Zertrümmerter Schädel, gefesselt im Krankenhaus – Die Akte Alberto Castañeda Mondragón

VonRainer Hofmann

Januar 31, 2026

Als Bundesbeamte einen schwer verletzten Mann in ein Krankenhaus in Minneapolis brachten, wussten die Pflegekräfte sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Alberto Castañeda Mondragón, 31 Jahre alt, hatte Brüche im Gesicht und im Schädel, Blutungen im Gehirn, massive neurologische Ausfälle. Die Erklärung der Beamten lautete, er habe versucht zu fliehen und sei absichtlich mit dem Kopf gegen eine Ziegelwand gerannt. Für die Intensivpflegekräfte klang das nicht nur unglaubwürdig, sondern medizinisch ausgeschlossen. Die Verletzungen passten nicht zu einem Sturz, nicht zu einem Aufprall, nicht zu einem einzelnen Ereignis. Über das gesamte Gehirn verteilt fanden sich Blutungen, mindestens acht Schädelbrüche, Frakturen auf beiden Seiten des Kopfes. Eine Pflegekraft beschrieb die Darstellung der Beamten später als absurd. Es habe keine Möglichkeit gegeben, dass ein Mensch sich diese Schäden selbst zufügt, indem er in eine Wand läuft. Mehrere Pflegekräfte und ein behandelnder Arzt kamen unabhängig voneinander zu derselben Einschätzung. Eine externe forensische Pathologin bestätigte das später ebenfalls.

Castañeda Mondragón war kurz zuvor am 20. Januar 2026 von Beamten der Einwanderungsbehörde festgenommen worden, nahe eines Einkaufszentrums in St. Paul. Er war mit Handschellen gefesselt, als er angeblich versuchte zu fliehen. Was genau in den Stunden nach seiner Festnahme geschah, bleibt bis heute unklar. Fest steht, dass er wenige Stunden später mit lebensbedrohlichen Verletzungen in eine Notaufnahme gebracht wurde. Ein CT-Scan zeigte das ganze Ausmaß der Schäden. Von dort wurde er in das Hennepin County Medical Center verlegt, eines der wichtigsten Traumazentren der Region. Als er dort ankam, war er zeitweise ansprechbar. Er sagte dem medizinischen Personal, er sei von Bundesbeamten gezerrt und misshandelt worden. Kurz darauf verschlechterte sich sein Zustand rapide. Er war desorientiert, wusste nicht, welches Jahr es war, musste stark sediert werden. Die Ärzte stuften ihn als Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma ein.

Währenddessen änderte sich die Darstellung der Beamten. Zunächst war von einem selbst verursachten Aufprall die Rede. Später berichteten Pflegekräfte, ein Beamter habe sinngemäß gesagt, der Mann habe ordentlich etwas abbekommen. Gleichzeitig blieben die Beamten permanent an seinem Bett. Tagelang. Bewaffnet. Sie bestanden darauf, ihn mit Handschellen ans Bett zu fesseln, sogar an den Knöcheln. Das widersprach klar den Regeln des Krankenhauses, die solche Maßnahmen nur bei medizinischer Notwendigkeit erlauben. Als Castañeda Mondragón verwirrt aufstand und ein paar Schritte machte, werteten die Beamten das als Fluchtversuch. Pflegekräfte versuchten zu erklären, dass genau dieses Verhalten typisch für Menschen mit schweren Hirnverletzungen ist. Impulsiv, orientierungslos, nicht steuerbar. Niemand im Team hielt es für einen Ausbruchsversuch. Die Situation eskalierte dennoch. Krankenhausleitung, Sicherheitsdienst, Chefärzte und Juristen wurden hinzugezogen. Am Ende wurde ein Kompromiss erzwungen: Eine Pflegeassistenz sollte dauerhaft im Zimmer bleiben, die Fesseln wurden später entfernt.

Diese Szene steht exemplarisch für das, was sich seit Beginn der sogenannten Operation Metro Surge in Minneapolis abspielt. Bundesbeamte sind in Krankenhäusern allgegenwärtig, begleiten Verletzte tagelang, bewegen sich auf dem Gelände, sprechen Menschen an, verlangen Nachweise über Staatsangehörigkeit. Pflegekräfte berichten von Einschüchterung, von Angst, sich Beamten überhaupt zu nähern. Einige meiden bestimmte Wege oder Sanitäranlagen, um nicht in Kontakt zu kommen. Mitarbeitende nutzen verschlüsselte Messenger, weil sie befürchten, überwacht zu werden. Das Krankenhaus sah sich gezwungen, interne Richtlinien zu verschärfen. Darin wird ausdrücklich festgehalten, dass Bundesbeamte ohne richterlichen Beschluss keinen Zugriff auf Patienten oder deren Daten haben. Patienten seien in erster Linie Patienten, nicht Gefangene. Doch selbst leitende Ärzte sagen offen, dass diese Regeln gegenüber Bundesbeamten kaum durchsetzbar sind.

