Die Fixierung auf Grönland, auf Arktisrouten, seltene Erden und geopolitische Drohkulissen gehört zu den öffentlichen Ritualen dieser Regierung. Doch während Donald Trump mit militärischen Fantasien nach Norden blickt, richtet das US-Heimatschutzministerium seinen tatsächlichen Fokus nach innen. Nicht auf äußere Gegner, nicht auf Staaten oder Organisationen jenseits der Grenzen, sondern auf die eigene Bevölkerung.

Ein interner Entwurf der Homeland Threat Assessment 2026, als „Nur für den Dienstgebrauch“ gekennzeichnet und bislang nicht veröffentlicht, markiert einen deutlichen Bruch mit früheren Einschätzungen. Zum ersten Mal seit Einführung dieser jährlichen Lageanalyse wird nicht Migration, nicht Drogenhandel und nicht ausländischer Terrorismus als größte Bedrohung benannt, sondern sogenannte inländische gewalttätige Extremisten. Gemeint sind amerikanische Staatsbürger.

Das geleakte Dokument zeigt die Gliederung und zentrale Passagen der Homeland Threat Assessment 2026, einer internen jährlichen Lageeinschätzung des US-Heimatschutzministeriums. Sie legt fest, welche Gefahren der Staat als prioritär einstuft – und worauf Sicherheitsbehörden, Überwachung und Ressourcen ausgerichtet werden. Formal ist der Bericht in vier Hauptbereiche gegliedert: Grenz- und Migrationssicherheit, Schutz kritischer Infrastruktur, öffentliche Sicherheit sowie wirtschaftliche Sicherheit. Entscheidend ist jedoch nicht die Struktur, sondern die inhaltliche Gewichtung.
Migration, Schmuggel, Drogenhandel und Grenzüberwachung tauchen weiterhin auf, verlieren jedoch an zentraler Bedeutung. Stattdessen erklärt das Ministerium die öffentliche Sicherheit zur größten Herausforderung des Jahres 2026. Dabei wird ausdrücklich festgehalten, dass die Hauptbedrohung nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren der Vereinigten Staaten. Als wichtigste Gefahr benennt der Bericht sogenannte inländische gewalttätige Extremisten. Diese seien in den vergangenen Jahren die aktivsten Täter gewesen und würden es voraussichtlich bleiben. Auffällig ist die Begründung: Als Motive gelten nicht nur staatsfeindliche, rassistische oder antisemitische Überzeugungen, sondern erstmals ausdrücklich auch soziale und wirtschaftliche Beschwerden – also Unzufriedenheit mit Lebensbedingungen, Ungleichheit und ökonomischer Lage.
Diese Form von sozialer Wut wird nicht politisch oder gesellschaftlich eingeordnet, sondern direkt in den Kontext von Terrorismus und Massengewalt gestellt. Das markiert einen deutlichen Bruch mit früheren Bewertungen. Gleichzeitig stuft das Ministerium ausländische Terrororganisationen als weniger handlungsfähig ein als in den Jahren zuvor. Auch der Grenzübertritt mutmaßlicher ausländischer Extremisten wird als historisch niedrig beschrieben. Migration verliert damit erstmals spürbar an sicherheitspolitischer Priorität.
Der Fokus verschiebt sich stattdessen auf Großereignisse im Inland – etwa die Fußball-Weltmeisterschaft und den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Diese werden als mögliche Ziele für Anschläge genannt. Die zentrale Aussage des Dokuments ist eindeutig: Die größte sicherheitspolitische Sorge gilt nicht äußeren Feinden, sondern inneren Spannungen. Zusammengefasst bedeutet das: Das Heimatschutzministerium verlagert seine Sicherheitslogik von äußeren Bedrohungen hin zur eigenen Bevölkerung. Soziale Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Radikalisierung im Inneren werden nicht mehr als gesellschaftliche Herausforderungen betrachtet, sondern als potenzielle Gefahren für die nationale Sicherheit.
Auffällig ist dabei eine neue Formulierung, die in keinem der vorherigen Berichte auftauchte: Gewaltmotivationen aus „klassenbezogenen oder wirtschaftlichen Kränkungen“. Der Begriff bleibt bewusst unscharf. Er taucht sowohl in der Zusammenfassung als auch im Abschnitt zur öffentlichen Sicherheit auf, ohne definiert zu werden. Wer unter diese Kategorie fällt, bleibt offen. Menschen mit existenziellen Sorgen. Arbeiter, die ihren Job verloren haben. Protestierende Studierende. Oder politisch radikalisierte Milieus ganz anderer Couleur. Gerade diese Unschärfe macht den Begriff gefährlich.

