Teheran brennt – tagsüber, nachts, im Regen – Politisches Erdbeben in Washington: Rücktritt des ranghöchsten Terrorismusbekämpfers aus Protest

VonRainer Hofmann

März 17, 2026

Vincent Cassard, Leiter der Rotkreuz-Delegation im Iran, sagte es ohne Umschweife: Der Verlust von Menschenleben ist alarmierend. Das tägliche Leben in Teheran ist tiefgreifend gestört. Schulen beschädigt. Krankenhäuser getroffen. Einrichtungen des Iranischen Roten Halbmondes zerstört. Das ist der Alltag einer Stadt, die seit Wochen unter Beschuss steht. Das Rote Kreuz spricht von einem schweren Preis, den die Zivilbevölkerung zahlt.

Getötet: Ali Larijani, Leiter des Obersten Nationalen Sicherheitsrats

Gleichzeitig trägt Israel systematisch die Führungsebene des iranischen Staates ab. In der Nacht auf Dienstag wurde Ali Laridschani bei einem gezielten israelischen Luftangriff in Teheran getötet — Leiter des Obersten Nationalen Sicherheitsrats und nach dem Tod von Revolutionsführer Ali Chamenei weithin als faktischer Kopf des Landes betrachtet. Er war der Mann, der den Staat noch zusammenhielt. Nun ist auch er weg. Verteidigungsminister Israel Katz bestätigte die Tötung und erklärte, Laridschani habe sich Chamenei „in der Tiefe der Hölle“ angeschlossen. Iranische Staatsmedien schwiegen zunächst — dann kündigten sie eine Erklärung aus Laridschanis Büro an. In derselben Nacht tötete Israel zudem General Gholam Reza Soleimani, Kommandeur der Basidsch-Milizen, der paramilitärischen Freiwilligentruppe der Revolutionsgarden, die im Inneren des Landes als Kontrollmacht fungiert.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, was hinter dieser Strategie steckt. Mit den Worten, man wolle das Regime schwächen, um dem iranischen Volk die Chance zu geben, es selbst zu stürzen, beschrieb er das Ziel offen: „Wir untergraben dieses Regime, um dem iranischen Volk die Möglichkeit zu geben, es zu entfernen. Es wird nicht schnell oder einfach gehen, aber wenn wir durchhalten, werden sie die Chance haben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“ Ein Krieg, der sich als Befreiungsangebot verkauft — während die Bomben fallen.

Ob das iranische Volk dieses Angebot so versteht, ist eine andere Frage. Noch heute Abend soll der Iran Tschaharschanbe Suri feiern, das alte Feuerfest in der Nacht vor dem letzten Mittwoch vor Nowruz — dem persischen Neujahr. Die Behörden wissen, was Menschenansammlungen bedeuten können. Rund um den Großen Basar in Teheran wurden bereits schwer bewaffnete Sicherheitskräfte postiert, darunter LKW-montierte Maschinengewehre. Hardliner organisierten Gegendemonstrationen auf Plätzen im ganzen Land — offiziell gegen Israel und seine Verbündeten gerichtet, tatsächlich aber auch dazu gedacht, mögliche Proteste gegen das eigene Regime noch heute Nacht zu übertönen. Der iranische Staat schickt heute eine unmissverständliche Botschaft an seine eigene Bevölkerung: „Wer heute Nacht beim Feuerfest auf die Straße geht und das Falsche ruft, soll wissen, was an Brutalität ihn erwartet“.

Für heute Abend wird mit einer außergewöhnlich hohen Präsenz von Regimekräften gerechnet, ein großer Teil davon in zivil.

Der Iran schlägt derweil weiter zurück. Am Dienstagmittag ertönten Raketenalarme in Dubai und Jerusalem. Das israelische Militär meldete einen iranischen Raketenabschuss auf sein Staatsgebiet, Sirenen heulten in Jerusalem. Der Krieg weitet sich aus — Stunde für Stunde.

Der Rücktritt von Joe Kent

In Washington zieht er derweil erste personelle Konsequenzen. Joe Kent, Direktor des Nationalen Terrorismusabwehrzentrums, trat am Dienstag zurück. Seine Begründung ließ er auf Social Media stehen, knapp und ohne Umschweife: Der Iran habe keine unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten dargestellt. Es sei klar, dass dieser Krieg auf Druck Israels und seiner einflussreichen amerikanischen Lobby begonnen wurde. Er könne ihn nicht guten Gewissens mittragen.