Das Heimatschutzministerium verweigerte jede Stellungnahme zu den Verletzungen von Castañeda Mondragón. Ein Anwalt ist mittlerweile eingeschaltet. In Gerichtsunterlagen wich ein Beamter der Frage aus und erklärte lediglich, man habe während der Aufnahme festgestellt, dass eine Kopfverletzung vorliege, die eine Notfallbehandlung erfordere. Wie diese Verletzung entstanden sein soll, blieb unbeantwortet. Die juristische Aufarbeitung und Recherche brachte weitere Details ans Licht. Castañeda Mondragón war 2022 mit gültigen Papieren in die USA eingereist. Er gründete später ein Bauunternehmen in St. Paul, arbeitete als Dachdecker, unterstützte seine zehnjährige Tochter in Mexiko. Ein Strafregister existiert nicht. Seine Anwälte gehen davon aus, dass er gezielt kontrolliert wurde, weil er spanisch sprach und eine dunkle Hautfarbe hatte. Erst nach der Festnahme stellten die Beamten fest, dass sein Visum abgelaufen war.

Vier Stunden nach der Festnahme lag er mit lebensgefährlichen Hirnblutungen im Krankenhaus. Bundesrichter Donovan W. Frank ordnete schließlich nach Darlegung aller Fakten seine Freilassung aus dem Gewahrsam der Einwanderungsbehörde an. Das Gericht stellte klar, dass auch Bundesbeamte an Recht und Gesetz gebunden sind. Kurz darauf wurde Castañeda Mondragón aus dem Krankenhaus entlassen. Wohin genau wird nicht veröffentlicht, er hat keine Familie in Minnesota. Auf jeden Fall wird er nun optimal medizinisch versorgt. Er leidet unter massiven Gedächtnisproblemen. Große Teile seines Lebens sind ausgelöscht. Arbeiten kann er auf absehbare Zeit nicht. Die medizinische Versorgung, die Nachsorge, der Lebensunterhalt – alles ist ungewiss, alles Schritt für Schritt. Seine Familie in Mexiko sorgt sich, wie sie das bewältigen sollen. Auch dort wird man Wege für Hilfe finden.

Sein Bruder sagte gestern, sein Gedächtnis sei nur noch ein Bruchteil dessen, was es einmal war. Und er sagt etwas, das hängen bleibt: Es sei bitter, dass man am Ende keine Erinnerungen an Chancen oder Sicherheit mitnimmt, sondern das Gefühl, wie ein Tier behandelt worden zu sein. Dieser Fall ist kein Ausnahmefall. Er fügt sich nahtlos ein in eine Eskalation, bei der medizinisches Fachpersonal den Aussagen von Bundesbeamten nicht mehr traut, bei der Gerichte erst eingreifen, wenn irreversible Schäden bereits eingetreten sind, und bei der Gewalt nicht mehr erklärt, sondern verwaltet wird. Amerika 2026.

Fortsetzung folgt …

Liebe Leserinnen und Leser,
Wir berichten nicht aus der Distanz, sondern vor Ort. Dort, wo Entscheidungen Menschen treffen und Geschichte entsteht. Wir dokumentieren, was sonst verschwindet, und geben Betroffenen eine Stimme.
Unsere Arbeit endet nicht beim Schreiben. Wir helfen Menschen konkret und setzen uns für die Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht ein – gegen Machtmissbrauch und rechtspopulistische Politik.
Ihre Unterstützung macht diese Arbeit möglich.
Kaizen unterstützen

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
4 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Günter Staub
Günter Staub
6 Stunden zuvor

Dieser Fall hat mich stark an den Todesfall der ukrainischen Journalistin Wiktorija Roschtschyna erinnert, die in russischem Gewahrsam bestialisch zu Tode gefoltert wurde.

Ela Gatto
Ela Gatto
6 Stunden zuvor

Was für eine abscheuliche Schlägerbande!
Sie nutzen ihre sogenannte „Immunität“ voll aus.

Menschen sind ihnen hilflos ausgeliefert.
Die Details kommen erst nach und nach ans Licht, wenn der (gesundheitliche) Schaden entstanden ist.

Die Beamten erwartet keine Konsequenz.

Das Opfer ist immer ein Täter.

In ddm Fall ist der Aufenthaltsstatus abgelaufen.
Eine Abschiebung ist möglich, oder?
Damit würde ein wichtiger Zeuge „verschwinden“.

Sarkastisch muss ich sagen, dass es erstaunlich ist, dass sie ihn ins Krankenhaus gebracht haben.
Bei der nächsten Person endet es vielleicht tödlich, weil Tote nicht mehr reden.
Sie werden Wege finden, die Toten verschwinden zu lassen.😟

Das macht nir Angst.

Bitte passt gut auf Euch auf.

4
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x