Das geleakte Executive Summary der Homeland Threat Assessment 2026 zeigt eine deutliche strategische Neujustierung der US-Sicherheitsbehörden. Während frühere Berichte Migration und Grenzsicherung ins Zentrum stellten, beschreibt das Ministerium nun eine spürbare Entspannung in diesem Bereich. Illegale Migration und Drogenschmuggel seien 2025 deutlich zurückgegangen, vor allem durch verschärfte Grenzmaßnahmen, verstärkte Abschiebungen und zunehmenden Druck auf Schmuggelnetzwerke. Auch die Zahl tödlicher Überdosen durch Fentanyl sei gesunken, was als sicherheitspolitischer Erfolg gewertet wird. Gleichzeitig warnt das Dokument vor neuen Risiken. Transnationale kriminelle Organisationen würden ihre Strategien anpassen, stärker auf Menschenschmuggel setzen und gezielt versuchen, Sicherheitsbehörden in Partnerstaaten zu unterwandern oder zu korrumpieren. Die Grenzfrage gilt damit nicht als gelöst, verliert aber ihren Status als akute Hauptbedrohung.
Deutlich schärfer fällt die Einschätzung zur kritischen Infrastruktur aus. Das Ministerium rechnet mit zunehmenden Angriffen auf Energieversorgung, Kommunikationsnetze und digitale Systeme. Besonders hervorgehoben werden staatliche Akteure wie China, Russland und Iran, die über Cyberangriffe, Industriespionage und Sabotage wirtschaftlichen und politischen Schaden verursachen könnten. Auch der Einsatz unbemannter Systeme wie Drohnen gegen Infrastruktur wird als wachsendes Risiko beschrieben. Den zentralen Schwerpunkt setzt der Bericht jedoch bei der öffentlichen Sicherheit. Für 2026 wird erwartet, dass inländische gewalttätige Extremisten die größte terroristische Gefahr darstellen. Diese Akteure handelten aus sehr unterschiedlichen Motiven: staatsfeindliche Überzeugungen, rassistische und antisemitische Ideologien, aber auch soziale und wirtschaftliche Frustration werden ausdrücklich genannt. Der Bericht verknüpft diese Motive direkt mit der Gefahr von Massenanschlägen und gezielter Gewalt.
Als besonders sensibel gelten große öffentliche Ereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft und der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Sie werden als potenzielle Ziele für Anschläge bezeichnet. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass auch von Einzelpersonen, die von ausländischen Terrororganisationen beeinflusst sind, wieder eine steigende Gefahr ausgehe – verstärkt durch den Krieg im Nahen Osten. In der Gesamtschau macht das Dokument deutlich: Die US-Sicherheitsbehörden sehen die größte Bedrohung nicht mehr primär an den Grenzen, sondern im Inneren des Landes. Gesellschaftliche Spannungen, politische Radikalisierung und wirtschaftliche Unsicherheit werden zunehmend als sicherheitsrelevante Faktoren betrachtet – mit weitreichenden Folgen für Überwachung, Polizeiarbeit und staatliche Eingriffe.
Die Botschaft des Dokuments ist dennoch eindeutig. Die größte Bedrohung für die „Heimat“ wird nicht mehr jenseits der Grenzen verortet, sondern im Inneren. Die Liste der angeblichen Motive reicht von staatsfeindlichen Einstellungen über rassistische und antisemitische Überzeugungen bis hin zu wirtschaftlicher Wut. Alles wird in einen sicherheitspolitischen Rahmen gepresst, der gesellschaftliche Konflikte nicht mehr als politische oder soziale Fragen behandelt, sondern als Vorstufe zum Terrorismus. Als Belege dienen gezielte Tötungen, Angriffe auf staatliche Einrichtungen und Gewalt gegen Behördenpersonal.

