Auf LinkedIn tauchen seit Kurzem Anzeigen auf, die eher nach Fahndungsaufruf als nach Business-Netzwerk klingen. Ein Account mit dem Namen „Omra EX-VANI“ bietet 500.000 Euro Belohnung für „verifizierte Informationen“ zur aktuellen Position eines Öltankers. Genau dieses Detail, die Zusage von Geld gegen Standortdaten, macht die Sache brisant: Es geht nicht um ein gewöhnliches Schiff, sondern um einen VLCC, der im Umfeld der sanktionierten Öltransporte auftaucht und dessen Spur in einschlägigen Datenbanken mehrfach über Flaggenwechsel und Unstimmigkeiten führt.

In den Posts wird der Tanker als „VLCC Name: OMRA“ bezeichnet, mit der IMO-Nummer 9264881. Die Anzeige ist auffällig gestaltet, mit großem „REWARD FOR INFORMATION“ und einem klaren Betrag: 500.000 Euro. Der Text ist unmissverständlich. Gesucht werden „jegliche verifizierte Informationen zum aktuellen Standort dieses Schiffes“. Als Kontakt sind eine indische WhatsApp-Nummer und eine Gmail-Adresse angegeben. Der Account wirkt dabei nicht wie eine offizielle Stelle, sondern wie ein Profil, das sich selbst als „Master at vessel“ präsentiert. Genau diese Mischung aus professioneller Optik und fragwürdiger Herkunft ist es, die die Anzeigen so ungewöhnlich macht.

Die Anzeige enthält außerdem einen konkreten „Letzte Position“-Eintrag: 0.6602° N, 106.3498° E. Dazu steht in einem Hinweis, das Schiff könne „in einer anderen Farbe neu gestrichen“ worden sein. Auch das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er indirekt anspricht, was bei solchen Tankern immer wieder berichtet wird: optische Veränderungen, Namensführung, Flaggenführung, alles mit dem Ziel, Identität und Bewegungen schwerer nachvollziehbar zu machen. In den Bildern, die der LinkedIn-Post selbst zeigt, trägt das Schiff noch den Namen „Vani“. Am Bug ist „VANI“ zu lesen, darunter „SAN MARINO“. Der Rumpf ist schwarz lackiert. Genau dieses Detail kollidiert mit dem, was andere Register und Tracking-Daten über die Flagge sagen.

VesselFinder ist eine öffentliche Online-Plattform zur weltweiten Verfolgung von Schiffen in Echtzeit auf Basis von AIS-Daten. Sie zeigt Positionen, Routen, technische Daten, Eigentümerinformationen und historische Bewegungen von Handelsschiffen an.
Das Equasis-Informationssystem führt den Tanker unter einer falschen Flagge aus Guyana. Das Equasis-Informationssystem ist eine von europäischen Behörden betriebene, öffentlich zugängliche Datenbank, die Informationen zu Schiffen, deren Eigentümern, Flaggenstaaten und sicherheitsrelevanten Inspektionen bündelt, um Transparenz in der internationalen Schifffahrt zu schaffen. Gleichzeitig zeigt die PurpleTrac-Datenbank von Pole Star Global für Februar 2026 eine andere Flagge: die Komoren, nicht Guyana. Die PurpleTrac-Datenbank von Pole Star Global ist ein maritimes Tracking- und Analysesystem, das Schiffsbewegungen in Echtzeit auswertet, Flaggen- und Identitätsänderungen erkennt und insbesondere verdächtige Aktivitäten wie AIS-Manipulation oder Ship-to-Ship-Transfers sichtbar macht. Der öffentliche Eindruck aus den LinkedIn-Fotos ist wiederum ein dritter: San Marino. Drei Flaggenbilder, drei Ebenen, die nicht sauber zusammenpassen. Und genau diese Widersprüche sind es, die in der maritimen Schattenwelt nicht als Zufall gelten, sondern als Muster.

Der Tanker ist nicht irgendein Name in einer Datenbank. Omra, früher Vani, wurde nach Angaben aus dem Umfeld der US-Sanktionspraxis im Juli 2025 in den USA sanktioniert, gemeinsam mit dem Eigentümer. Genannt wird das Unternehmen Avani Lines, eine Firma mit Sitz auf den Marshallinseln. Auch Avani Lines steht demnach auf einer US-Liste; Im Auszug aus dem OFAC-Umfeld taucht „AVANI LINES INC“ als Entity auf der SDN-Liste auf, mit dem Programmcode IRAN-EO13846. Genannt wird außerdem eine Registrierung auf den Marshallinseln und eine Adresse in Majuro. Wichtig ist hier nicht die Bürokratieformel, sondern der Kern der Sache: Die Zuordnung erfolgt im Kontext der Iran-Sanktionen, und sie ist ein Teil der US-Logik, Handel, Eigentümerstrukturen und logistische Unterstützung in dieser Ölroute zu treffen.