Der Direktor des National Counterterrorism Center erklärt seinen sofortigen Rücktritt und begründet ihn damit, dass er den Krieg gegen Iran nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Er stellt klar, dass Iran keine unmittelbare Bedrohung für die USA dargestellt habe und behauptet, der Krieg sei durch politischen Druck aus Israel und dessen Einflussnetzwerk in den USA ausgelöst worden.

Besonders brisant ist seine Aussage, dass innerhalb der US-Regierung und Medien gezielt eine Desinformationskampagne aufgebaut worden sei, um den Eindruck einer akuten Bedrohung durch Iran zu erzeugen und die Bevölkerung auf Krieg einzustimmen. Er spricht von einer Täuschung des Präsidenten und warnt, dass dies derselbe Mechanismus sei, der bereits in frühere verlustreiche Kriege geführt habe.

Als Veteran mit mehrfachen Einsätzen lehnt er es ausdrücklich ab, weitere Soldaten in einen Krieg zu schicken, der keinen Nutzen für die amerikanische Bevölkerung habe, aber Menschenleben koste. Er fordert den Präsidenten indirekt auf, den Kurs zu ändern, und beschreibt die aktuelle Situation als entscheidenden Wendepunkt für das Land.

Kernpunkte:

  • Rücktritt aus Gewissensgründen
  • Iran habe keine akute Bedrohung dargestellt
  • Krieg sei politisch beeinflusst und bewusst herbeigeführt worden
  • Vorwurf gezielter Desinformation
  • Warnung vor Wiederholung früherer Fehlentscheidungen
  • klare Ablehnung weiterer militärischer Eskalation

Kent ist kein Außenseiter. Er wurde im Juli vergangenen Jahres mit 52 zu 44 Stimmen bestätigt — ein Mann aus Trumps eigenem Lager, mit elf Auslandseinsätzen als Green Beret und anschließender Arbeit für die CIA. Jemand, dem die Republikaner öffentlich vertrauten. Senator Tom Cotton hatte ihn als jemanden bezeichnet, der sein Leben dem Kampf gegen den Terrorismus gewidmet habe. Und nun tritt genau dieser Mann zurück und sagt, der Krieg sei nicht gerechtfertigt.

Das sitzt. Denn es ist nicht die erste Risse in der offiziellen Kriegsbegründung — es ist die bislang lauteste. Trump hat die Gründe für die Angriffe seit dem 28. Februar mehrfach gewechselt. Mal war es die nukleare Bedrohung, mal die Unterstützung des Terrorismus, mal die Destabilisierung der Region. Eine klare, konsistente Linie gab es nie. Und je länger der Krieg dauert, desto mehr Recherchen legen nahe, dass die eigentliche Triebkraft nicht in Washington, sondern in Tel Aviv lag. House Speaker Mike Johnson räumte Anfang des Monats indirekt ein, dass das Weiße Haus davon ausging, Israel würde so oder so handeln — was Trump in eine Lage gebracht habe, aus der er kaum herausgekommen wäre, ohne mitzuziehen. Mit anderen Worten: Die USA folgten Israel in einen Krieg, den sie selbst nicht initiiert hatten, und verkauften ihn danach als eigene strategische Entscheidung.

Kents Vergangenheit ist nicht ohne Widersprüche — Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen, Zweifel an Bidens Wahlsieg, Schweigen zu den Ereignissen des 6. Januar. Demokraten hatten all das in seiner Bestätigungsanhörung vorgelegt. Doch das ändert nichts daran, was sein Rücktritt bedeutet. Wenn jemand mit diesem Profil, aus diesem politischen Umfeld, mit diesem Zugang zu Geheimdienstinformationen öffentlich erklärt, dass die Kriegsgründe nicht stimmen — dann ist das kein politischer Angriff von außen. Das ist ein Eingeständnis von innen. Und es wirft eine Frage auf, die lauter wird, je länger dieser Krieg dauert: Wer hat hier wen in diesen Krieg geführt — und auf welcher Grundlage?

Die Raketen fliegen weiter

Und während Raketen fliegen und Regierungen auseinanderbrechen, stehen im Beiruter Vorort Bsalim Frauen und Männer in einer Küche und bereiten 25.000 Mahlzeiten am Tag zu. World Central Kitchen, die Hilfsorganisation des Starkochs José Andrés, betreibt zehn Küchen in verschiedenen Teilen des Libanon. Seit dem 2. März, als der neue Israel-Hisbollah-Krieg begann, wurden über eine Million Menschen vertrieben — rund 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung. Es ist Ramadan. Die Organisation liefert Iftar-Mahlzeiten, das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, an Menschen in Schulen und Notunterkünften. Aline Kamakian, Mitglied von World Central Kitchen, sagte: „Wir geben nicht nur Essen. Wir geben Menschen Hoffnung und ein Lächeln.“

