Zweiter Schuss, gleiche Stadt – Minneapolis rutscht tiefer in den Ausnahmezustand

VonRainer Hofmann

Januar 15, 2026

Eine Woche nach der tödlichen Erschießung von Renee Nicole Good ist es in Minneapolis erneut zu einem Schusswaffeneinsatz durch Bundesbeamte gekommen. Am Mittwochabend verletzte ein Bundesagent einen Mann bei einem Einsatz im Norden der Stadt. Nach Angaben des Heimatschutzministeriums handelt es sich um einen Venezolaner, der festgenommen werden sollte. Der Mann wurde am Bein getroffen und ins Krankenhaus gebracht. Auch der Agent musste medizinisch behandelt werden. Lebensgefahr bestand nach ersten Angaben nicht.

Die offizielle Darstellung stammt ausschließlich aus Washington. Eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums erklärte, der Mann habe sich einer Festnahme bei einer gezielten Verkehrskontrolle entzogen, sei geflohen und habe den Beamten später angegriffen. Zwei weitere Personen hätten sich eingemischt und den Agenten mit einem Schneeschaufelstiel und einem Besen angegriffen. Der Beamte habe um sein Leben gefürchtet und geschossen. Unabhängig überprüfen ließ sich diese Version zunächst nicht. Die Stadt bestätigte lediglich, dass die Verletzungen des Getroffenen nicht lebensbedrohlich seien.

Was folgte. Innerhalb kurzer Zeit versammelten sich Hunderte Menschen am mutmaßlichen Tatort. Sie schrien Polizisten an, blockierten Straßen und forderten die Festnahme der Bundesbeamten. Die örtliche Polizei zog sich sichtbar zurück. Ein Vorgesetzter sagte Anwesenden offen, man wisse selbst nicht, was genau passiert sei – die Bundesbehörden teilten keine Informationen.

Kurz darauf rückten schwer bewaffnete Grenzschutzbeamte in einem militärisch anmutenden Fahrzeug an. Demonstrierende umringten das Fahrzeug, warfen Schneebälle, schrien. Die Beamten zogen sich zurück und setzten Reizgas ein. Wenige Minuten später trafen ICE-Agenten in einem unmarkierten Geländewagen ein und sprühten chemische Mittel direkt ins Gesicht von Protestierenden. Mindestens zwei Menschen wurden festgenommen. Ein ziviles Fahrzeug mit Polizeikennzeichnung wurde beschädigt.

Der Einsatzort liegt nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ein ICE-Beamter vor einer Woche Renee Good erschossen hatte. Dieser Tod hat die Stadt verändert. Seitdem gibt es täglich Proteste, offene Wut, wachsendes Misstrauen. Der Bürgermeister von Minneapolis forderte erneut, dass ICE die Stadt und den Bundesstaat sofort verlässt. Der Gouverneur von Minnesota sprach kurz vor dem erneuten Schusswaffeneinsatz von einer Besetzung, die beendet werden müsse. Rund 3.000 Bundesbeamte sind derzeit im Großraum Minneapolis im Einsatz. Die Bundesregierung verteidigt diese massive Präsenz mit Verweisen auf Strafverfolgung und Betrugsbekämpfung. Vor Ort wird sie als Drohkulisse erlebt. Schulen berichten von Angst, Nachbarschaften von Lähmung, Stadtpolitiker von Kontrollverlust. Ein Pastor aus der Umgebung des Tatorts sagte, es sei nun nicht mehr abstrakt, sondern direkt vor der eigenen Haustür angekommen.

Auffällig ist, wer diesmal ermittelt – und wer nicht. Beamte des Bundesgefängnisdienstes und der Staatspolizei waren zur Absicherung vor Ort. Die Ermittlungsrolle blieb unklar. Die gleiche staatliche Ermittlungsbehörde, die beim Tod von Renee Good außen vor blieb, tauchte erneut nur am Rand auf. Die Parallelen sind unübersehbar. Zwei Schüsse in sieben Tagen, zwei offizielle Versionen, keine unabhängige Aufklärung. Minneapolis steht nicht vor einer Eskalation, sie ist längst da. Was als Durchsetzung von Bundesrecht verkauft wird, zerlegt vor Ort Vertrauen, Zusammenarbeit und jede Vorstellung von öffentlicher Sicherheit. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Lage weiter zuspitzt. Die Frage ist, wie viele Schüsse es noch braucht, bis jemand Verantwortung übernimmt. Wir werden weiter berichten.

Fortsetzung folgt …

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