist. Damit sitzen ausgerechnet jene Unternehmen mit am Tisch, die vom klimafreundlichen Umbau am meisten zu verlieren haben – und die gleichzeitig mitbestimmen, wie dieser Umbau aussehen soll, welche Technologien gefördert werden, welche Zahlen nach außen gehen. Das ist kein Zufall in der Besetzungsliste. Das ist die Architektur eines Systems, das Interessenkonflikte nicht verhindert – sondern eingebaut hat, bevor die erste Förderung geflossen ist.

Die Energiepolitik hat in Deutschland ein Personalproblem – oder genauer: ein Problem, dass sie noch im Amt ist. Katherina Reiche kommt aus der Energiewirtschaft, sitzt heute als Ministerin an den Hebeln, die genau diese Branche regulieren, fördern und formen. Sie bestimmt die politischen Rahmenbedingungen, die dieses System tragen. Gleichzeitig bewegen sich Unternehmen, Investoren und Strukturen wie InnoEnergy im selben Umfeld, mit denselben Netzwerken, denselben Interessen. Jackpot! Was dabei entsteht, ist keine Verschwörung – es braucht keine. Es reicht, wenn dieselben Menschen an denselben Tischen sitzen, dieselben Sprachen sprechen und dieselben Ziele für selbstverständlich halten. Die gefährlichste Form der Verflechtung braucht keine dunklen Zimmer und keine Umschläge. Sie braucht nur Menschen, die so lange dieselben Interessen geatmet haben, dass sie nicht mehr wissen, wessen Luft sie eigentlich einziehen.

Fortsetzung folgt …

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