Die US-Behörde OFAC führt AVANI LINES INC auf ihrer Sanktionsliste für besonders benannte Personen und Unternehmen. Das Unternehmen ist dem Programm IRAN-EO13846 zugeordnet, was die Blockierung von Eigentum und Vermögenswerten vorsieht. Als Sitz wird die Marshallinseln-Registrierung mit der Nummer 125736 angegeben, gegründet am 3. Mai 2024. Damit unterliegt AVANI LINES INC umfassenden US-Sanktionen im Zusammenhang mit dem Iran-Regime.
Dieser Fall ist sehr ungewöhnlich, denn dort wird Omra als 2004 gebauter VLCC mit 300.544 dwt beschrieben, zuvor unter dem Namen Vani. Zusätzlich wird ein Management genannt: Sevana Shipping in Abu Dhabi. Recherchen zeigen, dass Seavana Shipping Ltd mit Sitz in Abu Dhabi als sogenannter ISM-Manager in internationalen Schifffahrtsregistern geführt wird. Das Unternehmen ist demnach nicht als klassische Großreederei mit breiter Flotte sichtbar, sondern tritt vor allem als Sicherheits- und Betriebsmanager eines einzelnen sehr großen Rohöltankers mit rund 300.000 Tonnen Tragfähigkeit in Erscheinung. Die Adresse wird mit Al Taweelah in Abu Dhabi angegeben, weitere operative Standorte oder eine umfangreiche Flottenstruktur sind öffentlich nicht dokumentiert. In frei zugänglichen maritimen Datenbanken erscheint Seavana Shipping im Zusammenhang mit genau diesem VLCC, ohne dass darüber hinaus eine breitere Unternehmenspräsenz, größere Charteraktivitäten oder mehrere betreute Schiffe nachvollziehbar wären. Eigentümerstruktur, wirtschaftliche Kennzahlen oder personelle Führung sind öffentlich kaum transparent, was die Firma in der Außendarstellung auf eine schmale, technisch-administrative Rolle im Umfeld dieses einzelnen Tankers reduziert, aber ein Schiff, das in sensiblen Ölbewegungen auftaucht.
Worum geht es bei diesen Bewegungen konkret. Omra ist in den Handel mit iranischem Öl eingebunden. Belegt ist ein Aufenthalt in iranischen Gewässern am 23. Januar, dort ist das Schiff beim Bunkern gesehen worden. Solche Details werden in der Regel deshalb erwähnt, weil sie den Zusammenhang zwischen Route, Versorgung und Handelsware untermauern. Und sie erklären auch, warum ein Tanker, der offiziell nicht einfach zuzuordnen ist, in Tracking-Systemen und Sanktionslisten dennoch auftaucht.
Der letzte bekannte Standort, den Pole Star Global nennt, wird auf den 17. Februar datiert. Genannt wird die Region vor Malaysias Bundesstaat Johor. Dort befinden sich ausgedehnte Ankerfelder außerhalb der regulären Hafenabfertigung, nahe stark befahrener Routen zwischen dem Südchinesischen Meer und der Straße von Malakka – einer der wichtigsten Energietransitachsen der Welt. Genau diese Lage macht das Gebiet attraktiv für Ship-to-Ship-Transfers, also Umladungen von Rohöl von Schiff zu Schiff. Solche Transfers sind legal, werden aber in Grauzonenbereichen häufig genutzt, um Herkunft, Eigentumsverhältnisse oder Sanktionsbezüge zu verschleiern.
Die äußeren Hafengrenzen vor Johor gelten seit Jahren als Hotspot für diese Praxis, weil dort große Tanker mit kleineren Einheiten zusammengeführt werden können, ohne unmittelbar in offizielle Hafenlogistik eingebunden zu sein. Wiederholt haben Analysehäuser auf auffällige AIS-Signalmuster hingewiesen – Schiffe, die ihre Positionsdaten abschalten oder für Stunden „stehen“, bevor sie mit veränderter Ladungsangabe weiterfahren. In mehreren Sanktionsfällen gegen iranische und venezolanische Ölexporte tauchte die Region als Zwischenstation in den Routenanalysen auf.