Das Dokument beschreibt eine sicherheitspolitische Neubewertung: Als nahezu gleichrangige Bedrohung gilt inzwischen nicht nur ausländischer Terrorismus, sondern auch Gewalt durch Personen innerhalb der Vereinigten Staaten, die von ausländischen Terrororganisationen ideologisch beeinflusst sind. Diese Gefahr wird als so hoch eingeschätzt wie seit fünf Jahren nicht mehr und steht im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas, der die internationale Radikalisierung deutlich angeheizt habe.
Zugleich hält das Papier fest, dass klassische Terrororganisationen wie der sogenannte Islamische Staat und Al-Qaida heute nur noch eingeschränkt in der Lage seien, eigene Kämpfer direkt in die USA zu entsenden. Stattdessen verlagere sich die Bedrohung auf Einzelpersonen im Inland, die sich über englischsprachige Propaganda, Online-Plattformen und Netzwerke radikalisieren lassen und zu Gewalttaten mobilisiert werden.
Seit Oktober 2024 habe es mehrere Anschläge und Anschlagsversuche gegeben, darunter tödliche Angriffe sowie vereitelte Pläne mit Bezug zu ausländischen Terrorgruppen. Auffällig sei, dass viele der beteiligten Personen bereits in jungen Jahren radikalisiert worden seien, häufig über digitale Kanäle, die gezielt Jugendliche ansprechen.
Zusätzlich weist das Dokument darauf hin, dass ausländische Terrororganisationen zunehmend auf Unterstützung innerhalb der USA setzen, etwa durch Kontaktpersonen, Geldflüsse oder logistische Hilfe. Die Sicherheitsbehörden sehen darin eine dauerhafte und schwer kontrollierbare Gefahr, da diese Form der Bedrohung weniger sichtbar ist als klassische, von außen gesteuerte Terrornetzwerke.
Gleichzeitig relativiert das Ministerium Bedrohungen von außen. Ausländische Terrororganisationen werden als geschwächt beschrieben. Die Zahl der angeblichen Grenzübertritte durch Personen mit terroristischem Hintergrund liege auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Auch die Begegnungen mit als gefährlich eingestuften Personen an der Südgrenze seien historisch gering. Migration, einst politisch aufgebläht zur Dauerbedrohung, rückt in dieser internen Analyse auffällig in den Hintergrund.
Stattdessen wächst ein neues Feindbild. Großveranstaltungen, Jubiläen, öffentliche Feiern – alles wird unter den Vorbehalt möglicher Massenangriffe gestellt. Die Vorbereitungen auf die Fußball-Weltmeisterschaft, auf den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, auf jede größere Menschenansammlung werden als sicherheitspolitische Brennpunkte beschrieben. Der Ton ist alarmistisch, aber nicht konkret. Die Gefahr bleibt abstrakt, allgegenwärtig, jederzeit abrufbar.
Was dieses Papier so brisant macht, ist nicht nur sein Inhalt, sondern seine Perspektive. Es beschreibt keine Gesellschaft, die geschützt werden soll, sondern eine Bevölkerung, die überwacht, eingeordnet und vorsorglich als Risiko behandelt wird. Wirtschaftliche Not, politische Wut und soziale Spannungen erscheinen nicht als Folge politischer Entscheidungen, sondern als Sicherheitsproblem. Wer unzufrieden ist, gerät unter Verdacht.

Was in den Vereinigten Staaten derzeit unter dem Begriff „innere Sicherheit“ neu gefasst wird, ist kein isoliertes US-Phänomen. Auch in Deutschland verschiebt sich seit Jahren die sicherheitspolitische Bewertung gesellschaftlicher Konflikte. Soziale Spannungen, wirtschaftliche Verwerfungen, Protestbewegungen und politische Radikalisierung werden zunehmend nicht mehr als Gegenstand demokratischer Aushandlung behandelt, sondern als potenzielle Gefahrenlage. Die Logik ist vergleichbar: Je weniger Politik soziale Konflikte auflöst, desto stärker treten Sicherheitsbehörden an ihre Stelle. Die US-Dokumente zeigen, wohin diese Entwicklung führen kann. Sie markieren den Punkt, an dem der Staat beginnt, Teile der eigenen Bevölkerung primär als Risiko zu begreifen. Für Deutschland ist das relevant, weil ähnliche Instrumente – von erweiterten Gefährderbegriffen über präventive Überwachung bis hin zu Eingriffsbefugnissen im Vorfeld konkreter Straftaten – längst Teil der politischen Debatte sind. Die amerikanischen Planungsdokumente wirken damit wie ein Blick in die Zukunft einer Sicherheitslogik, die auch hierzulande zunehmend akzeptiert wird.
Die in den US-Dokumenten erkennbare Verschiebung von sozialem und politischem Konflikt in den Bereich der inneren Sicherheit weist strukturelle Parallelen zur Programmatik der AfD auf. Die Partei fordert seit Jahren, gesellschaftliche Spannungen, Protestformen und politische Gegnerschaft nicht primär politisch, sondern ordnungspolitisch zu behandeln. Begriffe wie „innerer Feind“, „linke Gefährder“ oder „staatszersetzende Milieus“ dienen dabei derselben Funktion wie im amerikanischen Papier der Verweis auf klassenbezogene oder wirtschaftliche Konflikte als Sicherheitsrisiko. Entscheidend ist nicht die ideologische Begründung, sondern die Wirkung: Demokratie wird auf Ordnung reduziert, Kritik auf Gefährdung. Während die AfD diese Position offen vertritt, zeigt das US-Dokument, dass ähnliche Denkfiguren auch in staatlichen Sicherheitsapparaten etabliert werden können, ohne ausdrücklich parteipolitisch zu sein. Gerade diese Anschlussfähigkeit macht die Entwicklung gefährlich. Sie senkt die Schwelle, an der autoritäre Deutungsmuster mehrheitsfähig werden – auch in parlamentarischen Demokratien wie Deutschland. Auch das zeigt unsere Recherche auf.
Während öffentlich weiterhin von äußeren Bedrohungen gesprochen wird, zeichnet dieses Dokument ein anderes Bild. Die größte Sorge der Sicherheitsbehörden gilt nicht fremden Mächten, sondern der eigenen Bevölkerung. Nicht wegen dessen, was sie getan hat, sondern wegen dessen, was sie denken, fühlen oder fordern könnte.

Die eigentliche Zielscheibe dieser Strategie ist damit klar. Nicht Grönland. Nicht China. Nicht der Süden. Sondern das Innere. Die amerikanische Gesellschaft selbst.
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