Wie ein Stadtratsmitarbeiter von New York City beim Routinetermin verschwand

VonRainer Hofmann

Januar 13, 2026

Er erschien, weil der Staat es verlangte. Rafael Andres Rubio Bohorquez, 53 Jahre alt, meldete sich ordnungsgemäß zu seinem Termin in Bethpage, Long Island – wie vorgeschrieben, ohne Verzögerung, ohne Widerstand. Stunden später war er in Haft. Festgenommen von ICE-Beamten, abgeführt aus einem öffentlichen Gebäude, ohne ersichtlichen neuen Vorwurf. Kein Haftbefehl, keine richterliche Anordnung, keine Erklärung vor Ort. Was zurückblieb, war ein leerer Stuhl im Büro des New Yorker Stadtrats – und eine schockierte Stadtspitze, die sich an die Öffentlichkeit wandte.

„Ein routinemäßiger Meldetermin geriet plötzlich völlig aus dem Ruder. Er wurde festgenommen und in ein Abschiebezentrum gebracht. Er ist Mitarbeiter des Stadtrats und hat alles richtig gemacht. Er ist zum Gericht gegangen, als man es von ihm verlangte. Ich möchte das klarstellen: Er besitzt eine gültige Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis in diesem Land – bis Oktober 2026.“

Rubio Bohorquez ist kein Unbekannter in der Verwaltung. Seit etwa einem Jahr arbeitet er als Datenanalyst beim City Council. Die Stadt führt gültige Papiere an: Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis – befristet, aber gültig bis Oktober 2026. Für Ratspräsidentin Julie Menin ist die Festnahme ein klarer Fall von Machtmissbrauch. Sie sprach von einem Übergriff durch Bundesbehörden, ohne Rechtsgrundlage, ohne Transparenz. Und mit einem Detail, das fast symbolisch wirkt: Die Telefonnummer der zuständigen ICE-Stelle funktionierte nicht. Die automatische Ansage erklärte trocken, die Nummer sei nicht vergeben, eine sache, die wir sehr häufig mittlerweile erleben.

Während New York versuchte, seinen Mitarbeiter zu schützen, konterte Washington. Eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums stellte klar, Rubio Bohorquez sei nicht legal im Land. Man warf ihm vor, 2017 mit einem Touristenvisum eingereist und geblieben zu sein – angeblich ohne Arbeitserlaubnis. Außerdem nannte man öffentlich seinen Namen, sein Alter, seine Herkunft. Für Ministerin Kristi Noem sei jemand wie er „ein krimineller illegaler Einwanderer“ – und damit Ziel behördlicher Maßnahmen.

Der Stadt zufolge ist das Gegenteil der Fall. Rubio Bohorquez habe nie eine Festnahme erlebt, schriftlich versichert, keine Vorstrafen zu haben, einen Anwalt beauftragt. Er sei kein Abgetauchter, sondern Teil des öffentlichen Lebens – mit offiziellem Job, festem Gehalt, städtischem E-Mail-Konto. Dass selbst dieser Status keinen Schutz mehr bietet, sorgt für Alarm. Bürgermeister Zohran Mamdani spricht von einem Angriff auf die Institutionen der Stadt. Der Abgeordnete Dan Goldman wirft der Bundesregierung vor, gezielt dort zuzuschlagen, wo Menschen auf das Rechtssystem vertrauen – an Gerichtstagen, bei Meldeterminen, bei jenen, die sich an Regeln halten.

Rubio Bohorquez war einer von ihnen. Dass er überhaupt noch erreichbar ist, liegt nur an einem Anruf. Den einen, der ihm in Haft zustand, nutzte er, um die Personalabteilung zu kontaktieren. Erst dadurch wurde der Fall öffentlich. Seitdem sitzt er in einem Abschiebezentrum in Lower Manhattan. Die Stadt kämpft um seine Freilassung. Finanzchef Mark Levine spricht von einem Skandal. Generalstaatsanwältin Letitia James fordert, den Mann sofort zu entlassen. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Die zweite Trump-Regierung hat begonnen, das System gezielt gegen jene zu wenden, die sich ihm stellen. Es braucht nicht immer neue Gesetze, um die Linie zu verschieben. Manchmal reicht eine kaputte Telefonnummer, damit keiner mehr weiß, wohin man sich noch wenden kann.

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