Dieser Krieg hat längst eine zweite Front eröffnet — eine stille, die keine Einschläge macht, aber genauso viele Menschen trifft. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnte in Genf, dass 45 Millionen Menschen zusätzlich in akuten Hunger abrutschen könnten, sollte der Konflikt bis Juni andauern. Heute hungern bereits 319 Millionen Menschen akut. Carl Skau, stellvertretender WFP-Direktor, sprach von einer möglichen Katastrophe: Das würde die globalen Hungerwerte auf ein Allzeithoch treiben. Die Lieferketten des WFP sind so stark unter Druck wie seit der Covid-Pandemie und dem Ukraine-Krieg 2022 nicht mehr. Steigende Lebensmittel- und Treibstoffpreise treffen vor allem Familien in Subsahara-Afrika und Asien, wo ohnehin kaum Spielraum bleibt.

Und am Dienstagmittag ging es weiter: Das israelische Militär erklärte, erneut Teheran anzugreifen. Tag und Nacht, ohne Pause. Teheran schläft nicht mehr durch. In der Nacht, während ein Gewitter über Teheran zog und Regen auf die Stadt fiel, hörte man auch die Einschläge. Die Führung des Landes wird Schicht für Schicht abgetragen. In Washington tritt jemand zurück, weil er den Krieg für falsch hält. In Beirut bricht jemand sein Fasten mit einer fremden Mahlzeit. Alles hängt zusammen — auch wenn es sich nicht so anfühlt.

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Esther Portmann
Esther Portmann
3 Stunden zuvor

Ich kann es nicht fassen, dass jemand im fb ein lachendes Smily setzt. Das macht mich einfach nur traurig.

Irmgard Drewer
Irmgard Drewer
3 Stunden zuvor

Meine Hochachtung für Joe Kent. Sehr mutig. Es ist leider nicht mehr selbstverständlich das man auf sein Gewissen hört und öffentlich solch wichtige Entscheidungen trifft. Die Regierung wird ihm bestimmt Probleme machen.

Ela Gatto
Ela Gatto
3 Stunden zuvor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Hatte er einen Erwachungsmoment?
Hoffentlich dauerhaft!

Muras R.
Muras R.
7 Minuten zuvor
Antwort auf  Irmgard Drewer

Inzwischen haben Trump und Karoline Leavitt ja bereits heftig nachgetreten

Ela Gatto
2 Stunden zuvor

Israel verkauft es als Befreiiungsaktion.
Iraner, die diesen Wechsel vielleicht unterstützt hätten, sterben unter dem Beschuss.

So wie Iran es als Staatsziel hat Israel komplett auszulöschen, hat Israel sehr wahrscheinlich das gleiche Ziel.

Ich glaube nicht, dass Trump hier den Krieg begonnen hat, weil man ihn drängte.
Als wenn irgendwer Trump zu etwas drängen könnte, was er nicht will.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine große Lobby Druck ausübte, aber Trump drängen?
Das hat im letzten Jahr nicht einmal funktioniert.
Trump hält sich für unfehlbar und genial.
Er droht eher Jedem, als sich zu „beugen“… das gilt oft sogar für Gerichtsurteile.

Er hätte Israel alleine angreifen lassen können.
Aber nein, er wollte mitmischen.
Aus wirtschaftlichen Interessen.
Und zu behaupten, dass er gar nicht anders konnte, als Israel zu unterstützen, ist eine „schöne Geschichte“ um den schwarzen Peter, wenn nötig, Israel zuzuschieben.

Danke für Eure ausführlichen Berichte, die Ihr unter Lebensgefahr erstellt.
Passt bitte auf Euch auf.

Ela Gatto
2 Stunden zuvor

Und während Trump droht, dass die Nato die Straße von Hormus sichern soll, liest man so etwas
https://www.n-tv.de/wirtschaft/Iran-verdient-im-Krieg-bestens-am-Oelexport-id30479719.html

Weil man will, dass die Welt gut versorgt ist …. 🤬🤬🤬

Muras R.
Muras R.
2 Stunden zuvor

Habe mir nach dem ersten Erstaunen den Artikel zum zweiten Mal angehört und denke nun, dass der bemerkenswerte Rücktritt des Joe Kent möglicherweise ein Angriffssignal auf das israelisch/us-amerikanische „Netzwerk“ sein könnte?!
Wem oder was könnte das als erstes schaden?

Zuletzt bearbeitet am 2 Stunden zuvor von Muras R.
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