Hinzu kommt die Nähe zu Singapur, einem der größten Handels- und Bunkerzentren der Welt. Während Singapur strenge Kontrollen durchsetzt, weichen Akteure auf angrenzende internationale Gewässer aus, wo Zuständigkeiten unübersichtlich geregelt sind. Die Kombination aus dichtem Schiffsverkehr, komplexer Rechtslage und globaler Energienachfrage macht Johor zu einem strategischen Knotenpunkt – nicht nur für legitime Umladungen, sondern auch für Akteure, die im Schatten operieren wollen Genau solche Transfers sind in diesem Umfeld zentral, weil sie Herkunft und Lieferkette verschleiern können, wenn sie außerhalb klarer Hafenprozesse erfolgen. Seatrade Maritime lokalisierte den letzten gemeldeten Aufenthalt sogar über mehrere Tage im East Outer Port Limits-Ankergebiet vor Johor, einem Bereich, der mit einer hohen Zahl solcher Transfers in Verbindung gebracht wird.
Damit wird klar, warum ein LinkedIn-Aufruf mit 500.000 Euro nicht nur skurril wirkt, sondern wie ein Signal. Jemand will die aktuelle Position bestätigt haben, nicht nur eine Vermutung, nicht nur ein Gerücht, sondern „verifiziert“. Und er will dafür bezahlen. Das ist nicht die Sprache einer klassischen Behörde, aber es ist auch nicht die Sprache einer üblichen Reederei-Kommunikation. Dazu kommt, dass der Account selbst nicht als offizielles Unternehmensprofil auftritt, sondern als Person oder Rolle, „Omra EX-VANI“, mit dem Hinweis „Master at vessel“. Wer so etwas online setzt, muss zumindest einkalkulieren, dass sich Dritte melden, dass Daten fließen, dass sich möglicherweise auch Menschen melden, die gar nichts Offizielles liefern, sondern nur behaupten, etwas zu wissen. Genau deshalb ist der Begriff „verifiziert“ in der Anzeige so auffällig, weil er suggeriert, man wolle die Spreu vom Weizen trennen, aber gleichzeitig eine Struktur anbietet, die dafür nicht gemacht ist: WhatsApp und Gmail.
Die Anzeige selbst wirkt wie ein zusammengeschnittenes Fahndungsplakat. Oben ein großes Foto des Tankers, darunter ein Balken mit dem Betrag und der IMO-Nummer, dann weitere Bilder von Deck und Seitenansicht. Unten der Hinweis auf eine mögliche Neulackierung. Und ganz unten ein LinkedIn-Link, der direkt auf das Profil führt. Diese Form ist kein Zufall. Sie ist dafür gebaut, geteilt zu werden. Sie ist dafür gebaut, in Feeds zu hängen, schnell zu wirken, schnell Klicks zu ziehen. Und sie wirkt gerade deshalb verstörend, weil sie nicht aus einer klassischen Ermittlungs- oder Behördenwelt kommt, sondern aus einem Netzwerk, das normalerweise Stellenanzeigen, Branchennews und Karrierepfade ausspielt.
Am Ende bleibt eine Lage, die man nüchtern festhalten muss. Ein sanktionierter VLCC mit der IMO 9264881, früher Vani, heute Omra, bewegt sich in einem Umfeld, das mit iranischem Ölhandel und den typischen Methoden der Verschleierung verbunden ist. Datenbanken widersprechen sich bei der Flagge. Fotos zeigen San Marino, Equasis spricht von einer falschen Guyana-Flagge, Pole Star Global führt die Komoren. Als letzter Ort wird ein Gebiet vor Johor genannt, das für Umladungen bekannt ist. Und mitten hinein platziert ein unbekannter LinkedIn-Account eine Belohnung von 500.000 Euro für Standortinformationen, inklusive WhatsApp-Kontakt in Indien und einer Gmail-Adresse.
Wenn es einen roten Faden gibt, dann nicht in Form einer großen These, sondern in Form von Details, die zusammenpassen: Sanktionsstatus seit Juli 2025, Eigentümer Avani Lines auf einer US-Liste, der Iran-Bezug, die Route, der Ort Johor, die wechselnden Flaggenbilder, der Hinweis auf Neuanstrich. Und schließlich die Frage, die über allem hängt, ohne dass jemand sie offen ausspricht: Wer sucht hier eigentlich wen, und warum wird diese Suche ausgerechnet über LinkedIn öffentlich gemacht.
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